Februar 2007

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The Pale Man

Aus „Pans Labyrinth„:

Wie kommt man bloß auf sowas Cooles?

Es ist nichts Neues, trotzdem habe ich den Ernst der Lage nie so wirklich begriffen. Als die USA den Irak enterten, bestand die landläufige Meinung zumeist darin, dass eine Verbesserung der Lebensqualität und -umstände der irakischen Bevölkerung wohl erst mittelfristig, zumindest jedoch nicht auf kurze Sicht zu erreichen sei. Die folgenden Monate konnten diesen allgemeinen Tenor nur bestätigen, wenngleich auch die hohe Anzahl von Anschlägen weit Schlimmeres befürchten ließ, als es zunächst den Anschein hatte.

Viel Zeit ist inzwischen vergangen – die Schwelle der Abstumpfung ist in hiesigen Regionen des Wohlstands längst überschritten -, und die Situation im Irak ist scheußlicher denn je. Ausdauer wie Kampfeswille der rebellierenden Schichten sind enorm, weite Teile der irakischen und ausländischen Zivilisten schweben ständig in akuter Lebensgefahr, und kein schnell greifender Lösungsansatz liegt in der Hinterhand und wartet auf seine Ausführung. Just hat sich mit Help die letzte deutsche Hilfsorganisation aus dem Land zurückgezogen und offenbart mit diesem Interview die Ausmaße des im Irak vorherrschenden Elends. Wie gesagt, nichts Neues. Lesenswert ist es trotzdem.

Die Stilisierung von verurteilten Mördern zu politischen Gefangenen war bisher eine Sache der Linken. Das scheint sich nun geändert zu haben. Mit gut einem Monat Verspätung wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, diesmal der beinah bemitleidenswert heruntergekommene Christian Klar. Plakat Der war bereits am 15.1. dieses Jahres so clever, eine Grußbotschaft an die marxistische Rosa-Luxemburg Konferenz zu senden. An seiner Erklärung kann man einiges kritisieren, zum Beispiel die naive Hoffnung auf den sehr nationalen Sozialisten und bekannten Antisemiten Hugo Chavez und seine lateinamerikanischen Ziehsöhne. Oder auch seine leicht blöde Hoffnung auf die Hartz4-Enttäuschten als revolutionäre Kraft:


„Die spezielle Sache dürfte sein, daß die in Europa ökonomisch gerade abstürzenden großen Gesellschaftsbereiche den chauvinistischen »Rettern« entrissen werden.“

Was man allerdings in seiner Erklärung nicht finden kann, wäre irgendeine Tendenz zum gewaltsamen Umsturz, zur Verfassungsfeindlichkeit oder gar zur persönlichen Wiederaufnahme seiner früheren Tätigkeit als Terrorist. Darum verwundert es auf den ersten Blick doch sehr, wenn man von den natürlich schnell daherplappernden Tagespolitikern der Parteien solche Statements hört.

CSU-General Christian Söder zu Spiegel Online:

„Nun zeigt sich, dass so ein Mann nie auf freien Fuß kommen darf.“ Christian Klar müsse „bis ans Ende seines Lebens hinter Schloss und Riegel bleiben. Ein Gnadenerweis ist undenkbar.“

Die Aussage ist klar: Wer so denkt, muss lebenslang im Knast bleiben. Herr Söder wünscht sich also offensichtlich, dass man aus politisch verwirrten Gewalttätern irgendwann gewaltig verwirrte Polittäter, oder besser Gedankenverbrecher, machen kann. Bestraft werden soll beides gleichermaßen. Ein bewegendes Plädoyer für die politische Gefangenschaft wird uns hier geboten.

Herr Stoiber dagegen lässt noch viel tiefer blicken:

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Edmund Stoiber erkannte in Klars Text die „unveränderte Grundhaltung eines RAF-Terroristen“ und sprach von „verblendeter Aggression gegen die deutsche Demokratie und den deutschen Rechtsstaat“.

Aufmerksame Leser des ziemlich kurz geratenen Klar-Textes suchen darin vergeblich nach einem Bezug zu Deutschland, zur Demokratie oder zum Rechtsstaat. Wie kommt der abgesägte Edmund also darauf? Ganz einfach, er verwechselt da etwas. Erst verwechselt er Europa mit Deutschland. Und schließlich hält Edmund Stoiber noch die „Pläne des Kapitals“ für „die deutsche Demokratie“. Und so redet man vorbildlich aneinander vorbei.

Oder doch nicht? Vielleicht sind Christian Klar und Edmund Stoiber auch zwei Seiten derselben Medaille, die sich wunderbar verstehen. Wer es allerdings mit der Realität hält, der steigt bei diesen Wirrköpfen, einer bescheuerter als der andere, wirklich nicht mehr durch.

Er muss raus, ein weiteres Jahr hätte ich auch nicht durchgestanden. Jan Ullrich hört auf! Er meckert und zuckt noch ein bisschen, aber er steigt vom Rad, soviel steht fest, und lässt uns nie wieder an seinen lahmen Ritten durch Europas Bergwelten und den damit verbundenen Hungerästen, fehlenden Körnern und unerklärlichen Formschwächen teilhaben. 1997, ja, da hätte mich solch eine Nachricht wirklich tief getroffen. Vielleicht auch noch an diesem regnerischen Ekeltag im Jahr 1998, als Marco Pantani Ullrich und dem Team Telekom zum ersten Mal in die Suppe spuckte. Aber heute, da schnalze ich frohlockend mit der Zunge, intoniere kurz „Santa Maria“ von Roland Kaiser und beiße schließlich gut gelaunt in mein saftiges Nutellabrot. Alles richtig gemacht, Ulle, du Spacken! Himmelherrgott!

Wenn ich Ullrich’s Namen in den letzten Jahren gehört habe, dann immer auch den von Armstrong, Armstrong, Basso, Armstrong, Armstrong, den von vielen anderen und den von Armstrong, zumindest in meinen Gedanken. Gleichzeitig musste ich dabei (vor dem geistigen Auge) mit ansehen, wie sie ihm alle und jedes Mal aufs Neue erbarmungslos davongefahren sind. Wie ein gemeiner Alptraum. Zum Zeitpunkt des Geschehens saß ich jedes Mal vor dem Fernseher und war fassungslos, daran erinnere ich mich gut. Ständig hieß es: diesmal kein Gramm zuviel, diesmal topfit, diesmal so gut wie noch nie. Dann kam der erste Hügel – .
Es war immer das Gleiche. J e – d e s M a l . Damit ist nun Schluss.

„Ich habe niemanden betrogen und keinen geschädigt“; so die rechtfertigenden Worte, die fernab meiner persönlichen Wut keinem weiterhelfen und schon gar nicht bedeuten, dass „Jan“, wie Monsieur Pevenage seinen Schützling einst liebevoll nannte, in punkto Doping mit einer weißen Weste aufwarten kann. Vielmehr beschleicht einen das Gefühl, Ullrich hätte ebenso sagen können, „er habe sich nicht wesentlich anders verhalten als der Rest“ – was eine Dopingsünde keineswegs ausschließt. Die Zeiten, in denen man mit einer leicht rosa gefärbten Brille noch einigermaßen Gefallen am Radsport und insbesondere der Tour de France finden konnte, scheinen passé. Den Festina-Skandal oder Einzelschicksale wie die von Pantani oder Hamilton ertragen? Mit ein wenig Gutmütigkeit war das stets machbar. Zugegeben, die Wut über Armstrong und sein ungestraftes Davonkommen war und ist diesbezüglich von anderem Kaliber. Nichtsdestotrotz bekamen Verschwörungstheoretiker und Schwarzmaler mit ihren Pauken, die jährlich ihr „Alle Profis dopen, alle Profis dopen“ dahertrommelten, nie mehr als einen Fuß in die Tür.

Nach den sich auftuenden Abgründen habe ich inzwischen allerdings die Lust verloren, weder weiterhin an Ullrich, noch an den Radsport zu glauben. Es fehlt ja ohnehin die gesammelte Spitzenbelegschaft, und wenn es keine großen Namen gibt, macht eine Bergetappe sowieso keinen Spaß. Aber so bleiben uns wenigstens die Desaster in den Berglandschaften erspart. Es ist gut so: keine Alpen, keine Pyrenäen, kein Frust. Danke, Jan.

Ganz nah dran

Das Spiel des SVW war zu Ende, und so konnte man sich endlich einer weiteren wichtigen Nebensache zuwenden: Geld. Sehr viel Geld, es ging um Milionäre, die offenbar niemals selbst fernsehen und so die Reichweite des Mediums leicht unterschätzen. Oder so töricht waren, den Machern von „24 Stunden“ zu glauben. So ließen sie sich filmen, wie sie sich in ihrem psychedelisch parkettiertem Wohnzimmer untereinander Bilder vom letzten Italien-Urlaub zeigten. Dazu der Sprecher aus dem Off: „Milionäre bleiben gerne unter sich, so kommt kein Neid auf.“

Definitiv ein Grund, sich diese Sendung einmal näher anzuschauen. Auf der Seite von sat1 wird man fündig. Zunächst gelingt es den Machern eindrucksvoll, vom Text abzulenken, der zwischen die zahlreichen Bilder gequetscht wurde. Die spektakulär bebilderte Liste der Titel der vergangenenen Jahre liest sich wie ein Lexikon der Randerscheinungen des postmodernen Lebens:

  • Die Waldmenschen
  • Brautschau in Fernost
  • Das wars – die Bestatter
  • Irrsinn in der Tiefkühltruhe
  • Die Jagd nach den Stromdieben
  • Endstation Loveparade
  • Abgetaucht im Flußpferdhaus
  • Neues aus Pornoland!
  • Die Hitfabrik – Modern Talking hautnah
  • Verrückte Welt – Leben in der Psychiatrie

Wenn man bei dieser Endstation angekommen ist, kann man sich endlich den Texten in der Mitte zuwenden, und wird dort erschreckt, dass sich der Lumpenjournalismus auf perfide Art cross-supportet. Die Sendung erhielt „unter anderem den AXEL SPRINGER-NACHWUCHSPREIS und den DEUTSCHEN FERNSEHPREIS.“ Bei letzterem fragt man sich dann doch, wie das angehen kann. Der Grund ist schnell gefunden: „Die Themen sind nicht unbedingt spektakulär, aber die Kamera ist immer ganz nah dran.“ Das kann ich nur bestätigen. Die Frau des einen Milionärs hatte unglaublich dünne Ärmchen. Wenn da mal kein Neid aufkommt.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Jan.

Maria Maria

Beim hoffnungslosen Zappen durchs Mittagsprogramm wird mir gemeldet, dass Mariah Carey sich „nicht als Trendsetterin“ sieht. Danach wird sie zum Beweis zitiert: „Ich bin nie einem Trend hinterhergelaufen.“

Böse Fremdwörter.

Der Kuh wegen

Belinde, eine meiner besten Milchkühe, ist heute morgen mit ihrem rechten Ohr am Futtertrog hängengeblieben. Sie hängt da immer noch, so leid es mir tut, und ich habe selten eine bessere Parodie auf Claus Kleber gesehen. Wenn sie nur nicht so blöken würde! Naja, das wollte ich damit eigentlich auch nur gesagt haben: Ich muss raus in den Stall, und vor Mitternacht bin ich nicht zuhaus. Annegret, wenn du bis dahin bitte die geschmierten Brote auf dem Tisch stehen lassen könntest! Ich hab zu tun.

Hepe

Wir leben!

Anders als früher, aber immerhin. Wir sind den weiten Weg gegangen, um uns nicht in solchen Unmengen von Papier zu verlieren, die nachher, wenn überhaupt, gerade noch gut genug für das Zurechtschieben von kleinen Grasportionen sind.

Wir sind stärker als vorher, und wir werden freilich ungemütlicher werden. Ich werde kratzen und beißen.

Hepe