Im Nordwestradio hörte ich kürzlich zufällig eine Diskussionsrunde zum Thema Jugendgewalt. Eingeladen waren Justizmenschen und Politiker. Unter letzteren befand sich Malte Engelmann, und ich bin sofort Fan geworden.
Der Moderator referierte noch kurz einen Einstieg. Demnach hat Dennis Ugurcu, Vorsitzender der Jungen Union Bremen, kürzlich in der Bildzeitung beklagt, dass im Jugendknast noch Zellen frei seien. Ein Skandal sei das. Auf die Ungläubige Nachfrage, ob Ugurcu das wirklich so meine, entgegnet Engelmann: “Ähm, ja, ganz klar, also, ähm, ging hier nicht um ‘nen Generalangriff gegen die (unverständlich) Staatsanwaltschaft.”
Es ist also, ähm, ja, ganz klar, also, ähm für die JU ein Problem, wenn Zellen leer stehen. Wenn der Staat nicht genug Leute wegsperrt, haben wir einen Skandal, Engelmann widerspricht dem nicht. Vernünftige Menschen halten es für selbstverständlich, dass man frei herumlaufen kann und bedauern jeden, der ins Gefängnis kommt (kommen muss?), bei der JU ist es offensichtlich andersrum. Der Apparat ist da, jetzt muss er bedient werden.
Vermutlich geht es hier um ein marktwirtschaftliches Prinzip: Das Angebot ist da, jetzt müssen wir die Nachfrage schaffen, sonst stehen hier wohnliche Zellen leer.
Engelmann: “In der ganzen Diskussion jetzt um Jugendgewalt, und das hat man ja auch immer wieder in den Medien, äh, präsent, muss man auch sagen: Okay woran liegt es, dass wir anscheinend soviel Gewalttäter haben und dann halt wirklich noch Zellen frei sind, die man dann halt auch, äh, nutzen könnte.[...] Man kann dem Bürger halt nicht wirklich vermitteln, da passiert soviel und die Gefängnisse bleiben leer.”
Es passiert also auch soviel, das muss man natürlich zur Kenntnis nehmen. Schliesslich ist das Thema immer wieder in den Medien präsent und man muss dem Bürger was vermitteln. Wenn es ein Handbuch für Populismus gäbe, so etwas würde dadrin stehen: “Wichtig ist, was in den Medien ist. Der Bürger (bzw. der CDU-Wähler) will soviele Leute im Knast sehen, wie reingehen.”
Es geht dann um “Intensivtäter”, die in großer Zahl (160) durch unsere Stadt marodieren. Da möchte Engelmann “massiver bei dieser Gruppe beigehen”, und wenn man das so hört, ist man froh, dass es hier nur um Knast geht. Denn “davon sind halt viele, die frei herumlaufen, und da muss man natürlich auch nach Alternativen suchen.” Alternativen zum freien Herumlaufen zu finden ist ja sozusagen ein Grundauftrag des Staates. Wer von 160 Intensivtätern noch nicht genug erschreckt ist, um Union zu wählen, der muss sich das hier mal anhören, mit Kickboxen und so: “…wo ein junger Student von diesem Kickboxer ähm äh beinah zu Tode geprügelt wurde der dann halt irgendwann, Wochen Monate später, festgenommen werden konnte, und dann Tage nachdem er wieder freigekommen ist, ähm gleich den nächsten Menschen beinah tot geschlagen hätte. Da fragt man sich natürlich, und da fragt sich auch die Bevölkerung zu recht: “Wie kann das sein, ähm, dass solche dann immer wieder freikommen?””
Da könnte man “sich” und “der Bevölkerung” natürlich antworten, dass eben noch nicht auf jede Straftat lebenslänglich steht und selbst im angeführten Beispiel von “immer wieder” nicht die Rede sein könne. Lustigerweise wird Engelmanns Inkompetenz aber direkt von einem Jugendrichter zerpflückt: “Verengte Sichtweise”, “Soweit weg von der Realität, dass man sich wundert, dass das im öffentlichen Bereich so diskutiert wird.” “Gefährlich, das verstärkt die Angst.”
Später fordert mein Engelmann einen sogenannten “Warnschussarrest”, bei dem jugendliche Delinquenten ruhig mal den Knast kennenlernen sollen, anstatt den “dritten pädagogischen Gesprächskreis” zu machen. Denn, so eine JVA, “das ist schon bedrückend, wenn man da ist. Wenn ich mir mal vorstelle, da ist jemand vier Tage eingesperrt krieg ich direkt eine Erektion kann ich mir doch schon vorstellen, dass das eine sehr gute pädagogische Maßnahme sein kann. Das kann man sich so nämlich gar nicht vorstellen, wie bedrückend das ist.”
Ich nehme an, der Malte ist so gut gelungen, weil er als junger Mensch oft bedrückenden Situationen ausgesetzt wurde. Mit dieser pädagogischen Maßnahme hat man erreicht, dass er heute so ein vorbildlicher Mensch ist. Und dieses Glück will er auch anderen zukommen lassen. Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein.
Die Expertenmeinung folgt wieder: “Es ist schon fast mutwillig, dass die Realität nicht zur Kenntnis genommen wird. Es ist wahrer Unsinn, wenn von Warnschussarrest die Rede ist bei Leuten, die zu Jugendstrafen verurteilt wurden.” Die Forderung sei überflüssig, also “nur für die Galerie, damit man sich als besonders hart darstellen kann.” Manche verprügeln halt Leute auf der Strasse, andere fordern Warnschussarrest, um sich als hart darzustellen.
Bedenklich finde ich vor allem, dass massenweise solcher Leute über ihre JU Karriere tatsächlich in wichtige Positionen in der Politik kommen. Und wie blöde muss man eigentlich sein, um in der JU zu sein, es aber nicht zu schaffen, Landesgeschäftsführer zu werden, sondern das eben Malte Engelmann zu überlassen?
verbrochenes.net ist kein JU-Watchblog, sondern ein Fanzine für Inkompetenz

4 comments
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27. März 2008 at 13:55
Pingback from Ausfälle Bremer möchtegern Politiker - Heute: Junge Union Bremen « Frank Lloyd
21. März 2008 at 07:23
Bonde
Ich war gerade SO kurz davor, einen erneuten JU-Post zu machen. Seht selbst:
Die Junge Union Bremen lehnt die Forderung der Jungen Liberalen Niedersachsen zur Freigabe von Pornos ab 16 Jahre entschieden ab.
Das wird hier verkündet. Und in welcher Form das geschieht, ist sooooo lustig, ich lachte eben lauthals in den Morgen hinein. Denis Ugurcu, der seinen Namen gerne mal um ein “N” aufstockt (oder verkürzt?), wohl zur germanisierten Tippfehlervermeidung, schreibt über sich selbst.
Er nennt sich selbst in diesem Beitrag dreimal den “JU Chef“!! Warum er seine Meinung nicht einfach in der ersten Person schreibt, wird dabei auch verständlich. Das sähe dann nur noch halb so wichtig aus.
Auch klasse: “Solch lächerliche Forderungen kennen wir aber leider nicht anders von den JuLIs.” Es wäre ausgesprochen lustig, wenn er das tatsächlich meinen würde. Dann würde er es also bedauern, dass die JuLis genauso lächerliche Forderungen nicht mal anders, ja was eigentlich, anders präsentieren, anders formulieren oder, ach Gott.
Mein größtes Mitleid gehört in diesem Falle wieder allen anderen karriereorientierten JU-Menschen in Bremen, die offensichtlich noch unfähiger sind als Ugurcu. Besonders Malte.
21. März 2008 at 13:47
Erik
Ich hätte jetzt gerne ein PolitikVZ. Mit Gruppen wie “Wenn mein Kind SPD wählt, kommt es ins Heim”. Darin können sich alle jungen Parteimitglieder hemmungslos beschimpfen und sogar denunzieren.
Das wäre eine echt Erleichterung und das echte Leben kann ungestört weitergehen.
21. März 2008 at 14:34
Malte
In Hamburg gehts mindestens so bunt zu:
http://npd-blog.info/?p=1544
Vielleicht gibts ja heute doch noch einen JU Post