Judith Butler hat der Jungle World ein Interview gegeben. Das hätte sie lieber nicht tun sollen. Die postmoderne Philosophin führt vor, wie ihr und ihren Anhängern beim Dekonstruieren und Relativieren der Realität dieselbe abhanden gekommen ist.
2006 hatte Butler gesagt, dass sie Hamas und Hisbollah für progressiv und links halte, mehr noch, die antisemitischen Banden seien “Teil einer globalen Linken”. Zu der sich Butler offensichtlich auch selbst zählt, daran kann es keinen Zweifel geben. Butler, Jüdin und eine Ikone der Gender Studies, bekannte Kämpferin für die Rechte der sexistisch Diskriminierten, erklärt also zwei frauenfeindliche, schwulenhassende Organisationen von Antisemiten zu ihren Bündnispartnern.
Noch medienwirksamer war ihre Weigerung, einen Preis für Zivilcourage von den Organisatoren des Berliner Christopher-Street-Days entgegenzunehmen. Sie äußerte, dass die Macher sich nicht ausreichend vom Rassismus distanzieren würden und nahm auch gleich Partei für einen alternativen CSD, der in Kreuzberg stattfindet. Zu beiden Vorfällen äußerte sie sich nun im Interview, das per eMail geführt wurde.
Über den CSD, den sie nicht mag, sagt sie:
“Hampels Gruppe Maneo stellt Homophobie und homophobe Gewalt als etwas dar, das allein in Minderheitengruppen anzutreffen sei. Das bringen zumindest die politischen Aktionen, Stellungnahmen und Berichte der Gruppe zum Ausdruck.”
Die Interviewerin beweist ihr umgehend das Gegenteil und zitiert eine Stellungnahme, in der Maneo sich ganz anders äußert. Daraufhin behauptet Butler, es seien doch nicht die politischen Aktionen, Stellungnahmen und Berichte, in denen sie das Problem erkannt habe, sondern “verschiedene Bemerkungen, die Mitglieder der Organisation gemacht haben”, die sie natürlich nicht näher spezifiziert, und “verschiedene Arten, wie sie das Problem umrahmen”.
Frau Butler lehnt die Gruppe Maneo also ab, weil da mal irgendwas gewesen ist, was sie aber nicht benennen kann; sie verurteilt die Gruppe öffentlich aufgrund von Hörensagen. Doch es kommt noch besser. Im Zeitungslayout liegen die beiden Aussagen praktischerweise direkt nebenbeinander, deshalb auch hier noch einmal das Zitat von oben.
Butler 1.
Maneo stellt Homophobie und homophobe Gewalt als etwas dar, das allein in Minderheitengruppen anzutreffen sei.
Nach der nächsten Frage:
Butler 2.
Jedenfalls habe ich nie gesagt, dass Maneo behauptet, Homophobie finde sich nur bei MigrantInnen.
Dass der Unterschied von MigrantInnen und Minderheitengruppen hier etwas aussagt, ist nicht anzunehmen. Aber Butler interessiert (ihr) Geschwätz von gestern ohnehin nicht: Es ist nicht so wichtig, wer was wann gesagt hat, als vielmehr zu fragen, ob Maneo die Bandbreite von Menschen, die auf der Straße, bei der Arbeit oder an der Grenze diskriminiert werden, abbildet.
Es soll also eine Gruppe für alle geben, eine Parade für alle. Dass bei dem anderen, alternativen CSD, die Schwulen z.B. aus der CDU nicht erwünscht sind, weiß Butler auch. Sie fordert Einigkeit, aber zur den Bedingungen ihrer Freunde aus Kreuzberg, nimmt also einfach nur Partei für die andere Parade, und gibt das schließlich auch zu:
[Man] “muss nicht nur Gruppen wie GLADT, ReachOut und LesMigraS aktiv einbinden. Es bedeutet auch, sich genau an diesen Gruppen zu orientieren[...]“
Migranten und Migrantinnen nehmen bei Butler die Avantgardestellung ein, sie sollen die Bewegung anführen. Und sie tun das einzig und allein wegen ihres Migrationshintergrundes, und nicht etwa weil diese Gruppen sich durch besonders kluge Texte, durch erfolgreiche Strategien oder besondere Persönlichkeiten hervorgetan hätten. Butler tischt den allerletzten identitären Scheiß auf.
Ein weiteres atemberaubend blödsinniges Konzept ist das des “Homonationalismus”. Laut Butler können wir in der westlichen Welt “den Anstieg des sogenannten Homonationalismus beobachten, also der Vorstellung, dass Freiheiten für Homosexuelle vor nicht-europäischen ImmigrantInnen geschützt werden müssten.”
Dass diese Vorstellung völlig richtig ist, ist offensichtlich. Es sind gerade die Zumutungen des Islam, die die Freiheitsrechte vieler Menschen bedrohen, und dazu gehören natürlich auch Homosexuelle. Darüber ließe sich sachlich diskutieren, aber Butler hat sich sämtliche Migranten als Schutzbefohlene geradezu angeeignet und zieht mit Phantasiebegriffen wie dem des “Homonationalismus” gegen jede Kritik an allem, was mit ihnen zu tun hat, zu Felde. Man kann sich sicher sein, Butler würde Kritik am Döner Kebap als “Küchennationalismus” brandmarken. So banal ist das.
Zu Beginn des Interviews behauptet Butler, für die Kriege in Afghanistan und dem Irak habe es “rassistische Begründungen” gegeben – eine Behauptung, die sie mit keinem Wort untermauert, und die angesichts der tatsächlichen Begründungen, ob man die glauben will oder nicht, völlig absurd erscheint.
Aber es wird bald schlimmer.
Ich habe einen jüdischen Familienhintergrund. Viele meiner Verwandten wurden während des Genozids durch die Nazis umgebracht, der sich auch gegen Sinti/Roma, Homosexuelle, KommunistInnen, Behinderte und WiderstandskämpferInnen richtete. Vielleicht war ich deswegen mein ganzes Leben lang interessiert an Widerstandskoalitionen und dem Kampf gegen die Gewalt des Staats.
Butler wirft ermordete Kommunisten mit ermordeten Juden in einen Topf und ignoriert die völlig unterschiedlichen Gründe für den Holocaust und für Morde an politischen Gegnern. Sie kann das, weil sie keine Ahnung vom Antisemitismus hat, weil sie sich nicht für die Ideologie, die hinter dem industriellen Mord steht, interessiert. So kommen absurde Behauptungen zustande, wie die eines Genozids gegen die Kommunisten oder die Homosexuellen. Ein Völkermord an Anhängern einer Weltanschauung? Natürlich ist das eine Relativierung des Holocausts, und natürlich ist es historischer Blödsinn. Butler bricht alles auf den Staat herunter, der angeblich die deutschen Morde begangen hat, und ignoriert dabei, dass der Staat damals längst dem wütenden Mob anheim gefallen war.
Und über welchen Staat sollte man wohl reden, nachdem man gerade alle Morde der Nationalsozialisten der Institution Staat zugerechnet hat? Natürlich über den jüdischen Staat: “Ich bin Teil einer wachsenden Gruppe der jüdischen Linken, die den illegitimen Einsatz staatlicher Gewalt durch Israel kritisiert”. Und weiter: “Für einige von uns ist die Kritik Israels vielmehr ein Weg, jüdische Werte wie Gerechtigkeit, ein friedliches Zusammenleben und soziale Gleichheit zu bewahren.” Israelkritik als Feel-Good-Strategie, selten wurde der Fetisch-Charakter, den Israel für seine Kritiker hat, offener eingestanden.
Später im Interview geht es dann um ihre Eingemeindung von Hamas und Hisbollah in die globale Linke. Die Arme fühlt sich schlecht behandelt. Dabei fällt vor allem auf, wie sie sich trotzdem niemals von den beiden Gruppen distanziert, wie sie kein schlechtes Wort über die antisemitischen Kindermörder verliert und stattdessen im Angesicht der totalitären Hassprediger die liberale Unschuld gibt.
habe ich gesagt, dass – deskriptiv gesehen – diese Bewegungen in der Linken zu verorten sind, doch wie bei jeder Bewegung muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er sie unterstützt oder nicht.
Natürlich würde sie nie über Organisationen wie die Republikaner oder die katholische Kirche sagen, dass jeder für sich selbst entscheiden müsse, ob er sie unterstützt. Derart liberal geht sie nur mit den Feinden Israels um.
Sogar eine Diskussion wäre gestattet: “Man könnte viel darüber sagen, wie diese Bewegungen entstanden sind und was ihre Ziele sind.”
Dann würde man herausfinden, dass sie zum Kampf gegen die Juden in Palästina entstanden sind und ihr Ziel die Vernichtung des jüdischen Staats sowie der Mord an Juden in aller Welt ist, oder?
Nein: “Das würde bedeuten, sie als Bewegungen gegen Kolonialismus und Imperialismus zu verstehen.”
Ach so. Israel, dessen jüdische Bewohner zum Teil schon seit Jahrhunderten dort gelebt haben, zu einem großen Teil aus den arabischen Ländern geflohen sind, zu einem anderen Teil erst 1990 aus der SU ausreisen konnten und zu einem anderen großen Teil vor, während und nach dem Holocaust aus Europa geflohen sind – dieses Israel ist so weit weg von Kolonialismus und Imperialismus, dass Butlers Behauptung nur irgendwo zwischen Ahnungslosigkeit und Antisemitismus verortet werden kann.
Es geht weiter um Hamas und Hisbollah:
“Jede Analyse müsste auch die gesellschaftlichen Dimensionen und den Ort der Gewalt im Kampf dieser Gruppen mit einbeziehen.”
Sind mit den gesellschaftlichen Dimensionen die für die arabische Welt außerordentlich hohen Lebensstandards in Israel, Gaza und Westbank gemeint? Und ist mit dem Ort der Gewalt ein Schulbus oder ein Altenheim gemeint? Vermutlich nicht.
Ich verstehe, dass es in Deutschland schwer ist, zwischen einer Kritik beispielsweise der israelischen Besatzung und Antisemitismus zu unterscheiden.
Für Butler ist es immer wichtig, wo und wer über eine Sache nachdenkt, wichtiger als die Sache selbst jedenfalls. Die Deutschen dürfen also zu einem anderen Ergebnis kommen als sie selbst, und sie sieht es ihnen nach. Und sie weigert sich standhaft, den Antisemitismus der Feinde Israels auch nur anzuerkennen:
Wenn Hamas und Hizbollah antisemitische Positionen vertreten, dann sind sie unbedingt abzulehnen. Doch man muss genau analysieren, ob in der Kritik Israels Antisemitismus im Spiel ist oder nicht. Die Vorstellung, dass jede Kritik an Israel antisemitisch ist, lehne ich ab. [...] Im Bezug auf Hamas und Hizbollah bedeutet das, zu diskutieren, ob ein gewalttätiger Widerstand akzeptabel ist, und ich selbst habe mich entschieden, gewaltlosen Widerstand zu unterstützen.
Sie selbst verweigert diese Analyse, dabei wäre sie angesichts der Aussagen und Taten der Terrorgruppen so einfach. Aber es bleibt dabei: Kritik an nichtwestlichen Menschen oder Gruppen kommt Butler nicht über die Lippen und schon gar nicht in die Tastatur. Sie würde lieber tot umfallen als explizit und mit eigenen Worten zu sagen, dass ein Selbstmordanschlag auf einen Linienbus nicht akzeptabel ist.
Später bemerkt sie immerhin, trotz Konjunktiv, dass ihr Gerede Blödsinn ist:
Es wäre mindestens paradox, wenn ich als queere Jüdin mich für Hizbollah und Hamas aussprechen würde, wie das in der Taz nahegelegt worden ist.
Wie gesagt hat sie selbst die beiden in der globalen Linken verortet, in einer Bewegung also, zu der sie zweifelsfrei selbst gehört.
Das Interview dreht sich noch eine Weile um Butlers Liebe zum Orient, mit einigen grotesken Ergebnissen. Wo sie vorher zum Beispiel die westliche Welt zusammenfasst, um ihr “Homonationalismus” vorzuwerfen (“In den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden, um nur ein paar Länder zu nennen…”), verbittet sie sich eine Verallgemeinerung in der islamischen Welt:
Sie haben »islamische Länder« erwähnt. Ich würde zunächst zurückfragen, ob es nicht enorme Unterschiede gibt, beispielsweise zwischen dem Iran und Ägypten, und ob wir nicht differenzieren sollten zwischen Ländern mit einer großen muslimischen Gemeinde und denen, die ausschließlich durch das islamische Gesetz regiert werden.
Ein Vergleich zwischen Holland und Iran wäre also “homonationalistisch”, weil der Iran dabei so schlecht wegkommt bzw. weil Holland dabei gut wegkommt; eine Differenzierung zwischen Not und Elend, also Iran und Ägypten, ist dagegen zwingend notwendig. Wenn Butler selbst vergleicht, kommt so etwas dabei heraus:
So gibt es etwa auch in den USA Morde an queeren Jugendlichen, und manchmal werden diese Taten von der Polizei und den Gerichten nicht ernst genommen. In Lateinamerika gibt es Versuche, die Straßen für transsexuelle Menschen sicher zu machen und ein Ende der Polizeigewalt zu erreichen.
Während es also in den USA “manchmal” Justizversagen gibt und das schlecht ist, gibt es in Lateinamerika “Versuche”, etwas besser zu machen, und das ist gut. Das ist die ganz große Kunst des Relativierens: Natürlich ist in den USA die Situation der Homosexuellen viel besser als an den allermeisten Orten in Lateinamerika. Aber das würde Butler, Stichwort “Homonationalismus”, niemals zugeben. Sie betont die Versuche auf der einen Seite und verurteilt die Ausnahmen von der Regel auf der anderen. Das ist eine Strategie wie sie Politiker verwenden, aber nicht Wissenschaftler.
Zum Ende glänzt die Dame noch einmal mit einem Satz über die Islamophobie:
Der Begriff »Islamophobie« versucht also die Möglichkeit zu bieten, darüber nachzudenken, wie »der Islam« zur Quelle von Angst und Panik wird
Das wäre in der Tat schön, wenn die Vertreter des Islamophobie-Begriffes zum Beispiel über Flugzeuge in Hochhäusern, Bomben in U-Bahnen und abgeschnittene Ohren und Nasen nachdenken würden. Stattdessen versuchen sie, die Islamophobie mit dem Antisemitismus gleichzusetzen und offenbaren damit ihren eigenen Antisemitismus. Denn wer heute behauptet, die Angst vor dem Islam sei dem Antisemitismus ähnlich, der insinuiert, dass Juden einen Anlass für den Hass gegen sie geliefert hätten, so wie radikale Islamisten vorgeführt haben, dass sie aus Motiven, die in ihrem Selbstverständnis als Moslems liegen, zum Massenmord bereit sind.
Es ist die Rückkehr zum Historikerstreit, in dem behauptet wurde, der Judenmord hätte einen rationalen Kern gehabt. Die Angst vor dem Islam, die bekanntermaßen an runde Tische und nicht nach Auschwitz führt, hat durch und durch rationale Gründe. Wer diese Angst nun mit dem Judenhass gleichsetzt, unterstellt auch diesem rationale Gründe. Und das ist antisemitisch.
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