Der Vorteil der Demokratie ist, dass man von Leuten mit Abitur beherrscht wird. Kein grobes Herumgebelle stört mehr das eigene kultivierte Leben; stattdessen schwirren intellektuelle Elaborate erster Güte direkt aus den guten Stuben der Mächtigen zu uns herab. Denn vor der Wahl kommt die Debatte und die Kandidaten müssen beweisen, dass sie sehr angestrengt über die Fragen nachdenken, die uns alle bewegen. Vordenken und nachdenken, das können unsere Top-Entscheider. Die Interessanteren unter ihnen sind die Progressiven. Sie müssen besonders hart und gleichzeitig phantasievoll nachdenken, damit sie uns alle paar Jahre etwas neues, frisches, intellektuell stimulierendes präsentieren können. Ein gutes Thema dafür ist das Internet. Das Internet ist die Zukunft höchstpersönlich, und darin sind sie alle versammelt: der Staat, das Kapital, der Mensch. Gibt’s im Internet, gibt’s in der Zukunft. Wer progressiv ist und vor einer Wahl steht, sollte da unbedingt mal etwas zu sagen. Am besten im Internet.

Auftritt: Katrin Göring-Eckardt.

KGE: “Abends, im Winter, wenn die Bäume vor dem Haus keine Blätter tragen, kann ich in das Zimmer der Nachbarn von gegenüber schauen. Ich kenne sie nicht.”

Szenischer Einstieg, wir befinden uns in KGEs Haus. Privatsphäre füllt den Raum. Die Natur hat den Blick freigegeben. Den Blick auf das Fremde.

KGE: “Sie haben keine Gardinen. Sie schützen ihr Wohnzimmerleben nicht vor Blicken, ich kann sehen, wie Sie sich abends über die Fernsehzeitschrift beugen.”

Bürgeridylle. Zusammenleben. Vertrauen. Im Winter, wenn die Bäume keine Blätter tragen. Doch was passiert, wenn die Sonne, der runde, wärmende Ball des Himmels, aufgeht?

Auftritt: Das Internet.

KGE: “Morgens um sieben erhalte ich einen Morgengruß von @Ralf_Stegner, meistens aus Bordesholm. (…) Ich grüße nicht zurück. (…) Ralf Stegner ist Politiker. Manchmal frage ich mich, ob all die Menschen, die seine Grüße morgens lesen, sich wohl ernsthafte Sorgen machen würden, wenn er sich einmal um 8 Uhr noch nicht gemeldet hätte.”

Stegner twittert. Die digitale Welt betritt Göring-Eckardts Wohnzimmer. Diese Frau lebt neben ihren Nachbarn genauso wie neben Ralf Stegner. Ralf Stegner ist Politiker. Katrin Göring-Eckardt ist im Internet. Ich bin im Internet. Du bist im Internet. Doch wer, wer ist eigentlich Katrin Göring-Eckardt? Als Mensch? Was macht sie, wenn sie sich nicht – wie “manchmal” – fragt, ob sich Menschen Sorgen um Ralf Stegner machen würden, wenn, ja wenn?

KGE: “Ich lese in der Bahn auf dem Tablet, was in den Feuilletons steht. Ich erfahre, was Leuten wichtig erscheint, die ich wichtig finde.”

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen liest in den Feuilletons. Sie ist eine ganze Bürgerin, und sie findet Leute wichtig. Wichtige Leute, vermutlich. Ist sie neugierig?

KGE: “Ich weiß nicht, ob ich neugieriger bin als andere oder mitteilsamer.”

KGE geht es nicht um einen Vergleich. Was weiß sie?

KGE: “Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nicht Google bin und das Ergebnis meiner Neugier nicht die Vermarktung und Vermachtung von Daten ist.”

Ich weiß, dass ich nicht Google bin. Das weiß ich ganz sicher. Auch, dass die Vermarktung von Daten das Ergebnis von Googles Neugier ist. Doch wer nun über die korrekte Darstellung von Googles Geschäftsmodell streiten wollte, hat das entscheidende Wort im Satz übersehen: Vermachtung. Hier wird groß gedacht, so groß, dass es neue Begriffe braucht. Google vermachtet Daten, Katrin Göring-Eckardt nicht.

KGE: “Ich lege keine Dossiers an und speichere keine Daten. Ich will gern vieles wissen (können), aber ich will nicht gewusst werden. Ich will nicht preisgeben, was meines ist, aber wenn schon, will ich wissen, wer mich weiß.”

Mit der Vermachtung nicht genug, es muss noch eine sprachliche Innovation her, um die Größe der Gedanken, die hier unter das Volk gebracht werden sollen, überhaupt fassen zu können: jemanden wissen. Göring-Eckardt, wir haben verstanden. Oder: Katrin, ick weiß dir. Ist das schon Heidegger?
Unter den Tisch fällt bei diesen sprachlichen Virtuositäten fast, dass die netzaffine Spitzenpolitikerin glaubt, sie “speichere keine Daten.” Ein verzeihlicher Fehler, bei all der neuen Technik. Neue Technik, neue Begriffe, neue Ideen. Was hier rhetorisch noch fehlt, ist eine Verankerung in der Tradition, ein bisschen gravitas.

KGE: “‘Meine Seele ist gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei’, wie es in Psalm 124 heißt. Bin ich erst wieder frei, wenn das Netz zerreißt, wenn es einen Defekt hat, wenn die Verbindung gekappt wird? Ist nur ein zerstörtes Netz ein gutes Netz?”

Oder nur eine vernetzte Zerstörung eine zerstörte Güte? Und wie hat eigentlich der FC am Wochenende gespielt? Im – Achtung! – Netz ist in Übersetzungen die Seele schon im ersten Satz entronnen und nicht gefangen, aber das muss nicht unbedingt auf schlampiges Abtippen einer irrelevanten Bibelstelle hindeuten. Wo Gott ist, ist die Macht nicht fern. Wer? Die Macht? Die Macht:

KGE: “Unser alltägliches Verhalten bestätigt, dass die Macht von außen kommt: Anstatt bei der Buchhändlerin um die Ecke einzukaufen und mit ihr bei einem kleinen Plausch über die neueste Lyrik oder den besten Krimi zu fachsimpeln, lassen wir uns von anonymen Algorithmen durchs Netz lotsen und uns von Amazon beraten.”

Die Buchhändlerin kommt schließlich nicht von außen, sondern vom großen Wir, das jetzt aber bei Amazon einkauft. Heißt das, dass die Buchhändlerin ihre Bücher auch bei Amazon kauft? Egal. Die Macht ist da und mit ihr steigt der Foucault-Faktor und mit ihm wiederum der intellektuelle Wert dieses Textes. Jetzt bloß nicht nachlassen!

KGE: “Amazon hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,535 Milliarden Dollar in Deutschland erwirtschaftet.”

Schnarch.

KGE: “Untersuchungen zeigen, dass die Gruppen im Alter von 45 Jahren an die am stärksten wachsenden Nutzer-Segmente sind.”

Was die alles weiß! Der sollte man mal ein Amt geben!

KGE: “Das Netz ist kein Imperium ohne Außen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem Einzelne Gegenmacht von unten aufbauen können.”

Möglichkeitsraum, nicht schlecht.

KGE: “Es gibt nicht die eine große Verschwörung, denn die Macht muss nicht bei einer Gruppe liegen, sie muss weder oben noch unten konzentriert sein. Sie ist immer in Bewegung, wenn wir sie in Bewegung bringen. Diese Verflüssigung ist die große Möglichkeit an den neuen digitalen Verhältnissen.”

Verflüssigung der Macht! Famos! Wer sich vor den von KGE gedungenen Mitarbeitern der Jobcenter, einem prügelnden Polizisten oder anderen Vollstreckern der real existierenden Herrscher wiederfindet, liquidiert sie einfach mit seinem Twitter-Account! Wir stehen also eigentlich nur vor der Frage, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.

KGE: “Die Frage ist, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.”

Sag ich ja. Aber wer sind eigentlich wir? Wir FAZ-Leser? Wir Deutschen?

KGE: “Die Frage ist, ob wir als Bürgergesellschaft im Netz staatliche Kontrolle verlangen und zugleich staatlichen Schutz vor unsäglicher Schnüffelei durch Geheimdienste und Abgreiferei durch Mega-Unternehmen fordern.”

Die Bürgergesellschaft sind wir! Und wenn wir “die Macht nutzen” heißt das, dass wir staatliche Kontrolle und staatlichen Schutz fordern. Als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag ist KGE da in der komfortablen Stellung, dass sie das gleich von sich selber fordern und dann gegebenenfalls gewähren kann. Aber ist das nicht alles ziemlich staatsfixiert?

KGE: “Das klassische sozialdemokratische Denken eines Martin Schulz verkennt diese „Liquid Power“, (…) Ja, wenn man so will, zeigt sich in seinem interessanten und informierten Text eine klassische Staatsfixierung (…)”

Genau, staatsfixiert sind immer die anderen. Schulz hat nicht erkannt, dass man sich im Internet doch recht freundlich an den Staat wenden kann. Denn:

KGE: “Er schaut auf die großen Machtblöcke und sieht nicht, was sich im Kleinen zwischen den Menschen tut. Die Macht hat keinen Ort, sie spielt sich in Zwischenräumen ab.”

Macht ist bei Katrin Göring-Eckardt nichts, was Menschen ausüben, schon gar nicht sie und ihre Bande. Macht “spielt sich ab”. Diese Formulierung ist kein Zufall, sondern zweckdienlich: Statt über Herrschaft zu sprechen, kann man bequem über Macht palavern und diese selbst denen zuschreiben, die nichts zu melden haben und von KGE und Konsorten in ausgeklügelte Ausbeutungsverhältnisse geprügelt werden. Das Konzept hat sie sich natürlich nicht selbst ausgedacht, es funktioniert nur sehr gut für sie, es ist ein Konzept für Bürger und Staat. Was “wir” mit der Macht anfangen können, hat die Politikerin uns, ohne die Ironie zu bemerken, auch schon ausformuliert: “Regulierung”, “Staaten in die Pflicht”, “so etwas wie Mülltrennung”, “Politik, die klare Regelungen setzt”, “Regeln”.

Und wen könnte man damit besser beauftragen als Frau Göring-Eckardt?

Wo wir sind

Bayern München dominiert die Bundesliga, keine Mannschaft kann ihnen das Wasser reichen. Und der letzte Gegner aus Frankfurt hat das gewissermaßen schon vor dem Spiel anerkannt, indem er seine besten Spieler gleich zu Hause gelassen hat. Auch der Gegner aus dem Champions-League-Finale des letzten Jahres ist weit abgeschlagen, und kurz vor dem Spiel gegen Frankfurt war aus Dortmund zu hören gewesen, die Bayern hätten mit den Transfers von Lewandowski und Götze auch die Borussia schwächen wollen:

Jetzt schlagen sie zurück. Sie wollen uns zerstören. Nicht dahingehend, dass sie uns menschlich kaputt machen wollen, weil sie uns nicht mögen, sondern um uns dauerhaft als direkten Konkurrenten auszuschalten, indem sie sich an unseren Spielern bedient haben. Damit wir nie wieder eine Gefahr für sie darstellen. Das ist legitim und damit müssen wir leben.

Nachdem nun schon Paul Breitner Watzke für diese Aussagen kritisiert hatte (“Watzke versucht zu hetzen”) springt im Guardian der Journalist Raphael Honigstein für die Bayern in die Bresche. Er bringt dabei einiges durcheinander. Honigstein behauptet: “Bayern’s 5-0 win once more brought accusations of the unfair hoovering up of talent. But that’s not altogether fair or accurate.” Doch die Behauptung ist in doppelter Hinsicht falsch. Zunächst liegen Watzkes Äußerungen zeitlich vor dem Frankfurt-Spiel, können also nicht wie behauptet eine Reaktion darauf sein. Und außer Watzke hatte sich niemand in dieser Richtung geäußert, Honigstein liefert denn auch kein weiteres Beispiel für die Position, die zu widerlegen er angetreten ist. Falsch ist auch, dass jemand den Bayern “unfair hoovering up of talent” vorgeworfen habe. Das Gegenteil ist richtig, selbst Watzke hat explizit gesagt, dass das Verhalten der Bayern legitim sei.

Ob die Tatsache, dass Götze und Lewandowski vom BVB kommen, bei den Transfer-Entscheidungen der Bayern eine Rolle gespielt hat, wird sich nicht klären lassen. Die Frage ist aber auch nicht so wichtig, wie Honigstein unterstellt, weil diese Transfers, anders als von ihm suggeriert, in der hiesigen Diskussion gar nicht als Grund für die aktuelle Dominanz der Bayern angeführt werden. So geht auch sein Gegenargument ins Leere: “the current crop consists of exceptionally motivated professionals who are being coached at a level that is in line with their capabilities.” Die Bayern haben also, Überraschung, eine sehr gute Mannschaft und einen sehr guten Trainer. Deshalb stehen sie also oben! Honigstein widerlegt eine Position, die niemand eingenommen hat, mit einer Wahrheit, die niemand bestreitet. Zuvor hatte er schon das wenig bestreitbare Argument, dass die Bayern aus verschiedenen Gründen sehr viel mehr Geld als der Rest der Liga ausgeben können, angegriffen:

Competitive imbalance in financial terms is still lower in the Bundesliga than in Serie A and in Spain, where Real Madrid and Barcelona will pay about 20 times as much for their squad than the smallest team. In Germany, the factor is closer to 13.

Das ist faktisch richtig, verfehlt aber wieder den Punkt: In Spanien sind es eben Madrid und Barcelona, die oben konkurrieren, während es in Deutschland eine klare Nummer 1 gibt und die Top-Stars nur in eine Richtung wechseln. Und natürlich ist es für die Dominanz der Bayern unerheblich, ob sie nun 20x oder 13x so viel Geld wie Braunschweig ausgeben können, sie werden sie in beiden Fällen fast immer schlagen können. Die Frage müsste viel eher lauten, wie das Geld unter den ersten fünf (oder zwei) verteilt ist.

Fragt man nun, woher die ebenso vehemente wie punktlose Bayern-Verteidigung von Breitner wie Honigstein eigentlich kommt, bietet sich folgende Perspektive an: Die Bayern spielen die womöglich beste Bundesliga-Saison aller Zeiten und niemanden interessiert es. Durch die Abwesenheit eines ernsthaften Konkurrenten verlieren die brillanten Bayern-Spiele ihre Bedeutung. Dass Armin Veh seine besten Spieler gleich zu Hause lässt, verdeutlicht diese Gefahr. Kaum einer, der nicht Bayern-Fan ist, spricht begeistert von den Bayern, obwohl ihr Fußball doch genug Anlass dazu gäbe. Stattdessen reagiert Deutschland mit einem Schulterzucken auf jeden neuen Sieg: “Ja mei, die sind halt saugut.” Das ist natürlich extrem ungerecht. Und könnte paradoxerweise dazu führen, dass die ganze Saison am Ende als ein Scheitern wahrgenommen wird; dann nämlich, wenn das Champions-League-Finale nicht erreicht wird. Angesichts dieser Umstände wird verständlich, dass jetzt schon deutlich mehr Anerkennung für die Leistung der Bayern eingefordert wird. Die wird es allerdings erst geben, wenn sich zu den starken Leistungen auch starke Geschichten gesellen, etwa bei spektakulären Siegen im Europapokal. Arsene Wenger und Mesut Özil warten schon.

Verteilungspolitik ist super. Denn eigentlich gibt es die ja gar nicht, eigentlich bekommt ja jeder das, was er erwirtschaftet, verdient, erarbeitet. Jetzt hat Arbeitsministerin Andrea Nahles, die beste Politikerin der Welt, ihr frisches Rentenpaket so begründet:

“Wir wollen deutlich machen, dass wir die Leistung der Menschen anerkennen: die Erziehungsleistung und die Arbeitsleistung von Menschen, die hart gearbeitet haben.”

Wir notieren: Für die Menschen ist es wichtig, dass die verteilenden Instanzen ihre Leistung anerkennen. Denn sonst gibt es nichts zu fressen.

Redemption

Das Feuilleton ist in der Regel eine aufgeblasene, bedeutungshubernde Veranstaltung. Für die Literatur nicht ausreichend begabte Kulturinteressierte produzieren schlechte Prosa und verhunzen dabei akademische oder künstlerische Erzeugnisse. Die Leserschaft gleicht den Autoren: Verzweifelt am Bildungsbürgertum sich orientierende Frühvergreiste versichern sich ihres eigenen Status’ als Intellektuelle, indem sie sich durch den neuesten Schrott von Schirrmacher bis Matussek quälen. Eine Sonderform des Feuilletons kann man zuweilen im Theater erleben. Dann wird der ganze Prozess ökonomisiert und das Stück selbst einfach gestrichen, um direkt zu dessen Erledigung im Diskursbetrieb überzugehen. Ein solcher Fall ist René Polleschs “Glanz und Elend der Kurtisanen” an der Berliner Volksbühne, ein großer Publikumserfolg. Das Stück, das von Balzac kaum mehr als den Titel übernommen hat, verzichtet auf jedes erzählerische Moment. Stattdessen dürfen die erstklassigen Schauspieler Polleschs Kulturkritik gleich eins zu eins vortragen. Das klingt dann nicht viel anders als im Interview: “Es geht um die Differenz zwischen unseren Umgangsformen heute und der Gesellschaft, die Balzac beschreibt, wo Leute im sozialen Miteinander spielen, wo es eine Schönheit der Geste im öffentlichen Raum gibt, während heute alle dauernd protestantisch nach irgendwelchen echten Gefühlen suchen und einem ein Mikrofon vor die Nase halten und wissen wollen, ob sich das, was man tut, auch mit dem Inneren deckt.” Klingt interessant? Könnte man mal ein Theaterstück drüber machen? Nicht nötig! Man kann sich eine Menge Arbeit ersparen und die Gedanken einfach auf die verschiedenen Schauspieler verteilen. Da braucht der Dramaturg keine Dramaturgie mehr zu entwerfen, da hilft ein bisschen soziologische Lektüre und einzwei Nächte freies Assoziieren. So viel Faulheit würde ein klügeres Publikum sicher erbost zurücklassen, aber in der Volksbühne ist man dankbar, die üblichen scheinintellektuellen Phrasen mal so lebhaft vorgetragen zu bekommen. Dabei hilft sicher auch das schöne Bühnenbild. Der Staatsknete sei es gedankt, es ist ein Traum aus Lametta und ein riesiger Heißluftballon, der bemerkenswert präzise durch die Luft gesteuert werden kann und mit dem Pollesch und seine Leute doch herzlich wenig anzufangen wissen. Nach gut neunzig Minuten ist das Gequatsche über Wahrheit, Individualität, Authentizität, Öffentlichkeit – den ganzen postmodernen Klimbim also – glücklicherweise schon erledigt. Die reifere Jugend im Saal ist begeistert, so unkonventionell, so selbstironisch, so geistreich war es. Dass man dabei war und es gut fand, beweist, dass diese Adjektive unbedingt auch auf einen selbst zutreffen. Und da wären wir schon bei der (vielleicht unfreiwilligen) Funktion dieser Art Theaters: die bornierte Selbstzufriedenheit des Publikums zu bestätigen.

Am letzten Wochenende hat in Berlin eine Konferenz zur Kritischen Theorie stattgefunden, aus Halle gabs eine Kritik daran:

Mit der „Zukunft“, an die laut Kon­fe­renz­ti­tel „erin­nert“ wer­den soll, ist dann auch vor allem die Lebens– und Berufs­pla­nung der jüngs­ten Gene­ra­tion von Adorno-Adepten und Horkheimer-Kopisten gemeint. Dafür spricht zumin­dest das auf­dring­li­che Lamento des Kon­fe­renz­kon­zepts, dass am ange­streb­ten Arbeits­platz der Orga­ni­sa­to­ren, der Uni, kein Platz mehr für das ein­zige ist, was sie zumin­dest halb­wegs kön­nen: das Reden über die Kri­ti­sche Theo­rie.

Dazu passt, was ich gerade bei Eike Geisel gelesen habe und großzügig mit Euch zu teilen bereit bin:

Es ist lange her. Zu Zeiten der Protestbewegung blickten Berliner Intellektuelle neidvoll nach Frankfurt. Und was von der Hauptstadt der Kritischen Theorie herüberdrang, das wurde in den Brustton von Funktionären übersetzt, die weniger einen Gedanken erfassen als Parteien gründen wollten. Das Ergebnis ist bekannt: ein paar hundert Kriegsgewinnler erwarben die Pensionsberechtigung, denn Intellektuelle sind immer auch Stellenanwärter. Schon Metternich hatte gegen aufmüpfige Akademiker den wirkungsvollsten Radikalenerlaß erfunden, auf den seine sozialdemokratischen Nachfolger nach einigen Fehlversuchen nur zurückzugreifen brauchten: eine feste Stelle und eine Familie.

[...]

Denn nichts hat dem Marxismus im Westen radikaler den Stachel gezogen als seine Aufhebung in der Professoralform; nichts garantierte so vorzüglich die absolute Harmlosigkeit der Kritischen Theorie wie deren akademische Institutionalisierung.

Eike Geisel: Die Berliner Schule. In: Genauderselbe: Triumph des guten Willens. Berlin, 1998.

Vor gut zehn Jahren hat Jürgen Kaube in der FAZ ein Buch von Roger Behrens rezensiert. Der unbedingt lesenswerte Text lässt kein gutes Haar am “Adorno-ABC”, das laut Kaube “von sachlichen Fehlern strotzt” und dessen Autor an Adornos Werk desinteressiert ist:

Aber der Autor hat sich durch die Lektüre mit äußerst weltablehnenden Gefühlen versorgt. Vollendete Negativität, Verblendungszusammenhang, Auschwitz, kapitalistischer Massenbetrug. In dieser Gesellschaft ist nichts in Ordnung. Immerhin ist zweierlei wenigstens schwer okay: die Gesellschaftskritik und die Schallplattensammlung. Und damit sind wir beim Problem: Denn diese “Verbindung” würde Adorno irritiert haben. Das einzige Interesse, das sich dem als Lesehilfe aufgemachten Buch abgewinnen läßt, ist das an einem besonders farbenreichen Dokument der großen Konfusion, in die seit 1968 manche jungen Leute dadurch gestürzt worden sind, daß ihr großer Stichwortgeber die Musik, die sie selber gerne hören, für eine Ausgeburt ebenjener Hölle hielt, als die sie, angeregt durch ihn, die spätkapitalistische Welt glauben bezeichnen zu sollen.

Kaubes Text ist leider wirkungslos geblieben. Mit dem Vokabular der Kritischen Theorie und viel popkulturellem Blabla schreibt Roger Behrens heute regelmäßig längere Artikel für die Jungle World. So auch letzte Woche, als der Titel mit dem vielversprechenden Thema “Werbung und Werbeverbote” erschien. Behrens durfte den Leitartikel schreiben und lieferte alles, was man von ihm erwarten durfte: Ein Marx-Zitat, zwei von Adorno bzw. Horkheimer, ein Absatz Popkultur und Film (“großartige Szene”), als Bonus Luther und Kant. Auch die nötigen Buzzwords sind alle da: Sagt irgendwo einer “Natur”, weiß Behrens gleich was von der zweiten zu erzählen. Wo es um Waren geht, darf deren Doppelcharakter nicht fehlen. Natürlich gibts auch was zum Glücksversprechen, zur Aufklärung, und die katholische Kirche schaut auch vorbei – wenn Luther denn schon da ist…

Zwischendrin gibt es wenige echte Informationen – “1855 stehen in Berlin die ersten 100 nach Ernst Litfaß benannten Plakatanschlagsäulen” – dann kommen die Formeln, mit denen man sich 2013 als Kommunist kenntlich macht: Nicht die Abschaffung der Werbung soll man fordern, sondern “die Abschaffung der Wirklichkeit, die, um als Wirklichkeit überhaupt gelten zu können, die Werbung für sich nötig hat.” Weg muss “das falsche System der Bedürf­nisse, dessen sie [die Werbung] sich bedient und das sie zugleich produziert und reproduziert”. Auch so eine Modephrase: produzieren und reproduzieren.

Im post-ex-diesdas-antideutschen Dunstkreis ist Understatement nicht gefragt, weshalb bei Behrens auch eine schnöde Definition “triftiger kaum sein könnte” und die erwähnte zweite Natur “noch aus jedem falschen Bedürfnis ein richtiges macht, aus jedem richtigen indes ein falsches”. Eine Strategie der Werbung wird gleich “ubiquitär”, und die “menschliche Dynamik” wurde nicht nur ein bisschen, sondern “vollends und verlustfrei ersetzt”. (Hervorhebungen von mir.)

Der zuletzt zitierte Satz sieht in Gänze so aus: “Auch das ist der Massenbetrug ums Glück: dass die menschliche Dynamik vom »mo­ralischen Gesetz in mir und dem bestirnten Himmel über mir« (Kant) durch den künstlichen, mit Werbung tapezierten Himmel des Tauschgesetzes vollends und verlustfrei ersetzt ist.”

Das klingt schmissig, auch weil völlig aus dem Nichts Immanuel Kant auf die Bühne gestoßen wird, erscheint aber inhaltlich kaum sinnvoll. Zunächst einmal ist es falsch zitiert, bei Kant ist es andersherum:“Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.” Davon, dass beide Teil einer “menschlichen Dynamik” seien, ist dort keine Rede, das Zitat ist gar nicht in Zusammenhang zu Behrens’ Thema zu bringen. Dass hier eine Dynamik aus Moral und Himmel durch einen anderen Himmel ersetzt worden sein soll, spricht auch nicht für die Triftigkeit des Vergleichs.

Es drängt sich ein anderer Eindruck auf: Behrens hat inhaltlich nichts zu bieten, der Jargon ist alles. Er rechnet darauf, dass die Zielgruppe all die oben aufgezählten Eigenarten des Textes erkennt und seine Botschaft mehr fühlt als versteht: Genau genau, so ist das, ein ganz ausgefuchstes System, diese Warenwelt, da hat der Mensch nichts zu melden, genau genau, das hat schon Adorno gewusst, und ich weiß es eh, genau genau, Kant kenn ich auch, Aufklärung, genau, und dann ging alles vor die Hunde, Spätkapitalismus!

Weil der Text nicht verstanden werden will, kann auch die Kohärenz vernachlässigt werden. Dass es mit der nicht so weit her ist, wenn einer einen Text für die Zeitung schreibt und darin von Kant über Marx bis Adorno und zum amerikanischen Horrorfilm kommen will – ach ja, um Werbung solls auch noch gehen – ist naheliegend.

Die anderen Artikel zum Titelthema sind:

- ein Interview mit einem geisteswissenschaftlich studierten PR-Fuzzi, der sein Geschäftsmodell – Emails und Konzeptpapiere schreiben – viel besser findet als klassische Werbung.

- ein Text über eine Berliner PR-Kampagne gegen Außenwerbung (“Erst wenn dieser auf merkwürdige Weise zugleich technokratische wie kuschelige Jargon wutbürgerlich gewendet wird, kommt das heraus, was einer politischen Dämonologie des Zombie-Genres entspricht.” Roger lässt grüßen.)

- ein Bericht aus Sao Paulo, wo Außenwerbung verboten ist. Die Autorin schreibt für uns, was sie vielleicht zuvor an die anfragende Redaktion geschrieben hat:

Dass es dort weniger Werbung gibt als in anderen Städten, bekam ich bei meinem letzten Besuch 2011 aber nicht mit. Ob die Stadt durch das Verbot von Außenwerbung an Lebensqualität gewonnen hat, lässt sich aus der Perspektive einer gelegentlichen Besucherin also nicht sagen.

Immerhin hat sie doch noch einen recht interessanten Artikel geschrieben, aber unterm Strich bleibt auch hier der Eindruck der Lustlosigkeit zurück. Insgesamt ist das ein bisschen wenig. Wer statt zum Kiosk in die Bibliothek geht, kann die journalistischen Arbeiten von Pohrt, Geisel, Schultz-Gerstein oder Trampert und Ebermann lesen. Dagegen ist der Großteil dessen, was man heute in der Zeitung findet, ziemlich enttäuschend. Aber vielleicht ist das auch nur mein Kulturpessimismus.

(Lest mal den Kaube, echt.)

Geld her!

Das Fan-Projekt Bremen ruft zu Spenden für einen im September im Ostkurvensaal schwer verletzten Mann auf. Radio Bremen berichtete damals so. Der Betroffene äußerte sich kürzlich im Fanszene-Forum.

Dem Spendenaufruf des Fanprojekts schließen wir uns an, der Mann braucht das Geld.

Liebe Werderfans,

wie sicherlich die meisten von euch wissen, gab es im September eine gewalttätige Auseinandersetzung im OstKurvenSaal. Dabei ist ein Rollifahrer schwer verletzt worden. Zur Finanzierung seiner Reha braucht er jede Unterstützung. Dafür haben wir ein Spendenkonto eingerichtet. Wir würden uns freuen, wenn ihr ihm eine Hilfe zukommen lassen könnt.

Sparkasse in Bremen
Kto. 81176448
BLZ 290 501 01

Fan-Projekt Bremen

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