Vor unserem Haus, an der Treppe auf die Strasse, ist ein unscheinbares Metallgeländer angebracht. Dieses Aussengeländer macht uns ein paar Probleme. Irgendwie klappert es sehr laut. Ausserdem ist die alte Dame von oben kürzlich daran abgerutscht.
Seitdem flucht sie jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt, über das “verdammte Aussengeländer”, das “zu nichts gut” sei. Sie hält dabei stets einen Sicherheitsabstand von gut 20cm zu dem Geländer, das offensichtlich ihren Tod wünscht. Unverständliches grummelnd erreicht sie die Strasse, wirft noch einmal einen Blick zurück und verschwindet dann. Bei der Heimkehr wiederholt sich das Schauspiel.
Vorgestern habe ich festgestellt, dass sie ihre Abneigung offensichtlich zu einem Politikum hat machen können. Zunächst stand ihr Ehemann vor der Tür, Jahrgang 32. Er grüßte freundlich und sagte: “Mit diesem Geländer, also dem Aussengeländer, das geht doch so nicht weiter!? Also wir wollen da jetzt dem Schneider, also dem Vermieter, wir wollen dem jetzt sagen, dass es weg muss! Was sagen sie denn dazu?” Ich sagte dazu im Wesentlichen gar nichts, verlieh meiner vollständigen Gleichgültigkeit durch Brummen Ausdruck und schloss die Tür.
Als ich am selben Abend das Haus verliess, sprang mir ein Zettel ins Auge. Unterschrieben von Frau Franke, der Grundschullehrerin aus dem zweiten Stock, hiess es dort:
Liebe Hausbewohner,
unser Aussengeländer gibt dem Haus seit Jahren ein besonderes Äusseres. Sein Abbau, wie von einigen gefordert, würde einen wichtigen Teil der Fassade wegnehmen. Ich habe deswegen bereits mit dem Vermieter telefoniert, der mich da voll und ganz unterstützt. Auch möchte ich euch, liebe Hausbewohner, darum bitten, nicht zu doll am Geländer zu rütteln, es könnte sonst weiter beschädigt werden.
Noch etwas überrascht von der unerwarteten Relevanz, die das Aussengeländer-Thema offensichtlich für viele Bewohner hat, wollte ich gerade aus der Tür, als mir Herr Klaussen entgegen kam, mir den Weg versperrend auf den Zettel starrte und mir entgegen blaffte: “Was ist das denn für ne Scheisse? Wer braucht denn so nen Scheissgeländer. Ich mein, drüben haben die auch kein Problem mit ihrem, und dann ist das ja auch okay, son Aussengeländer. Aber wenn das hier nur Ärger macht solls halt weg. Oder nich????”
Mit der bereits bewährten Brummtechnik schlängelte ich mich aus der Tür.
24 Stunden später eskalierte die Situation. Ich wurde beim Fernsehen auf die lautstarke Auseinandersetzung, die sich vor Frau Frankes Wohnungstür abspielte, aufmerksam. Das vollzählige Rentnerpaar hatte, als ich auf den Flur trat, die Argumentationshoheit über das zweite Stockwerk erlangt. Sie hatten durch andauerndes Keifen offenbar erzwungen, dass Frau Franke, ganz ihrem Wesen nach, einem Konsens zustimmte, der die allgemeine Problematik eines rutschigen Aussengeländers und dringenden Handlungsbedarf anerkannte. Die verstörte Grundschullehrerin hörte ich japsen: “Ja, wenn sie so wollen, für das Gesamthaus ist das schon eine Belastung…”, bevor sie diesen Gedanken weiter ausführen konnte , fiel ihr der alte Mann ins Wort “Und da müssen wir was tun, das geht so nicht weiter!”
Ich vernahm kurz darauf die Stimme von Klaussen, der bis dahin wohl schweigend zugehört hatte und sich berufen fühlte, den nun erreichten Hauskonsens in die Tat umzusetzen. Mit dem sicheren Gefühl demokratischer Legitimation raunte er etwas von einem Vorschlaghammer und stiefelte nach unten Richtung Keller. Ich schloss verängstigt die Wohnungstür, um ihn vorbei zu lassen, ohne in die ganze Geschichte verwickelt zu werden. Oben ging derweil die Diskussion weiter, Franke versuchte noch einmal zaghaft, den Vorschlaghammer zu vermeiden und vielleicht stattdessen eine Stabilisierungsmassnahme für das Geländer populär zu machen. Vergeblich.
Bei ausgeschaltetem Licht beobachtete ich, wie die Hausgemeinschaft an der Tür vorbei Richtung Hauseingang marschierte. Klaussen vorneweg, mit dem Zerstörungswerkzeug in den fleischigen Armen, die aus seiner Feinrip-Abendgarderobe herauswackelten. Dahinter der jede Minute jünger werdende Senior, der erstaunlicherweise irgendwoher eine Fackel genommen hatte, die er schliesslich vor der Haustür entzündete. Im Schein der Fackel und unter den zustimmenden Blicken seiner Kameraden fing Klaussen an, ungelenk auf das Geländer einzuschlagen, das mit einem leidenden “Klong! Klong! Klong!” antwortete.
Aus dem Wintergarten heraus beobachtete ich dieses Theater. Das Abrissunternehmen wartete lange vergeblich auf einen sichtbaren Erfolg. Derweil vergrösserte sich die gaffende Menge um Klaussen herum, der sich davon angespornt noch mehr anstrengte. Klong! Klong! Klong! Inzwischen wackelten auch die Fensterscheiben meines Verstecks bedenklich im Takt.
Ein Ende des Spektakels war nicht abzusehen, da bog die Staatsmacht in Form von zwei Polizisten im PKW in die Strasse ein. Mit entgeistertem Blick kamen sie, zunächst völlig unbemerkt, auf unser Haus zu und fragten, was auch ich nicht mehr wusste: “Was ist hier denn los?” Frau Franke, stolz auf ihre Mediationsfähigkeiten, nahm sich der Frage an und erläuterte, was das Problem mit dem Geländer sei und dass der Herr Klaussen das nun endlich regeln würde. Der Polizist suchte - buchstäblich händeringend - nach einem Ansatz, mit dem er das wilde Treiben beenden könnte, beziehungsweise zunächst einmal ein Problembewusstsein bei den handelnden Personen schaffen würde. “Es ist fünf vor neun” sagte er und verstummte kurz wieder. “Das geht so nicht.” Franke seufzte.
Klaussen hämmerte derweil mit hochrotem Kopf, aber ohne vorzeigbare Ergebnisse, weiter auf das Geländer ein, ohne noch von der Aussenwelt Notiz zu nehmen. Er hatte sich inzwischen seines Unterhemdes entledigt.
Der Polizist ging nun direkt auf ihn zu und sagte mit bester Beamtenautorität: “Hören sie auf damit! Es reicht!” Von der rechten Flanke kam Unterstützung für den Behämmernden, der die Aussenwelt selbst nicht mehr wahrnahm: Die alte Dame, die sich immerhin als Hauptopfer des Geländers sah, stellte sich zwischen Polizist und Baustelle und schrie den Beamten aus dem sichtbar unangenehmer Nähe an: “Was wollen sie denn? Soll ich hier morgen runterfallen, wenn das vermaledeite Geländer mich wieder abrutschen lässt? So kann ich hier nicht leben! Es ist unerträglich! Das Geländer muss weg!”
Der schwitzende Jungbulle wurde nun Opfer seiner grundfalschen Einschätzung der Lage. Entnervt wollte er die Dame beiseite schieben, um Klaussen jetzt physisch zur Aufgabe zu zwingen. Doch die Menge, die bis vor Kurzem bloss eine Ansammlung von deutschen Bürgern mit einem klaren Ziel gewesen war, verwandelte sich nun in einen wütenden Mob. Der Ehegatte des Geländeropfers hieb mit seiner Fackel bedenklich nahe am Gesicht der Staatsmacht vorbei und forderte diese auf, seine Frau in Ruhe zu lassen. Als der Beamte zügig zu seinem Kollegen zurückschritt, fingen die Menschen an, zu werfen. Sie warfen Bildzeitungen, Münzen, Biogemüse, Mobiltelefone und Haustiere. Vieles davon flog aus den oberen Stockwerken, in die sich einige aus strategischen Gründen zurückgezogen hatten. Nachdem die Polizisten geflüchtet waren, wurde es wieder etwas ruhiger.
Ich saß inzwischen unter dem Küchentisch, den Fahrradhelm meiner Mitbewohnerin auf dem Kopf und ein grosses Küchenmesser in der Hand. Von dort aus beobachtete ich die Straße und die Wohnungstür, vor der ich aus Möbeln eine kleine Barrikade gebaut hatte.
Zeitgleich hatte man, wie ich mich nun zu erspähen traute, auch auf der Strasse eine Barrikade errichtet. Sie bestand aus Mülltonnen und, siehe da, dem verbogenen Aussengeländer als Herzstück in der Mitte. Oben auf diesem Schutzwall lagen eng umschlungen Frau Franke und Herr Klaussen, inzwischen beide mit freiem Oberkörper und nach dem Ausfall der Strassenbeleuchtung nur noch vom Licht der brennenden Mülltonnen beleuchtet. Auf der anderen Seite sammelten sich schwarz gekleidete Sondereinheiten der Polizei. Diesseits waren gut 40 mit Fackeln, Dachlatten und, wie es sich für einen wütenden Mob gehört, Mistforken bewaffnete Bürger dabei, sich auf die drohende Räumung der Strasse durch die Polizei vorzubereiten.
Offensichtlich war der Showdown nah. Mit lautem Sirenengeheul kündigten sich weitere Polizisten und Sanitäter an. Ein Wasserwerfer bog um die Ecke. Die Sirenen wurden immer lauter.
Als der Lärmpegel kaum noch zu ertragen war, wachte ich auf. Ich fand mich in meinem warmen Bett wieder. Verstört rieb ich mir den Schlaf aus den Augen, schnappte meine Jogginghose und ging zur Tür, vor der natürlich keine Möbel plaziert waren. Der Flur war sauber, keine Spur vom Mob, keine Spur von Frankes Zettel. Vor der Haustür stand das Geländer wohlbehalten, die Sonne schien. Ich hatte alles nur geträumt.
Erleichtert ging ich ins Bad und anschliessend in die Küche. Zu meiner Überraschung saß dort jemand und las eine Zeitung, hinter der er vollständig verborgen blieb. Langsam senkte sich das Blatt, in Zeitlupe wanderte es auf den Tisch. Der seltsame Gast war nun leicht zu erkennen. Er löffelte laut schmatzend Sauerkraut aus einer Dose und starrte mich an.
Es war Roland Koch.
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