Juden im deutschen Fußball und beim SVW

Der angekündigte Vortrag über Juden im deutschen Fußball im Allgemeinen und bei Werder im Speziellen wurde von knapp 30 Menschen attendiert. Nicht nur vom Alter her war das gesamte Spektrum der Möglichkeiten vertreten, das gleiche lässt sich für die Interessenlage sagen, die die Leute in den Presseraum des Weserstadions gelockt hatte; vom bremischen Hobbyhistoriker über den Kicker-Chronisten bis zum begeisterten Werder-Fan war alles dabei. Nicht dabei waren hohe Vertreter des Vereins, ebensowenig eine nennenswerte Anzahl von Angehörigen der aktiven Fanszene.

Nachdem Herr Weinhorst vom Wuseum ein paar einleitende Worte gesagt hatte, folgten die Vorträge von Dr. Swantje Schollmeyer und Harald Klingebiel. Ich weiß nicht, ob es zum Berufsethos des Historikers gehört, so exakt zu arbeiten, dass sich ein freier Vortrag verbietet, beide lasen jedenfalls konsequent sehr druchformulierte Texte ab, was im Ergebnis ziemlich einschläfernd wirkte. Zudem waren beide nicht in der Lage, ihre PowerPoint-Präsentationen selbst durchzuklicken, was inmitten der schönen Texte zu seltsamen Selbstunterbrechungen führte.

Das Thema des Vortrags von Frau Schollmeyer waren Juden im deutschen Fußball. Um deren Geschichte zu illustrieren, hatte sie zwei herausragende Sportler ausgewählt, die um 1910 beim Karlsruher FV spielten: Gottfried Fuchs und Julius Hirsch. Die beiden spielten kongenial im Sturm der Mannschaft, die damals mit Holstein Kiel zu den besten in Deutschland gehörte. Folgerichtig wurden sie auch in die Nationalmannschaft berufen, wo sie zusammen mit einem weiteren Karlsruher einen Block im Sturm bildeten. Dieses Konzept, mehrere Spieler aus einer Mannschaft gemeinsam in die Nationalelf zu berufen, wurde auch später immer wieder praktiziert. Nach dem ersten Weltkrieg, an dem beide als Soldaten teilnahmen, übten sie verschiedene Ämter im Verein aus; Hirsch blieb auch während der Zeit, in der er nicht in Karlsruhe lebte, Mitglied des Vereins. Im April 1933 sollten nach Beschluss des DFB alle Juden aus den Fußballvereinen ausgeschlossen werden. Hirsch wollte einem Ausschluss zuvorkommen und selbst austreten. Der Karlsruher FV wies das Austrittsgesuch ab mit der Anmerkung, dass die genaue Umsetzung des Beschlusses noch nicht klar sei und man das verdiente Mitglied Hirsch nicht ausschließen möge. Wenige Monate später tat man dann genau das. Hirsch hielt sich mit diversen Jobs über Wasser. Er wurde im März 1943 deportiert und wahrscheinlich in Auschwitz ermordet. Fuchs konnte sich nach Kanada flüchten. Er verweigerte Zeit seines Lebens eine Ehrung durch den Karlruher FV, der seinen Freund und Mannschaftskameraden Fuchs verraten habe. Ob eventuell noch lebende Angehörige von Julius Hirsch damit einverstanden sind, dass nach ihm ein Preis des DFB für Toleranz und Menchenwürde, gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus benannt ist, konnte ich nicht herausfinden.

Herr Klingebiel beschäftigte sich mit Juden beim SV Werder Bremen. Intensiv referierte er über die Familie Rosenthal. Diese wohnte am Osterdeich und war dem SVW von Anfang an treu verbunden. Möglicherweise würde diese Familie auch nach Generationen heute noch den Verein prägen, wenn sie nicht von den Nazis zerrissen worden wäre. Albert Rosenthal, geboren 1861, war seit den ersten Jahren Mitglied bei damaligen FV Werder. Sein Sohn Arthur bemühte sich um 1920 sehr um eine Ausweitung des sportlichen Angebots des Vereins, die die Umbenennung in Sportverein zur Folge hatte, und setzte sich für die Einrichtung von Schach- und Tennisabteilungen ein. Seine beiden Brüder spielten Fußball beim SVW. Die ganze Familie lässt sich als konservativ-bürgerlich bezeichnen, so ist von Arthur Rosenthal bekannt, dass er auf Seiten der Konterrevolution gegen die Bremer Räterepublik kämpfte und dabei verletzt wurde. Zwei der drei Brüder erhielten im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz I. Klasse. Ihre Verankerung im Bremer Bürgertum half der Familie zwar, ihr Haus trotz Arisierungsbemühungen zu behalten, konnte aber nicht die Deportation von Albert und Arthur verhindern. Beide überlebten nicht, Albert starb in Theresienstadt, Arthur in Minsk. Die beiden jüngeren Brüder konnten rechtzeitig fliehen.

Leider ist über die Rolle des Vereins so gut wie nichts bekannt. Es ist nicht klar, ob die jüdischen Mitglieder ausgeschlossen wurden oder nicht und ob es vielleicht sogar aktive Unterstützung für die Familien gegeben hat. Klingebiel merkte aber an, dass man davon ausgehen darf, dass bei Werder alle Richtlinien der Nazis umgesetzt wurden, sobald dies nötig war. Vielleicht hatte der Verein aber durch seine sportlichen Erfolge etwas Spielraum bei der Umsetzung. Das einzige, was man wirklich konkret sagen könne sei, dass Werder eher ein bürgerlicher Verein war, deren Mitglieder den Nazipöbel unterschätzten. Der Vortrag hielt somit Informationen über Juden im Verein bereit, nicht aber über dessen Umgang mit ihnen. Dass sich hier nicht mehr sagen lässt, ist wohl der sehr dünnen Quellenlage zu verdanken. Da die Zentrale des Vereins 1944 einen Volltreffer kassierte und völlig ausbrannte, gibt es nur wenige Unterlagen von damals, die von einzelnen Vereinsmitgliedern zur Verfügung gestellt wurden. Einen Beitrag zur Aufklärung der Rolle des SVW zur Zeit des Nationalsozialismus könnte möglicherweise Leo Weinstein liefern, der als Zehnjähriger vom Training ausgeschlossen wurde. Er lebt heute in den USA und hat Kontakt mit der Führungsebene des Vereins. Verblüffend ist die Geschichte von Alfred Ries. Er überlebte den Holocaust und kehrte nach Bremen zurück. Dort wurde er Präsident des SV Werder, wie er es vor 1933 schon gewesen war und war zudem Diplomat für die BRD. Weitere jüdische Vereinsmitgliedre waren Wolff und Eggert, über die aber nichts weiter berichtet wurde.

Im Anschluss an beide Vorträge gab es jeweils Möglichkeit für Fragen und Anmerkungen. Ich fragte, wie die Referenten es sich erklärten, dass eine Aufklärung der Geschichte des deutschen Fußballs in diesem Zusammenhang erst jetzt begönne, so dass Werder sich 63 Jahre nach dem Ende des Holocaust damit rühmen könne, als einer der ersten Vereine diese Aufarbeitung anzugehen. Herr Weinhorst erklärte diesen Umstand für seinen Verein damit, dass bislang einfach die Quellenlage so dünn war, dass man sichere Aussagen einfach nicht machen konnte. Er führte aber auch Schuldgefühle bei den damals Agierenden als Ursache für die schleppende Aufklärung an, es sei eben nicht einfach, diese auf ihre Vergangenheit anzusprechen. Klingebiel ergänzte, dass es eben immer engagierte Einzelne erfordere, die sich dieses Thema annähmen.

Letztlich überführt in meinen Augen aber gerade der erste angegebene Grund die sicher ehrlichen Bemühungen der Referenten als abhängig vom Kalkül der jeweiligen Vereinsführung. Immerhin wurden auch in dem Vortrag keinerlei sichere Aussagen darüber gemacht, wie sich der Verein und seine Mitglieder den Nazis und ihren Ideen sowie deren Ausführung gegenüber verhielten. Erhellend wurde lediglich über Juden im Verein berichtet. Die Informationen darüber hätte man längst in Erfahrung bringen können, ohne in Schuld verstrickte Vereinsmitglieder befragen zu müssen. Dazu fehlte bislang aber gerade im deutsch Fußball einfach das gesellschaftliche Klima oder der nötige Mut. Eine wissenschaftliche Erklärung dafür wurde an diesem Abend nicht präsentiert.

Wenn man “attendiert” googelt kommt man auf diesen Eintrag… :-). Fragt mich nicht wie ich darauf gekommen bin…

Eigentlich wollte Joinsen das als neuen Anglizismus einführen, aber die Googlesuche zeigt, dass es das im Deutschen wohl schon gibt und dass es eine andere Bedeutung hat als hier gewünscht. Schade, Pommes!

immerhin hats mal wieder Google referenzen eingebracht.

Bei der empirischen Apperzeption (der Sinnlichkeit) geschieht es, daß, “wenn das Subjekt auf sich attendiert, es sich dadurch auch zugleich affiziert und so Empfindungen in sich aufruft, d. i. Vorstellungen zum Bewußtsein bringt, die der Form ihres Verhältnisses nach untereinander der subjektiven formalen Beschaffenheit der Sinnlichkeit, nämlich der Anschauung in der Zeit …, nicht bloß den Regeln des Verstandes gemäß sind” ibid. (IV 295). — Die Erkenntnis seiner selbst nach der Beschaffenheit des Menschen an sich ist “das Bewußtsein seiner Freiheit, welche ihm durch den kategorischen Pflichtimperativ, also nur durch die höchste praktische Vernunft kund wird”, ibid. (IV 296V vgl. N 283.

Is klar, ne.

fucking kant

Kant heisst hier Knust

Jedenfalls wirkt ein Subjekt, welches auf sich attendiert von außen als ein zögerndes, mit Selbstwahrnehmung beschäftigtes.