Tränenschießen

Erst mal was anderes: Warum brauche ich bei Wochenzeitungen, selbst wenn sie so dünn sind wie die Jungle World, eigentlich grundsätzlich zwei Wochen zum Durchlesen? Heute im Zug war ich jedenfalls endlich auf Seite 21 des Dschungels der Ausgabe aus der vorvergenen Woche angekommen. Dort wird in köstlicher Manier der “schlechteste Roman der Welt”, Rupertshain von Martin Mosebach, in seiner sprachlichen Unvollkommenheit auseinandergenommen. Ein Ausschnitt:

Was sie nicht ertrug, waren die Phasen der Zerknirschung, in denen Ivanovich sich immer wieder badete. (89) Da man jedoch in einer Phase nicht baden kann wie in Wasser oder in Eselsmilch oder womöglich auch wie in der eigenen Zerknirschung, bedeutet dieser Satz, dass Ivanovich jene Phasen damit verbringt, seine Badewanne mehrmals zu besteigen und zu verlassen. Aber ist es das, was Mosebach sagen will?

Die Tränenströme, die Ivanovich nun vergoß, trafen sie daher unvorbereitet. (137) Nein, keine Sorge! In Wirklichkeit treffen die Tränen sie gar nicht. Mosebach will hier bloß sagen, dass Marie-France es nicht erwartet hat, Ivanovich weinen zu sehen.

Tatsächlich konnte ich mir an dieser Stelle eine Lachträne nicht mehr verkneifen. Und obwohl ich mit dieser mein Gegenüber knapp verfehlte, bekam ich die abschätzigen Blicke, die man als emotionaler Leser in der Öffentlichkeit hin und wieder ertragen muss.

Die Klugscheißerbücher, die der Spiegel mittlerweile in Serie herausbringt, hasse ich ja auch. Doch in diesem Artikel trifft es das Werk eines Autoren, der für ebendieses einen Büchnerpreis bekommen hat und von den Vertretern des Literaturbetriebs gefeiert wird. Wer also Unterhaltung auf Kosten anderer in Kombination mit berechtigter Kritik am Kulturestablishment sucht, wird hier fündig.

  1. Alternativer Blick auf Mosebach: http://www.zeit.de/2007/44/L-Mosebach
    Der Artikel hat aber auch abseits von Mosebach durchaus interessante Aspekte.