Lozowick in Bremen

Gestern fand nun die hier bereits angekündigte Veranstaltung mit Yaacov Lozowick statt. Gekommen waren etwa 50 Leute, womit die Veranstaltung ziemlich gut besucht war. Das Publikum bestand größtenteils aus Menschen jenseits der 40, dem Augenschein nach allesamt dem sozialwissenschaftlichen linken Milieu zuzuordnen. Wer hier gerade mit verallgemeinert wurde, muss seine Optik ändern. Im Alter etwas abweichend schätze ich allerdings Thomas Hafke vom Fanprojekt, der ebenfalls anwesend war. Das FP hat Verbindungen nach Israel und war im letzten Jahr auch dort.
Eingeleitet wurde die Veranstaltung von jemandem von der Heinrich-Böll-Stiftung, die sie auch erst möglich gemacht hat. Mir nur als Anhängsel der Grünen bekannt, war ich etwas verwundert darüber, dass sie eine solche Sichtweise hier unterstützen würden.

Der Vortrag bestand aus neun Thesen. Die ersten vier bezogen sich auf die Israelis und sagten in etwa aus, dass die gar nicht so böse und blöde sind, wie man das in Deutschland annimmt. Genauer gesagt erläuterte Lozowick, dass man sich sehr wohl im Klaren darüber sei, dass man Gebiete abtreten müsse, dass man mit den Palästinensern zusammenleben müsse, dass diese ihren eigenen Staat bekommen müssten usw. usw. Jede These beendete er mit dem Hinweis, dass es also doch noch einen Grund für den Konflikt geben könnte, auf den man hier noch nicht gekommen sei.

Die Thesen über die Palästinenser zeigten dann an einigen Beispielen, dass es denen offensichtlich noch nicht klar sei, dass man zusammenleben müsse. Stattdessen wird die ganze zionistische Unternehmung von ihnen als ein schlimmes Verbrechen gesehen, dessen Opfer sie seien. Als Beleg dafür wird die Ablehnung sämtlicher Teilungsvorschläge genannt, das rigorose Bestehen auf dem Rückkehrrecht für Flüchtlinge (das Israel niemals gewähren kann) und nicht zuletzt die Zustimmung zur Hamas.
Meiner Meinung nach ist besonders der letzte Punkt ein klarer Beleg dafür, wo das Problem zu suchen ist. Wenn über 40% der Bevölkerung eine Bande wählen, die sich die Judenvernichtung und Beherrschung des ganzen historischen Palästinas zum Ziel gesetzt hat, dann gibt es keinen Kompromiß, den man mit ihnen machen könnte. Wer die Hamas für eine Wohltätigkeitsorganisation oder Widerstandsbewegung hält, sollte sich ihre eigene Charta durchlesen. Die, und das “ist denen gar nicht peinlich” (Lozowick), beschuldigt die Juden so ziemlich jeden Weltübels und fordert folgerichtig ihre Vernichtung. Näheres gibts im Wortlaut hier oder ausführlich hier oder kurz hier.
Die Deutschen und die EU hält Lozowick nicht für fähig, auf die Palästinenser entscheidend einzuwirken. Was das Gerede angeht, empfiehlt er sinngemäß, einfach mal die Fresse zu halten, wenn man keine Ahnung hat.
Tenor seines Vortrags war also, dass eine Lösung des Konflikts nicht nötig ist, weil die Palästinenser keine wollen. Sie wollen das ganze Land, sie wollen sich mit der Anwesenheit des Judenstaats nicht arrangieren.
Die folgenden Fragen waren von amüsant-grotesk bis ziemlich blöde verteilt. Ein emeritierter Politikprofessor, der in einem melodischen Singsang sprach, wandte etwas ein, was ich nicht verstanden habe. Ein alternder und altlinker mutmaßlicher Akademiker wollte Uri Avnery und andere Friedensbewegte nicht marginalisiert wissen und wies auf deren Wichtigkeit hin. Lozowick sagte dann, dass die in Israel eben einfach kaum eine Rolle spielten. Erwähnt wurden sie einleitend vor dem Vortrag überhaupt nur mit dem Hinweis, dass man in Deutschland hauptsächlich diese sehr regierungskritischen Stimmen hört. In der Folge grummelte der Avnery-Anhänger den Rest des Abends vor sich hin.
Einige Wortmeldungen betonten noch sinngemäß, dass man sich sehr wohl äussern dürfe, auch wenn man keine Ahnung hat und weit weg ist. Dadurch fühlte sich jemand anders noch genötigt, klarzustellen, dass auch Herr Lozowick niemandem das Wort verbieten könne und entgegen dem gängigen Klischee die Juden auch weder willens noch in der Lage seien, israelkritische Stimmen mundtot zu machen.
Fazit: Einige deutsche Anti-Zionisten dürften frustriert nach hause gegangen sein. Diese meist sehr verschroben wirkenden Menschen sahen in der Diskussion schlecht aus. Darüber hinaus war es zwar interessant aber ohne große neue Erkenntnisse.