Ruthie Eitan in Bremen

Gestern war nun Ruthie Eitan zu ihrem Vortrag in Bremen in der Villa Ichon. Da gibt es zunächst mal eine interessante Geschichte zur Villa Ichon zu erzählen. Die vergibt einen Friedenspreis, der 2003 an den in Bremen lebenden Historiker und Werderfan :) Martin Rooney ging. Allerdings wurde er ihm schliesslich nicht offiziell verliehen. Stattdessen hat man sich bei der Villa Ichon hinterher von Rooney distanziert. Der Grund dafür war ein Leserbrief von Rooney an die taz, in dem er die Friedensbewegung kritisierte, die im Vorfeld des Irakkriegs gegen Amerika mobilisierte. Zusammengefasst hat das hier die taz, den Leserbrief selbst habe ich leider nicht gefunden. Das Geschreibe von Heinrich Hannover, der Rooneys Leserbrief an seine Friedensfreunde von der Villa gemeldet hatte, kann man sich durchaus sparen. Die Jury hat als Gipfel der Peinlichkeiten in einer Art von Entschuldigung für die “Fehlentscheidung” dann noch 5000€ an Unicef für die Kinder im Irak überwiesen.
Von der Heinrich-Böll-Stiftung wurde schliesslich eine alternative Preisverleihung organisiert, bei der Ralph Giordano eine Laudatio hielt, die man hier nachlesen kann.
Insgesamt ein ziemlich interessanter Vorgang. Auch interessant: Rooney hatte sich zur WM 2006 den Spaß gemacht, sich als Onkel von Wayne Rooney auszugeben.

Netzeitung: Ich weiß. Sie haben die Medien mit der Behauptung, Waynes Rooneys Onkel zu sein, ja ordentlich an der Nase herumgeführt. Was war Ihr Motiv?

Rooney: Ich habe das erstmals im Mai gesagt. Damals war das Wetter saumäßig. Es war kalt und regnerisch, und die Leute hatten lange Gesichter. Ich wollte ein bisschen humorvolle Stimmung verbreiten. Es war ein In-Joke zwischen mir und meinen Freunden hier, und alle haben sich köstlich amüsiert. Mehr nicht.

Netzeitung: Sie hatten also nicht die Absicht, angewandte Medienkritik zu betreiben?

Rooney: Es gehörte in die Rubrik: Verstehen Sie Fußball-Spaß? Es war keine Übung in Sachen Medienkritik, auch wenn ich allerhand anschauliche Beispiele für die Arbeitsweise der Medien frei Haus geliefert bekommen habe im Lauf der letzten Wochen.

Zur Veranstaltung gestern.

In gebührendem Abstand zum Ex-Bürgermeister Henning Scherf samt Gattin enterten wir die Villa, wo gleich mal klar gemacht wurde, wo es langgeht. Zum Thema Protest gegen den Irakkrieg waren zwei Fotos aufgehängt, eins davon von einem Transparent, auf dem “Völkermörder” stand. Diejenigen, die Krieg gegen Völkermörder führen, als solche zu beschimpfen, beweist natürlich einiges an Klasse.
Veranstalter war dann aber gar nicht die Villa Ichon, sondern die Deutsch-Israelische Gesellschaft Bremen, deren Leute nach meinem Eindruck bei der Lozowick-Veranstaltung vor ein paar Monaten und auch diesmal doch sehr anständig sind.

Zum Vortrag ein kurzer Disclaimer: Ich muss mir zu sowas in Zukunft unbedingt Notizen machen, denn jetzt bin ich wieder nicht in der Lage, gewisse Formulierungen präzise wiederzugeben. Also gilt wie immer, dass es vielleicht auch ganz anders gewesen ist.

Ruthie Eitan begann mit der Ankündigung, sie werde keinen akademischen Vortrag halten, sondern viel mehr ein Bild der Lage in Sderot zeichnen, um das Gefühl der Leute, die dort leben und arbeiten, rüberzubringen.

Wenn Kassam-Raketen abgeschossen werden, bleiben den Menschen am Sapir-College genau 15 Sekunden, bis die Rakete einschlägt. In der Zeit lässt sich wenig machen, also wartet man einfach ab, geht bestenfalls noch weg vom Fenster. Und so werden 15 Sekunden quälend lang, bis der Einschlag irgendwo auf dem Gelände zu hören ist und damit Entwarnung gegeben ist.
Eitan wohnt einen Kilometer von der Westbank (in der sie trotzdem noch nie war) entfernt und fährt zur Arbeit zum College mit dem Auto. Während sie im Auto über das College fährt, kann sie schlecht in die Luft gucken und auch keinen Alarm hören, was wiederum zu ständiger Ungewissheit führt. Steigt sie dann aus und geht zu einem Gebäude, kann sie immerhin wieder um sich gucken.

Die Einschläge der Kassams, ein paar tausend in den letzten Jahren, werden dabei trotzdem zur Selbstverständlichkeit. Als kürzlich eine neben ihrem Büro einschlug, plante sie eine Stunde später schon ihre Deutschlandreise weiter, was bleibt einem auch anderes übrig?

Kassam-Raketen werden in Eigenproduktion hergestellt. Man benutzt dafür teilweise Ampeln (die natürlich Israel in Gaza gebaut hat), füllt sie mit einer Mischung aus Waschmittel, Dünger und anderem, schweisst Flügel dran und schiesst sie ab.
Über die verursachten Zerstörungen hat sie wenig gesagt, es ging mehr um die psychologische Wirkung der ständigen Bedrohung. Allerdings werden die Raketen immer “besser”, legen an Reichweite und Größe zu.

Auch der Zeitpunkt der Abschüsse ist oft gut ausgewählt und zeugt von bester Informierung über das Internet. Macht man Veranstaltungen für potentielle neue Studenten oder baut eine Bühne für die Abschlussfeiern, kann man schon sicher davon ausgehen, dass es wieder Raketen an den entsprechenden Plätzen regnet.
Führt man sich die Herstellungsweise vor Augen wird auch klar, dass man auf militärischem Wege wenig gegen die Raketen tun kann. Angedacht ist ein ebenfalls wenig beschriebenes Abwehrsystem für 11 Millionen Dollar, das allerdings niemand finanzieren will. Damit kommt man auch zum Anliegen von Eitans Reise.

In Israel kümmert sich niemand um die Probleme in Sderot und am College. Die ständige Bedrohung durch Amateurterroristen produziert nicht mal einen Bruchteil der Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft, die etwa der letzte Krieg gegen die Hizbollah nach sich gezogen hat. Mit dem kleinen College in der Wüste sei man, so sagte sie in ihrem ganz eigenen Denglish, “literarisch in die Wüste gegangen”. Man fühlt sich von der israelischen Regierung und Gesellschaft im Stich gelassen. Niemand kennt Sderot, im Ausland erst recht nicht. Aus Deutschland “war ein einziger Journalist mal da, von der Jungle World aus Berlin”, erwähnt Eitan den wunderbaren Ivo Bozic.

Und so geht es ihr offensichtlich darum, um Aufmerksamkeit und Hilfe zu bitten. Ein paar andere Punkte verdeutlichen die verzweifelte Lage.
Das Sapir College ist eine links/sozialistisch geprägte Einrichtung, die versucht, für alle offen zu sein. So gibt es dort neben Studenten aus den verschiedensten Ethnien (Juden, Araber, Drusen, Beduinen usw.) auch einen Unterbau mit Kindergärten und Aufbaukursen. Neue Gebäude werden im Moment u.a. von Arbeitern aus Ramallah gebaut, Eitans Gärtner kommen ebenfalls aus der Westbank. Es leben also alle möglichen Gruppen dort.
Auch der oftmals für den “Friedensprozess” als so wichtig beschriebene Dialog mit den Palästinensern wurde hier, 800 Meter (!) vom Gazastreifen entfernt, gepflegt und gefördert, bis die zweite Intifada das enorm erschwert hat. Eitan sagte sehr prägnant: “Wir sind keine illegale Siedlung oder so etwas.” Zuerst dachte man, sie wollten Ariel Sharon beschiessen, der hinter dem College Land besitzt. Doch der ist schon eine ganze Weile nicht mehr dort und die Raketen fliegen weiter.
Es geht also offensichtlich nicht um irgendeine bestimmte Politik oder bestimmte Leute, es geht um Israel als Feind, der terrorisiert wird.

Auf Nachfragen, warum der Terror in Sderot in Israel kaum beachtet wird, entgegnete Ruthie Eitan, dass das Thema eben nicht “sexy” sei und somit für die Medien nicht besonders verwertbar, was ich nicht so wirklich verstanden habe. Auf Politiker, die sowieso nur redeten, habe sie auch keine Lust. Vom aus Russland eingewanderten Milliardär Arkadi Gaydamak wolle sie auch kein Geld haben, bei dem man nicht weiss, wo es herkommt. Hier scheint mir die PR-Arbeit nicht ganz so klasse zu sein…

Sehr interessant war auch ihre Beschreibung des gnaz normalen Wahnsinns im Umgang mit dem Gaza-Streifen. Israel stelle alles für Gaza zur Verfügung: Wasser, Strom, Gas, Handynetz, alles wird aus Israel geliefert, direkt an ihre Feinde, die dann mit dieser Unterstützung Raketen und Bomben bauen, um Israel anzugreifen. Journalisten unterhielten sich mit Hamas-Leuten, als ob das ganz normal wäre, und hinterher gehen die Interviewten nach Hause und überlegen sich neue Anschläge. Wieder Denglish: “Das ist der mittlere Osten!”
Sie frage sich im übrigen, ob die Leute in Gaza nicht auch furchtbare Angst hätten, schliesslich sitzen sie auf Unmengen von Sprengstoff und Waffen. “Das wird alles nach Gaza gebracht.”

Aus dem Bremer Publikum, das sich wie gehabt aus älteren bürgerlichen Menschen nebst 2-3 mutmaßlich israelischen Studenten zusammensetzte, wurde noch gefragt, warum denn niemand die 11 Millionen zahlen würde, ob zuviel für Krieg ausgegeben werde.
Der Moderator von der DIG hob noch einmal hervor, dass trotz des Terrors in Sderot wie auch Israel so gut wie kein Hasse entstünde, eine grosse Stärke der israelischen Gesellschaft, die als Überlebensgarantie tauge.

Ich fragte gegen Ende nach ihrem Bild von Deutschland aus der Perspektive einer Israeli, wobei sie mich überraschte. Sie setze große Hoffnungen auf diesen “zweiten Verbündeten” nach den USA. So sei Sderot ein Thema beim Presseball, wo man dann auch Geld sammeln könne. Allerdings werde es wohl schwierig, dort von Raketen zu reden, wenn alle tanzen wollen. Bei ihren Freunden gelte sie auch als “germanophil”.

Jemand anders, ich glaube von der Heinrich-Böll-Stiftung fragte noch, ob man mal drüber nachgedacht habe, einen Schutzkorridor an der Grenze zum Gaza-Streifen einzurichten, womit das College dann auch weit ins Landesinnere verlegt werden müsste. Mehrere Leute entgegneten, dass man dann schon verloren hätte und irgendwann vor den neuen Raketen weiter flüchten müsste, immer weiter. Eitan, sinngemäß:

Dann könnten wir auch den Vorschlag von Ahmadinedschad umsetzen und alle nach Europa gehen. [Pause] Keine Angst, wir kommen nicht. Wir bleiben da.

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