Wie auf tagesschau.de nachzulesen ist, kritisieren einige Unionspolitiker die Äußerungen des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, die dieser anlässlich seines Besuchs in Deutschland zum Thema Integration gemacht hat. Zurecht, und doch völlig falsch.
Erdogan hatte beklagt, dass die türkischstämmigen Menschen in Deutschland assimiliert würden und dies als “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” bezeichnet. Außerdem hatte er türkische Schulen mit Lehrern aus der Türkei vorgeschlagen. Speziell dieser Vorschlag ist sachlich gesehen erst einmal einfach nur dumm. Den Schülern ist nicht geholfen, wenn sie die Sprache eines Landes lernen, in dem sie höchtswahrscheinlich nie leben werden, die meisten vermeintlichen Türken sind hier geboren und werden auch hier sterben. Dieses Argument wird aber bei Erdogan kaum auf Anerkennung stoßen, in seinen Augen sind und bleiben die Nachfahren türkischer Eltern Türken. Damit sind seine Äußerungen nicht nur nationalistisch, sondern obendrein noch rassistisch: Das Türkentum wird vererbt.
Politiker aus CDU und CSU kritisieren nun den türksichen Regierungschef wegen seines Nationalismus. Erwin Huber (CSU) sagte etwa: “Erdogan hat türkischen Nationalismus auf deutschem Boden gepredigt.” Aber halt, wo kommt denn plötzlich der deutsche Boden her? Leider ist dieser für Huber und Konsorten unglaublich wichtig. Man kann ihnen nämlich durchaus unterstellen, dass deutscher Nationalismus auf deutschem Boden für sie kaum ein Problem darstellt, wie sie es bei Erdogan jetzt erkennen. Das haben zuletzt der Wahlkampf in Hessen, davor die Debatten um Zuwanderung, das “Schicksal” der deutschen Vertriebenen und die ganzen anderen deutschen Themen gezeigt. Und dieser Tradition entsprechend wehrt sich Bosbach nun gegen türkische Einflussnahme bei der Integration. Deutscher Boden, deutsches Volk, deutsche Politik.
Wenn man sich von der Union aus noch ein Stückchen weiter nach rechts bewegt, wird man für eine weitere mögliche Deutung des Huber-Zitats Vertreter finden: Jedes Volk hat das Recht auf seinen Nationalismus, aber bitte nur im eigenen Land. In diesem Fall also türkischer Nationalismus auf türkischem Boden, deutscher Nationalismus auf deutschem Boden. Unter diesen Prämissen könnten sich die deutschen und die türkischen Dummköpfe doch prima verständigen.
Bessere Ergebnisse würde man allerdings erzielen, wenn die Deutschen den Türken erlauben würden, sich beim Thema Integration, das ihnen augenscheinlich wichtig ist, mitzuwirken, und diese die Mitwirkung ohne die oben kritisierten Populismen gestalten würden. Dann hätten jedoch beide aufgehört, als Nation zu existieren.
Es ist doch erstaunlich, wie lange sich der Mittelweg zwischen krassem Nationalismus und seiner Abschaffung hält. Und die Leute lieben es so. Klar sind Internetumfragen Müll, aber die von tagesschau.de signalisiert mir zumindest, dass ich mit meinen Wünschen nicht weit kommen werde.

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