Peggy

Ich war noch neu in der Lahnkommune. Aber man kannte sich seit Jahren, und so saßen wir auf dem Balkon und unterhielten uns bei vermutlich gutem Wetter über ebendieses und vielleicht noch jenes. Die Rede kam auf den Trinknapf, den meine Eltern vergessen hatten, als sie mit ihrem Hund zu Besuch waren. Wir überlegten, wie cool es eigentlich wäre, einen Hund zu haben.

Wenige Tage später roch es in unserer Küche nach Trockenhundefutter, auf der Arbeitsfläche standen einige Päckchen Chappi-Imitat, und der Napf stand, mit frischem Wasser gefüllt, auf dem Boden. Am Türrahmen hing eine Leine und eine Hundepfeife. Ohne dass wir uns versehen hatten, hatten wir tatsächlich eine Töle am Hals. Ennos Nachbarn hatten einen massiven Wurf gehabt, und bis sie einen Käufer für das letzte verbleibende Exemplar hatten, sollten wir den Hund, beziehungsweise die Hündin übernehmen. Auf den Namen hatten wir leider keinen Einfluss mehr: Peggy hieß das brave Tier.

Gerade mal sechs Wochen war sie, als sie zu uns kam. Und noch nicht ganz ausgewachsen, wie man untrüglich an unserer Messwand ablesen kann: 29.7.: 41cm, 28.8.: 46cm. Wir hatten so auch unseren Ärger in Sachen Stubenreinheit, ein großer Fleck auf dem Teppich bleibt uns für immer erhalten. Das Tier brauchte unglaublich viel Auslauf, eine ganz lebhafte war sie. Fast nie, wenn jemand zu Besuch war, war sie zu Hause, einige waren sogar so weit, zu behaupten, es gäbe den Hund gar nicht. Meistens war einer von uns gerade auf einem ausgedehnten Spaziergang unterwegs, und manchmal, wenn wir einfach mal zusammen feiern wollten oder eine Auswärtsfahrt bestreiten wollten, konnten wir sie bei meinem Opa in Mahndorf abgeben, mit dem Peggy sich vorzüglich verstand. Vielleicht lag es am teureren Futter, dass Opa dann immer extra einkaufte, wenn ich Peggys Besuch ankündigte.

But all good things come to an end. Ich war beim Erstrundenspiel im DFB-Pokal in Pirmasens, jeder informierte Fan weiß, dass es sich sportlich nicht lohnte. Vielleicht wäre die Fahrt sogar ganz lustig geworden, trotz des Ausscheidens. Doch in der Verlängerung, als für Werder noch alles möglich war, bekam ich eine SMS von Enno, der Hund sei weggelaufen. Besonders beunruhigt war ich noch nicht, schließlich war mir das auch schon mal passiert, aber Enno tat mit leid, der jetzt den ganzen Nachmittag im Blockland verbracht hatte, um nach Peggy zu suchen. Nach dem Spiel waren wir noch ein wenig in der langweiligen Innenstadt von Pirmasens, und ich hatte Peggy schon fast wieder vergessen. Doch auf dem Rückweg zum Bus fiel mir auf, dass es jetzt dunkel wurde, und in dem Moment erreichte mich eine weitere SMS von Enno, er habe die Suche aufgegeben. Sie befindet sich immer noch in meinem Speicher:

Peggy ist immer noch weg. Haben gesucht, bis er dunkel wurde, aber inzwischen kann die sonst wo sein, das gebiet ist einfach zu gross. Morgen früh geht die suche weiter, ich bin so angepisst, meinetwegen kann die verrecken. Hab mich auch noch schön erkältet beim suchen.

Alle, denen ich die Nachricht zeigte, drückten ihr Mitleid aus. Zwar kannte fast niemand den Hund, aber durch unsere Erzählungen von ihr war er ihnen wohl auch ans Herz gewachsen. Bei mir kam zu der Sorge um Peggy noch die Sorge, dass am nächsten Morgen suchen ja ganz schön anstrengend wäre, schließlich würden wir wohl erst gegen acht in Bremen ankommen.

Wir haben Peggy nicht mehr wiedergefunden. Irgendwann kam Michael noch mal ganz aufgeregt nach Hause, er habe sie in der Stadt mit so einem abgefuckten Typen gesehen. Aber Hunde sehen nun mal aus wie Hunde. Ich fürchte, sie ist doch gestorben.

Wie fixe Ideen irgendwann nun mal sterben. Fixe Ideen, die einem irgendwann auf dem Balkon kommen, und die dann aufs schönste und ausführlichste ausgeschmückt werden und mit viel Liebe gepflegt werden. Und deren Ende man dann irgendwann beschließt, und deren Ende man sogar noch ziemlich spektakulär ausgestalten kann. Ich zitiere die SMS, mit der es besiegelt war:

Peggy stirbt nicht, sie läuft weg. Und zwar bald. Dann hängen wir zettel auf und loben eine belohnung aus.

Ganz so hart haben wir es dann nicht mehr durchgezogen. Aber wir haben, wie schon die ganze Zeit davor, behauptet, wir hätten alles gegeben.

  1. Ich liebte sie.

  2. Sie bekam “Bonzo”… Ich dachte immer, das wäre ein Beamtenriegel.

  3. “Morgen früh geht die suche weiter, ich bin so angepisst, meinetwegen kann die verrecken. Hab mich auch noch schön erkältet beim suchen.”

    Wenn das Liebe ist, was ist dann Hass?!?

  4. Das war keine Liebe, das war dann schon Hass. Den habe ich mir antrainiert seitdem beschlossen war, dass Peggy bald weglaufen würde. Das dumme Stück!

  5. Ich hätte was anderes beschlossen. Vielleicht auch mit mehr illegalen Drogen oder Zufällen.

  6. Die Glaubwürdigkeit war bei dieser Geschichte ganz ganz wichtig.

  7. Ich will das “The Godfather” Poster ;)

  8. Müsste von der Sentimentalität und vom Herzschmerz-Faktor her verfilmt werden, leider fehlt das Happy-End irgendwie.