Februar 2008

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Der israelische Ministerpräsident ist gerade in Berlin. Allerdings bekommt man davon nichts mit. Sowohl bei FAZ.net als auch bei SpOn ist auf der Hauptseite nichts davon zu sehen. Die Suchfunktion schmeisst immerhin bei der FAZ einen Artikel von morgen aus, dessen Lektüre aber kostenpflichtig ist. Die Internetausgabe der Jerusalem Post zitiert ihn, aber nicht in Sachen Deutschland. Hängt alles damit zusammen, dass die politischen Gespräche erst morgen beginnen, wundert mich aber trotzdem.
Tagesschau.de fällt aus dem Rahmen und berichtet bereits heute. Und das relativ interessant.

Heute nun erklärte Olmert in Berlin, seine Regierung habe der Armee freie Hand gegeben, das Vorgehen im Gaza-Streifen zu verschärfen. “Unsere Sicherheitskräfte haben die Erlaubnis, alles Nötige zu unternehmen, um die Lage zu ändern”, sagte er. Vizeregierungschef Haim Ramon drohte sogar mit einer gewaltsamen Entmachtung der Hamas. “Es wird ein paar Monate dauern, vielleicht ein Jahr”, sagte er. “Aber am Ende wird es die Hamas als Terror-Organisation nicht mehr geben.”

Im exzellenten Blog von Yaacov Lozowick liest man Ähnliches.

He claims the goals will be to de-fang the Palestinian ability to wage terror from Gaza; to get rid of the Hamas government; to create a situation similar to the West Bank where Israeli tactical intelligence gathering is smooth, uninterrupted, local, and highly efficient; and to change the status of the Egyptian-Gaza border so that someone reliable really controls it.

Es steht also zu erwarten, dass die IDF demnächst massiv im Gaza-Streifen aktiv werden. Die Anführer der Terroristengruppen verstecken sich offenbar schon.

According to Al-Quds, after Haniyeh was reportedly placed at the head of Israel’s assassination list, Hamas security took steps to increase security around the heads of the organization, especially Haniyeh. “Only a few of Haniyeh’s bodyguards know where he is,” the sources said.

Falls man die Herrschaft der Hamas in Gaza tatsächlich beseitigen will, ist die interessante Frage, was danach kommen soll. Eine von den Israelis durchgesetzte Herrschaft der Fatah und damit die Wiederangliederung ans Westjordanland erscheint unrealistisch. Mahmud Abbas steht ohnehin schon im Ruf, zu viel mit den USA und Israel zusammen zu arbeiten. Ausserdem ist fraglich, ob das überhaupt die Probleme lösen würde, deretwegen man die Hamas jetzt bekämpfen will.

Eine erneute Besatzung wäre ein Rückschritt und würde viele Opfer fordern. Andererseits würde sie den Israelis um den Gazastreifen herum wieder ein sicheres Leben ermöglichen. Und das ist schliesslich das Ziel.

Ein weiteres Gedankenspiel beinhaltet eine internationale Schutztruppe in Gaza, was für Israel natürlich komfortabel wäre. Aber wer ist schon so hirnverbrannt, sich freiwillig diesen Alptraum aufzuhalsen?

Ägypten jedenfalls nicht, obwohl manche das gerne sehen würden. Für Israel wäre auch das eine sehr gute Lösung, zumal man damit den Gazastreifen langfristig vom Westjordanland trennen könnte, somit die bisherigen Pläne für einen palästinensischen Nationalstaat zurück in der Schublade verschwänden und für das Westjordanland eine andere Lösung gesucht werden könnte. Ein Traum für die israelische Rechte.

Wie man sieht, sind alle guten Lösungen unmöglich und alle möglichen Lösungen schlecht. Und ob man von denen eine erreicht, steht auch nochmal auf einem anderen Blatt.
Man darf gespannt sein, wie sich Jerusalem entscheidet. Regierung und Armeeführung haben auch noch den verpatzten Sommerkrieg von 2006 im Gepäck und wissen sehr genau, dass sie den nächsten Krieg gewinnen müssen. Nicht nur für ihr eigenes politisches Überleben, sondern vor allem, um das Abschreckungspotential der IDF wiederherzustellen. Dass es einen nächsten Krieg geben wird, ist sicher.

Tränenschießen

Erst mal was anderes: Warum brauche ich bei Wochenzeitungen, selbst wenn sie so dünn sind wie die Jungle World, eigentlich grundsätzlich zwei Wochen zum Durchlesen? Heute im Zug war ich jedenfalls endlich auf Seite 21 des Dschungels der Ausgabe aus der vorvergenen Woche angekommen. Dort wird in köstlicher Manier der “schlechteste Roman der Welt”, Rupertshain von Martin Mosebach, in seiner sprachlichen Unvollkommenheit auseinandergenommen. Ein Ausschnitt:

Was sie nicht ertrug, waren die Phasen der Zerknirschung, in denen Ivanovich sich immer wieder badete. (89) Da man jedoch in einer Phase nicht baden kann wie in Wasser oder in Eselsmilch oder womöglich auch wie in der eigenen Zerknirschung, bedeutet dieser Satz, dass Ivanovich jene Phasen damit verbringt, seine Badewanne mehrmals zu besteigen und zu verlassen. Aber ist es das, was Mosebach sagen will?

Die Tränenströme, die Ivanovich nun vergoß, trafen sie daher unvorbereitet. (137) Nein, keine Sorge! In Wirklichkeit treffen die Tränen sie gar nicht. Mosebach will hier bloß sagen, dass Marie-France es nicht erwartet hat, Ivanovich weinen zu sehen.

Tatsächlich konnte ich mir an dieser Stelle eine Lachträne nicht mehr verkneifen. Und obwohl ich mit dieser mein Gegenüber knapp verfehlte, bekam ich die abschätzigen Blicke, die man als emotionaler Leser in der Öffentlichkeit hin und wieder ertragen muss.

Die Klugscheißerbücher, die der Spiegel mittlerweile in Serie herausbringt, hasse ich ja auch. Doch in diesem Artikel trifft es das Werk eines Autoren, der für ebendieses einen Büchnerpreis bekommen hat und von den Vertretern des Literaturbetriebs gefeiert wird. Wer also Unterhaltung auf Kosten anderer in Kombination mit berechtigter Kritik am Kulturestablishment sucht, wird hier fündig.

Ein kleines Sammelsurium zu meinem Lieblingsthema:

Kürzlich durfte ich jemandem, der wahrscheinlich beim SDS organisiert ist, zuhören, was er über den Nahostkonflikt denkt. Zunächst mal bestehen natürlich sämtliche Lösungsvorschläge (die wirklich als solche gemeint sind) daraus, einseitig Zugeständnisse von Israel zu fordern. Die Besatzung müsse aufhören, zum Beispiel.
Was das bedeuten würde, sich einfach so aus dem Westjordanland zurückzuziehen, kann man vielleicht daran ablesen, was in der Nähe vom Gazastreifen passiert, seit die Israelis dort abgezogen sind. Die gesamte Grenze würde zur Front, an der Raketen auf Israel geschossen werden, worauf die Israelis dann mit Angriffen auf die Terroristen antworten würden.

Zur Veranschaulichung.

Dass solche Zustände in Israel niemand will, erscheint einleuchtend. Leider denken diejenigen, die ein Ende der Besatzung fordern, gar nicht soweit. Wer der einfachen Wahrheit, dass Besatzung schlecht ist, anhängt, lässt die Gründe für die Besatzung nicht nur nicht gelten, er ignoriert sie.
Weil er nun für Moshe Normalisraeli keinen Grund sieht, warum der possibly für die Besatzung sein kann, dieselbe ergo nicht vom Volk gewünscht sein kann, findet der sozialistische dumme Kerl auch einen Weg, wie man die imperialistische Regierung zum Umdenken zwingen kann: Er wünscht sich einen Generalstreik.
Viel weiter kann man sich von der Realität nicht entfernen. Mag jede Demokratie auch gravierende Mängel haben, so ist doch offensichtlich, dass die israelische im Hinblick auf den Konflikt funktioniert. (Wahrscheinlich auch in anderer Hinsicht, aber darüber weiss ich wenig). Wären die Israelis mit ihrer Regierung unzufrieden (okay, das sind sie immer, ich meine: Sähen sie ihre vitalen Interessen nicht vertreten), sie würden sich einfach eine neue wählen, wie das regelmässig passiert.

Andere Highlights habe ich in meinem Lieblingsblog gefunden. Man will dort einfach nicht wahrhaben, dass die Palästinenser den jüngsten Selbstmordanschlag in Israel, bei dem eine Frau ermordet wurde, feiern. Das Argument, das Bild sei eine “Familienszene”, hat aber spannende Implikationen. Denn wie man bei diversen Videos sehen kann (hier ab Minute 8:00), verteilen die Jungen Süssigkeiten auch an vorbeikommende Autofahrer. Gehören die alle zur Familie? Und wenn das eine ganz normale Strassenszene ist, dass man sich gegenseitig mit Blumen und Süssigkeiten beschenkt, was ist dann aus “dem größten Gefängnis der Welt” geworden? Wie kann es sein, dass sowas mitten in einer “humanitären Katastrophe” passiert?
Wer von Medienmanipulation redet, sollte also schon ein paar stichhaltige Argumente dafür haben, dass es sich eine Fälschung handelt. Hier gibts schöne Beispiele.

Doch nicht genug mit dem genannten Beitrag. Die Antisemiten kennen die Etikette, und sie halten sich daran.

Wir bekommen hier ein paar Kommentare, die nicht freigeschaltet werden. Sie sprechen von “den Juden”, die den Palästinensern dies oder das antun.
Bitte sprecht in Kommentaren von “Israelis”. Wir werden den Zionisten nicht den Gefallen tun, dass sie sich wie schon seit mehreren Jahrzehnten hinter dem gesamten Judentum verstecken können. Tatsache ist, dass sich mehr und mehr Juden von Israel und den kompromisslosen Zionisten, die es regieren, abwenden (hierüber wird übrigens bald ein detaillierter Artikel erscheinen).

Da verbringt man seine Zeit damit, ständig auf den Juden rumzuhacken, will sie dann aber nicht so nennen, weil das einfach schlecht aussieht. Und weil “Israelis” in Anführungszeichen doch tatsächlich impliziert, dass Israel existiert, kommt die besorgte Nachfrage:

Kommentar von Nassralla1981 am 6. Februar um 14:36 Uhr

Wenn ich “Israel” nicht erwähnen möchte, kann ich Zionisten sagen?

“Natürlich” darf er das, der Nassralla, und um den Bogen zurück zur Lösung des Konfliktes zu schlagen, zitiere ich kurz dessen Namensgeber: “Es gibt keine Lösung des Konflikts in dieser Region, ausser durch das Verschwinden von Israel.”

Wie man sechs Millionen Menschen (ich denke, Nasrallah wird die Araber dableiben lassen wollen) verschwinden lässt, das weiss man behauptet man anderswo, besser zu wissen. Deshalb schreibt das selbsternannte Politblog noch einen weiteren Beitrag, indem ein Blick in die Kommentare wiederum dafür sorgt, dass man klarer sieht. Man ahnt es bereits beim Titel “Israel verleugnet die Nakba“. Darauf folgt das übliche Geschwafel von ethnischen Säuberungen 47/48, als die Araber das erste Mal den Kürzeren zogen, als sie die Juden vertreiben wollten. Niederlagen sind schwer verdaulich, aber das soll hier gar nicht das Thema sein. Irritierend wird es am Ende, Ilan Pape ist ein israelischer Historiker, der den Vorwurf der ethnischen Säuberungen gegen Israel erhebt:

Und nun stelle man sich vor, die israelische Regierung hätte ihre offizielle Geschichtsschreibung derart durch Gesetze geschützt, dass Pappe jetzt im Gefängnis sitzen würde, wegen “Leugnung der Geschichte”.
Oder man stelle sich vor, es kommt eine moderatere israelische Regierung an die Macht, die ihrerseits Pappes Geschichtsschreibung zum heiligen, unantastbaren Dogma erklärt und jeden Historiker einsperren lässt, der sich auf die Suche nach Gegenargumenten zu Pappe macht.

In den Kommentaren wird erklärt, worum es dem Autor geht.

Deutschland (und einige andere Länder) hat a) Gesetze und b) ein gesellschaftliches Klima, die freie Geschichtsforschung nicht zulassen (völlig egal aus welchen Motiven heraus).

Ein bisschen auf die Spitze getrieben könnte das bedeuten, dass Ilan Pappe, wenn er statt der israelischen die deutsche Geschichte neu interpretiert hätte und in Deutschland arbeiten würde, jetzt im Gefängnis wäre.

Oder: Wenn Israel seine Gründung genauso per Gesetz dogmatisieren würde wie Deutschland die Ereignisse um den Zweiten Weltkrieg, wäre Pappe im Gefängnis und seine so wichtigen Texte verboten.

Hoffe das war verständlicher?

Ja, das war es. Politblog hat ein Problem mit dem “Dogma”, das Deutschland aus den “Ereignissen um den Zweiten Weltkrieg” macht. Eingefordert wird also kaum verklausuliert das Recht, den Holocaust zu leugnen, im Namen der “freien Geschichtsforschung”.
Das wirft weitere Fragen auf.
a) Was käme wohl nach Ansicht des Autors bei so einer Forschung heraus, was ist die Wahrheit über die genannten “Ereignisse”?
b) Warum gibt es diese Gesetze, wer hat denn dafür gesorgt, dass die Deutschen nicht “frei forschen” dürfen?

Hier gibts die Auflösung. (Kurz: a) Der Holocaust wurde von den Juden erfunden. Gründe dafür sind diffus und haben etwas mit Weltherrschaft zu tun. b) Um ihre Verschwörung abzusichern, machen sie die Völker mundtot. Nur einige Aufrechte von der NPD und dem Politblog trauen sich noch, die Wahrheit zu sagen.)

So langsam geht mir der Sarkasmus aus, angesichts dieser widerlichen Typen und den Massen von Gleichgesinnten.

Zum Schluss noch etwas Positives. Kürzlich habe ich still und heimlich das Blog “Letters from Rungholt” in die Blogroll eingefügt. Es ist preisgekrönt und trotzdem klasse.
Lila berichtet darin von ihrem Leben und allem was dazu gehört. Das ist nicht nur spannend, weil sie in einem Kibbuz im Norden Israels lebt, sondern weil sie auch allerlei anderweitig interessante Sachen zu Alltagsthemen, Kultur, Politik und was Menschen sonst noch so passiert schreibt.

Popkultur

Ich habe jetzt seit einer guten Woche einen wiederkehrenden Ohrwurm, der nicht aus einer Melodie, sondern aus Wörtern besteht. Er geht so: “What the fuck is you gonna do about it nothing” Die Abwesenheit von Satzzeichen gehört zum Konzept.
Hier nun die Quelle meines Ohrwurms. Das Video ist nicht das, wonach es nach den ersten Sekunden aussieht. Und das Lied ist natürlich deutlich überzeugender, wenn es den Bass hat, auf den solche Musik angewiesen ist, der aber bei Youtube etwas zu kurz kommt.
Es gibt noch ein älteres Video zu dem Lied, ich habe mich aber aus politischen Gründen nicht getraut, das hier kommentarlos einzubinden, wie ich es eigentlich vor hatte. Leider sind beide Videos zensiert, was einerseits ärgerlich, andererseits lustig ist. Denn wie kann man das Wort “fuck” anstössig finden und mit den Videos selbst kein Problem haben. Das ist absurd.

Als ich gerade eine .org-Seite ansteuerte, stellte ich mir die Frage, ob die Domain orgasm.org schon vergeben sei und an wen. Obwohl mir das Ergebnis schon fast klar war, gab ich sie dennoch in den Browser ein und fand - eine konservative amerikanische Politikseite mit dem schönen Titel YouPolitical. Diese bekommt so zwar ganz bestimmt eine Menge Besucher, aber ich bin mir nicht sicher, ob diese sich wirklich über Amerika und den Internationalen Terrorismus informieren wollen.

Wenn man nämlich Angst hat, den nächsten Anschlag in seiner Nähe zu verpassen, wendet man sich vertrauensvoll an terroristwarning.com. tagesschau.de tut es aber vielleicht auch.

So…

NPD-Parteizentrale

… sieht uebrigens die NPD-Bundeszentrale von hinten aus. Da ist es nicht verwunderlich, dass es bei manchen auch mit der nationalen Idee an sich bergab geht.

Das Bild ist nun echt kein Meisterstück der Fotografie, aber es hat, wie Kuratoren zu sagen pflegen, eine Geschichte zu erzählen. Die Sonnenstrahlen, die das Hochhaus in der Nähe eines Parks im Norden Tel Avivs bescheinen, sind die letzten eines Freitagabends. Schon wenige Minuten später trifft nur noch diffuses Licht den Putz. Dann ist Shabbat, der Sonntag für die Juden, der mit unserem Samstag zusammenfällt.

Bei strenger Auslegung der Glaubensgesetze ist der Shabbat ein sehr ruhiger Tag. Es gibt reichliche Vorschriften, was man machen darf und was nicht, und wenn dann doch, in welchem Umfang. Die sich mit dem Untergang der Sonne einstellende Ruhe war uns von unserem Amateurreiseleiter als ein ganz besonderes Spektakel angepriesen worden. Es war dann aber doch ziemlich langweilig, weil lebhafter als angekündigt.

Der gute Mann war nämlich bei seinem ersten Aufenthalt in Jerusalem gewesen, einer Stadt, die wesentlich mehr von der Religion geprägt wird als Tel Aviv. Unser Profireiseleiter sagte uns auf Nachfrage, dass etwa ein Fünftel der Israelis den Shabbat einhalten, wobei auch bei ihm wild aus der Luft gegriffene Zahlen nicht unwahrscheinlich waren. Bei Betrachtung des abendlichen Stadtbilds kam es jedenfalls hin. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, wie viel Rücksicht auf die Minderheit genommen wird. Die Geschäfte haben, wie wir es ja auch kennen, geschlossen. Zusätzlich wird aber der ÖPNV (dieses Wort wollte ich schon immer mal benutzen) eingestellt und es gibt Kuriositäten wie Shabbat-Aufzüge, die in jeder Etage halten, damit man nicht den Knopf drücken muss. Und die Tür schließt vollautomatisch und unbarmherzig, was ganz schön gefährlich ist für Menschen, die sich abgewöhnt haben, die Warnhinweise in Fahrstühlen zu lesen.

Hausgemeinschaft

Vor unserem Haus, an der Treppe auf die Strasse, ist ein unscheinbares Metallgeländer angebracht. Dieses Aussengeländer macht uns ein paar Probleme. Irgendwie klappert es sehr laut. Ausserdem ist die alte Dame von oben kürzlich daran abgerutscht.
Seitdem flucht sie jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt, über das “verdammte Aussengeländer”, das “zu nichts gut” sei. Sie hält dabei stets einen Sicherheitsabstand von gut 20cm zu dem Geländer, das offensichtlich ihren Tod wünscht. Unverständliches grummelnd erreicht sie die Strasse, wirft noch einmal einen Blick zurück und verschwindet dann. Bei der Heimkehr wiederholt sich das Schauspiel.

Vorgestern habe ich festgestellt, dass sie ihre Abneigung offensichtlich zu einem Politikum hat machen können. Zunächst stand ihr Ehemann vor der Tür, Jahrgang 32. Er grüßte freundlich und sagte: “Mit diesem Geländer, also dem Aussengeländer, das geht doch so nicht weiter!? Also wir wollen da jetzt dem Schneider, also dem Vermieter, wir wollen dem jetzt sagen, dass es weg muss! Was sagen sie denn dazu?” Ich sagte dazu im Wesentlichen gar nichts, verlieh meiner vollständigen Gleichgültigkeit durch Brummen Ausdruck und schloss die Tür.

Als ich am selben Abend das Haus verliess, sprang mir ein Zettel ins Auge. Unterschrieben von Frau Franke, der Grundschullehrerin aus dem zweiten Stock, hiess es dort:

Liebe Hausbewohner,

unser Aussengeländer gibt dem Haus seit Jahren ein besonderes Äusseres. Sein Abbau, wie von einigen gefordert, würde einen wichtigen Teil der Fassade wegnehmen. Ich habe deswegen bereits mit dem Vermieter telefoniert, der mich da voll und ganz unterstützt. Auch möchte ich euch, liebe Hausbewohner, darum bitten, nicht zu doll am Geländer zu rütteln, es könnte sonst weiter beschädigt werden.

Noch etwas überrascht von der unerwarteten Relevanz, die das Aussengeländer-Thema offensichtlich für viele Bewohner hat, wollte ich gerade aus der Tür, als mir Herr Klaussen entgegen kam, mir den Weg versperrend auf den Zettel starrte und mir entgegen blaffte: “Was ist das denn für ne Scheisse? Wer braucht denn so nen Scheissgeländer. Ich mein, drüben haben die auch kein Problem mit ihrem, und dann ist das ja auch okay, son Aussengeländer. Aber wenn das hier nur Ärger macht solls halt weg. Oder nich????”

Mit der bereits bewährten Brummtechnik schlängelte ich mich aus der Tür.

24 Stunden später eskalierte die Situation. Ich wurde beim Fernsehen auf die lautstarke Auseinandersetzung, die sich vor Frau Frankes Wohnungstür abspielte, aufmerksam. Das vollzählige Rentnerpaar hatte, als ich auf den Flur trat, die Argumentationshoheit über das zweite Stockwerk erlangt. Sie hatten durch andauerndes Keifen offenbar erzwungen, dass Frau Franke, ganz ihrem Wesen nach, einem Konsens zustimmte, der die allgemeine Problematik eines rutschigen Aussengeländers und dringenden Handlungsbedarf anerkannte. Die verstörte Grundschullehrerin hörte ich japsen: “Ja, wenn sie so wollen, für das Gesamthaus ist das schon eine Belastung…”, bevor sie diesen Gedanken weiter ausführen konnte , fiel ihr der alte Mann ins Wort “Und da müssen wir was tun, das geht so nicht weiter!”
Ich vernahm kurz darauf die Stimme von Klaussen, der bis dahin wohl schweigend zugehört hatte und sich berufen fühlte, den nun erreichten Hauskonsens in die Tat umzusetzen. Mit dem sicheren Gefühl demokratischer Legitimation raunte er etwas von einem Vorschlaghammer und stiefelte nach unten Richtung Keller. Ich schloss verängstigt die Wohnungstür, um ihn vorbei zu lassen, ohne in die ganze Geschichte verwickelt zu werden. Oben ging derweil die Diskussion weiter, Franke versuchte noch einmal zaghaft, den Vorschlaghammer zu vermeiden und vielleicht stattdessen eine Stabilisierungsmassnahme für das Geländer populär zu machen. Vergeblich.

Bei ausgeschaltetem Licht beobachtete ich, wie die Hausgemeinschaft an der Tür vorbei Richtung Hauseingang marschierte. Klaussen vorneweg, mit dem Zerstörungswerkzeug in den fleischigen Armen, die aus seiner Feinrip-Abendgarderobe herauswackelten. Dahinter der jede Minute jünger werdende Senior, der erstaunlicherweise irgendwoher eine Fackel genommen hatte, die er schliesslich vor der Haustür entzündete. Im Schein der Fackel und unter den zustimmenden Blicken seiner Kameraden fing Klaussen an, ungelenk auf das Geländer einzuschlagen, das mit einem leidenden “Klong! Klong! Klong!” antwortete.
Aus dem Wintergarten heraus beobachtete ich dieses Theater. Das Abrissunternehmen wartete lange vergeblich auf einen sichtbaren Erfolg. Derweil vergrösserte sich die gaffende Menge um Klaussen herum, der sich davon angespornt noch mehr anstrengte. Klong! Klong! Klong! Inzwischen wackelten auch die Fensterscheiben meines Verstecks bedenklich im Takt.

Ein Ende des Spektakels war nicht abzusehen, da bog die Staatsmacht in Form von zwei Polizisten im PKW in die Strasse ein. Mit entgeistertem Blick kamen sie, zunächst völlig unbemerkt, auf unser Haus zu und fragten, was auch ich nicht mehr wusste: “Was ist hier denn los?” Frau Franke, stolz auf ihre Mediationsfähigkeiten, nahm sich der Frage an und erläuterte, was das Problem mit dem Geländer sei und dass der Herr Klaussen das nun endlich regeln würde. Der Polizist suchte - buchstäblich händeringend - nach einem Ansatz, mit dem er das wilde Treiben beenden könnte, beziehungsweise zunächst einmal ein Problembewusstsein bei den handelnden Personen schaffen würde. “Es ist fünf vor neun” sagte er und verstummte kurz wieder. “Das geht so nicht.” Franke seufzte.

Klaussen hämmerte derweil mit hochrotem Kopf, aber ohne vorzeigbare Ergebnisse, weiter auf das Geländer ein, ohne noch von der Aussenwelt Notiz zu nehmen. Er hatte sich inzwischen seines Unterhemdes entledigt.

Der Polizist ging nun direkt auf ihn zu und sagte mit bester Beamtenautorität: “Hören sie auf damit! Es reicht!” Von der rechten Flanke kam Unterstützung für den Behämmernden, der die Aussenwelt selbst nicht mehr wahrnahm: Die alte Dame, die sich immerhin als Hauptopfer des Geländers sah, stellte sich zwischen Polizist und Baustelle und schrie den Beamten aus dem sichtbar unangenehmer Nähe an: “Was wollen sie denn? Soll ich hier morgen runterfallen, wenn das vermaledeite Geländer mich wieder abrutschen lässt? So kann ich hier nicht leben! Es ist unerträglich! Das Geländer muss weg!”

Der schwitzende Jungbulle wurde nun Opfer seiner grundfalschen Einschätzung der Lage. Entnervt wollte er die Dame beiseite schieben, um Klaussen jetzt physisch zur Aufgabe zu zwingen. Doch die Menge, die bis vor Kurzem bloss eine Ansammlung von deutschen Bürgern mit einem klaren Ziel gewesen war, verwandelte sich nun in einen wütenden Mob. Der Ehegatte des Geländeropfers hieb mit seiner Fackel bedenklich nahe am Gesicht der Staatsmacht vorbei und forderte diese auf, seine Frau in Ruhe zu lassen. Als der Beamte zügig zu seinem Kollegen zurückschritt, fingen die Menschen an, zu werfen. Sie warfen Bildzeitungen, Münzen, Biogemüse, Mobiltelefone und Haustiere. Vieles davon flog aus den oberen Stockwerken, in die sich einige aus strategischen Gründen zurückgezogen hatten. Nachdem die Polizisten geflüchtet waren, wurde es wieder etwas ruhiger.

Ich saß inzwischen unter dem Küchentisch, den Fahrradhelm meiner Mitbewohnerin auf dem Kopf und ein grosses Küchenmesser in der Hand. Von dort aus beobachtete ich die Straße und die Wohnungstür, vor der ich aus Möbeln eine kleine Barrikade gebaut hatte.

Zeitgleich hatte man, wie ich mich nun zu erspähen traute, auch auf der Strasse eine Barrikade errichtet. Sie bestand aus Mülltonnen und, siehe da, dem verbogenen Aussengeländer als Herzstück in der Mitte. Oben auf diesem Schutzwall lagen eng umschlungen Frau Franke und Herr Klaussen, inzwischen beide mit freiem Oberkörper und nach dem Ausfall der Strassenbeleuchtung nur noch vom Licht der brennenden Mülltonnen beleuchtet. Auf der anderen Seite sammelten sich schwarz gekleidete Sondereinheiten der Polizei. Diesseits waren gut 40 mit Fackeln, Dachlatten und, wie es sich für einen wütenden Mob gehört, Mistforken bewaffnete Bürger dabei, sich auf die drohende Räumung der Strasse durch die Polizei vorzubereiten.
Offensichtlich war der Showdown nah. Mit lautem Sirenengeheul kündigten sich weitere Polizisten und Sanitäter an. Ein Wasserwerfer bog um die Ecke. Die Sirenen wurden immer lauter.

Als der Lärmpegel kaum noch zu ertragen war, wachte ich auf. Ich fand mich in meinem warmen Bett wieder. Verstört rieb ich mir den Schlaf aus den Augen, schnappte meine Jogginghose und ging zur Tür, vor der natürlich keine Möbel plaziert waren. Der Flur war sauber, keine Spur vom Mob, keine Spur von Frankes Zettel. Vor der Haustür stand das Geländer wohlbehalten, die Sonne schien. Ich hatte alles nur geträumt.

Erleichtert ging ich ins Bad und anschliessend in die Küche. Zu meiner Überraschung saß dort jemand und las eine Zeitung, hinter der er vollständig verborgen blieb. Langsam senkte sich das Blatt, in Zeitlupe wanderte es auf den Tisch. Der seltsame Gast war nun leicht zu erkennen. Er löffelte laut schmatzend Sauerkraut aus einer Dose und starrte mich an.

Es war Roland Koch.

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Anlässlich des Holocaust-Gedenktages.

Leidmedium

Wie hab ich mir das denn vorzustellen, ihr Klugscheißer?Spiegel

[inzwischen berichtigt]

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