Dritte Liga

Heute war der FC St. Pauli bei Werders Zweiter zu Gast. Auf dem Weg zum Stadion fiel mir auf, dass da offensichtlich Profis am Werk waren und selbst die ganz hoch gehängten DVU- und Republikanerplakate zu Fassen bekommen hatten.

Viel interessierter war ich aber am Auftritt der Fans inklusive USP im Stadion. Das liegt unter anderem an einer Diskussion, die sich durch Ultrakreise zieht und um die Frage dreht, welche Art von Support Ultras denn so machen sollten. Dabei kann man entweder mit der Masse der Fans gehen und die üblichen Gassenhauer raushauen, die dann von einem mehr oder weniger großen Teil mitgesungen werden. Oder man “zieht sein eigenes Ding durch” und hofft, dass genügend andere darauf einschwenken, weil sie dieser anspruchsvollere Weg irgendwann überzeugt. USP ist dabei ein Beispiel für kreative Fans, die viele eigene Lieder und Texte haben und diese auch singen. Dafür werden sie in Ultrakreisen meist hoch geschätzt und zu den besten Gruppen gerechnet.

Was die Hamburger dann heute boten, war allerdings durchwachsen. Dem USP-Haufen muss man attestieren, schöne Lieder zu haben, fast 90 Minuten in Bewegung und am Singen zu sein. Doch wenn man sie unter über 6000 anderen Fans sieht und nicht nur einzeln betrachtet, bietet sich ein ähnliches Bild wie bei den Bundesligaspielen auch. Ab und zu wird der Rest bei den Standardgesängen mitgerissen, doch die meiste Zeit sind es auch hier die üblichen Verdächtigen, die die Stimmung tragen.

Zweifellos ist St. Pauli mit diesem Auftritt im Vergleich immer noch ziemlich weit vorne. Doch wenn selbst bei diesem Verein, wo alle nach einem nicht näher definierten Kultstatus streben, die Ultrakultur nach mehreren Jahren nicht von mehr als den üblichen paar hundert Leuten getragen und gemacht wird, dann lassen sich die Perspektiven für Fanszenen bei Spitzenclubs wie unserem doch ziemlich eingrenzen.
Die riesige Mehrheit der Fans wird nur in Ausnahmesituationen zur Stimmung beitragen, das wird auch so bleiben. Andere kann man mit manchen Liedern mitreissen, mit anderen auf Dauer auch gegen sich aufbringen. Der Versuch, konsequent einen “italienischen” Support mit längeren Melodien und Texten zu machen und damit eine sehr puristische Art von ultrá durchzuziehen, kann meines Erachtens nicht zu einem durchschlagenden Erfolg führen, und das Schicksal von USP bestärkt mich in dem Gedanken. In Bremen ist dazu noch klar, dass man die restlichen Kunden damit vor den Kopf stößt und langfristig die Kurve eher noch verschlechtern könnte.
Diesen Weg trotzdem zu gehen ist trotzdem eine vertretbare Einstellung, wenn man sich denn vom primären Ziel, die Mannschaft zu unterstützen, verabschiedet. Denn eine Lautstärke, die dazu taugen würde, lässt sich so in vollen Bundesligastadien nicht erreichen. Diese Ehrlichkeit vorausgesetzt kann man das machen, wozu man selbst Lust hat. So gibt es keinen Grund mehr, sich auf die Deppen, die die Stadien besuchen, auch einzulassen. Andererseits sägt man sich mit der Unterstützung der Mannschaft natürlich einen anderen wichtigen (den wichtigsten?) Pfeiler von Ultrakultur ab.
Und hier zeigt sich das Dilemma des Ultragedankens einmal mehr. Wie man es macht, macht man es falsch. Warum sich Ultrá unter den gegebenen Umständen sowieso sinnlos ist bzw. sich verändern muss, will ich demnächst nochmal ausführlich schreiben, aber wohl eher nicht hier.

Man beachte, dass ich diesen Beitrag über St. Pauli ohne jede Politikbezug beendet habe. Scheiss Lifestylelinke.

Fotos vom Spiel gibts hier. Gewonnen haben die Hamburger und sind nun Tabellenführer.

  1. hast du überhaupt ne ahnung von ultra