Er muss raus, ein weiteres Jahr hätte ich auch nicht durchgestanden. Jan Ullrich hört auf! Er meckert und zuckt noch ein bisschen, aber er steigt vom Rad, soviel steht fest, und lässt uns nie wieder an seinen lahmen Ritten durch Europas Bergwelten und den damit verbundenen Hungerästen, fehlenden Körnern und unerklärlichen Formschwächen teilhaben. 1997, ja, da hätte mich solch eine Nachricht wirklich tief getroffen. Vielleicht auch noch an diesem regnerischen Ekeltag im Jahr 1998, als Marco Pantani Ullrich und dem Team Telekom zum ersten Mal in die Suppe spuckte. Aber heute, da schnalze ich frohlockend mit der Zunge, intoniere kurz “Santa Maria” von Roland Kaiser und beiße schließlich gut gelaunt in mein saftiges Nutellabrot. Alles richtig gemacht, Ulle, du Spacken! Himmelherrgott!
Wenn ich Ullrich’s Namen in den letzten Jahren gehört habe, dann immer auch den von Armstrong, Armstrong, Basso, Armstrong, Armstrong, den von vielen anderen und den von Armstrong, zumindest in meinen Gedanken. Gleichzeitig musste ich dabei (vor dem geistigen Auge) mit ansehen, wie sie ihm alle und jedes Mal aufs Neue erbarmungslos davongefahren sind. Wie ein gemeiner Alptraum. Zum Zeitpunkt des Geschehens saß ich jedes Mal vor dem Fernseher und war fassungslos, daran erinnere ich mich gut. Ständig hieß es: diesmal kein Gramm zuviel, diesmal topfit, diesmal so gut wie noch nie. Dann kam der erste Hügel – .
Es war immer das Gleiche. J e – d e s M a l . Damit ist nun Schluss.
“Ich habe niemanden betrogen und keinen geschädigt”; so die rechtfertigenden Worte, die fernab meiner persönlichen Wut keinem weiterhelfen und schon gar nicht bedeuten, dass “Jan”, wie Monsieur Pevenage seinen Schützling einst liebevoll nannte, in punkto Doping mit einer weißen Weste aufwarten kann. Vielmehr beschleicht einen das Gefühl, Ullrich hätte ebenso sagen können, “er habe sich nicht wesentlich anders verhalten als der Rest” – was eine Dopingsünde keineswegs ausschließt. Die Zeiten, in denen man mit einer leicht rosa gefärbten Brille noch einigermaßen Gefallen am Radsport und insbesondere der Tour de France finden konnte, scheinen passé. Den Festina-Skandal oder Einzelschicksale wie die von Pantani oder Hamilton ertragen? Mit ein wenig Gutmütigkeit war das stets machbar. Zugegeben, die Wut über Armstrong und sein ungestraftes Davonkommen war und ist diesbezüglich von anderem Kaliber. Nichtsdestotrotz bekamen Verschwörungstheoretiker und Schwarzmaler mit ihren Pauken, die jährlich ihr “Alle Profis dopen, alle Profis dopen” dahertrommelten, nie mehr als einen Fuß in die Tür.
Nach den sich auftuenden Abgründen habe ich inzwischen allerdings die Lust verloren, weder weiterhin an Ullrich, noch an den Radsport zu glauben. Es fehlt ja ohnehin die gesammelte Spitzenbelegschaft, und wenn es keine großen Namen gibt, macht eine Bergetappe sowieso keinen Spaß. Aber so bleiben uns wenigstens die Desaster in den Berglandschaften erspart. Es ist gut so: keine Alpen, keine Pyrenäen, kein Frust. Danke, Jan.
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