Das sagt der Engel an Ostern zu den zurecht erstaunten Frauen am leeren Grab. Zu diesem Fest gibt es in den Nachrichten jedes Jahr zwei Meldungen, die kaum die Sendezeit wert sind, eben weil sie jedes Jahr fast gleich sind. Zum einen wird auch in diesem Jahr der Papst den traditionellen Segen Urbi et Orbi gesprochen haben und in einer Predigt zum Frieden aufgerufen haben. Höchstwahrscheinlich hat er auch entweder für das Heilige Land gebetet oder die Mächtigen dort direkt angesprochen. Außerdem wird es wieder in vielen Städten in Deutschland, Europa und Nordamerika Friedensmärsche gegeben haben, und wieder werden die Teilnehmerzahlen hinter denen der vergangenen Jahre und den Erwartungen der Veranstalter zurückgeblieben sein.
In Bremen vielleicht nicht, denn wie das Bremer Friedensforum voller Freude mitteilt, konnte Eugen Drewermann für die Kundgebung auf dem Marktplatz gewonnen werden. Das finden einige Religionslehrer und Theologieabbrecher sicher super und gehen hin. Sie werden sich aber ganz sicher auch nicht an den Forderungen stören, für die mit dem Friedensmarsch vom Ziegenmarkt in die Innenstadt demonstriert werden soll:
- Frieden für Afghanistan!
- Keine Bundeswehreinsätze buten un binnen!
- Konflikte friedlich lösen!
- Vollständige atomare Abrüstung, auch in Deutschland!
- Abrüstung statt Sozialabbau!
- Bremer Rüstungsfirmen auf die Herstellung ziviler Güter umstellen!
- Grundrechte erhalten!
Wo soll man denn da anfangen? Vielleicht vorne und hinten gleichzeitig. Frieden für Afghanistan und Grundrechte klingen ja schon ganz gut. Ich hoffe, dass ich davon ausgehen darf, dass die Grundrechte überall und jedem gewährt werden sollen. Leider muss ich aber auch davon ausgehen, dass die Kritik an Bundeswehreinsätzen keine spezielle Kritik an deutschen Interventionen, sondern an Militäreinsätzen generell ist. Die Forderung, Konflikte friedlich zu lösen, ist auch allgemein gehalten und von Grund auf problematisch. Frieden ist das Ergebnis der Lösung eines Konfliktes. Konflikte sind aber ihrer Natur nach unfriedlich. Wenn man sich also in einen Konflikt einschaltet mit dem Ziel, ihn zu lösen, oder sogar ohne eigenes Zutun in ihn hineingezogen wird, so ist es erst einmal aus mit dem Frieden, man ist dann Teil des Konflikts. Wenn dieser mit Gewalt ausgetragen wird, so bedeutet ein Verzicht auf Gewalt das Aussteigen aus dem Konflikt und somit zwar seine Beendigung, aber nicht seine Lösung.
Gerade Afghanistan ist ein gutes Beispiel für dieses Problem. Man kann sicher sagen, dass die Allierten sich hier in einen Konflikt eingeschaltet haben, der bereits bestand. Das geschah nicht grundlos, sie wurden mit der Nase darauf gestoßen, da die Taliban mit ihrem menschenverachtendem Islamismus nicht nur die Grundrechte im eigenen Land außer Kraft gesetzt hatten, sondern auch Leuten eine Heimat boten, die das gleiche Programm im Größenwahn weltweit durchsetzen wollen. Gerade die vom Friedensforum bemühten Grundrechte waren einer der Gründe, die Bundeswehr zusammen mit anderen Truppen nach Afghanistan zu schicken. Sie waren dort, um den (bereits vor ihrem Eingreifen mit kriegerischen Mitteln ausgetragenen) Konflikt um die Grundrechte zugunsten ebendieser zu lösen und im Idealfall zu einem Frieden für Afghanistan zu kommen. Das Friedensforum ist sich der Wichtigkeit der Frage, ob und inwieweit das geglückt ist, scheinbar bewusst und bietet demnächst einen Vortrag zu genau diesem Thema mit besonderer Berücksichtigung der Frauen in Afghanistan an. Es ist aber zu befürchten, dass das Ergebnis sich der Friedensdogmatik unterzuordnen hat, die auch im zitierten Aufruf durchklingt.
Eine weitergehende Beschäftigung wäre auch beim Thema atomare Totalabrüstung sinnvoll, die Frage könnte dann lauten, wie eine (zivilisierte) Welt ohne Atomwaffen Psychopathen mit Atomwaffen entgegentreten könne; wie sie Islamisten und sonstige Spinner, die sich einst die Bombe bauen mögen, davon überzeugen möchte, diese nicht einzusetzen. Ich sehe, im Gegensatz zu Bürgermeister Jens Böhrnsen, keine Möglichkeit.
Sowohl im zuerst angeführten Beispiel als auch in den weiteren Punkten kann man dem Bremer Friedensforum im Gegensatz zu vielen anderen Friedensgruppen in Deutschland zugute halten, dass es offenbar ganz bewusst vor der eigenen Haustür oder zumindest in der eigenen Straße kehrt und die USA und Israel nur selten und dann meist in Vorträgen von Friedensmenschen aus den betreffenden Ländern kritisiert. So erklärt sich auch die ganz spezielle Kritik an der bremischen Rüstungsindustrie und die innenpolitische Bezugnahme auf die vermeintliche Alternative Abrüstung oder Sozialabbau. Dass die NPD fast wortgleich diesen Zusammenhang fast mit gleichen Worten herstellt, stört das Friedensforum zwar, löst aber offensichtlich keine Zweifel an der Richtigkeit ihrer Theorien aus. Gegen den Einwand, ohne die Rüstungsindustrie gäbe es in Bremen noch mehr Arbeitslose hat man sich was ganz Feines ausgedacht: Die Unternehmen werden nicht geschlossen, sondern auf die Produktion ziviler Güter umgestellt. Klar: Wenn man aus Dünger und Ampeln Raketen bauen kann, dann kann man aus Raketen sicher auch was Feines machen. Zivile Raketen vielleicht. Planwirtschaft at its very best. Wahrscheinlich macht es Sinn, ein paar Rüstungsbetriebe dicht zu machen, aber das ist dann eher Subventionskritik und Rationalisierung als Friedensarbeit. Mit dem hergestellten Zusammenhang kann man Menschen überzeugen, die NPD wählen, oder “Die Linke”, oder beide.

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25. Februar 2008 at 21:55
Fabian
Zum Thema atomare Totalabrüstung:
Eine einseitige atomare Totalabrüstung eines Machtblocks könnte sicherlich Probleme in Hinblick auf die Abschreckung anderer Atommächte mit sich bringen; dies möchte ich nicht bezweifeln. Dass man mit Atomwaffen Psychopathen und sonstige Spinner abschrecken könne, scheint mir jedoch eine fragwürdige Annahme zu sein. Es mag vielleicht gegenüber Staaten, die von Psychopathen regiert werden, noch ein halbwegs brauchbarer Ansatz sein; gegenüber nichtstaatlichen Akteuren, die in den Besitz von Atomwaffen gelangen (oder vielleicht auch “gelangt werden”), sehe ich dies dagegen nicht mehr gegeben.
Zum einen stellt sich die Frage, gegen wen man denn atomar zurückschlagen soll, wenn mglw. außer ein paar Dutzend Personen/Terroristen niemand sonst Einblick in die Aktion hatte; zum anderen scheint es keine (zumindest keine mir bekannte) Form von Abschreckung (jetzt ganz allgemein Abschreckung im Sinn von Androhung von Konsequenzen) zu geben, mit der man konventionelle Attentäter stoppen kann. Sollte es wirklich funktionieren, Leute, die zum Einsatz deutlich extremerer Mittel, wie eben Atomwaffen, bereit sind, durch ebenso extremes abzuschrecken? Zumindest ich zweifele daran.
25. Februar 2008 at 22:02
Joinsen
Was nichtstaatliche Akteure angeht, gebe ich dir Recht.
Bei staatlichen Akteuren gehe ich aber davon aus, dass sie selbst wenn man sie als sehr verrückt einstufen kann nur selten so durchgenallt sein werden, die eigene Vernichtung zu riskieren. Auch im Fall Iran schätze ich die Lage so ein.
26. Februar 2008 at 09:34
Peter Death Bredon Wimsey
So lange sich die Forderungen des Friedensforums auf radikal pazifistische Ideen beziehen würden, wäre ich geneigt, diese als irgendwie sympathische Utopien zu verbuchen. Die Begrenzung der Themenauswahl kann ich aber nicht feststellen; bei den Mahnwachen, die donnerstags auf dem Marktplatz abgehalten werden, fordern überwiegend greise Friedensfreundinnen und –freunde auch ein „Ende der aggressiven israelischen Besatzungspolitik“ und ein „Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes“. Da liegt für mich der Schluss nahe, dass sich bei den Demonstrierenden kein echter Bruch im Anschluss an die HJ-Sozialisation vollzogen hat. Außerdem rekrutieren sich die jüngeren Teilnehmerinnen und Teilnehmer teilweise aus dem Umfeld der DKP bzw. des „Arbeiterbundes zum Wiederaufbau der KPD“. Mir fehlen regelmäßig 99 Cent am Euro wenn ich mir die Flugschriften dieser Gruppen angucke. Da tröstet auch nicht die gerne mittels Mützen und Westen zur Schau gestellte Thälmann-Folklore.