Bergen-Belsen

Die Hinterlassenschaften der Nazis aus der Zeit, in der sie an der Macht waren, sind für mich bislang immer ein Sommerziel gewesen, mit Ausnahme der Autobahnen vielleicht, und der Städte ohne Synagogen. Und als ich im Winter Yad Vashem besuchte, schien die Sonne. Das war mir so noch nie aufgefallen, bis ich am vergangenen Wochenende Bergen-Belsen, etwa 100 Kilometer von Bremen entfernt, besuchte. Es regnete den ganzen Tag. Das grau des vor wenigen Monaten eröffneten Museums passte gut in die Landschaft. Die anderen beiden Farben im Museum sind schwarz und weiß. In diesen Farben wird auf vielen Fotos gezeigt, wie die russischen Kriegsgefangenen, für die das Lager anfangs eingerichtet wurde, vor sich hin vegetierten und elend starben. Für mich besonders beeindruckend, wie sie anfangs auf dem völlig unbehandelte Heidegelände eingezäunt wurden und über den ersten Winter selbst sehen mussten, wie sie überlebten. Viele behalfen sich mit Erdhöhlen. Auf den Schwarzweißfotos sieht das alles irgendwie nach Fünfzigerjahrefilm aus. (Wurden eigentlich schon einmal die Auswirkungen der zur Verfügung stehenden Dokumentationsmedien auf die Qualität der kollektiven Erinnerung erforscht?) Doch das fürchterliche Aussehen der Männer und Frauen ist tatsächlich der Typhus-Krankheit geschuldet, von der ich mangels Anschauung keine Ahnung habe - in einem Industrieland ist es so gut wie unmöglich, sie zu bekommen. Doch wenn man kurz aus den großen Fenstern guckt und den Blick vor allem mal auf den durchnässten Boden richtet, ahnt man, wie es hier ausgesehen haben muss, als Tausende Menschen ohne Häuser und Toiletten monatelang eingesperrt waren und obendrein vielfältig misshandelt wurden.

Obwohl mich die monotone Betonarchitektur des mit 18 mal 200 Meter eigenwillig dimensionierten Museums doch etwas langweilt, ist mit den Fenstern in Richtung der Heidelandschaft mit ihren Massengräbern eine gute Einbettung in die Realität gelungen. Das Museum ist einfach strukturiert. Im ersten Teil wird die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers gezeigt. Hier wurden überwiegend sowjetische, aber auch polnische, französische, belgische und italienische Kriegsgefangene so menschenverachtend gefangen gehalten, dass etwa 20000 von ihnen starben, allein 14000 im Winter 1941/42, bei insgesamt 21000 Häftlingen zu der Zeit. Auch viele polnische und jüdische Widerstandskämpfer aus Warschau waren hier inhaftiert. Mit zahlreichen juristischen Winkelzügen entzogen die deutschen einzelnen Gruppen von ihnen immer wieder den Status als Kriegsgefangene und setzte sie als Zwangsarbeiter ein, etwa zum Bunkerbau in Bremen.

Im April 1943 übernimmt die SS einen Teil des Lagers und richtet dort ein KZ ein. Mit diesem beschäftigt sich der zweite Teil der Ausstellung, etwas besser mit Exponaten ausgestattet als der erste. Das KZ diente überwiegend der Unterbringung sogenannter Austauschjuden aus Ländern, von denen sich die Nazis Gegenleistungen im Falle einer Freilassung erhofften. Ein guter Teil besaß Ausreisepapiere für Palestina, sie wurden oftmals ganz gezielt verhaftet, nachdem sie diese Papiere bekommen hatten. Es kam allerdings nur zu einem einzigen Austausch, etwas über 200 Juden kamen frei. Mit der sich abzeichnenden deutschen Niederlage kamen dann immer wieder Juden aus den Vernichtungslagern Osteuropas hinzu, und Anfang 1945 war das Lager so überfüllt, dass tägliche hunderte starben, unter ihnen auch Anne Frank. Insgesamt werden es am Ende 50000 tote KZ-Häftlinge sein. Vor der Berfreiung durch die Engländer verlassen drei Züge mit je 2500 “Austauschjuden” Bergen-Belsen Richtung Theresienstadt, von denen einer sein Ziel erreicht. Das Lager wird von den Deutschen ohne große Gegenwehr den Befreiern überlassen. Diese finden die totale Katastrophe vor. Angesichts der wütenden Seuchen brennen sie das Lager komplett ab. Überall liegen verhungernde Menschen herum. Nach der Befreiung sterben bis in den Sommer hinein noch 13000 Lagerinsassen an den Folgen ihrer Haftzeit.

Die Kriegsgefangenen gehen nach Kriegsende in ihre Länder zurück. Die Juden haben kein Land, in Deutschland wollen die meisten nicht dauerhaft bleiben. Auch Osteuropa stellt für viele keine Option da, Stalinismus und Antisemitismus schrecken ab. Die “freie Welt” will sie erst mal nicht haben. So gründen sie auf dem Gelände des Lagers eine eigene Gemeinschaft, mit Schule, Synagoge und Vereinen. Von diesem Displaced Persons-Lager handelt der dritte Teil der Ausstellung. Alljährlich gedenken sie der ermordeten Freunde und Verwandten. Viele engagieren sich politisch, vornehmlich sozialistisch-zionistisch, und es gibt Demonstrationen, etwa anlässlich der Irrfahrt der Exodus. Nach der Gründung des Staates Israel geht die Mehrheit dorthin, einige können nun auch in die USA und nach Kanada auswandern.

Leider ist auch von diesem Displaced Persons-Lager nichts stehen geblieben. Rund um das Museum liegen einige Gebäude mit Forschungs- und Bildungseinrichtungen, auf dem Lagergelände befinden sich Friedhöfe und Denkmäler der verschiedenen betroffenen Nationen sowie ein Haus der Stille.

Auf dem Rückweg Richtung Bergen kann man noch kurz an der Bahnrampe anhalten. Da sie aber immer noch zum Verladen von NATO-Panzern genutzt wird, gibt es dort nicht viel zu sehen, und man muss aus irgendwelchen militärischen Gründen sein Auto einen Kilometer vorher abstellen und den Rest gehen, um den Gedenkstein und einen der Viehwaggons anzuschauen, in denen die Häftlinge ankamen und dann kilometerweit ins Lager getrieben wurden. Bei jedem Wetter.

danke für den bericht, sehr schön zu lesen.

Gern geschehen. Eben stieß ich noch auf diesen Hinweis auf eine Doku über das DP-Lager, das klingt ja ganz interessant. Da muss man wohl mal die öffentlich-rechtlichen beobachten, vielleicht wird die Sendung ja noch mal wiederholt.