Februar 2008

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Hier gibt´s noch ein paar mehr Bilder.

Trigger Happy

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Hallo,

Bin ich ein schottischer Fußballverfechter wohnend in Glasgow. Ich schaue vorwärts zum Werder Ventilatorbesuchen.

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Nur ein kleiner Teil der vielfältigen Kollektion auf einem der zahlreichen Märkte. Dieser hier ist in der Altstadt von Jerusalem. Da wird jeder Tourist fündig, egal wie er zum Nahostkonflikt steht.

Als ich gestern so auf neuen Wegen durch die Stadt spazierte, hatte ich wie immer die Laternen und Schilder fest im Blick, um keinen interessanten politischen oder künstlerischen Aufkleber oder etwas Ähnliches zu verpassen. Und siehe da, dieses Mal gab es Bemerkenswertes zu pflücken:

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(Der zum Größenvergleich beigelegte Button misst 25mm.)

Gehen wir zur Einordnung des Inhalts ein wenig zurück und lesen bei einem Profi nach:

Ich glaube beispielsweise, wenn ich – äh, in meiner Kongreßrede den Bolschewismus – äh, zerlegte und ihn nun in dem Personenkreis umschrieb, der fast ausschliesslich jüdisch ist, – ich glaube, daß das eine sehr wirksame antisemitische Propaganda ist.

Nun hatte Goebbels damals nicht das Glück, dass es einen jüdischen Staat gab. Wieviel einfacher ist es doch, antisemitische Propaganda zu machen, wenn man den „Personenkreis, der fast ausschliesslich jüdisch ist„, in der israelischen Bevölkerung und Regierung findet. Den dann, Goebbels gleich, zu „zerlegen„, ist seit Jahrzehnten das naheliegende Ziel der judenfeindlichen Hetze. Dabei sind auch die Vorwürfe an die Juden dieselben wie vor 70 Jahren.

Krieg? Hitler drohte 1939 schon der „jüdischen Rasse“ die Vernichtung für den Fall an, dass das “ es dem internationale Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen„. Schon damals wurden die Juden für die Kriege verantwortlich gemacht.

Demütigung, Raub, Entrechtung? 1920 finden sich im „Schutz- und Trutzlied“ von Friedrich Imholz gleich drei der antisemitischen Anklagen, die heute in Bremen am Laternenpfahl kleben, auf einmal:

Demütigung:

Ward deshalb auf dem Leipziger Feld
die Völkerschlacht geschlagen,
Daß wir nun doch aus Judengeld
Geschweißte Ketten tragen?

Raub:

Bei uns gilt Treu und Glauben
Und was uns lieb und eigen ist
soll uns kein Jude rauben.

Entrechtung:

Zum Schutz und Trutz stehn wir vereint
Und fordern unsere Rechte,
Wir wollen freie Deutsche sein
Und keine Judenknechte!

Angesichts der Parallelen muss man dem Aufkleberschaffenden hier schon vorwerfen, buchstäblich ein ganz altes Lied zu singen. Wer aus dieser alten Schule kommt, muss denn auch alles, was im Nahen Osten an Schlechtem passiert, den Juden vorwerfen, also: „60 Jahre Israel bedeuten…

Dass die Feinde Israels ihre missliche Lage größtenteils dem eigenen Antisemitismus zu verdanken haben, der sie von Niederlage zu Niederlage und in die natürlicherweise unangenehme Lage von Kriegsverlierern eilen lässt, kann der Antisemit selbst nicht erkennen. Zumal den heutigen Antisemiten leider die Selbsterkenntnis der Nazis abgeht. Hitler sah das alles klarer: „Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden.“ Heute ist das anders, weshalb die Feinde Israels ihre Niederlagen auch nicht sportlich nehmen können, sondern permanent über ihr Leid klagen müssen, sogar in Bremen.

Sachdienliche Hinweise auf die Urheberschaft sind gern gesehen, ich tappe da nämlich ziemlich im Dunkeln. Dass von den „PalästinenserInnen“ und nicht vom „palästinensischen Volk“ die Rede ist, verweist doch deutlich auf Linke, obwohl es inhaltlich natürlich auch zu den erklärten Nazis bestens passen würde. Schönerweise gehen die Aufkleber sehr einfach ab, was Sammlern entgegen kommt. Ich habe bisher zwei (Albrechtstr./A. d. Häfen), wer überbietet?

Mitgedacht

Was war passiert? Während die Madrilenen noch ihren vermeintlichen Treffer feierten, spielte Getafe bereits weiter und erzielte das 1:0. Endergebnis.

Das sagt der Engel an Ostern zu den zurecht erstaunten Frauen am leeren Grab. Zu diesem Fest gibt es in den Nachrichten jedes Jahr zwei Meldungen, die kaum die Sendezeit wert sind, eben weil sie jedes Jahr fast gleich sind. Zum einen wird auch in diesem Jahr der Papst den traditionellen Segen Urbi et Orbi gesprochen haben und in einer Predigt zum Frieden aufgerufen haben. Höchstwahrscheinlich hat er auch entweder für das Heilige Land gebetet oder die Mächtigen dort direkt angesprochen. Außerdem wird es wieder in vielen Städten in Deutschland, Europa und Nordamerika Friedensmärsche gegeben haben, und wieder werden die Teilnehmerzahlen hinter denen der vergangenen Jahre und den Erwartungen der Veranstalter zurückgeblieben sein.

In Bremen vielleicht nicht, denn wie das Bremer Friedensforum voller Freude mitteilt, konnte Eugen Drewermann für die Kundgebung auf dem Marktplatz gewonnen werden. Das finden einige Religionslehrer und Theologieabbrecher sicher super und gehen hin. Sie werden sich aber ganz sicher auch nicht an den Forderungen stören, für die mit dem Friedensmarsch vom Ziegenmarkt in die Innenstadt demonstriert werden soll:

  • Frieden für Afghanistan!
  • Keine Bundeswehreinsätze buten un binnen!
  • Konflikte friedlich lösen!
  • Vollständige atomare Abrüstung, auch in Deutschland!
  • Abrüstung statt Sozialabbau!
  • Bremer Rüstungsfirmen auf die Herstellung ziviler Güter umstellen!
  • Grundrechte erhalten!

Wo soll man denn da anfangen? Vielleicht vorne und hinten gleichzeitig. Frieden für Afghanistan und Grundrechte klingen ja schon ganz gut. Ich hoffe, dass ich davon ausgehen darf, dass die Grundrechte überall und jedem gewährt werden sollen. Leider muss ich aber auch davon ausgehen, dass die Kritik an Bundeswehreinsätzen keine spezielle Kritik an deutschen Interventionen, sondern an Militäreinsätzen generell ist. Die Forderung, Konflikte friedlich zu lösen, ist auch allgemein gehalten und von Grund auf problematisch. Frieden ist das Ergebnis der Lösung eines Konfliktes. Konflikte sind aber ihrer Natur nach unfriedlich. Wenn man sich also in einen Konflikt einschaltet mit dem Ziel, ihn zu lösen, oder sogar ohne eigenes Zutun in ihn hineingezogen wird, so ist es erst einmal aus mit dem Frieden, man ist dann Teil des Konflikts. Wenn dieser mit Gewalt ausgetragen wird, so bedeutet ein Verzicht auf Gewalt das Aussteigen aus dem Konflikt und somit zwar seine Beendigung, aber nicht seine Lösung.

Gerade Afghanistan ist ein gutes Beispiel für dieses Problem. Man kann sicher sagen, dass die Allierten sich hier in einen Konflikt eingeschaltet haben, der bereits bestand. Das geschah nicht grundlos, sie wurden mit der Nase darauf gestoßen, da die Taliban mit ihrem menschenverachtendem Islamismus nicht nur die Grundrechte im eigenen Land außer Kraft gesetzt hatten, sondern auch Leuten eine Heimat boten, die das gleiche Programm im Größenwahn weltweit durchsetzen wollen. Gerade die vom Friedensforum bemühten Grundrechte waren einer der Gründe, die Bundeswehr zusammen mit anderen Truppen nach Afghanistan zu schicken. Sie waren dort, um den (bereits vor ihrem Eingreifen mit kriegerischen Mitteln ausgetragenen) Konflikt um die Grundrechte zugunsten ebendieser zu lösen und im Idealfall zu einem Frieden für Afghanistan zu kommen. Das Friedensforum ist sich der Wichtigkeit der Frage, ob und inwieweit das geglückt ist, scheinbar bewusst und bietet demnächst einen Vortrag zu genau diesem Thema mit besonderer Berücksichtigung der Frauen in Afghanistan an. Es ist aber zu befürchten, dass das Ergebnis sich der Friedensdogmatik unterzuordnen hat, die auch im zitierten Aufruf durchklingt.

Eine weitergehende Beschäftigung wäre auch beim Thema atomare Totalabrüstung sinnvoll, die Frage könnte dann lauten, wie eine (zivilisierte) Welt ohne Atomwaffen Psychopathen mit Atomwaffen entgegentreten könne; wie sie Islamisten und sonstige Spinner, die sich einst die Bombe bauen mögen, davon überzeugen möchte, diese nicht einzusetzen. Ich sehe, im Gegensatz zu Bürgermeister Jens Böhrnsen, keine Möglichkeit.

Sowohl im zuerst angeführten Beispiel als auch in den weiteren Punkten kann man dem Bremer Friedensforum im Gegensatz zu vielen anderen Friedensgruppen in Deutschland zugute halten, dass es offenbar ganz bewusst vor der eigenen Haustür oder zumindest in der eigenen Straße kehrt und die USA und Israel nur selten und dann meist in Vorträgen von Friedensmenschen aus den betreffenden Ländern kritisiert. So erklärt sich auch die ganz spezielle Kritik an der bremischen Rüstungsindustrie und die innenpolitische Bezugnahme auf die vermeintliche Alternative Abrüstung oder Sozialabbau. Dass die NPD fast wortgleich diesen Zusammenhang fast mit gleichen Worten herstellt, stört das Friedensforum zwar, löst aber offensichtlich keine Zweifel an der Richtigkeit ihrer Theorien aus. Gegen den Einwand, ohne die Rüstungsindustrie gäbe es in Bremen noch mehr Arbeitslose hat man sich was ganz Feines ausgedacht: Die Unternehmen werden nicht geschlossen, sondern auf die Produktion ziviler Güter umgestellt. Klar: Wenn man aus Dünger und Ampeln Raketen bauen kann, dann kann man aus Raketen sicher auch was Feines machen. Zivile Raketen vielleicht. Planwirtschaft at its very best. Wahrscheinlich macht es Sinn, ein paar Rüstungsbetriebe dicht zu machen, aber das ist dann eher Subventionskritik und Rationalisierung als Friedensarbeit. Mit dem hergestellten Zusammenhang kann man Menschen überzeugen, die NPD wählen, oder „Die Linke“, oder beide.

Am Samstag hat die Redaktion Verbrochenes mal wieder alles richtig gemacht. Vom Bundesligaspiel in Frankfurt hielten wir uns fern, stattdessen besuchten Joinsen und ich die Amateure von Werder, die jetzt U23 heissen und um einen Platz in der nächste Saison eingeführten Dritten Liga spielen. Dazu müssen sie in der oberen Hälfte der Tabelle landen und nicht mehr als ein anderes Zweitteam einer Profimannschaft vor sich haben.
Wer voreilig dem Link gefolgt ist, weiss, dass Werders Zweite doch tatsächlich Erster ist.

Das liegt an ihrem Sieg im Spitzenspiel gegen die Fortuna aus Düsseldorf, dem wir beiwohnen durften. Fussball auf Platz 11 ist eine wunderbare Sache. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, dass fast alle Sachen, die in der Bundesliga nerven, dort nicht stattfinden. Keine Bullen im Block, keine Dauerbeschallung, kein Sicherheitswahn. Statt mit Abtasten wurden wir mit einem „Herzlich Willkommen!“ begrüßt. Das Spiel verbrachten wir locker plaudernd und mit drei Fortunen hinter uns, die nonstop relativ lustigen Blödsinn über das Spiel redeten. Auf der Bank bei Fortuna sitzt Norbert Meier, dem ich die ganze Zeit „Lass dich fallen, Norbert!“ zurufen wollte, es dann aber doch ließ, auch mangels Anlass. Die Leute hinter uns hatten zwischendrin ein Streitgespräch mit einem ihrer Ersatzspieler, der sie aufforderte, das Team zu unterstützen, statt die Auswechslung des wirklich miesen Markus Anfang zu fordern. Zwanzig Meter weiter hatte man sich auf den Linienrichter eingeschossen. Das schöne an nur 1300 Zuschauern ist ja, dass das Gepöbel auch ankommt.

Schiedsrichter Trautmann glänzte durch das beherzte Anschreien von renitenten Spielern. Die wiederum liessen es sich im Gegenzug nicht nehmen, zwei falsche Einwürfe nacheinander zu performen. Als ein anderes Mal der Ball nach einer Verletzung zurück zu den Bremern geworfen wurde und sich ein Düsseldorfer dem nun den Ball annehmenden Spieler recht früh näherte, glänzte Sandro Stallbaum mit dem Spruch des Tages: „Geh da weg!“ rief er ihm zu. Muss man zwar dabei gewesen sein, um drüber zu lachen, aber die dreiste Aufforderung an den Gegner, nicht anzugreifen, dürfte im Fussball selten sein.

Während Bremer bundesligabedingt nur wenige da waren (was zwei szenekundige Beamte nicht fernhielt), hatten die Fortunen einen ganz guten Auftritt. Etwa 300 Menschen standen im hübsch beflaggten Block gegenüber und boten ihr Ultraprogramm, das zwischendrin einige mir unbekannte Teile hatte und ansonsten vor allem durch durchgehende Melodien überzeugte. Geht natürlich noch viel besser, aber angesichts einer Niederlage gegen Werder II war das schon hübsch.

Das Spiel unserer Mannschaft gefällt mir auch immer gut, denn da versammeln sich Hochtalentierte, die einen gepflegten Ball spielen. Gewonnen haben wir mit 2:0, was ich angesichts zahlreicher teilweise auf groteske Art vergebenen Chancen in der zweiten Halbzeit angemessen finde.

Nach dem Spiel guckten wir im Saal Bundesliga, was dann relativ frustrierend war. Ich hatte überlegt, ob ich mich hier nochmal über die Unfähigkeit der Schiedsrichter und offensichtlich auch der Regeln selbst aufrege, die nicht in der Lage sind, den überlegenen Fussballern auch zu ermöglichen, überlegenen Fussball zu spielen und stattdessen Tretertruppen regelmässig mit ein paar lauwarmen gelben Karten davonkommen lassen. Mache ich aber nicht.

Auf dem Heimweg konnten wir noch 3 junge Leute im Ultrastil sehen, die bereits mit dem Beseitigen der Düsseldorfaufkleber beschäftigt waren. Und das, obwohl sie uns völlig unbekannt waren. Die Jugend zeigt also bereits bemerkenswerten Einsatz, super.

Der angekündigte Vortrag über Juden im deutschen Fußball im Allgemeinen und bei Werder im Speziellen wurde von knapp 30 Menschen attendiert. Nicht nur vom Alter her war das gesamte Spektrum der Möglichkeiten vertreten, das gleiche lässt sich für die Interessenlage sagen, die die Leute in den Presseraum des Weserstadions gelockt hatte; vom bremischen Hobbyhistoriker über den Kicker-Chronisten bis zum begeisterten Werder-Fan war alles dabei. Nicht dabei waren hohe Vertreter des Vereins, ebensowenig eine nennenswerte Anzahl von Angehörigen der aktiven Fanszene.

Nachdem Herr Weinhorst vom Wuseum ein paar einleitende Worte gesagt hatte, folgten die Vorträge von Dr. Swantje Schollmeyer und Harald Klingebiel. Ich weiß nicht, ob es zum Berufsethos des Historikers gehört, so exakt zu arbeiten, dass sich ein freier Vortrag verbietet, beide lasen jedenfalls konsequent sehr druchformulierte Texte ab, was im Ergebnis ziemlich einschläfernd wirkte. Zudem waren beide nicht in der Lage, ihre PowerPoint-Präsentationen selbst durchzuklicken, was inmitten der schönen Texte zu seltsamen Selbstunterbrechungen führte.

Das Thema des Vortrags von Frau Schollmeyer waren Juden im deutschen Fußball. Um deren Geschichte zu illustrieren, hatte sie zwei herausragende Sportler ausgewählt, die um 1910 beim Karlsruher FV spielten: Gottfried Fuchs und Julius Hirsch. Die beiden spielten kongenial im Sturm der Mannschaft, die damals mit Holstein Kiel zu den besten in Deutschland gehörte. Folgerichtig wurden sie auch in die Nationalmannschaft berufen, wo sie zusammen mit einem weiteren Karlsruher einen Block im Sturm bildeten. Dieses Konzept, mehrere Spieler aus einer Mannschaft gemeinsam in die Nationalelf zu berufen, wurde auch später immer wieder praktiziert. Nach dem ersten Weltkrieg, an dem beide als Soldaten teilnahmen, übten sie verschiedene Ämter im Verein aus; Hirsch blieb auch während der Zeit, in der er nicht in Karlsruhe lebte, Mitglied des Vereins. Im April 1933 sollten nach Beschluss des DFB alle Juden aus den Fußballvereinen ausgeschlossen werden. Hirsch wollte einem Ausschluss zuvorkommen und selbst austreten. Der Karlsruher FV wies das Austrittsgesuch ab mit der Anmerkung, dass die genaue Umsetzung des Beschlusses noch nicht klar sei und man das verdiente Mitglied Hirsch nicht ausschließen möge. Wenige Monate später tat man dann genau das. Hirsch hielt sich mit diversen Jobs über Wasser. Er wurde im März 1943 deportiert und wahrscheinlich in Auschwitz ermordet. Fuchs konnte sich nach Kanada flüchten. Er verweigerte Zeit seines Lebens eine Ehrung durch den Karlruher FV, der seinen Freund und Mannschaftskameraden Fuchs verraten habe. Ob eventuell noch lebende Angehörige von Julius Hirsch damit einverstanden sind, dass nach ihm ein Preis des DFB für Toleranz und Menchenwürde, gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus benannt ist, konnte ich nicht herausfinden.

Herr Klingebiel beschäftigte sich mit Juden beim SV Werder Bremen. Intensiv referierte er über die Familie Rosenthal. Diese wohnte am Osterdeich und war dem SVW von Anfang an treu verbunden. Möglicherweise würde diese Familie auch nach Generationen heute noch den Verein prägen, wenn sie nicht von den Nazis zerrissen worden wäre. Albert Rosenthal, geboren 1861, war seit den ersten Jahren Mitglied bei damaligen FV Werder. Sein Sohn Arthur bemühte sich um 1920 sehr um eine Ausweitung des sportlichen Angebots des Vereins, die die Umbenennung in Sportverein zur Folge hatte, und setzte sich für die Einrichtung von Schach- und Tennisabteilungen ein. Seine beiden Brüder spielten Fußball beim SVW. Die ganze Familie lässt sich als konservativ-bürgerlich bezeichnen, so ist von Arthur Rosenthal bekannt, dass er auf Seiten der Konterrevolution gegen die Bremer Räterepublik kämpfte und dabei verletzt wurde. Zwei der drei Brüder erhielten im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz I. Klasse. Ihre Verankerung im Bremer Bürgertum half der Familie zwar, ihr Haus trotz Arisierungsbemühungen zu behalten, konnte aber nicht die Deportation von Albert und Arthur verhindern. Beide überlebten nicht, Albert starb in Theresienstadt, Arthur in Minsk. Die beiden jüngeren Brüder konnten rechtzeitig fliehen.

Leider ist über die Rolle des Vereins so gut wie nichts bekannt. Es ist nicht klar, ob die jüdischen Mitglieder ausgeschlossen wurden oder nicht und ob es vielleicht sogar aktive Unterstützung für die Familien gegeben hat. Klingebiel merkte aber an, dass man davon ausgehen darf, dass bei Werder alle Richtlinien der Nazis umgesetzt wurden, sobald dies nötig war. Vielleicht hatte der Verein aber durch seine sportlichen Erfolge etwas Spielraum bei der Umsetzung. Das einzige, was man wirklich konkret sagen könne sei, dass Werder eher ein bürgerlicher Verein war, deren Mitglieder den Nazipöbel unterschätzten. Der Vortrag hielt somit Informationen über Juden im Verein bereit, nicht aber über dessen Umgang mit ihnen. Dass sich hier nicht mehr sagen lässt, ist wohl der sehr dünnen Quellenlage zu verdanken. Da die Zentrale des Vereins 1944 einen Volltreffer kassierte und völlig ausbrannte, gibt es nur wenige Unterlagen von damals, die von einzelnen Vereinsmitgliedern zur Verfügung gestellt wurden. Einen Beitrag zur Aufklärung der Rolle des SVW zur Zeit des Nationalsozialismus könnte möglicherweise Leo Weinstein liefern, der als Zehnjähriger vom Training ausgeschlossen wurde. Er lebt heute in den USA und hat Kontakt mit der Führungsebene des Vereins. Verblüffend ist die Geschichte von Alfred Ries. Er überlebte den Holocaust und kehrte nach Bremen zurück. Dort wurde er Präsident des SV Werder, wie er es vor 1933 schon gewesen war und war zudem Diplomat für die BRD. Weitere jüdische Vereinsmitgliedre waren Wolff und Eggert, über die aber nichts weiter berichtet wurde.

Im Anschluss an beide Vorträge gab es jeweils Möglichkeit für Fragen und Anmerkungen. Ich fragte, wie die Referenten es sich erklärten, dass eine Aufklärung der Geschichte des deutschen Fußballs in diesem Zusammenhang erst jetzt begönne, so dass Werder sich 63 Jahre nach dem Ende des Holocaust damit rühmen könne, als einer der ersten Vereine diese Aufarbeitung anzugehen. Herr Weinhorst erklärte diesen Umstand für seinen Verein damit, dass bislang einfach die Quellenlage so dünn war, dass man sichere Aussagen einfach nicht machen konnte. Er führte aber auch Schuldgefühle bei den damals Agierenden als Ursache für die schleppende Aufklärung an, es sei eben nicht einfach, diese auf ihre Vergangenheit anzusprechen. Klingebiel ergänzte, dass es eben immer engagierte Einzelne erfordere, die sich dieses Thema annähmen.

Letztlich überführt in meinen Augen aber gerade der erste angegebene Grund die sicher ehrlichen Bemühungen der Referenten als abhängig vom Kalkül der jeweiligen Vereinsführung. Immerhin wurden auch in dem Vortrag keinerlei sichere Aussagen darüber gemacht, wie sich der Verein und seine Mitglieder den Nazis und ihren Ideen sowie deren Ausführung gegenüber verhielten. Erhellend wurde lediglich über Juden im Verein berichtet. Die Informationen darüber hätte man längst in Erfahrung bringen können, ohne in Schuld verstrickte Vereinsmitglieder befragen zu müssen. Dazu fehlte bislang aber gerade im deutsch Fußball einfach das gesellschaftliche Klima oder der nötige Mut. Eine wissenschaftliche Erklärung dafür wurde an diesem Abend nicht präsentiert.

Wenn man im letzten Herbst dem Rauschen im Blätterwald lauschte, so wurde einem auch ohne besonders viel Vorwissen über die Belange der Pflanzenwelt klar, dass es hier am gären ist. Gerade unter Bäumen ist die Unzufriedenheit groß über die Menschen und ihr Machwerk. Nicht nur die Menschen selbst werden immer größer, auch ihre Gebäude überragen viellerorts jahrhundertealte Holzriesen. Um die Menschen auf ihr selbstherrliches Verhalten aufmerksam zu machen und diesem entgegen zu wirken, nutze die Baumwelt bisher stets gewaltfreie Formen des Protests: Sie übten zivilen Ungehorsam und standen einfach im Weg herum, wofür sie nicht selten mit dem Leben bezahlen mussten, sie legten testamentarisch fest, dass ihr Zellstoff nur zur Herstellung von Umweltschutzbroschüren hergestellt werden dürfe und schlossen gelegentlich Pakte mit freundlich gesonnnenen Menschen, die dann ihrem Eigeninteresse entgegen Lobbyarbeit für die Bäume trieben. Erfolgreich war das alles nicht.

Nicht verwunderlich ist daher die Tat eines Baums in den mittleren Jahren in Bremen. Im Viertel ließ er sich einfach fallen und riss ein menschengemachtes Verkehrsschild mit in den Tod. Ob Menschen zu Schaden kamen ist zur Stunde nicht bekannt. Noch lange nach dem Attentat lagen Teile des Baums umher, sodass der Betrieb im Lokal Piano nicht ganz ungestört ablaufen konnte. Um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, hatten Sicherheitskräfte den Körper mit Kettensägen zerlegt, damit er keinen weiteren Schaden anrichte.

Der Baum war Zeit seines Lebens auch bei Menschen sehr beliebt und führte ein normales, unauffälliges Leben. Ob er Kinder hinterlässt ist nicht bekannt. Es wird abzuwarten sein, ob die totale Aufopferung im Kampf gegen die Menschheit ein Einzelfall bleibt oder ob das Bremer Vorbild Schule macht. Wenn ja, dann Gnade uns Gott.

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