Januar 2008

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Ein älterer, aber noch nicht richtig alter Mann sitzt in einer Bahn der Linie 6 in Richtung Universität, ich steige am Leipnitzplatz zu. Zur zeitlichen Orientierung webe ich die Ansagen der Haltestellen in den Monolog des Scheißdeutschen ein.

(Leipnizplatz) Scheiße das alles hier! (Wilhelm-Kaisen-Brücke) Richtig Scheiße! (Domsheide - City Center) Das schlimmste - das schlimmste sind ja sowieso Sozialdemokraten, die Volkswagen fahren. VW! Sozialdemokraten mit VW, das sind die Schlimmsten. Die wissen doch, dass das Hitlerautos sind. Sind aber eh alles Schweine. Lustreisen und so, alle von der SPD und von VW. Scheiß Sozialdemokraten! (Hauptbahnhof - Main Station) Vielleicht noch ne Ansage auf Türkisch? (Anderer Fahrgast: Ja, und für sie vielleicht noch auf Plattdeutsch?) Nee, Plattdeutsch ist auch scheiße, das wird überbewertet. Ich hab immer Hochdeutsch gesprochen. - Englisch. Alles wollen uns die Amerikaner vorschreiben. Kriegstreiber sind das. Fangen überall Krieg an. Krieg ist schlimm. Hab das alles erlebt. Schlimm. Und die Frauen mussten nicht kämpfen. Die sollen mal in den Krieg gehen, damit die sehen, wie schlimm das ist. In Serbien, die hatten Frauen, die Partisanen. Die Partisanenfrauen, das waren die schlimmsten. Meine Nachbarin ist auch so eine, so ne Partisanenfrau. Aber die mach ich fertig, die kriegt mich nicht klein.

Drei Mädchen im Teenageralter, Optik unbekannt. Akustik:

Teenie 1: Ich find das ja total aufregend, dass Bremen jetzt einen Starbucks hat! Lass da nachher mal hin.

Teenie 2: Och nee, ich war da schon in New York.

Bergen-Belsen

Die Hinterlassenschaften der Nazis aus der Zeit, in der sie an der Macht waren, sind für mich bislang immer ein Sommerziel gewesen, mit Ausnahme der Autobahnen vielleicht, und der Städte ohne Synagogen. Und als ich im Winter Yad Vashem besuchte, schien die Sonne. Das war mir so noch nie aufgefallen, bis ich am vergangenen Wochenende Bergen-Belsen, etwa 100 Kilometer von Bremen entfernt, besuchte. Es regnete den ganzen Tag. Das grau des vor wenigen Monaten eröffneten Museums passte gut in die Landschaft. Die anderen beiden Farben im Museum sind schwarz und weiß. In diesen Farben wird auf vielen Fotos gezeigt, wie die russischen Kriegsgefangenen, für die das Lager anfangs eingerichtet wurde, vor sich hin vegetierten und elend starben. Für mich besonders beeindruckend, wie sie anfangs auf dem völlig unbehandelte Heidegelände eingezäunt wurden und über den ersten Winter selbst sehen mussten, wie sie überlebten. Viele behalfen sich mit Erdhöhlen. Auf den Schwarzweißfotos sieht das alles irgendwie nach Fünfzigerjahrefilm aus. (Wurden eigentlich schon einmal die Auswirkungen der zur Verfügung stehenden Dokumentationsmedien auf die Qualität der kollektiven Erinnerung erforscht?) Doch das fürchterliche Aussehen der Männer und Frauen ist tatsächlich der Typhus-Krankheit geschuldet, von der ich mangels Anschauung keine Ahnung habe - in einem Industrieland ist es so gut wie unmöglich, sie zu bekommen. Doch wenn man kurz aus den großen Fenstern guckt und den Blick vor allem mal auf den durchnässten Boden richtet, ahnt man, wie es hier ausgesehen haben muss, als Tausende Menschen ohne Häuser und Toiletten monatelang eingesperrt waren und obendrein vielfältig misshandelt wurden.

Obwohl mich die monotone Betonarchitektur des mit 18 mal 200 Meter eigenwillig dimensionierten Museums doch etwas langweilt, ist mit den Fenstern in Richtung der Heidelandschaft mit ihren Massengräbern eine gute Einbettung in die Realität gelungen. Das Museum ist einfach strukturiert. Im ersten Teil wird die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers gezeigt. Hier wurden überwiegend sowjetische, aber auch polnische, französische, belgische und italienische Kriegsgefangene so menschenverachtend gefangen gehalten, dass etwa 20000 von ihnen starben, allein 14000 im Winter 1941/42, bei insgesamt 21000 Häftlingen zu der Zeit. Auch viele polnische und jüdische Widerstandskämpfer aus Warschau waren hier inhaftiert. Mit zahlreichen juristischen Winkelzügen entzogen die deutschen einzelnen Gruppen von ihnen immer wieder den Status als Kriegsgefangene und setzte sie als Zwangsarbeiter ein, etwa zum Bunkerbau in Bremen.

Im April 1943 übernimmt die SS einen Teil des Lagers und richtet dort ein KZ ein. Mit diesem beschäftigt sich der zweite Teil der Ausstellung, etwas besser mit Exponaten ausgestattet als der erste. Das KZ diente überwiegend der Unterbringung sogenannter Austauschjuden aus Ländern, von denen sich die Nazis Gegenleistungen im Falle einer Freilassung erhofften. Ein guter Teil besaß Ausreisepapiere für Palestina, sie wurden oftmals ganz gezielt verhaftet, nachdem sie diese Papiere bekommen hatten. Es kam allerdings nur zu einem einzigen Austausch, etwas über 200 Juden kamen frei. Mit der sich abzeichnenden deutschen Niederlage kamen dann immer wieder Juden aus den Vernichtungslagern Osteuropas hinzu, und Anfang 1945 war das Lager so überfüllt, dass tägliche hunderte starben, unter ihnen auch Anne Frank. Insgesamt werden es am Ende 50000 tote KZ-Häftlinge sein. Vor der Berfreiung durch die Engländer verlassen drei Züge mit je 2500 “Austauschjuden” Bergen-Belsen Richtung Theresienstadt, von denen einer sein Ziel erreicht. Das Lager wird von den Deutschen ohne große Gegenwehr den Befreiern überlassen. Diese finden die totale Katastrophe vor. Angesichts der wütenden Seuchen brennen sie das Lager komplett ab. Überall liegen verhungernde Menschen herum. Nach der Befreiung sterben bis in den Sommer hinein noch 13000 Lagerinsassen an den Folgen ihrer Haftzeit.

Die Kriegsgefangenen gehen nach Kriegsende in ihre Länder zurück. Die Juden haben kein Land, in Deutschland wollen die meisten nicht dauerhaft bleiben. Auch Osteuropa stellt für viele keine Option da, Stalinismus und Antisemitismus schrecken ab. Die “freie Welt” will sie erst mal nicht haben. So gründen sie auf dem Gelände des Lagers eine eigene Gemeinschaft, mit Schule, Synagoge und Vereinen. Von diesem Displaced Persons-Lager handelt der dritte Teil der Ausstellung. Alljährlich gedenken sie der ermordeten Freunde und Verwandten. Viele engagieren sich politisch, vornehmlich sozialistisch-zionistisch, und es gibt Demonstrationen, etwa anlässlich der Irrfahrt der Exodus. Nach der Gründung des Staates Israel geht die Mehrheit dorthin, einige können nun auch in die USA und nach Kanada auswandern.

Leider ist auch von diesem Displaced Persons-Lager nichts stehen geblieben. Rund um das Museum liegen einige Gebäude mit Forschungs- und Bildungseinrichtungen, auf dem Lagergelände befinden sich Friedhöfe und Denkmäler der verschiedenen betroffenen Nationen sowie ein Haus der Stille.

Auf dem Rückweg Richtung Bergen kann man noch kurz an der Bahnrampe anhalten. Da sie aber immer noch zum Verladen von NATO-Panzern genutzt wird, gibt es dort nicht viel zu sehen, und man muss aus irgendwelchen militärischen Gründen sein Auto einen Kilometer vorher abstellen und den Rest gehen, um den Gedenkstein und einen der Viehwaggons anzuschauen, in denen die Häftlinge ankamen und dann kilometerweit ins Lager getrieben wurden. Bei jedem Wetter.

So langsam könnte es langweilig werden mit dem StudiVZ-Geseier von irgendwelchen Menschen, aber heute ist mir etwas wirklich befremdliches passiert. Ich bekam aus dem Nichts heraus eine Nachricht von Stefan B.*, der Mitglied der JU Völklingen (kann es einen besseren Ort für eine rechte Jugendorganisation geben?) ist und in meinem Profil irgendetwas gefunden haben muss, was ihm nicht gefällt. Ich dokumentiere den Briefwechsel nahezu vollständig und bitte die vermurkste Formatierung zu entschuldigen, das ist mir jetzt zuviel Aufwand.

* Name auf Wunsch geändert. Auch die Kommentare wurden diesbezüglich geändert. Siehe Nachtrag. (unten)

Stefan schrieb:

euch sollte man doch allen die Deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen und zur Taliban schicken! Aber was soll man von einem Kommunisten schon erwarten, die in der Geschichte auf der selben Stufe wie die NAZIS anzusiedeln sind! NPD=NSDAP=Linkspartei=Extremismus

Ich, verwundert, aber begeistert:

Sehr geehrter Herr B.,
ich bin etwas verwundert über ihre Anteilnahme an meinem Schicksal. Womit konnte ich ihre Aufmerksamkeit erregen? Ihre Gleichsetzung des Kommunismus mit dem Nationalsozialismus befremdet mich, zumal sie sich als ein Freund Israels auszuweisen versuchen. Sie sollten somit das Menschheitsverbrechen, das die Nazis begangen haben, doch in Gedankenpräsent haben. Falls nicht, können sie sicher ihre Kontakte zur JU nutzen, um sich einen alten Veteranen oder deren Sympathisanten vermitteln zu lassen.

Ihre Gleichung begeistert mich in ihrer Einfachheit, die in etwa der entspricht, die ich in ihrem Gesicht ablesen kann. Leider beleidigt sie jedenwahren Linksextremisten, denn mit den Sozialdemokraten von der SED.Linkspartei wollen wir nichts zu tun haben.
Die Taliban sind (!) bspw. in ihren Familienvorstellungen sehr viel näher an ihrem Weltbild als an meinem, fürchte ich.
Ich verbleibe mit den besten Grüßen und dem ehrlichen Wunsch, dass Bomber Harris nachträglich auch ihre Scholle beehren möge,

Es folgt Altbekanntes:

tja die Kommunisten haben die selben Verbrechen begangen wie die Nazis! Judenverfolgung in Rußland; Mauertode, Pakt mit Hitler, RAF Morde……Leider muss ich dich enttäuschen: Die JU stellt ähnlich wie die modernen Sozialdemokraten die gute bürgerliche, tollerante Mitte unseres tollen Landes dar. Warum gibst du nicht einfach die deutsche Staatsbürgeschaft ab bzw. wanderst aus, wenn es hier so schlimm ist. Was ihr da betreibt ist einfach primitiver Landesverrat!

Und ich so:

Shabbat Shalom Herr B., dass irgendwer “dieselben” Verbrechen wie die Nazis begangen habe ist eine unerträgliche Relativierung des Holocaust, wie sie selbst in der CDU nur gedacht, aber nicht öffentlich geäussert würde.

Ich bin der Meinung, wer tolerant sein möchte, sollte tolerant auch schreiben können, Herr B.

Nach wie vor weiss ich nicht, warum sie mich so bedrängen und auch nicht, wer “wir” sind und was wir “betreiben”. Teilen sie mir doch bitte mit, welche meiner zahlreichen Äusserungen sie so stört. Liebe Grüße,

Herr B., sauer:

das kannst Du dir wohl denken! Leute wie dich sollte man genau wie die Nazis meiden!

Ich, immer begeisterter:

Leiber Stefan, leider kann ich mir das nicht denken. Gut finde ich aber, dass du jetzt für etwas mehr Datenschutz sorgst.
Eine Frage: Hättest du etwas dagegen, wenn ich unseren Briefwechsel auf meiner Homepage veröffentliche? Hauste rein, Alter.

Leider:

tja den Datenschutz habe ich nur mal kurz für dich entfernt, da ich dein Komentar zu meinen Gruppen hören wollte! Solange Du nicht meinen vollständigen Namen nennst, kannst Du machen, was Du willst auf deiner komischen Page!

Und nochmal, direkt darauf:

würd mich mal interessieren: Bist Du so ein komisches Parteimitglied von der verfassungsfeindlichen MLPD, Trotzkisten oder Partei für soziale Gleichheit??? ODer verzapfst du einfach nur so gerne Müll bzw. bist ein extremer von derAntifa/RAF ??? Mir ist es unbegreiflich wie man als Deutscher gegen die BRD sein kann????

Ich, erklärend:

B.,
wir von den antideutschen Kommunisten betreiben ohne feste Kaderorganisation die Auflösung Deutschlands. Es ist uns nämlich unbegreiflich, wie man als Mensch nach Auschwitz für Deutschland sein kann. Zur Erreichung unserer Ziele arbeiten wir eng mit der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung zusammen, mit deren Hilfe wir die USA in einen erneuten Krieg gegen Deutschland zerren wollen. In dessen Folge wird dein Heimatland vernichtet und sein Territorium Frankreich und Polen zugeschlagen werden. Ich selbst wandere dann nach Israel aus.
Einen schönen Abend, Genosse B.!

Stefan, herablassend:

tja du bist einfach nur ein Verrückter Extremist und hast den Geschichtsunterricht nicht verstanden. Die BRD hat rein gar nichts mit den Dritten Reich zu tun, erst recht nicht 60 Jahre später! Und in Israel und erst recht in Amerika wirst du keinen einflussreichen Leute für dich begeistern! Warum gibst du nicht einfach die schlimme Deutsche Staatsbürgerschaft ab???????? Es ist ja peinlich, dass du ein Deutscher bist!!!

Und jetzt wird es wirklich beängstigend, nochmal der angehende Jurist:

werde deine Freundin mal soeben bei ihrem Arbeitgeber verpetzen!

Darauf fällt mir wenig ein, ausser:

Herr B.,

sie werden mir langsam unheimlich! Welche Freundin denn? Meine Freundinnen
arbeiten nicht, sie leben vom Staat.
Verwunderte Grüße,

Nachtrag: Am selben Abend noch äussert Stefan Sorge um die Makellosigkeit seiner Freundschaftsliste:

Warum bietest Du mir die Freundschaft an? Möchte meine Freundschaftsliste bestimmt nicht mit einem Vaterlandsverräter und Linksextremisten “beschmutzen”, der zudem vom Staat lebt und sich nicht selbst versorgen kann! Zudem warum nimmt ihr Geld vom verhassten deutschen Staat?

Den Mittag drauf wird es ihm langsam frisch um die Füsse. Er bemüht sich ein wenig mehr um die deutsche Sprache und will Schaden vom Verband abwenden:

Ich verstehe es einfach nicht, wie man dafür eintreten kann, dass die BRD und deren Bevölkerung von Deutschland zerstört wird! Die Verbrechen des dritten Reiches waren schlimm und grauenhaft, aber das rechtfertigt doch nicht unseren neuen friedlichen Staat aufzulösen, zumal dies auch nicht von Israel gefordert wird. Israel verdient unsere volle Unterstützung! Finde deine Ansichten einfach nur irre!

Bei den Veröffentlichungen unter dem Namen JU Völklingen solltest Du vorsichtig sein, da ich mir nicht anmaßen kann, als einfaches Mitglied die Meinung eines ganzen Stadtverbandes zu repräsentieren und ich nichtz weiß was die anderen Mitglieder dazu sagen! Passender wäre hier die Überschrift ein Abend mit einem JUler! Zumal ist die Darstellung falsch, ich relativiere keine Verbrechen des Dritten Reiches, finde es nur Wahnsinning die Zerstörung der BRD zu fordern, zumal du dafür auch in Israel keine Symphatisanten finden wirst!

Nachtrag 2: Und jetzt sind wir bei juristischen Drohungen angekommen. Ich hatte zuletzt, wie man sieht, nicht mehr geantwortet.

Hey,niemand hat Dir erlaubt diese Daten so präzise ins Netz zu stellen! XXXXX X. mit dem Kürzel JU Völklingen ist präzise genug mich damit zu identifizieren, zumal man sich nur die Homepage der JU Völklingen ansehen muss. Zudem stehen die Aussagen in Verbindung mit deiner Page, die berechtigte Verurteilung des NS Holocaustes in einem total falschen Lichte. Zu meiner Aussage, dass es wahnsinnig ist gegen die BRD in ihrem Existenzrecht zu sein erhalte ich weiterhin aufrecht. Diese Ansicht teilt übrigens auch ein jüdischer Freund von mir. Aber deine Darstellungen sind komplett falsch.
Wenn Du jemals eine Genehmigung meinerseits gesehen hast, meine Aussagen zu veröffentlichen widerrufe ich es hiermit und berufe mich auf mein geistiges Eigentum. Dieses Recht steht mir zu! Daher bitte ich Dich ausdrücklich die Veröffentlichung von deiner Seite zu nehmen! Um uns allen Unannehmlichkeiten zu ersparen, tue ich dies hier höflich ohne irgendwelche Androhungen! Solltest Du dieser Bitte nicht nachkommen werde ich mir andere Maßnahmen überlegen, die deutlicher sind! Lassuns dies doch bitte friedlich beilegen.

Mit freundlichen Grüßen
S.B.

Ich, mittlerweile routiniert im Umgang mit legal threats:

Lieber Stefan, über deine freundlichen Grüße freue ich mich natürlich. Auf deinen berechtigten Einwand, dass man dich anhand der Homepage der JU identifizieren könne, habe ich insofern reagiert, als dass ich aus XXXX X. nun Stefan B. gemacht habe. Deine Aussagen selbst stehen in gar keinem Licht, da ich weder unzulässige Kürzungen unternommen habe, noch sie in irgendeinen Zusammenhang gestellt habe, ausser eben meiner Reaktion darauf. Und von alleine leuchten sie nicht, echt nicht.
Deine Ankündigung, “höflich ohne irgendwelche Androhungen” um etwas zu bitten, um dann im nächsten Satz mit “anderen” “deutlicheren” “Maßnahmen” zu drohen, stellt ein erneutes Highlight in unserer Kommunikation dar. Deine unaufgefordert an mich gesandten Hasstiraden als “dein geistiges Eigentum” einzufordern, widerspricht nicht nur jeder Vernunft, sondern auchjeder gängigen Rechtsauffassung. Sollte ich mich hier irren, bin ich gerne durch Angabe von Gesetzen oder Urteilen vom Gegenteil zu überzeugen. Bis dahin verbleibe ich mit zionistischen Grüßen,

to be continued

»Und Sie wollen in Deutschland bleiben?«
»Ich habe die Schnauze voll von Amerika.«
Singer spielte mit seinen Kreuzworträtseln, und seine Finger fuhren fast zärtlich über das Papier.
»Sie werden als Jude nicht lange in Deutschland leben können«, sagte er dann.
»Ich habe mir die Sache gründlich überlegt«, sagte Lesche.
»Ich bin deutscher Schriftsteller und brauche die deutsche Sprache.
Ich muß sie hören, immer und überall. Außerdem ist
Deutschland heute ein demokratisches Land. Der Hitlerspuk
ist längst vorüber, und inzwischen ist eine neue
Generation herangewachsen.«
»Der Holocaust wird Sie überall in Deutschland verfolgen.
Jedes Haus, jede Straße wird Sie daran erinnern. Und die alten Leute.
Es gibt kein Entrinnen. Glauben Sie’s mir.«
»Man muß es auf einen Versuch ankommen lassen.«
Lesche schlürfte den wäßrigen Kaffee.
»Ich habe unlängst in einer jüdischen Zeitung gelesen«, sagte er dann,
»daß die Deutschen in der Hauptstadt ein Holocaustmahnmal errichten wollen.
Was halten Sie davon?«
»Das ist ein schlechter Witz«, sagte Singer. »Wozu brauchen die Deutschen ein Mahnmal?
Ganz Deutschland ist ein Holocaustmahnmal.«
»Ganz Deutschland?«
»Ja. Ganz Deutschland.«


Edgar Hilsenrath

Strand
Foto: Ahrens

Für dieses wunderschöne Foto können wir leider keinerlei Fame einheimsen, es ist nämlich nicht von uns, sondern vom mitgereisten Herrn Ahrens, der es zur Verfügung stellte.

Zu sehen ist der Strand vor dem ehemaligen Kibbuz in Nasholim, in dessen zu einem Hotel umfunktionierten Räumlichkeiten wir eine Nacht verbrachten.
Um dort hin zu gelangen fuhren wir von Haifa durch ein Gewirr von kleinen Straßen über diverse Hügel, was in einem Kleinbus ganz spannend ist.

Am Morgen drauf waren wir im Mittelmeer, das ist im Dezember schon eine sehr angenehme Erfahrung.

Der Kibbuz wurde, wie viele andere auch, inzwischen aufgelöst, der Speisesaal zum Beispiel verfällt langsam und das Hotel, das nun einen guten Teil der Häuser verwaltet, wird natürlich privat betrieben. Kibbuze haben es schwer, im äusserst liberalen Israel (wäre in Europa nicht anders) zu überleben, da sie wirtschaftlich einfach nicht konkurrenzfähig sind.

Alexandre Orions Idee ist folgende: Mit Lappen wischt er die Abgase, die etwa in Autotunneln über die Jahre hängen bleiben, ab und schafft so Kunstwerke, die genau andersherum funktionieren wie sonst. Indem er etwas wegnimmt, entsteht das Bild.

Den Schmutz lässt er trocknen, stellt daraus Farbe her und malt damit Bilder auf Leinwand.

Erstes Video via pflastersteine, zweites Video via Wooster Collective.

Wie schreibt man eigentlich ein Fußball-Fanzine? Es ist ganz einfach: Man nimmt Wörter und reiht sie aneinander. Das ist grundsätzlich das Konzept jeder literarischen Tätigkeit, doch sonst geht es meistens darum, die Vielfalt der jeweiligen Sprache voll auszuschöpfen, um so Authenzität zu erlangen. Bei Fanzines ist es offenbar gerade andersherum. Streetcred gibt es nur für die, die sich auf einen seltsamen, speziell in diesen Heften zu findenen Wortschatz beschränken. Sicher nicht vollständig sei er hier dokumentiert (ein Wort, das übrigens bei Stadionwelt immer dann auftaucht, wenn sie nichts eigenes geschrieben, sondern nur irgendwelche Verlautbarungen kopiert haben):

Anreise, präsentieren (von Zaunfahnen, Spruchbändern und Diebesgut), skandieren, anstimmen, intonieren, niedersingen, Staatshüter, Staatsmacht, Staatsgewalt, Damen und Herren in grün, Cops, Willkür, wegboxen, umtafeln, joggen, laufen gehen, den langen Schuh machen, Fanartikel abgeben, einseitiger Schaltausch, Schlagabtausch, Austausch von Nettigkeiten, Frühsport machen, passabel, annehmbar, kreativ, Mob, Crew, Bande, Jugendliche, jugendlich, jung, motiviert, unsicher, unmotiviert, unentschlossen, Hasenmob, Singsang, basteln, Feuerchen, demonstrieren, protestieren, Späher, erste Reihe, hintere Reihen, überfallen, klatschen, begrüßen, zum Einlaufen, Choreo, Choreographie, Aktion, Fahnenklau, verlustig gehen, geil, Suff, Keilerei, Schlägerei, brachial, zurückhalten, zurückziehen, fliehen, eskalieren, deeskalieren, ne ruhige Kugel schieben, rumstressen, durchdrehen, SVler, SKBs, Zivis, “es geht etwas” in zahlreichen Variationen und Verneinungen, im Endeffekt, ruhig, aggro, Bullen, Bullenschweine, nerven, sprechende Jacken

Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Haben, sein und werden, vielleicht noch ein paar Bewegungsverben, dann kann es losgehen in die glamuröse Welt der Fanheftchen.

Gute Nacht

Da ich mich am Tage jeweils 2x bilde indem ich den Blick angestrengt in ein Buch werfe, dass mich zur und von der Uni weg begleitet, habe ich (leider zu später Stund kurz vor dem Sandmann) eine äußerst erschreckende Mitteilung zu machen! Ausnahmsweise begann ich meine Hardcorefortbildung bereits in der Buslinie auf dem Weg zum Bahnhof. Da im Bus niemand -und niemand kann man da ruhig wörtlich nehmen- ein Wort von sich gab, nur richtig geiler Tekkno aus den Ohrhörern der 15jährigen Schwerhörigen zu meiner Linken dudelte, musste ich meine Schnauze halten, konnte mein Erstaunen und Ekel nur durch angetäuschte Würgereflexe verdeutlichen. Ich berichte also was man immer schon wusste und was man durch Zahlen nicht bestätigt wissen will: 

You might not slumber quite so contentedly if you were aware that your mattress is home to perhaps two million microscopic mites, which come out in the wee hours to sup on your sebaceous oils and feast on all those lovely, crunchy flakes of skin that you shed as you doze and toss. Your pillow alone may be home to forty-thousand of them. (To them your head is just one large oily bon-bon). And don’t think a clean pillowcase will make a difference. To something on the scale of bed mites, the weave of the tightest human fabric looks like ship’s rigging. Indeed, if your pillow is six years old - which is apparently about the average age for a pillow - it has been estimate that one-tenth of its weight will be made up of ’sloughed skin, living mites, dead mites, and mite dung,’ to quote the man who did the measuring, Dr. John Maunder of the British Medican Entomology Center. (But at least they are your mites. Think of what you snuggle up with each time you climb into a motel bed.)”      

Einer geht aber auch noch: Zusätzlich tragen wir Durchschnittsmenschen 2 Kilo tote Haut mit uns rum. Wenn das keine populärwissenschaftliche Partygeschichte ist und ihr alle bald einen Haufen Freunde an der Backe habt…Dann Gute Nacht my little oily bon-bon!

Kurz vor Weihnachten auf dem Flur in der Werder-Geschäftsführung. Tino, Manni und Klaus-Dieter treffen sich.

Klaus-Dieter: Jungens, ich geh jetzt nach Hause. Ich war gestern noch im Plattdeutschen Wiehnachtstheater, und jetzt bin ich müde.
Tino: Jo, Digger, mach das mal, bist ja auch nicht mehr der jüngste.
Klaus-Dieter: Na, hör mal! Du hast wohl nen Werbeslogan gefrühstückt. Aber gut, das ist ja auch dein Job. Immer ran an die jungen Leute, da sitzt das Geld. (stolpert in den Fahrstuhl, Tür schließt sich)
Manfred: Du darfst den Alten echt nicht so locker nehmen. Du weißt doch, worauf der steht, so Gemütlichkeit und so, Platz 11, Werder-Familie, du weißt, was ich meine. Da kannst du ihm nicht immer mit deinem jugendlichen Elan kommen. Du hast Großes geleistet, seit du da bist, diese Idee mit dem Modetrikot war hervorragend. Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Silver Generation nicht verlieren! Auch wenn Klausi das noch nicht weiß: Da sitzt das Geld!
Tino: Wow, das klingt cool, äh, toll meine ich. So Bildungsprogramm, aber entspannt, im Theater und so, ne? Vielleicht auch plattdeutsch. Super Sache, tolles Projekt. Ich fang gleich mal an. Da wird der Alte sich aber freuen.

Nach Silvester…

Klaus-Dieter: Gut gemacht, Tino. Jetzt hau da noch ein, zwei Zitate von mir rein, du kennst das ja. Schließlich ist das ein Projekt, dass mir ganz besonders am Herzen liegt. Da hab ich ja auch richtig Herzblut reingelegt, seit mir die Idee vor zwei Wochen kam. Das muss kurz vor Weihnachten gewesen sein, ich dachte nur, Mensch, die Senioren im Verein, das sind doch auch nur Menschen wie du und ich. (Tino fängt an, mitzuschreiben) Mit diesem Projekt werden wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung für alle Altersgruppen gerecht. Wir reagieren damit natürlich auch auf den demografischen Wandel, der sich auch bei uns auswirken wird. Und ich geh jetzt mal rüber zum Mittagessen. Danach kommt wieder so ne Schulklasse, wie lange wollen wir das Projekt eigentlich noch weitermachen? (Geht, ohne eine Antwort abzuwarten.)

Weitere zehn Tage später…

Sekretärin: Du, Tinolein, sollen diese Seniorensachen eigentlich auch in die Antidiskriminierungsrubrik?
Tino: Ich dachte, die hätten wir stillgelegt. Würde ja aber passen, ne? The best news are antidiscrimination news! Hahaha! Ich frag den Chef nachher mal. Der ist gerade beim Bridgespielen im Goedekens, da darf man ihn nicht stören.

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