Länderpunkt Israel

Gleich zwei Spiele an einem Tag durften wir während unseres Aufenhalts in Tel Aviv sehen, aus sportlicher Sicht wahrlich kein Privileg. Doch alleine das Wetter ließ das Herz des Liebhabers gepflegter Outdooraktivitäten höher schlagen. Zwar musste ich mir auch schon mal mitten im Winter fast alle Kleider vom Leib reißen, weil es so heiß im Stadion war, doch war dieser Umstand der seltsamen Heizung unterm Dach in Leverkusen geschuldet. Diesmal war die Wärme echt und mit kitzelnden Sonnenstrahlen verbunden, und das am 8. Dezember!

8.12.2007 - U18: Hapoel Tel Aviv - Maccabi Tel Aviv 0:0

Ähnlich attraktiv mutete der Anlass an, der uns auf den Sportplatz am südlichen Stadtrand von Tel Aviv gelockt hatte. Dort nämlich sollten unter den Augen von etwa 1000 Zuschauern die U18-Mannschaften der Stadtrivalen Hapoel und Maccabi aufeinandertreffen. Wir hatten erwartet, dass diese Begegnung ein Aufeinandertreffen der verfeindeten Fanszenen nach sich ziehen würde, doch da hatten wir uns geschnitten. Es war keine organisierte Ansammlung von Maccabi-Fans auszumachen. Fast alle Zuschauer gehörten zu den Roten, und dank entspannter Mentalität und der Anwesenheit von reichlich (ziviler) Polizei blieb der Idiot mit Ultras Maccabi-Pulli unangetastet. Überhaupt, mit Ultra-Klamotte rannten so einige Kinder und Normalos durch die Gegend.

Der Support war im Gegensatz zur Besucherzahl sehr bescheiden. Viele ältere Fans kamen erst sehr spät, die jüngeren versuchten sich mit ein paar Schwenkern und Melodien, die einem überwiegend aus St. Pauli (und somit auch aus Bremen) bekannt waren. Das Spiel war unglaublich langweilig. Beide Mannschaften bauten ihr Spiel ganz gut auf, aber nur, bis sie auf 35 Meter ans gegnerische Tor gekommen waren, man kann sich den resultierenden Grottenkick vorstellen.

8.12.2007 - Premier League: Hapoel Tel Aviv - Maccabi Netanya 0:1

Zum Abendessen ging es fix ins Hostel, das direkt neben dem wunderschönen Bloomfield gelegen ist. Leider hatte man uns nur Karten für die Gegengerade besorgen können, und auch der Versuch, uns über Kontakte in die Fankurve von Hapoel zu schleusen, scheiterte. So konnte man in aller Ruhe dem Spiel und dem Treiben auf den Rängen widmen. Letzteres war wesentlich interessanter. Schon lange vor dem Spiel wurde auf beiden Seiten ausgiebig gesungen, geschwenkt und getanzt. Dies wurde begünstigt dadurch, dass es absolut gar keine Form von Beschallung gab, unmittelbar vor dem Einlaufen las der Stadionsprecher die Aufstellung vor. Direkt vor dem Anpfiff wurden die Kerzen des Chanukka-Leuchters angezündet und ein Sänger trug ein Lied vor. Insbesondere auf Hapoel-Seite hatten die Fans nicht hinreichend Geduld dafür, so dass er sein Lied nicht zu Ende singen konnte. Das Spiel war genau wie das vom Vormittag eine reine Horrorshow, nur dass man dieses Mal die Schuld eindeutig auf seiten Hapoels suchen konnte. Netanya konnte seine Tore schießen, wie es wollte, und die Tel Aviver konnten von Glück reden, dass sie nicht mehr als das eine Mal wollten. Für die Zuschauer war es umso langweiliger. Völlig zurecht steht die Mannschaft aktuell auf dem letzten Platz der israelischen Premier League, und auch der neue Trainer, der an jenem Abend seinen Einstand “feierte”, wird daran nichts ändern können. Symptomatisch eine Situation in der letzten Minute: Hapoel bekommt den Ball, keiner bewegt sich auch nur einen Meter nach vorne, und der ballführende Spieler lässt die ganze absurde Situation darin gipfeln, dass er den Ball einfach völlig hohl aus der eigenen Hälfte nach vorne ins Toraus spielt.

Besonders gewürdigt werden muss die Nummer 12 von Hapoel, dessen Vorstellung irgendwo in der Grauzone zwischen traurig und lustig verortet werden kann. Er brachte zum Beispiel in drei Versuchen direkt nacheinander keine Flanke zustande, die höher als 50cm in den Strafraum gekommen ist. Taktisch ist er so schlecht, dass wir am Ende Zweifel an seiner Position hatten. Dann wurde er ausgewechselt. Komisch ist dazu noch die Information, die Wikipedia bereit hält:

He started his career at Bnei Yehuda Tel Aviv F.C. and was linked with moves to Europe. However, he failed to live up to expectations and transferred to Hapoel Tel Aviv in 2007.

Hapoel begann mit einem hübschen Konfetti-Intro und einigen Doppelhaltern eher mieser Qualität. Das erinnerte doch sehr an die Eastside. Der Stimmungshaufen ist dabei ungefähr so groß wie in Bremen, im Verhältnis zum Rest vom Publikum ist er damit natürlich sehr viel größer als bei uns. Wie überall im Süden sind die Menschen offensichtlich sehr viel begeisterungsfähiger als hier, alles kommt leidenschaftlicher daher. Dieses Mal war die Stimmung bei Netanya besser als bei Hapoel, was man wohl mit dem Spielverlauf erklären kann. Kurioserweise wechselten einige der Netanyafans (Ultras?) mitten im Spiel ihren Standort und gingen auf die andere Seite der halbleeren Tribüne. “Gespaltene Szene?”, fragt sich da der Bremer und bekommt keine Antwort.

Epilog

Maccabi bezeichnet meist bürgerliche Vereine, während Hapoel Arbeiterclubs sind. Bnei Yehuda oder Beitar sind jüdische religiöse Vereine. Die Hapoel Fans sind folgerichtig sozialistisch orientiert, etwa 80% der Leute im Stadion seien politisch, wie man uns erzählte. Bei den Ultras sind es denn noch ein paar mehr. Gestern spielte Hapoel in Jerusalem gegen Beitar, ein Spiel mit einigem Konfliktpotential, da die Beitarfans recht offen rechtsradikal und teilweise rassistisch sind. Hapoel verlor selbstverständlich, 1:0. Sie werden absteigen.

Im zweiten Teil unseres Israelfussballspezials gibts noch in dieser Woche: “Maccabi Haifa und warum alles ganz furchtbar ist.” Und natürlich Fotos.

  1. Hallo “Jugendliche”! Ihr seid übrigens wieder zurück, wie mir Werder heute mitteilt:
    http://www.werder.de/aktuelles/news/meldung.php?id=12211

    Schön, wenn sich Ultra-, Sozialarbeiter und PR-Duktus derart vereinen.

    Über weitere Reisegeschichten würde ich mich freuen.

  2. Ich bin ungefähr so motiviert, wie ich jugendlich bin. Haha! Einer Instrumentalisierung meiner Person für werder.de hatte ich ungezählte Male widersprochen, aber das stört den stolzen Hafke offensichtlich wenig.

    Zu weiteren Reisegeschichten wendest du dich am besten direkt an die Reisenden, hier im Blog werden noch schöne Fotos verwurstet und eher so grundsätzliche Sachen beschrieben.