Franz Wohlfahrt und der blöde Bach

Wenn ich an meine eigene Fußballerkarriere zurückdenke (ich fühle mich längst reif für sowas), dann bleibt ein Blick in den eigenen Garten nie aus. Ich bin mir sogar sicher, dass jeder Junge genau hier irgendwann einmal vor der Weggabelung stand, die ihm die Möglichkeiten Kreis- und Weltklasse offenbarte - das war zumindest in der Schlamm- und Matschkindergeneration so, zu der ich mich zähle. Jedenfalls hatten mein bester Freund und ich diese Ansicht verinnerlicht und spielten somit auch bei widrigsten Witterungsverhältnissen auf dem holprigen Familienrasen, um den späteren Gang in den Profifußball nicht zu verpassen.
Obwohl ich ein einigermaßen passabler Offensivfußballer war, standen meine Chancen ziemlich schlecht, von einem zufällig vorbeistreunenden Scout entdeckt zu werden: Ich musste jedes Mal das Tor hüten. Heute bin ich mir über das Warum im Klaren, ich hatte einfach nicht so viel zu sagen. So war es mein bester Freund, der die Aufmerksamkeit auf sich zog, indem er fiktive Spiele kommentierte und dabei immer wieder mal aufs Tor schoss, wo ich erwartungsvoll die Torhüter der beiden Mannschaften repräsentierte. Fragt mich nicht, warum dabei ausgerechnet Pokalknaller zwischen Kaiserslautern und Bielefeld respektive Rheinschlachten zwischen Mönchengladbach und Köln unsere liebsten Partien waren, ich weiß es nicht mehr.

Im Großen und Ganzen gab es bei diesen hitzigen Aufeinandertreffen drei Arten von Tagen: Da waren solche, an denen ich als Torwart wirklich jeden Ball durchließ und wir Spiele beim Stand von 7:5 auf Grund von “unrealistisch hohen Ergebnissen” abbrechen mussten. Spätestens beim 6:4, als mir abermals ein harmloses Schüsschen durch die Arme glitt, konnte mein bester Freund seinen aufgestauten Unmut nicht mehr zurückhalten und meckerte wild herum. Ich war dann zumeist unwillig, mich der Medienschelte weiter auszusetzen, und verließ in vielen Fällen tief beleidigt den heimischen Acker.

Andererseits gab es natürlich auch jene Tage, an denen mein Freund nicht so recht Zielwasser getrunken hatte. Neunzig Prozent all seiner Schüsse gingen bestimmt in die Binsen, was sich sehr zum Leidwesen des Torhüters auswirkte, der statt gewagten Paraden nun zeigen musste, wie man den Ball aus fiesen Dornensträuchern angelt, ohne dabei in Hundescheiße zu treten.
In aller Regelmäßigkeit flog der Ball auch mal in den nahe gelegenen Bach, woraufhin uns gerade noch Zeit für ein “Scheiße, Bach” blieb, bevor einer in Richtung Schuppen sprintete, um einen Besen ausfindig zu machen (mit dem wir die Pille dann aus den reißenden Fluten bergen konnten), während sich der andere schon hektisch zum Ufer durchschlug, voller Angst, die Bälle davonschwimmen zu sehen.
Auch solche Momente schlugen verständlicherweise auf Motivation und Gemüt, sodass wir spätestens nach dem dritten Bach-Ball aufgaben und die Fußballschuhe genervt beiseite legten.

Zu guter letzt blieben die Tage, an denen wir uns in einen wahren Rausch spielten. Fast jeder Schuss war dann ein potentielles Tor des Monats, aber fast alle präzisen Knaller konnte ich Torwart-Hexer blendend entschärfen. Die wenigen, die doch an mir vorbeizischten und im Netz baumelten, legten oftmals den Grundstein für höchst spannende und sehr emotional geführte Kracherspiele, an die ich mich nur allzu gern erinnere. Beinahe jedes dieser Spiele stand bis kurz vor Schluss unentschieden (häufig 2:2) oder ging gar in die Verlängerung, bis sich die Reporterstimme meines Freundes überschlug und ein Traumtor (es musste immer eines sein) die Massen der Zuschauer erlöste. Beim Spiel Leverkusen gegen Stuttgart mussten wir einmal solange darauf warten, dass die gefühlte Spiellänge tatsächlich an der neunzig-Minuten-Marke kratzte. Mein Freund wollte unbedingt einen Sieg von Leverkusen erzwingen - dementsprechend verzweifelt schossen Rink, Kirsten & Co. aus allen Lagen -, aber Franz Wohlfahrt war ganz einfach nicht zu überwinden und wehrte alles ab. Ich möchte behaupten, der echte Franz Wohlfahrt hat nie so spektakulär gehalten wie ich an diesem Tag. Und wenn mich nicht alles täuscht, hat Stuttgart letztendlich mit 3:2 gewonnen.

  1. Früher… :(
    Ich bezweifle, dass die heutige Jugend jemals noch solche Zeilen verfassen wird. Wo früher hinter dem Haus auf dem Bolzplatz noch täglich gekickt wurde, stolzieren heute Hunde beim alleine-Gassi-gehen (die Tiere werden zum Teil ja schon alleine hinaus geschickt, weil ne spannende Talkshow läuft oder man chatten muss), die sich ihres Mittagstisches entleeren.

    Mir scheint die heutige Jugend schon zu sehr den ‘neuen Medien’ verfallen zu sein.
    Aber warum den früheren Tagen hinterher weinen. Schließlich bin auch ich es, der hier im INTERNET schreibt…