oder: Warum es so wichtig ist, dass sich führende Fangruppen antifaschistisch positionieren
In den Achtziger Jahren waren deutsche Stadien kein guter Ort für selbstständig denkende Menschen. Viele Fanszenen waren zumindest latent nationalistisch und ihrem Gepräge nach sehr deutsch: vereinsmäßig organisiert, volkstümlich, männlich, suffig, dumm. Vielerorts, auch in einigen Ecken des Weserstadion, kann auch heute noch ein beklemmendes Gefühl aufkommen.Die Fankurven und die Menschen, die sie formen, weisen oftmals Eigenschaften auf, die man leider unwillkürlich mit Faschismus in Verbindung bringen muss, fast alle in der Wikipedia genannten Eigenschaften werden erfüllt: Gewalt spielt eine große Rolle, je gewalttätiger Gruppen sind, desto wahrscheinlicher sind dem Führerprinzip nachempfundene autoritäre Machtstrukturen. Dazu kommt ein naturalistischer Sozialdarwinismus, so hörte ich kürzlich tatsächlich die Argumentation, die Ernennung von Capos in einer Gruppe sei natürlich, wie überall im Tierreich und auch bei den Menschen der vergangenen 10000 Jahren hätten sich die Leistungsträger an die Spitze gesetzt. Nationalismus ist stets präsent, Antisemitismus tritt wie Herpes immer wieder auf, ebenso ein Rassismus, der angesichts zahlreicher ausländischer Leistungsträger in eigentlich allen Vereinen nur durch unglaubliche Dummheit zu erklären ist. Dazu kommt Superiorismus gegenüber den Gegnern, der zwar nicht immer ganz ernst gemeint ist, aber letztlich das fürchterliche Bild nur vervollständigt.
Man kann sich also fragen, warum unser Lieblingssport nicht immer die tolle menschen- und völkerverbindene Kraft entfaltet, die ihm so oft zugeschrieben wird. Fußball zieht Menschen, nicht selten sozial Benachteiligte, an, die gerne Teil einer starken Masse sind. Umgeben von Tausenden Gleichgesinnten schreien sie ihren Verein nach vorne. Ihnen entgegen stehen die anderen, der gegnerische Verein und sein Anhang. Fast seitdem es den Fußball gibt, messen sich nicht nur die Mannschaften auf dem Platz im sportlichen Wettkampf, auch auf den Rängen vergleicht man sich, verbal und nonverbal. Dabei steigen solche in den Hierarchien auf, die laut sind und ordentlich austeilen können und außerdem gewisse Führungsqualitäten aufweisen. Es gibt klare Regeln, wer wo stehen darf und wer was entscheidet.
Dieses Gefüge, das sich über die Jahre entwickelt hat, spricht wiederum (vielleicht gar nicht fußballinteressierte) Menschen an, die auch von faschistischen Menschenfängern immer wieder gesucht und gefunden werden. Sie suchen Stärke, Einheit, Führerschaft, Zusammenhalt, Macht. Wenn diese Menschen Teil der Fanszenen werden, dann werden sie geprägt. Andererseit prägen auch sie die Fanszene. Und da sie potenziell faschistischen Ideologien anhingen, hielten und halten diese immer wieder Einzug in den Kurven.
Im Zuge der Ultrabewegung kam es in Deutschland vielerorts zu einem Generationenwechsel. Die Fans verlangten sich selbst wesentlich mehr ab als noch zuvor, als Fan-Sein meistens auf die Wochenenden beschränkt blieb. Die Fans beschäftigten sich mehr mit ihrem Verein und auch mit sich selbst. Ihre Organisation wurde zunehmend professioneller, und angesichts ihrer durch Kommerzialisierung und Repression aufgezwungenen (fan-)politischen Betätigung entstand auch ein Bewusstsein für eine sonstige politische Position. Diese Erkenntnis wurde unterschiedlich umgesetzt. Anders als in vielen Fanszenen Italiens gab es in Deutschland anfangs kaum die klare Aufteilung in links- und rechtsextreme Gruppen. Viele schrieben sich auf die Fahne, unpolitisch zu sein: Football without politics, wir können alle zusammen feiern, auch wenn einige dabei sind, die unter der Woche Ausländer jagen. Und wenn dann die Gegner als Juden, Zigeuner oder beliebige Nichtdeutsche bezeichnet wurden, in der Absicht, sie zu beschimpfen, wurde mit einer gewachsenen Kultur argumentiert. Diese ist so ziemlich allen deutschen Stadien zweifellos vorhanden, doch unpolitisch ist man dennoch nicht, wenn man mitschreit oder auch nur tolerant danebensteht. Und so rutschten viele Szenen aus oben genannten Gründen nach rechts, weiterhin eifrig beteuernd, Politik spiele im Stadion keine Rolle. Und wenn die Nazis erst mal richtig da sind, ihre Ideologie mit der Gruppenkasse verbreiten und das Gruppenfanzine zum Stürmer machen, kriegt man sie auch nicht mehr weg, unpolitisch sein wird zur Überlebensstrategie, im wörtlichen Sinne.
Die Erkenntnis, dass alles Handeln und Nicht-Handeln politisch ist, erfordert also mehr als ihre vehemente Verneinung. Sie erfordert eine ausgiebige Reflexion über die Ziele, die man (fan-)politisch erreichen will, und die Grundsätze, unter denen dies geschehen soll. Dazu sollte dann gehören: Alles, was wir machen, machen wir ohne Nazis und solche, die es werden wollen. Solange es nur wenige von ihnen gibt, kann eine solche klare Positionierung der relevanten Gruppe(n) schon reichen, um langfristig ein Stadion ohne Naziproblem zu haben, und als Nebeneffekt eine Stadt mit weniger Nazis als sonst, denen mit dem Stadion ein wichtiger Rekrutierungsraum fehlt. Wenn man Pech hat, gibt es in Stadt und Verein bereits einen gefestigten Stamm nationalistischer Hohlbratzen. Leider befreit das nicht von der Aufgabe, bei seinen Grundsätzen zu bleiben.

12 comments
Comments feed for this article
Trackback link
http://www.verbrochenes.net/2008/01/27/fussball-und-faschismus/trackback/
28. Januar 2008 at 17:19
Sören
Ein Lob für diesen Artikel. Man sollte sich einige deiner Gedanken mal zu Herzen nehmen und über einige Dinge nachdenken, und das fängt bei jedem selber an!!! Auch Dinge wie Homophobie sind ja nicht nur latent in den Kurven vertreten…
28. Januar 2008 at 21:19
Sarah
Ein wichtiges, zu Diskussionen einladendes Thema! Ich möchte einen Gedanken, den mein Vor-Kommentator anspricht und der sich auch im Beitrag von Joinsen findet, aufgreifen.
Die “männerbündische Organisation”, vormals definiert durch den Ausschluss von Frauen und ausgedeht auf alles, was als in irgendeiner Form “unmännlich” erscheint und in seiner klassischen Form von männlichen (rechten?!) Kameradschaften repräsentiert, hat häufig neben einer rationalen auch eine erotische Basis.
Die Stichworte Treue, Ehre, Gefolgschaft, Gehorsam etc. lassen sich bruchlos auf den Fußball und die zu ihm gehörenden Fanszenen anwenden. Zeremonien und Initiationsriten (Gesänge, Sprüche) sowie die hierarchische Struktur von (Ultra??!) Gruppierungen und ihre innere (und äußere) Verbindung in der Ablehnung und (in teils wörtlichem Sinne) Bekämpfung eines “künstlichen” Feindbildes, den “Mädchen” und “Schwulen” (als die die Gegener gern beschimpft werden) negiert ihre eigene homo-erotische Komponente, der der Fußball auf dem Platz und vorallem den Rängen eine so wunderbare, vielgestaltliche Plattform bietet!
29. Januar 2008 at 22:04
Lachender
Also sorry, ich bin selbst Antifaschist aber so nen lächerlichen, schlechten Text hab ich noch nie gesehen.. geh mit Puppen spielen..
29. Januar 2008 at 22:29
Bonde
Und was daran ist lächerlich und schlecht?
30. Januar 2008 at 09:45
Caspar
Erstaunlich, wenn Texte mit “Ich bin selbst dort gewesen, selbst links und/oder selbst Antifaschist” bzw. mit “ich habe selbst ausländische, jüdische und/oder schwule Freunde” beginnt, folgt meist hinter einem „aber“ etwas Ungeheuerliches. Meist verbergen sich waschechte Rassisten, Sexisten, Antisemiten und/oder Faschisten hinter solchen Einleitungen. Oder einfach Idioten. Den aufrichtigen und ernsthaften Ansichten, die Joinsen äußert, möchte ich beipflichten. Die Auseinandersetzung zeigt, dass Ihr in der Trennung von Ernst und Ironie etwas sorgfältiger sein solltet, einige Male stolperte ich beispielsweise über einen operettenhaften HSV-Hass. Die in diesem Zusammenhang formulierten historischen Parallelen stießen mir etwas sauer auf, und ich sehe dadurch die Stoßrichtung der nicht ironischen Beiträge unnötig gebremst.
Ich trinke alle mal lieber mein Bier mit einem weltoffenen HSV-Anhänger als mit einem Faschisten, der zufällig grün-weiß trägt.
30. Januar 2008 at 12:34
Moshe Dayan
Ein wirklich schoener Beitrag, kann ich so auch nur unterschreiben.
Die ehrliche Frage, die man(vermutlich meist mit 2 n..) in diesem Falle aber stellen muss ist eine ganz schoen schwierige: Worin liegt dann ueberhaupt noch die Faszination von Fussball (als aktiver Stadiongaenger), wenn einen der Grossteil der Stadionbesucher nur noch abstoesst?
30. Januar 2008 at 13:50
Sarah
“Lachender”, wenn Du meinst, etwas sei lächerlich und schlecht, erwarte ich eigentlich, dass Du das auch näher begründen kannst und Ideen hast und darauf aufbauend andere Vorschläge machst! Sich hinzustellen und zu sagen “alles Mist” so ungefähr ist ja wohl ein bißchen wenig, oder? Die in Deinen Augen Lächerlichkeit des Textes sollte doch gerade Dich als Antifaschisten zu mehr als diesem Kommentar anregen!?
Noch zu einem Punkt, den ich in dem Text wichtig finde: Das ständige Begründen von Handeln durch irgendeine imaginäre “Natürlichkeit” von Dingen, verbunden mit eben jenen von Joinsen angesprochen sozialdarwinistischen Argumenten, ist wirklich nur mit unfassbarer Dummheit zu erklären. Jedwede Form von “Natur” im weitesten Sinne ist allein durch den Gebrauch von Sprache als ihrer Beschreibung kulturell geformt und dient einzig und allein dem Zuweisen gesellschaftlicher und sozialer Rollen, die dem Machterhalt der jeweils Herrschenden dienten und dienen. Die Ausprägung des Begriffes “Natur” unterlag und unterliegt dabei Interessen geleiteten Absichten des Begründenden und es verbietet sich allein aus diesem Punkt heraus das Verwenden eines feststehenden Naturbegriffs, welcher irgendein Handeln legitimieren soll!
1. Februar 2008 at 23:46
Steven
sorry,
habe den Text jetzt nicht verstanden, also das Fazit.
Soll der Text jetzt darauf hinweissen das ihr euch mehr politisch organisiert oder wie oder was?
hoffe jemand kann mir helfen,
danke.
2. Februar 2008 at 14:04
Joinsen
Wen meinst du mit “ihr”? Und was mit “politisch organisieren”? Das klingt ganz fürchterlich nach Partei in meinen Ohren.
Es fällt mir jetzt ein wenig schwer, die Frage zu beantworten, solange die beiden Sachen unklar sind. Der Text ist aber eigentlich als einfach als Argumentation gegen das Unpolitisch-Sein gemeint, der für alle Fanszenen anwendbar ist.
11. Februar 2008 at 14:22
...
Ich hätte mal eine Frage an Caspar. Meines Erachtens nach geht es in dem Text allgemein um die politsche Einstellung “einiger” Fans bzw. Fanszenen, die sich nicht auf einen Verein bzw. eine Gruppierung beschränken. Das dir aufgefallen ist, dass einige Bremer, einen wie Du es nennst “Hass” gegen den HSV entwickelt haben, beruht soweit ich weiß auf Gegenseitigkeit, genau wie es bei Schalke 04 und Borussia Dortmund der Fall ist. Deine Aussage ist mir zu subjektiv. Natürlich, zu Beginn des Textes steht zwar “Weserstadion”, aber ich gehe davon aus, dass nicht nur Anhänger des SV Werder Bremen damit gemeint sind, zumal es in anderen Stadien politische Bewegungen bzw. Fans gibt, die ebenso rassistisch veranlagt sind. Viel mehr geht es im Allgemeinen darum, dass es in Stadien vermehrt zu solchen Einstellungen kommt und das hat nichts mit bestimmten Vereinen zu tun.
26. Februar 2008 at 03:56
MIke
Also man kann ja bekanntlich über vieles Diskutieren aber ob es etwas bringt,dass ist ne andere sache,Deswegen würde ich sagen dass man Es eh nicht ändern kann was eine Diskusion überflüssig macht..
16. März 2008 at 09:34
wechselchor
Danke Joinsen!