Mir gegenüber sitzt ein Mann, vielleicht hat er gerade die Sechzigermarke überschritten, und er erzählt mir von seinem Unternehmen, einem recht erfolgreichen Unternehmen. Zumindest stellt er das so da, und das in einer Weise, die mir irgendwie zusagt, locker, trocken und einfach. Er redet wie ein erfolgreicher Fußballtrainer, und das ist kein Zufall, denn er leitet einen Fußballverein. Oder eine Fußballfirma? Er berichtet von seinen Marktanteilen, dass die meisten Fußballinteressierten im Land seinen Verein unterstützen, dass sein Team in den vergangenen Jahren so oft den Titel holen konnte, dass es jetzt einen Stern über dem Vereinswappen tragen darf. Er berichtet von den neuesten Dingen, die man sich für die Bindung von Fans ausgedacht hat. Es gibt eine Plastikkarte, ohne die man beim Verein nichts kaufen kann und mit Hilfe derer alle diese Einkäufe gespeichert werden. Er weiß genau Bescheid, wer seine Kunden sind, und damit sie es auch bleiben, wird es demnächst ein Bonusprogramm geben: Die Fans sammeln Goals und können dann je nach persönlicher Vorliebe mit den Spielern dinieren oder eine Freikarte erhalten.
Mir gegenüber sitzt weder Manfred Müller noch Uli Hoeness, es handelt sich um den CEO des israelischen Erstligisten Maccabi Haifa, Itamar Chizik. Die Schals, die er uns schenkte, sind immerhin grün-weiß, doch die Buchstaben erschrecken umso mehr. Wer ihn zur Schalparade hochhält, präsentiert sich als Fan von Maccabi Honda Haifa. Das Bremer orange ist in Haifa übrigens schwarz, die neue Kollektion verkauft sich bestens.
Vielleicht war es illusorisch anzunehmen, dass in der israelischen Liga der Unfug mit dem Fußball noch nicht so weit getrieben würde. Gründe für diese Annahme gäbe es ja durchaus: Die Liga kann zurecht als bedeutungslos bezeichnet werden, sowohl im Vergleich zu den Ligen Europas als auch anhand ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Gerade einmal fünf Vereine weisen nennenswerte Auswärtsfahrerszenen auf, das Stadion, in dem drei Tel Aviver Erstligisten spielen, fasst 15700 Zuschauer. Immerhin sind fast alle Stadionbesucher auch Supporter im Sinne einer Defintion, die sie von Fußballkonsumenten trennt.
Doch so lässt sich kein Geld machen, und langfristig wird sich der Sport ohne Geld nicht aus seinem Mauerblümchendasein befreien können. Das erkennen die Manager kraft ihrer Profession, sofern sie sie gut ausfüllen, und machen sich daran, ihre missliche Situation zu verbessern: Sie holen Investoren in die Vereine (was in Israel wesentlich leichter ist als in Deutschland), schauen sich Marktforschungs- und Kundenbindungsprogramme bei den erfolgreichsten Fußballunternehmen der Welt ab und fangen an, sich in einer Weise zu präsentieren, die einem Verein von Welt entspricht.
Das Beispiel Israel zeigt: Es würde uns noch nicht einmal helfen, wenn unser Verein, unsere Liga oder unser Sport als Ganzes weniger erfolgreich wären, denn dies würde nur zu noch konzentrierterem Gewinnstreben in den Chefetagen führen. Das einzige, was uns erspart bliebe, wären Spieler wie Diego und Erlebnisse wie München 2004.





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