An den “Krautreportern” und ihren schwachen ersten Texten gab es einige Kritik. Es ist alles ein bisschen doof und ein bisschen langweilig. Es ist allerdings auch richtig, richtig peinlich. Selten etwa hat man einen so schlechten Artikel über den Nahostkonflikt gelesen wie den von Stefan Schulz. Das liegt zum einen daran, dass er gar nicht über den Nahostkonflikt schreibt, sondern über Tilo Jungs Videos. Und zum anderen daran, dass er gar keine Ahnung hat, wovon er schreibt. Das dürfte alle irritieren, die hier für besonderen Qualitätsjournalismus bezahlt haben und das Gegenteil bekommen. Der Text ist unstrukturiert, hat kein erkennbares Argument, kein Thema und ist schlecht geschrieben. Einige Beispiele:

Der rote Faden der bisher 17 Videos ist ein Fragen aufwerfender Widerspruch: Wieso führte ausgerechnet der Zionismus, die Abkehr von religiösen Lehren, zum erbitterten Kampf um religiöse Stätten?

Der Faden ist ein Widerspruch, damit müssen wir leben. Aber wer den Zionismus nur als “Abkehr von religiösen Lehren” versteht und den Nahostkonflikt zum “Kampf um religiöse Stätten” verkürzt, sollte sich vielleicht noch einmal an die Grundsätze der Krautreporter erinnern:

“[Wir nehmen] uns Zeit – zum Recherchieren, Experimentieren, Diskutieren und natürlich zum Lesen. … Wir wollen es anders machen. Mit Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Über Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert.”

Stattdessen will man sich anscheinend lieber “wenig Mühen” machen und schreibt auch so. Zum Nahostkonflikt:

“Man braucht sich daher wenig Mühen damit machen, herausfinden zu wollen, was wirklich wahr und wer wirklich schuld ist: Der Konflikt wird nicht weniger mit Worten als mit Waffen ausgetragen.”

Man braucht sich nicht mühen zu wollen, das ist wirklich wahr. Weiter geht es mit hanebüchenen Behauptungen, die teilweise vom locker palavernden Haaretz-Reporter stammen:

“Literaturjournalist Ziffer erinnert an die Briten, als die Urheber der zionistischen Idee, abseits religiöser Lehren und des Wartens auf Messias und Erlösung einen Staat für Juden zu gründen.”

Ja, da ist ein Komma zu viel, auch Tage nach der Veröffentlichung noch, und “die Briten” sind eine britische Romanautorin, in deren Werk die Idee einer Rückkehr der Juden ins Gelobte Land vorkommt. Diese Idee ist bekanntlich das ein oder andere Jahrtausend älter; weil aber ihre Umsetzung durch die Zionisten ein bisschen später kam, glaubt Stefan Schulz jetzt, dass die Briten den Zionismus erfunden haben.

Die Versprechen der Weltkriegspartei Großbritannien an die Konfliktparteien im Nahen Osten lesen sich so:

“Thomas Edward Lawrence (später berühmt als „Lawrence of Arabia“) versprach den Arabern alle Ländereien für ihren Einsatz an Britanniens Seite gegen das Osmanische Reich. Lord Arthur Balfour nahm ihnen dann per Deklaration ein Stück für Israel wieder weg. Es folgte der erste arabische Aufstand gegen jüdische Siedlungen in Palästina.”

“Die Araber” werden flugs dergestalt homogenisiert, dass man ihnen als Kollektiv “alle Ländereien” versprechen kann. Welche “Ländereien” das sein könnten, wird auch durch den Kontext nicht deutlich, es sind halt “alle”. Was “die Araber” dann nie erhalten haben, kann ihnen Balfour trotzdem wieder wegnehmen. In der Krautreporter-Darstellung folgen diverse gewaltsame Auseinandersetzungen und die Frage nach deren Ursache. Schulzens Antwort darauf ist so falsch wie sie aufschlussreich ist:

“Aber warum? Theodor Herzl, Autor von ‘Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage’ (1896), ersann die konkrete Idee, eine Heimat für Juden zu schaffen, um so die Diaspora, und mit ihr Vertreibung und Antisemitismus zu beenden – allerdings in Uganda. Beim Zionistenkongress in Basel stieß er 1903 auf taube Ohren. Im Jahr darauf erlag er einem Herzleiden.”

Theodor Herzl wollte nie einen Judenstaat in Palästina errichten – das ist in der Tat mal eine Geschichte, die man so nirgendwo anders lesen kann. Natürlich hätte man das alles in wenigen Minuten überprüfen können, Wikipedia und so. Aber dann hätte die Kausalkette nicht mehr funktioniert: Warum schließlich all die Auseinandersetzungen im Nahen Osten? Weil die Juden nicht nach Uganda gegangen sind!

Auch die Ereignisse von 1948 werden packend geschildert:

“Am selben Tag im Mai 1948, an dem die Briten die Region verließen, bombardierte Ägypten Israel. Rund 600.000 Einwanderer lebten damals in Israel, nicht einmal ein Zehntel der heutigen Zahl jüdischer Bürger des Landes. Dies ist der Ursprung der inzwischen historisch und politisch orientierungslosen Konflikte.”


Orientierungslose Konflikte
gibt es wohl nur in Palästina, historisch und politisch orientierungslose Journalisten gibt es beim Krautreporter. Der Krieg des gerade gegründeten Israels gegen nicht weniger als fünf arabische Staaten wird hier als “Bombardierung” durch Ägypten beschrieben. Und was “dies” im letzten Satz bedeutet, was also “der Ursprung” sein soll, bleibt völlig unklar. Fest steht nur, dass er nun ins Jahr 1948 verlegt wird, wie praktisch! Oder sind die “600.000 Einwanderer” vielleicht das Grundübel Palästinas? Man weiß es nicht.

Ein weiteres Beispiel für die schlampige Schreibe: “Dadurch ist Israel, damit behauptet sich das Land, die einzige Demokratie in der Region.” Damit behauptet sich das Land?

Ebenso wenig Sinn ergeben hier das Zitat und dessen Einrahmung: “Max Blumenthal ist gänzlich desillusioniert: ‘Dein Land, Deutschland, versorgt Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten.’” Hatte Max Blumenthal zu einem früheren Zeitpunkt das Gegenteil geglaubt, oder warum deutet das ausgerechnet auf eine Desillusionierung?

Derselbe Blumenthal behauptete in einem der Videos, der israelische Ministerpräsident Netanjahu sei Atheist, was sich binnen Sekunden widerlegen lässt. Netanjahu 2011 bei den UN: “And with God’s help, we’ll find the common ground of peace.”

In Israel glauben scheinbar selbst die Atheisten an Gott.

Die Redaktion Verbrochenes fordert den Aufsichtsrat des SV Werder Bremen auf, umgehend zu erklären, dass der Verein nie wieder einen Trainer beschäftigen wird, der

… noch nie das 6:0 gegen den HSV geschossen hat.
… keinen osteuropäischen Akzent hat.
… weniger als 18 Jahre im Verein ist.
… eine andere Frisur als Willi Lemke hat.
… noch nie für Metalurg Saporischja gespielt hat.

Kurzum: Die Redaktion bekennt sich zu Viktor Skripnik, sie glaubt an ihn und an ihn allein. Und jetzt was für’s Herz:

Damals, 1983, war ich mit meiner ehemaligen Mannschaft zwischen Hamburg und Bremen im Trainingslager. Ich sah einen riesigen Bus in den Farben Grün und Weiß. Es war der Bus von Werder Bremen. Ich als kleiner Mann aus Osteuropa, verliebte mich sofort in diese Farben und in diesen Namen. Hinzu kam, dass in der Saison 1987/88 Spartak Moskau gegen Bremen im UEFA-Pokal spielte. Spartak gewann zu Hause mit 4:1, im Weserstadion verloren sie aber gegen Bremen 6:2. Mein Vater und ich schauten dieses Spiel an und ich war einfach nur begeistert, wie diese Mannschaft funktionierte. Bremen war mein Traumverein, doch leider war die Grenze immer noch zu. Erst nach dem Ende der Sowjetunion kamen internationale Trainer in meine Stadt. Einer dieser Männer war Bernd Stange, der ehemalige Trainer der DDR. Er empfahl mich an den damaligen Werder-Trainer »Dixie« Dörner und ich ging nach Bremen.

Gesellschaft

“Neger und Maulesel sind die Tiere, die mir am meisten verhaßt sind. Wie verehre ich dagegen das weiße Fleisch und die wiehernden Pferde. Faul, heuchlerisch, hinterlistig, undankbar für die beste Behandlung, für das beste Futter und unzuverlässig trotz bedeutsamer physischer Kräfte – so sind Maulesel und Neger und die kouleurten Nachkommen der Schwarzen bis ins dritte Glied. … Wäre ich ein großer Tyrann – was ich leider nicht bin – so würde ich die Neger samt ihrer ganzen kouleurten Sippschaft zur Sklaverei zurückführen und auf jede fernere Vermischung mit Weißen die Todesstrafe setzen. Ich schäme mich, indem ich dieses niederschreibe.”

Georg Weerth an Heinrich Heine, 1853. Zitiert nach Thomas Ebermann/Rainer Trampert: Die Offenbarung der Propheten. Hamburg, 1995. S. 159.

Der ruhmreiche SV Werder Bremen ist auf dem letzten Tabellenplatz angekommen. Sieben Spiele ohne Sieg waren schließlich genug, um sogar am HSV vorbeizuziehen. Die Zahlen sprechen gegen die Verantwortlichen. Ob der Tabellenplatz den gezeigten Leistungen entspricht, darüber streiten die Gelehrten noch. Und ob die sportliche Misere – so es denn eine ist – am Trainer oder am Kader, an den Verantwortlichen oder an den Finanzen liegt, sind weitere Fragen, die seit gestern noch intensiver diskutiert werden.

Bestürzender als die sportliche Misere ist allerdings, wie die Verantwortlichen den SV Werder heute nach außen verkaufen, welches Bild sie von unserem Verein entwerfen. Denn aus dem Verein, der sich einst mit aberwitzigem Offensivfußball profilierte, soll ein Kämpfer-Klub werden. Dem Verein, der stets ein linksliberal angehauchtes Mittelstandspublikum anlockte, soll kleinbürgerliche Giftigkeit angeheftet werden. Aus dem Verein, der smart und unaufgeregt immer wieder mit den finanziellen Schwergewichten mithalten konnte, soll nach dem Willen von Thomas Eichin und Robin Dutt eine neidbeißerische Fatzke-Vereinigung werden, die vor den Großen erst kapituliert und dann schlecht über sie redet.

Einige Beispiele. Zlatko Junuzovic kennt aktuell “nur eine Devise: Marschieren bis zum Geht-nicht-mehr.” Dazu hat er doch noch eine andere Idee, nämlich “auch mal ein bisschen unfair” zu spielen. Werder Bremen: der sympathisch unfaire Marschierverein. Statt schönem Spiel oder modernem Konzeptfußball werden Kampf, Einsatz und Leidenschaft beschworen – und Arbeit. So hat sich Robin Dutt nach der Niederlage in Wolfsburg despektierlich über den VfL geäußert: “Während wir trainieren, um uns zu entwickeln, kaufen die, um sich zu entwickeln. Wir sind ein Trainerverein, Wolfsburg ist ein Managerverein.” Als ob also Wolfsburg keinen Trainer hätte, und als ob die anderen Bundesliga-Vereine nicht auch jeden Tag nach Kräften an ihrer sportlichen Entwicklung arbeiten würden.

Die Frustration über geringe finanzielle Mittel hat aber nicht nur zu diesem ekligen Kampf-und-Arbeit-Ethos geführt, sondern auch einem Defätismus den Weg geebnet, der nicht minder peinlich ist. Dutt: “Wenn alles passt und noch Glück dazu kommt, dann kannst du was machen. Aber eigentlich ist das Ergebnis immer: Sieg für den anderen. Normalität ist, gegen einen Champions-League-Klub zu verlieren.” Und noch drastischer Sebastian Prödl, zuletzt Kapitän dieses Vereins: “München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann auch ziemlich weh tun, muss aber nicht…” Mit dieser Einstellung, also passiv wie ein Zahnarzt-Patient, hat man letztes Jahr die höchste Heimniederlage der Vereinsgeschichte geholt. Robin Dutt sah sich nach dieser historischen Unverschämtheit nah am Spitzenclub aus dem Ruhrgebiet. Die Kreiszeitung: “Wenn Dortmund zu Hause gegen die Bayern 0:3 verlöre, so lautete seine Argumentation, dann sei ‘ein 0:7 für Bremen davon nicht so weit entfernt.’”

Diese Feigheit vor den großen findet ihre Entsprechung in einer Respektlosigkeit vor den kleinen Vereinen, die es in Bremen auch in schlechten Zeiten noch nie gegeben hat. So meinte Thomas Eichin, man könne gegen Freiburg “ohne Probleme drei Punkte holen.” Bekanntlich hat es mit den drei Punkten nicht geklappt, Probleme gibt es allerdings reichlich. Von denen sollen jetzt einige auf die Schiedsrichter abgewälzt werden. Gegen Freiburg wollte man gleich fünf Mal einen Elfmeter haben, Knut Kircher gab zu recht keinen. Die latente Schiedsrichterschelte passt zu einem Verein, der die Verantwortung für den eigenen Misserfolg immer mehr bei anderen sucht, seien es Manager-Vereine, Champions-League-Vereine oder eben die Schiedsrichter.

Was man bei sich selber lobt, ist derweil der Teamgeist. Selbiger soll nun wirklich super sein bei Werder, und das mag stimmen. Es ist aber der Stolz jedes Dilettanten, es doch wenigstens versucht und sich dabei tüchtig angestrengt zu haben. Es ist der Trost der Verlierer, dass sie im Angesicht der Niederlage wenigstens zusammengehalten haben.

Das Gute ist, dass der Verfall der letzten Jahre uns die zukünftige Entwicklung leichter ertragen lassen wird. Schließlich ist es laut Zeitungsberichten nun denkbar, dass der neu geformte kleinbürgerlich-unfaire Kämpferklub bald von einer Lackfabrik aus Hannover unterstützt wird und dafür nur seinen gewählten Aufsichtsratsvorsitzenden aufgeben muss. Immerhin wird dabei nichts kaputt gehen, was nicht vorher schon gründlich ruiniert worden ist.

Thomas Oppermann, SPD-Fraktionschef im Bundestag, hat heute den Erfolg des Islamischen Staates erklärt: “Was wir im Augenblick erleben, ist zu einem großen Teil zurückzuführen auf den zweiten Irak-Krieg.” Die Formulierung umfasst sehr schön alles, was mit dem Thema zu tun hat: alles, was wir erleben. Inhaltlich passt diese Sichtweise der SPD und den Deutschen in den Kram, denn diesen Krieg haben sie bekanntlich immer abgelehnt.

Die FAZ zitiert Oppermann: “Damals sei das fragile Miteinander der Volksgruppen und Religionen im Irak zerstört worden.” Dieses fragile Miteinander war bis dahin bekanntlich von Saddam Hussein und Giftgaslieferungen aus Deutschland und Europa zusammengehalten worden. Heute sieht es anders aus, die Bundesregierung möchte Waffen an die Kurden liefern. Nach Oppermanns Verständnis soll mit diesen Waffen der Schlamassel behoben werden, den die Amerikaner hinterlassen haben. Gekämpft wird aber natürlich nicht gegen Amerikaner. Tatsächlich werden die deutschen Waffen mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen nicht weniger interessanten Gegner treffen: deutsche Staatsbürger.

Markus Ströhlein in der Jungle World:

»Mittlerweile sind weit mehr als 400 Leute aus Deutschland nach Syrien gereist«, sagte Hans-Georg Maaßen, der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, in der vergangenen Woche dem WDR. Die Schätzungen der Gesamtzahl an Kämpfern des IS gehen weit auseinander. Nimmt man eine mittlere Zahl von 10 000 an, dann reicht es für Deutschland zwar nicht zum Exportweltmeister für Jihadisten. Doch 400 Kämpfer sind keinesfalls zu vernachlässigen, zumal insgesamt nur 2 000 bis 3 000 Milizionäre des IS aus Europa kommen.

[...]

Angesichts des Vormarschs des IS auf die irakische Stadt Mossul im Juni verwies Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schlicht auf die USA: »Natürlich haben die Amerikaner eine ganz besondere Verantwortung.« Und sie fügte hinzu: »Was Deutschland beitragen kann – jenseits jedes militärischen Engagements –, das ist sicherlich, zu versuchen, den politischen Prozess mitzubegleiten.« Was so viel heißt wie: Sollen die Amis doch ausbaden, was sie sich im Irak eingebrockt haben – aus Deutschland gibt es höchstens schlaue Ratschläge. Hierbei handelte es sich offensichtlich um die offiziell beschlossene Regierungspolitik in der Sache.

Diese Politik bekräftigt Oppermann jetzt mit seinem Verweis auf die Verantwortung der USA. Die europäische Dimension des Islamischen Staats wird dabei nicht nur von ihm weiter vernachlässigt. Spätestens seit der Ermordung des Journalisten James Foley durch einen Briten ist sie allerdings nicht mehr zu übersehen. Nimmt man einen Anteil von 3.000 Europäern unter 10.000 IS-Djihadisten an, wird auch deutlich, dass deren Erfolg ohne die Europäer schwerlich möglich gewesen wäre. Angeblich kämpfen mehr muslimische Briten für den IS als für die britische Armee.

Herr Oppermann und Konsorten müssen sich fragen lassen, wieso hunderte Deutsche in ein anderes Land ziehen und dort morden, vergewaltigen und plündern. Sie müssen sich deshalb auch fragen lassen, welche Verantwortung Deutschland für das hat, “was wir im Augenblick erleben”. Und als Politiker darf man sie auch gerne um Lösungsvorschläge bitten.

Dass man keine deutschen Soldaten in den Irak schicken will, scheint derweil verständlich: Es sind ja schon welche da, nur halt keine von der Bundeswehr.

Cut

Louis C.K. hat gerade einen Emmy gewonnen für die Folge “So Did the Fat Lady” seiner somewhat autobiographischen Serie “Louie”. Die letzte Szene der Folge, für die es nun in der Kategorie “Outstanding Writing for a Comedy Series” einen Preis gab, geht sieben Minuten ohne einen einzigen Schnitt und ist nicht nur deshalb sehr bemerkenswert. Wer kann, schaut die ganze Folge, die gut 20 Minuten lang geht und auch ohne den Rest der Staffel funktioniert.

In der Kategorie “Outstanding Directing for a Drama Series” hat Cary Fukunaga mit einer Folge von “True Detective” gewonnen. In der Folge “Who Goes There” gibt es ebenfalls eine lange Szene ohne Schnitt, fast sechs Minuten, die für einiges Aufsehen sorgten. Wer “True Detective” noch nicht gesehen hat und das nachholen will, sollte diese Szene nicht vorwegnehmen. Ist aber geil – im Gegensatz zum Ende der Staffel, die meines Erachtens nach fünf von acht Folgen deutlich nachließ.

Wenn der Auftaktsieg des ruhmreichen SV Werder Bremen morgen als “auch in dieser Höhe verdient” kommentiert wird und die wilde Jagd in die Champions League begonnen hat, gibt es einige Verlierer. Zum Beispiel tausende dann noch nicht existierende Speisetiere, die dank des zu erwartenden Polularitätsschubs von Werder Bremen und seinem Sponsor Wiesenhof ein hartes, aber kurzes Leben als zukünftiges Brathähnchen erwartet. Zum Beispiel aber auch in New York, wo ein KKR-Finanzmanager kurz mit den Schultern zucken und die bei Hertha BSC investierten Euros ein bisschen weniger erwartungsfroh bewerten wird. Der Finanzinvestor hat sich in diesem Sommer neun Prozent der Hertha-Aktien gekauft. Anderswo haben sich nicht amerikanische Finanzinvestoren, sondern heimische Unternehmen engagiert.

Nimmt man die fünf erstplazierten Vereine der letzten Saison, halten bei vier von ihnen wichtige Sponsoren auch Anteile des Vereins. Da ist der FC Bayern, der zu knapp 25% den Sponsoren Adidas, Audi und der Allianz gehört. Bei Borussia Dortmund ist bereits Evonik eingestiegen, Puma und Signal Iduna sollen folgen. Der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen gehören bekanntlich zu Bayer und Volkswagen. Eine Liste der offenkundig um Werder Bremens Wettbewerbsfähigkeit bangenden Kreiszeitung Syke nennt weitere Vereine, in einem anderen Artikel werden auch die Gründe genannt: “Die drei Bayern-Sponsoren wollen sich offensichtlich vor ungeliebter Konkurrenz beim europäischen Top-Club schützen. Mit Anteilseigner adidas ist es nun zum Beispiel undenkbar, dass der FC Bayern plötzlich mit Nike-Trikots aufläuft.” Genau darum ging es vor einigen Jahren, als Nike angeblich mehr Geld als Adidas geboten hatte, der FC Bayern sich aber wieder für Adidas entschied. Weil der damalige Adidas-Chef zeitlich passend Uli Hoeneß einen Haufen Geld überwiesen hatte, gab es Spekulationen über Korruption, die letztlich Spekulationen blieben. Dass Vereine von Sponsoren abhängig sind, ist dabei nichts neues. Relativ neu ist aber das Phänomen, dass die Sponsoren den Verein direkt übernehmen. Beim FC Schalke, der als einziger der Top-Vereine keine Anteile verkauft und darüber hinaus als eingetragener Verein auch gar nicht die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, ist mit Gazprom ein Sponsor aktiv, der nicht viel weniger mächtig als die Investoren bei Bayern oder Dortmund sein dürfte.

Neben den Topklubs sind auch einige andere Vereine nicht mehr Geschäftspartner von Unternehmen, sondern gehören Unternehmen oder Unternehmern. Bekannt sind Hoffenheim und Hannover, aber auch Eintracht Frankfurt hält nur noch 62,5% der eigenen Fußballabteilung. Seit einigen Jahren neu im Klub der fremdbestimmten Klubs ist der HSV, der unangenehmerweise von einem verrückten Milliardär übernommen wurde, gegen den Dietmar Hopp und Ulrich Mateschitz wie seriöse Funktionäre wirken. Die Übernahme von Anteilen steht zwar noch aus, aber über umfangreiche Kredite ist Klaus-Michael Kühne längst der starke Mann beim HSV, sein Generalbevollmächtigter führt den Aufsichtsrat, ohne Kühne wäre der Verein in der zweiten Liga. Der reiche Mann hat anscheinend keine finanziellen Interessen beim HSV, er macht das als Hobby.

Damit unterscheidet er sich von den Investoren, die entweder als Sponsoren ihre Produkte bei Fußballfans vermarkten wollen oder, wie KKR bei Hertha, direkt Geld aus dem Geschäft der Vereine selbst erwirtschaften wollen. Unter erstere fällt das Unternehmen Red Bull, das sich nicht wie Adidas oder Evonik in einen bestehenden Verein einkauft, sondern mit RB Leipzig einen eigenen aufbaut und dafür massiv angefeindet wird.

Und was bedeutet das jetzt alles? Gute Frage. Es bedeutet zunächst, dass die Strukturen, innerhalb derer die Sponsoren Einfluss nehmen, sich geändert haben. Unternehmen und Vereine sind enger verbunden, die Vereine haben auf ihre schon vorher bestehende Abhängigkeit von externen Geldgebern reagiert. Der Blick auf die Vereinsstrukturen ermöglicht auch einen genaueren Blick auf den Fußball im Ganzen: Da treten Mannschaften gegeneinander an, damit man über die Aufmerksamkeit der Zuschauer Produkte vermarkten kann. Gleichzeitig bleiben die Eintrittsgelder und das Pay-TV wichtige finanzielle Faktoren, ebenso wie die öffentlich-rechtlichen – vulgo: staatlichen – Gelder für das Fernsehen. Dazu kommen weitere staatliche Zuwendungen, der 1. FC Kaiserslautern beispielsweise lebt seit Jahren davon, dass die Kommune sich zu seinen Gunsten ruiniert. Dass die unter diesen Einflüssen entstehenden Bedingungen noch nie einen in irgendeiner Form gerechten Wettbewerb ermöglicht haben, in dem unter gleichen Voraussetzungen derjenige gewinnt, der am besten arbeitet, versteht sich von selbst. Ohnehin ist dieses Idealbild eines fairen Wettbewerbs in erster Linie das Produkt einer ideologisch verbrämten, vermeintlichen Marktwirtschaft.

Trotzdem darf man sich Gedanken darüber machen, unter welchen Voraussetzungen in der Bundesliga gespielt wird. Ob man dann eher den Vereinen zuneigt, die für namhafte Industrieunternehmen auflaufen oder denen, die unfähig waren, ein solches an Land zu ziehen, bleibt jedem selbst überlassen. Dabei scheint es in der Debatte stets wichtig zu sein, dass es sich um deutsche Unternehmen handelt, eine korporatistische Note ist nicht zu überhören. So wird der “deutschen Wirtschaft” gerne zugestanden, im deutschen Ballsport Geld zu verdienen, mit österreichischer Brause oder amerikanischem Geld sieht es anders aus. Wirklich schlimm wird es allerdings erst, wenn keine finanziellen Interessen im Spiel sind. Denn unzweifelhaft dürfte doch sein, dass der absolute worst case wie immer in Hamburg eingetreten ist. Dreißig Millionen geschenkt von Klaus-Michael Kühne, das wünscht man seinen ärgsten Feinden nicht.

Vergesst den “Taktik-Blick”, hier ist die “Klinsi-Cam”. Sie zeigt während des Spiels USA – Portugal neunzig Minuten lang Jürgen Klinsmann und ist damit eine der wahnsinnigsten Einrichtungen, die das Fußballfernsehen bisher geschaffen hat. Klinsmann wird unfreiwillig zum Gegenstand permanenter Beobachtung gemacht bei einer Tätigkeit, die eigentlich gar nicht zum Zuschauen gedacht ist. Er betreut schließlich die Spieler, die früher die eigentliche Sehenswürdigkeit waren. Vermutlich ist ihm selbst auch nicht bewusst, dass deutsche Internetnutzer ihn nonstop beobachten können. Was man sieht, ist banal: Klinsmann geht auf und ab, Klinsmann schimpft, Klinsmann schaut.

Man muss sich vielleicht den Kameramann bildlich vorstellen, der ausdauernd dem US-Trainer mit der Kamera folgt, um die ganze Irrsinnigkeit des Vorgangs zu erfassen: Kamera nach links, nach rechts, leichter Zoom hinein, wieder heraus, immer nah am Mann. Was noch fehlt, ist eine eigene Kommentierung für die “Klinsi-Cam”. Warum erzählt uns Bela Rethy nicht, was wir von verschiedenen Bewegungen Klinsmanns zu halten haben? Wo bleibt die Analyse seiner Laufwege und seiner Zwischenrufe?

Auf der Webseite des ZDF kann man alle vom Sender übertragenen Spiele auch online live anschauen. Dabei gibt es die Möglichkeit, das Spiel im sogenannten “Taktik-Blick” aus der Perspektive einer sehr hoch über dem Spielfeld angebrachten Hintertor-Kamera zu verfolgen. In der Tat lassen sich dabei taktische Aspekte besonders gut betrachten: Vierer- und Dreierketten verschieben nach links und rechts, Abwehrspieler rücken vor, Mittelfeldspieler lassen sich fallen und so weiter.

Der “Taktik-Blick” unterscheidet sich allerdings noch in zwei wesentlichen Punkten von der gewohnten TV-Übertragung. Es fehlt nämlich zum einen der Kommentar, man hört nur das Stadiongeschehen. Zum anderen gibt es keinerlei Schnitte oder Wiederholungen. Die Kamera hat immer alle Feldspieler im Blick und wird nur minimal bewegt und fokussiert. Diese Art der Sportübertragung hat nur noch wenig gemein mit dem gewohnten Event-TV. Es verschwindet die Doppelung von Bild und Ton, in der man immer genau das, was man gerade gesehen hat, noch einmal gesagt bekommt und die jemand mir gegenüber treffend als pornographisch bezeichnet hat. Das Zusammenspiel von Kommentar und Live-Übertragung lässt keine Fragen mehr offen und zielt im Gegenteil darauf, jede Situation so deutlich wie möglich in das Gehirn des Zuschauers zu hämmern. Denselben Effekt haben die ständigen Wiederholungen, die inzwischen einen erheblichen Teil der Übertragung ausmachen. Alle paar Sekunden wird eine Szene wiederholt, das Geschehen wird vergrößert und vereindeutigt, ganz wie im Porno-Film. Dazu kommt die Zeitlupe, die dem Augenblick eine Bedeutung verleiht, die er ohne sie nicht hätte. Denn betrachtet man das Spiel als ein kontinuierliches Geschehen und ohne Kommentar, verlieren die einzelnen Szenen schnell ihre Dramatik. Was passiert nach dem 1:0 für Uruguay? Die englischen Spieler kicken den Ball zur Mitte, das Spiel geht weiter. Im von Regie und Kommentar geleiteten Spiel dürfte derweil die helle Aufregung herrschen: Wiederholungen, Perspektivwechsel, Verweis auf das mögliche Ausscheiden Englands, dieser großen Fußballnation. Wer aus der Vogelperspektive schaut, bekommt davon nichts mit. Dasselbe gilt für Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. Sie werden als solche gar nicht wahrgenommen. Zwar liegt das auch daran, dass die Kamera einfach weit weg ist, die wichtigere Rolle bei der Inszenierung von Dramatik in Fußballübertragungen haben aber Regie und Kommentar. Ohne sie bekommt das Zuschauen am Bildschirm etwas sehr ruhiges und entspanntes, das Spiel wird wieder als solches wahrgenommen. Das ist bisweilen sicher auch langweilig und darf nicht mit dem Betrachten eines Spiels im Stadion verwechselt werden, wo nicht nur tausende andere Eindrücke wahrgenommen werden, sondern auch bereits Wiederholungen auf der Videowand zu sehen sind und die Einordnung des Gesehenen durch dafür bestellte Showmaster vorgenommen wird. Der “Taktik-Blick” durch die parteilose Kamera hingegen stellt die Frage, was beim Fußball tatsächlich passiert und welche Bedeutung diesen Ereignissen von wem wie gegeben wird.

Und in diesem Moment macht, wenn ich das richtig gesehen habe, Wayne Rooney sein erstes Tor bei einer WM. Endlich, im zehnten Spiel! Davon will ich jetzt aber schon eine Wiederholung sehen.

Der “Taktik-Blick” lässt sich innerhalb des ZDF-Streams durch einen Klick auf das Kamera-Symbol am oberen rechten Rand einschalten.

Berlin ist ein Freizeitpark. Und für Linke bietet er ein paar ganz, ganz feine Attraktionen. Schon in einer Woche geht zum Beispiel der tolle Kongress mit dem kecken Namen “Marx is’ Muss” los. Die werbetexterisierte Linke wirbt für dieses spannende Event unter anderem mit lesenswerten Flyern, von denen einer den Weg zu mir gefunden hat.

Das Programm ist bunt, sprechen werden unter anderem Christine Buchholz (DIE LINKE), Christina Kaindl (DIE LINKE), Kerstin Köditz (DIE LINKE), Bernd Riexinger (DIE LINKE), Janine Wissler (DIE LINKE) und Thomas Sablowski von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bei den Themen fällt sofort der Klassiker auf, man will auch in diesem Jahr “Marx neu entdecken” – weil der Mann sich halt immer wieder vor seinen Anhängern versteckt. Neben dieser Entdeckungsreise werden weitere wichtige Themen besprochen. Beim “Kampf um Europa” geht es um Fragen wie diese: “Rückt Osteuropa nach rechts?” (Hint: Das muss man differenziert betrachten!) “Ist die Euro-Krise vorbei?” (Hint: Krise is immer!) “Was steckt hinter den Afrika-Einsätzen der Bundeswehr?” (Hint: Das Kapital).

Während hier einerseits knallhart aufgedeckt und andererseits analytisch abgewogen wird, geht es in den “Strategien für die Linke” praxisnäher zu: “Verankern, verbreiten, verbinden” will zum Beispiel der Verwaltungsversicherungsverständige Bernd Riexinger. Dazu die großen Fragen unserer Zeit: “Wäre Marx ein Blogger?” “Sexismus, Rassismus, Klassismus?” Und zwischendrin gibt es “Bewegungsforscher”, die unvermeidliche “Nahostexpertin” und ganz viele “Menschen”. Von denen kann man nie genug haben. Darum gibt es auch geballte Handlungsanweisungen an die Leser: “Bleib auf dem Laufenden”, “Verfolg alle Kongress-Updates” und “Twittere mit uns”, “Bestelle ein Plakat und häng es im Unicafé, am schwarzen Brett im Betrieb oder in der Mensa deiner Schule auf”, “Verlinke uns auf Facebook und erzähl deinen Freundinnen und Freunden vom Kongress – it´s time to organize!” Tu es! Tu es!

Wer weder von der inhaltlichen Tiefe noch von der Aussicht, Teil einer Bewegung zu sein, überzeugt werden kann, muss spätestens vor der Textkunst der Veranstalter kapitulieren: “Auch dieses Jahr wird es ihn wieder geben: den beliebten Seminartag …”, “Der Kongress beginnt gleich mit einem besonderen Highlight: einem Gewerkschafter-Seminartag …”, “Der Kongress beginnt mit einem speziellen Angebot: dem Seminartag”, “Neu im Programm … Aus aktuellem Anlass: 6 zusätzliche Veranstaltungen zur Krise in der Ukraine”, “Früh buchen lohnt sich”. Ist das was? Das ist doch was. Und wem das nicht reicht, der findet auf der Website noch weitere tolle Angebote: “Ein echtes Highlight wartet am Sonntag. … Dietmar Dath spricht auf dem MARXISMUSS Kongress über: ‘Sozialistische-feministische Science Fiction’”

Wer dieses Jahr nicht dabei sein kann, hat also allen Grund, traurig zu sein. Aber im nächsten Jahr geht es sicher weiter, dann auch mit der Podiumsdiskussion zum Thema “Angebote, Highlights, Jetzt & Neu: Was die parteinahe Bewegungslinke mit dem Media-Markt gemeinsam hat”.

« Older entries