Vergesst den “Taktik-Blick”, hier ist die “Klinsi-Cam”. Sie zeigt während des Spiels USA – Portugal neunzig Minuten lang Jürgen Klinsmann und ist damit eine der wahnsinnigsten Einrichtungen, die das Fußballfernsehen bisher geschaffen hat. Klinsmann wird unfreiwillig zum Gegenstand permanenter Beobachtung gemacht bei einer Tätigkeit, die eigentlich gar nicht zum Zuschauen gedacht ist. Er betreut schließlich die Spieler, die früher die eigentliche Sehenswürdigkeit waren. Vermutlich ist ihm selbst auch nicht bewusst, dass deutsche Internetnutzer ihn nonstop beobachten können. Was man sieht, ist banal: Klinsmann geht auf und ab, Klinsmann schimpft, Klinsmann schaut.

Man muss sich vielleicht den Kameramann bildlich vorstellen, der ausdauernd dem US-Trainer mit der Kamera folgt, um die ganze Irrsinnigkeit des Vorgangs zu erfassen: Kamera nach links, nach rechts, leichter Zoom hinein, wieder heraus, immer nah am Mann. Was noch fehlt, ist eine eigene Kommentierung für die “Klinsi-Cam”. Warum erzählt uns Bela Rethy nicht, was wir von verschiedenen Bewegungen Klinsmanns zu halten haben? Wo bleibt die Analyse seiner Laufwege und seiner Zwischenrufe?

Auf der Webseite des ZDF kann man alle vom Sender übertragenen Spiele auch online live anschauen. Dabei gibt es die Möglichkeit, das Spiel im sogenannten “Taktik-Blick” aus der Perspektive einer sehr hoch über dem Spielfeld angebrachten Hintertor-Kamera zu verfolgen. In der Tat lassen sich dabei taktische Aspekte besonders gut betrachten: Vierer- und Dreierketten verschieben nach links und rechts, Abwehrspieler rücken vor, Mittelfeldspieler lassen sich fallen und so weiter.

Der “Taktik-Blick” unterscheidet sich allerdings noch in zwei wesentlichen Punkten von der gewohnten TV-Übertragung. Es fehlt nämlich zum einen der Kommentar, man hört nur das Stadiongeschehen. Zum anderen gibt es keinerlei Schnitte oder Wiederholungen. Die Kamera hat immer alle Feldspieler im Blick und wird nur minimal bewegt und fokussiert. Diese Art der Sportübertragung hat nur noch wenig gemein mit dem gewohnten Event-TV. Es verschwindet die Doppelung von Bild und Ton, in der man immer genau das, was man gerade gesehen hat, noch einmal gesagt bekommt und die jemand mir gegenüber treffend als pornographisch bezeichnet hat. Das Zusammenspiel von Kommentar und Live-Übertragung lässt keine Fragen mehr offen und zielt im Gegenteil darauf, jede Situation so deutlich wie möglich in das Gehirn des Zuschauers zu hämmern. Denselben Effekt haben die ständigen Wiederholungen, die inzwischen einen erheblichen Teil der Übertragung ausmachen. Alle paar Sekunden wird eine Szene wiederholt, das Geschehen wird vergrößert und vereindeutigt, ganz wie im Porno-Film. Dazu kommt die Zeitlupe, die dem Augenblick eine Bedeutung verleiht, die er ohne sie nicht hätte. Denn betrachtet man das Spiel als ein kontinuierliches Geschehen und ohne Kommentar, verlieren die einzelnen Szenen schnell ihre Dramatik. Was passiert nach dem 1:0 für Uruguay? Die englischen Spieler kicken den Ball zur Mitte, das Spiel geht weiter. Im von Regie und Kommentar geleiteten Spiel dürfte derweil die helle Aufregung herrschen: Wiederholungen, Perspektivwechsel, Verweis auf das mögliche Ausscheiden Englands, dieser großen Fußballnation. Wer aus der Vogelperspektive schaut, bekommt davon nichts mit. Dasselbe gilt für Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. Sie werden als solche gar nicht wahrgenommen. Zwar liegt das auch daran, dass die Kamera einfach weit weg ist, die wichtigere Rolle bei der Inszenierung von Dramatik in Fußballübertragungen haben aber Regie und Kommentar. Ohne sie bekommt das Zuschauen am Bildschirm etwas sehr ruhiges und entspanntes, das Spiel wird wieder als solches wahrgenommen. Das ist bisweilen sicher auch langweilig und darf nicht mit dem Betrachten eines Spiels im Stadion verwechselt werden, wo nicht nur tausende andere Eindrücke wahrgenommen werden, sondern auch bereits Wiederholungen auf der Videowand zu sehen sind und die Einordnung des Gesehenen durch dafür bestellte Showmaster vorgenommen wird. Der “Taktik-Blick” durch die parteilose Kamera hingegen stellt die Frage, was beim Fußball tatsächlich passiert und welche Bedeutung diesen Ereignissen von wem wie gegeben wird.

Und in diesem Moment macht, wenn ich das richtig gesehen habe, Wayne Rooney sein erstes Tor bei einer WM. Endlich, im zehnten Spiel! Davon will ich jetzt aber schon eine Wiederholung sehen.

Der “Taktik-Blick” lässt sich innerhalb des ZDF-Streams durch einen Klick auf das Kamera-Symbol am oberen rechten Rand einschalten.

Berlin ist ein Freizeitpark. Und für Linke bietet er ein paar ganz, ganz feine Attraktionen. Schon in einer Woche geht zum Beispiel der tolle Kongress mit dem kecken Namen “Marx is’ Muss” los. Die werbetexterisierte Linke wirbt für dieses spannende Event unter anderem mit lesenswerten Flyern, von denen einer den Weg zu mir gefunden hat.

Das Programm ist bunt, sprechen werden unter anderem Christine Buchholz (DIE LINKE), Christina Kaindl (DIE LINKE), Kerstin Köditz (DIE LINKE), Bernd Riexinger (DIE LINKE), Janine Wissler (DIE LINKE) und Thomas Sablowski von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bei den Themen fällt sofort der Klassiker auf, man will auch in diesem Jahr “Marx neu entdecken” – weil der Mann sich halt immer wieder vor seinen Anhängern versteckt. Neben dieser Entdeckungsreise werden weitere wichtige Themen besprochen. Beim “Kampf um Europa” geht es um Fragen wie diese: “Rückt Osteuropa nach rechts?” (Hint: Das muss man differenziert betrachten!) “Ist die Euro-Krise vorbei?” (Hint: Krise is immer!) “Was steckt hinter den Afrika-Einsätzen der Bundeswehr?” (Hint: Das Kapital).

Während hier einerseits knallhart aufgedeckt und andererseits analytisch abgewogen wird, geht es in den “Strategien für die Linke” praxisnäher zu: “Verankern, verbreiten, verbinden” will zum Beispiel der Verwaltungsversicherungsverständige Bernd Riexinger. Dazu die großen Fragen unserer Zeit: “Wäre Marx ein Blogger?” “Sexismus, Rassismus, Klassismus?” Und zwischendrin gibt es “Bewegungsforscher”, die unvermeidliche “Nahostexpertin” und ganz viele “Menschen”. Von denen kann man nie genug haben. Darum gibt es auch geballte Handlungsanweisungen an die Leser: “Bleib auf dem Laufenden”, “Verfolg alle Kongress-Updates” und “Twittere mit uns”, “Bestelle ein Plakat und häng es im Unicafé, am schwarzen Brett im Betrieb oder in der Mensa deiner Schule auf”, “Verlinke uns auf Facebook und erzähl deinen Freundinnen und Freunden vom Kongress – it´s time to organize!” Tu es! Tu es!

Wer weder von der inhaltlichen Tiefe noch von der Aussicht, Teil einer Bewegung zu sein, überzeugt werden kann, muss spätestens vor der Textkunst der Veranstalter kapitulieren: “Auch dieses Jahr wird es ihn wieder geben: den beliebten Seminartag …”, “Der Kongress beginnt gleich mit einem besonderen Highlight: einem Gewerkschafter-Seminartag …”, “Der Kongress beginnt mit einem speziellen Angebot: dem Seminartag”, “Neu im Programm … Aus aktuellem Anlass: 6 zusätzliche Veranstaltungen zur Krise in der Ukraine”, “Früh buchen lohnt sich”. Ist das was? Das ist doch was. Und wem das nicht reicht, der findet auf der Website noch weitere tolle Angebote: “Ein echtes Highlight wartet am Sonntag. … Dietmar Dath spricht auf dem MARXISMUSS Kongress über: ‘Sozialistische-feministische Science Fiction’”

Wer dieses Jahr nicht dabei sein kann, hat also allen Grund, traurig zu sein. Aber im nächsten Jahr geht es sicher weiter, dann auch mit der Podiumsdiskussion zum Thema “Angebote, Highlights, Jetzt & Neu: Was die parteinahe Bewegungslinke mit dem Media-Markt gemeinsam hat”.

Joseph Roth im Frühling 1939:

Der deutsche “Dynamismus” ist nicht von gestern und auch nicht von heute. Der Nationalsozialismus ist nicht etwa eine überraschende, eine verblüffende Umkehr des deutschen Volkes vom humanistischen und vom christlichen und vom humanen Geist zum barbarischen, gottlosen, unmenschlichen und antichristlichen; sondern der Nationalsozialismus ist die Erfüllung dessen, was die Deutschen selbst ihr “Wesen” nennen. Ihr sogenanntes “Wesen” ist nämlich: Protestantismus. Der Protestantismus ist der Dynamismus von Wittenberg. Von Luther über Friedrich den Zweiten, Bismarck, Wilhelm, Ludendorff bis zu Hitler und Rosenberg führt ein gerader Weg. Wer das nicht sieht, ist blinder als ein Blinder: nämlich ein “Realpolitiker”.
Der immanente Haß des Deutschen gegen das Beharrende, Bleibende, gegen das Traditionelle ist mir unbegreiflich: Ich kann ihn also nicht erklären. Aber ich halte es für meine Pflicht, ihn zu konstatieren. Seit dem elften Jahrhundert haben die Deutschen nicht weniger als zweimal ihre Religion gewechselt und nicht weniger als dreimal ihre Muttersprache. [...] Wir Gläubigen wissen, daß es keine “Zufälle” in der Welt gibt. Es ist kein Zufall, daß Wittenberg in Sachsen liegt und nicht etwa in Tirol oder in der Lombardei zum Beispiel. [...] Ich kann, was mich betrifft, bei aller Hochachtung vor den Protestanten, die unsere christlichen Dulder sind, keinen Unterschied sehen zwischen den Schriften Luthers, wie die an den deutschen Adel zum Beispiel, und jenen des Herrn Rosenberg. [...] Ohne Luther und ohne den Protestantismus wären wahrscheinlich Hegel und Marx in Deutschland nicht möglich gewesen. Und selbst in der “dionysischen” Abwehr Nietzsches ist noch der als Heide verkleidete Protestant zu erkennen. [...] Die törichte, durch die Große Revolution und den Liberalismus töricht gewordene Welt allein ist imstande, den augenblicklich so akuten Antisemitismus der Deutschen für eine überraschende und erschreckende Erscheinung zu halten. Einem Christen erscheint es selbstverständlich, daß ein Volk, das die latente Unfähigkeit hat, kaum länger als dreihundert Jahre christlich zu bleiben, nicht antisemitisch werden könnte. Dieser Haß hat tiefere Gründe, als die Hassenden selbst es wissen. [...] Sie hassen nicht die Juden, sondern Jesus Christus, den Sprößling aus Davids Stamm. Sie selbst glauben, sie haßten den Zionsstern, aber sie hassen in Wirklichkeit das Kreuz. Sie selbst glauben, sie haßten an den Juden die Neigung zum Geld und zum Wucher und zur Ausbeutung. Aber sie hassen in Wirklichkeit das Leiden, das Leid, das die Liebe ist.

Joseph Roth: Der fortdauernde “Dynamismus”. In: Derselbe: Die Filiale der Hölle auf Erden. Köln, 2003.

Der Vorteil der Demokratie ist, dass man von Leuten mit Abitur beherrscht wird. Kein grobes Herumgebelle stört mehr das eigene kultivierte Leben; stattdessen schwirren intellektuelle Elaborate erster Güte direkt aus den guten Stuben der Mächtigen zu uns herab. Denn vor der Wahl kommt die Debatte und die Kandidaten müssen beweisen, dass sie sehr angestrengt über die Fragen nachdenken, die uns alle bewegen. Vordenken und nachdenken, das können unsere Top-Entscheider. Die Interessanteren unter ihnen sind die Progressiven. Sie müssen besonders hart und gleichzeitig phantasievoll nachdenken, damit sie uns alle paar Jahre etwas neues, frisches, intellektuell stimulierendes präsentieren können. Ein gutes Thema dafür ist das Internet. Das Internet ist die Zukunft höchstpersönlich, und darin sind sie alle versammelt: der Staat, das Kapital, der Mensch. Gibt’s im Internet, gibt’s in der Zukunft. Wer progressiv ist und vor einer Wahl steht, sollte da unbedingt mal etwas zu sagen. Am besten im Internet.

Auftritt: Katrin Göring-Eckardt.

KGE: “Abends, im Winter, wenn die Bäume vor dem Haus keine Blätter tragen, kann ich in das Zimmer der Nachbarn von gegenüber schauen. Ich kenne sie nicht.”

Szenischer Einstieg, wir befinden uns in KGEs Haus. Privatsphäre füllt den Raum. Die Natur hat den Blick freigegeben. Den Blick auf das Fremde.

KGE: “Sie haben keine Gardinen. Sie schützen ihr Wohnzimmerleben nicht vor Blicken, ich kann sehen, wie Sie sich abends über die Fernsehzeitschrift beugen.”

Bürgeridylle. Zusammenleben. Vertrauen. Im Winter, wenn die Bäume keine Blätter tragen. Doch was passiert, wenn die Sonne, der runde, wärmende Ball des Himmels, aufgeht?

Auftritt: Das Internet.

KGE: “Morgens um sieben erhalte ich einen Morgengruß von @Ralf_Stegner, meistens aus Bordesholm. (…) Ich grüße nicht zurück. (…) Ralf Stegner ist Politiker. Manchmal frage ich mich, ob all die Menschen, die seine Grüße morgens lesen, sich wohl ernsthafte Sorgen machen würden, wenn er sich einmal um 8 Uhr noch nicht gemeldet hätte.”

Stegner twittert. Die digitale Welt betritt Göring-Eckardts Wohnzimmer. Diese Frau lebt neben ihren Nachbarn genauso wie neben Ralf Stegner. Ralf Stegner ist Politiker. Katrin Göring-Eckardt ist im Internet. Ich bin im Internet. Du bist im Internet. Doch wer, wer ist eigentlich Katrin Göring-Eckardt? Als Mensch? Was macht sie, wenn sie sich nicht – wie “manchmal” – fragt, ob sich Menschen Sorgen um Ralf Stegner machen würden, wenn, ja wenn?

KGE: “Ich lese in der Bahn auf dem Tablet, was in den Feuilletons steht. Ich erfahre, was Leuten wichtig erscheint, die ich wichtig finde.”

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen liest in den Feuilletons. Sie ist eine ganze Bürgerin, und sie findet Leute wichtig. Wichtige Leute, vermutlich. Ist sie neugierig?

KGE: “Ich weiß nicht, ob ich neugieriger bin als andere oder mitteilsamer.”

KGE geht es nicht um einen Vergleich. Was weiß sie?

KGE: “Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nicht Google bin und das Ergebnis meiner Neugier nicht die Vermarktung und Vermachtung von Daten ist.”

Ich weiß, dass ich nicht Google bin. Das weiß ich ganz sicher. Auch, dass die Vermarktung von Daten das Ergebnis von Googles Neugier ist. Doch wer nun über die korrekte Darstellung von Googles Geschäftsmodell streiten wollte, hat das entscheidende Wort im Satz übersehen: Vermachtung. Hier wird groß gedacht, so groß, dass es neue Begriffe braucht. Google vermachtet Daten, Katrin Göring-Eckardt nicht.

KGE: “Ich lege keine Dossiers an und speichere keine Daten. Ich will gern vieles wissen (können), aber ich will nicht gewusst werden. Ich will nicht preisgeben, was meines ist, aber wenn schon, will ich wissen, wer mich weiß.”

Mit der Vermachtung nicht genug, es muss noch eine sprachliche Innovation her, um die Größe der Gedanken, die hier unter das Volk gebracht werden sollen, überhaupt fassen zu können: jemanden wissen. Göring-Eckardt, wir haben verstanden. Oder: Katrin, ick weiß dir. Ist das schon Heidegger?
Unter den Tisch fällt bei diesen sprachlichen Virtuositäten fast, dass die netzaffine Spitzenpolitikerin glaubt, sie “speichere keine Daten.” Ein verzeihlicher Fehler, bei all der neuen Technik. Neue Technik, neue Begriffe, neue Ideen. Was hier rhetorisch noch fehlt, ist eine Verankerung in der Tradition, ein bisschen gravitas.

KGE: “‘Meine Seele ist gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei’, wie es in Psalm 124 heißt. Bin ich erst wieder frei, wenn das Netz zerreißt, wenn es einen Defekt hat, wenn die Verbindung gekappt wird? Ist nur ein zerstörtes Netz ein gutes Netz?”

Oder nur eine vernetzte Zerstörung eine zerstörte Güte? Und wie hat eigentlich der FC am Wochenende gespielt? Im – Achtung! – Netz ist in Übersetzungen die Seele schon im ersten Satz entronnen und nicht gefangen, aber das muss nicht unbedingt auf schlampiges Abtippen einer irrelevanten Bibelstelle hindeuten. Wo Gott ist, ist die Macht nicht fern. Wer? Die Macht? Die Macht:

KGE: “Unser alltägliches Verhalten bestätigt, dass die Macht von außen kommt: Anstatt bei der Buchhändlerin um die Ecke einzukaufen und mit ihr bei einem kleinen Plausch über die neueste Lyrik oder den besten Krimi zu fachsimpeln, lassen wir uns von anonymen Algorithmen durchs Netz lotsen und uns von Amazon beraten.”

Die Buchhändlerin kommt schließlich nicht von außen, sondern vom großen Wir, das jetzt aber bei Amazon einkauft. Heißt das, dass die Buchhändlerin ihre Bücher auch bei Amazon kauft? Egal. Die Macht ist da und mit ihr steigt der Foucault-Faktor und mit ihm wiederum der intellektuelle Wert dieses Textes. Jetzt bloß nicht nachlassen!

KGE: “Amazon hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,535 Milliarden Dollar in Deutschland erwirtschaftet.”

Schnarch.

KGE: “Untersuchungen zeigen, dass die Gruppen im Alter von 45 Jahren an die am stärksten wachsenden Nutzer-Segmente sind.”

Was die alles weiß! Der sollte man mal ein Amt geben!

KGE: “Das Netz ist kein Imperium ohne Außen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem Einzelne Gegenmacht von unten aufbauen können.”

Möglichkeitsraum, nicht schlecht.

KGE: “Es gibt nicht die eine große Verschwörung, denn die Macht muss nicht bei einer Gruppe liegen, sie muss weder oben noch unten konzentriert sein. Sie ist immer in Bewegung, wenn wir sie in Bewegung bringen. Diese Verflüssigung ist die große Möglichkeit an den neuen digitalen Verhältnissen.”

Verflüssigung der Macht! Famos! Wer sich vor den von KGE gedungenen Mitarbeitern der Jobcenter, einem prügelnden Polizisten oder anderen Vollstreckern der real existierenden Herrscher wiederfindet, liquidiert sie einfach mit seinem Twitter-Account! Wir stehen also eigentlich nur vor der Frage, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.

KGE: “Die Frage ist, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.”

Sag ich ja. Aber wer sind eigentlich wir? Wir FAZ-Leser? Wir Deutschen?

KGE: “Die Frage ist, ob wir als Bürgergesellschaft im Netz staatliche Kontrolle verlangen und zugleich staatlichen Schutz vor unsäglicher Schnüffelei durch Geheimdienste und Abgreiferei durch Mega-Unternehmen fordern.”

Die Bürgergesellschaft sind wir! Und wenn wir “die Macht nutzen” heißt das, dass wir staatliche Kontrolle und staatlichen Schutz fordern. Als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag ist KGE da in der komfortablen Stellung, dass sie das gleich von sich selber fordern und dann gegebenenfalls gewähren kann. Aber ist das nicht alles ziemlich staatsfixiert?

KGE: “Das klassische sozialdemokratische Denken eines Martin Schulz verkennt diese „Liquid Power“, (…) Ja, wenn man so will, zeigt sich in seinem interessanten und informierten Text eine klassische Staatsfixierung (…)”

Genau, staatsfixiert sind immer die anderen. Schulz hat nicht erkannt, dass man sich im Internet doch recht freundlich an den Staat wenden kann. Denn:

KGE: “Er schaut auf die großen Machtblöcke und sieht nicht, was sich im Kleinen zwischen den Menschen tut. Die Macht hat keinen Ort, sie spielt sich in Zwischenräumen ab.”

Macht ist bei Katrin Göring-Eckardt nichts, was Menschen ausüben, schon gar nicht sie und ihre Bande. Macht “spielt sich ab”. Diese Formulierung ist kein Zufall, sondern zweckdienlich: Statt über Herrschaft zu sprechen, kann man bequem über Macht palavern und diese selbst denen zuschreiben, die nichts zu melden haben und von KGE und Konsorten in ausgeklügelte Ausbeutungsverhältnisse geprügelt werden. Das Konzept hat sie sich natürlich nicht selbst ausgedacht, es funktioniert nur sehr gut für sie, es ist ein Konzept für Bürger und Staat. Was “wir” mit der Macht anfangen können, hat die Politikerin uns, ohne die Ironie zu bemerken, auch schon ausformuliert: “Regulierung”, “Staaten in die Pflicht”, “so etwas wie Mülltrennung”, “Politik, die klare Regelungen setzt”, “Regeln”.

Und wen könnte man damit besser beauftragen als Frau Göring-Eckardt?

Wo wir sind

Bayern München dominiert die Bundesliga, keine Mannschaft kann ihnen das Wasser reichen. Und der letzte Gegner aus Frankfurt hat das gewissermaßen schon vor dem Spiel anerkannt, indem er seine besten Spieler gleich zu Hause gelassen hat. Auch der Gegner aus dem Champions-League-Finale des letzten Jahres ist weit abgeschlagen, und kurz vor dem Spiel gegen Frankfurt war aus Dortmund zu hören gewesen, die Bayern hätten mit den Transfers von Lewandowski und Götze auch die Borussia schwächen wollen:

Jetzt schlagen sie zurück. Sie wollen uns zerstören. Nicht dahingehend, dass sie uns menschlich kaputt machen wollen, weil sie uns nicht mögen, sondern um uns dauerhaft als direkten Konkurrenten auszuschalten, indem sie sich an unseren Spielern bedient haben. Damit wir nie wieder eine Gefahr für sie darstellen. Das ist legitim und damit müssen wir leben.

Nachdem nun schon Paul Breitner Watzke für diese Aussagen kritisiert hatte (“Watzke versucht zu hetzen”) springt im Guardian der Journalist Raphael Honigstein für die Bayern in die Bresche. Er bringt dabei einiges durcheinander. Honigstein behauptet: “Bayern’s 5-0 win once more brought accusations of the unfair hoovering up of talent. But that’s not altogether fair or accurate.” Doch die Behauptung ist in doppelter Hinsicht falsch. Zunächst liegen Watzkes Äußerungen zeitlich vor dem Frankfurt-Spiel, können also nicht wie behauptet eine Reaktion darauf sein. Und außer Watzke hatte sich niemand in dieser Richtung geäußert, Honigstein liefert denn auch kein weiteres Beispiel für die Position, die zu widerlegen er angetreten ist. Falsch ist auch, dass jemand den Bayern “unfair hoovering up of talent” vorgeworfen habe. Das Gegenteil ist richtig, selbst Watzke hat explizit gesagt, dass das Verhalten der Bayern legitim sei.

Ob die Tatsache, dass Götze und Lewandowski vom BVB kommen, bei den Transfer-Entscheidungen der Bayern eine Rolle gespielt hat, wird sich nicht klären lassen. Die Frage ist aber auch nicht so wichtig, wie Honigstein unterstellt, weil diese Transfers, anders als von ihm suggeriert, in der hiesigen Diskussion gar nicht als Grund für die aktuelle Dominanz der Bayern angeführt werden. So geht auch sein Gegenargument ins Leere: “the current crop consists of exceptionally motivated professionals who are being coached at a level that is in line with their capabilities.” Die Bayern haben also, Überraschung, eine sehr gute Mannschaft und einen sehr guten Trainer. Deshalb stehen sie also oben! Honigstein widerlegt eine Position, die niemand eingenommen hat, mit einer Wahrheit, die niemand bestreitet. Zuvor hatte er schon das wenig bestreitbare Argument, dass die Bayern aus verschiedenen Gründen sehr viel mehr Geld als der Rest der Liga ausgeben können, angegriffen:

Competitive imbalance in financial terms is still lower in the Bundesliga than in Serie A and in Spain, where Real Madrid and Barcelona will pay about 20 times as much for their squad than the smallest team. In Germany, the factor is closer to 13.

Das ist faktisch richtig, verfehlt aber wieder den Punkt: In Spanien sind es eben Madrid und Barcelona, die oben konkurrieren, während es in Deutschland eine klare Nummer 1 gibt und die Top-Stars nur in eine Richtung wechseln. Und natürlich ist es für die Dominanz der Bayern unerheblich, ob sie nun 20x oder 13x so viel Geld wie Braunschweig ausgeben können, sie werden sie in beiden Fällen fast immer schlagen können. Die Frage müsste viel eher lauten, wie das Geld unter den ersten fünf (oder zwei) verteilt ist.

Fragt man nun, woher die ebenso vehemente wie punktlose Bayern-Verteidigung von Breitner wie Honigstein eigentlich kommt, bietet sich folgende Perspektive an: Die Bayern spielen die womöglich beste Bundesliga-Saison aller Zeiten und niemanden interessiert es. Durch die Abwesenheit eines ernsthaften Konkurrenten verlieren die brillanten Bayern-Spiele ihre Bedeutung. Dass Armin Veh seine besten Spieler gleich zu Hause lässt, verdeutlicht diese Gefahr. Kaum einer, der nicht Bayern-Fan ist, spricht begeistert von den Bayern, obwohl ihr Fußball doch genug Anlass dazu gäbe. Stattdessen reagiert Deutschland mit einem Schulterzucken auf jeden neuen Sieg: “Ja mei, die sind halt saugut.” Das ist natürlich extrem ungerecht. Und könnte paradoxerweise dazu führen, dass die ganze Saison am Ende als ein Scheitern wahrgenommen wird; dann nämlich, wenn das Champions-League-Finale nicht erreicht wird. Angesichts dieser Umstände wird verständlich, dass jetzt schon deutlich mehr Anerkennung für die Leistung der Bayern eingefordert wird. Die wird es allerdings erst geben, wenn sich zu den starken Leistungen auch starke Geschichten gesellen, etwa bei spektakulären Siegen im Europapokal. Arsene Wenger und Mesut Özil warten schon.

Verteilungspolitik ist super. Denn eigentlich gibt es die ja gar nicht, eigentlich bekommt ja jeder das, was er erwirtschaftet, verdient, erarbeitet. Jetzt hat Arbeitsministerin Andrea Nahles, die beste Politikerin der Welt, ihr frisches Rentenpaket so begründet:

“Wir wollen deutlich machen, dass wir die Leistung der Menschen anerkennen: die Erziehungsleistung und die Arbeitsleistung von Menschen, die hart gearbeitet haben.”

Wir notieren: Für die Menschen ist es wichtig, dass die verteilenden Instanzen ihre Leistung anerkennen. Denn sonst gibt es nichts zu fressen.

Redemption

Das Feuilleton ist in der Regel eine aufgeblasene, bedeutungshubernde Veranstaltung. Für die Literatur nicht ausreichend begabte Kulturinteressierte produzieren schlechte Prosa und verhunzen dabei akademische oder künstlerische Erzeugnisse. Die Leserschaft gleicht den Autoren: Verzweifelt am Bildungsbürgertum sich orientierende Frühvergreiste versichern sich ihres eigenen Status’ als Intellektuelle, indem sie sich durch den neuesten Schrott von Schirrmacher bis Matussek quälen. Eine Sonderform des Feuilletons kann man zuweilen im Theater erleben. Dann wird der ganze Prozess ökonomisiert und das Stück selbst einfach gestrichen, um direkt zu dessen Erledigung im Diskursbetrieb überzugehen. Ein solcher Fall ist René Polleschs “Glanz und Elend der Kurtisanen” an der Berliner Volksbühne, ein großer Publikumserfolg. Das Stück, das von Balzac kaum mehr als den Titel übernommen hat, verzichtet auf jedes erzählerische Moment. Stattdessen dürfen die erstklassigen Schauspieler Polleschs Kulturkritik gleich eins zu eins vortragen. Das klingt dann nicht viel anders als im Interview: “Es geht um die Differenz zwischen unseren Umgangsformen heute und der Gesellschaft, die Balzac beschreibt, wo Leute im sozialen Miteinander spielen, wo es eine Schönheit der Geste im öffentlichen Raum gibt, während heute alle dauernd protestantisch nach irgendwelchen echten Gefühlen suchen und einem ein Mikrofon vor die Nase halten und wissen wollen, ob sich das, was man tut, auch mit dem Inneren deckt.” Klingt interessant? Könnte man mal ein Theaterstück drüber machen? Nicht nötig! Man kann sich eine Menge Arbeit ersparen und die Gedanken einfach auf die verschiedenen Schauspieler verteilen. Da braucht der Dramaturg keine Dramaturgie mehr zu entwerfen, da hilft ein bisschen soziologische Lektüre und einzwei Nächte freies Assoziieren. So viel Faulheit würde ein klügeres Publikum sicher erbost zurücklassen, aber in der Volksbühne ist man dankbar, die üblichen scheinintellektuellen Phrasen mal so lebhaft vorgetragen zu bekommen. Dabei hilft sicher auch das schöne Bühnenbild. Der Staatsknete sei es gedankt, es ist ein Traum aus Lametta und ein riesiger Heißluftballon, der bemerkenswert präzise durch die Luft gesteuert werden kann und mit dem Pollesch und seine Leute doch herzlich wenig anzufangen wissen. Nach gut neunzig Minuten ist das Gequatsche über Wahrheit, Individualität, Authentizität, Öffentlichkeit – den ganzen postmodernen Klimbim also – glücklicherweise schon erledigt. Die reifere Jugend im Saal ist begeistert, so unkonventionell, so selbstironisch, so geistreich war es. Dass man dabei war und es gut fand, beweist, dass diese Adjektive unbedingt auch auf einen selbst zutreffen. Und da wären wir schon bei der (vielleicht unfreiwilligen) Funktion dieser Art Theaters: die bornierte Selbstzufriedenheit des Publikums zu bestätigen.

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