Als faszinierter Beobachter pyrotechnischer Aktionen hörte ich gespannt zu, als mir Samstag Abend erstmals von der Spielunterbrechung im Match Frankfurt gegen Nürnberg berichtet wurde. Der Bekannte, der mich mit den ersten Infos versorgte, erzählte von Bengalos sowie Raketen und Leuchtspur, die aufs Spielfeld geflogen seien.
Die Realität dahinter: Im Nürnberger Block explodierten drei Knaller, außerdem landete ein dank der Nahaufnahmen im TV eindeutig als fitzelig identifizierbares Fäckelchen auf der Torauslinie. Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel für 20 Minuten und pfiff es nur mit der Ansage wieder an, dass jeder weitere Verstoß zu einem Spielabbruch führen würde. Diese Message wurde von Club-Präsident Roth höchstpersönlich rübergebracht.
Was folgte, war eine Hysterie, der man das obligatorische “Medien-” vornedran entziehen muss, weil nicht nur Presse und Fernsehen mitmachten, sondern auch Vereine und Fans. Schon im Stadion waren Spieler und die sogenannten Verantwortlichen in ihren Betroffenheitsbekundungen einig wie die deutsche Bevölkerung bei der Betrachtung der US-Außenpolitik. Einzig Angelos Charisteas konnte die Aufregung nicht fassen angesichts der Dinge, die in seinem Heimatland gang und gäbe sind. Die Berichterstattung war entsprechend, und selbst in der berühmt-berüchtigten Viererkette im DSF fiel offenbar niemandem auf, dass es trotz Liveübertragung mit geschätzten 26 Kameras keine Bilder vom tödlichen Inferno gab. Auch der eigens per Telefon zugeschaltete Experte freute sich so sehr, dass er überhaupt gefragt wurde, dass der Anlass keine Rolle spielte. Spiegel Online bastelte sich sein Randale-Video einfach selbst, mit Schnipseln aus Italien und dem Verweis auf den Lazio-Fan Gabriele ,”der vor einem Ersligaspiel zu Tode gekommen” sei. Er wurde auf einem Rastplatz von einem Polizisten erschossen, aber hey! Italien ist doch soo gut geeignet zum Herstellen von Horrorszenarien, die die Ultras über die Welt bringen werden, da machen wir doch lieber einen Vergleich zu viel als zu wenig. Ebenfalls sehr populär ist die Aussage, die Szenen in Frankfurt hätten an den Spielabbruch des Mailänder Derby vor drei Jahren erinnert. Nun kann sich ja jedermann jederzeit erinnern, an was er will, aber hier wird zweifelsohne eine Mückenlarve zu einer Elefantenherde gemacht.
Viele Fans hielten es ähnlich. Im Forum der Fanszene Bremen wurde der zum Thema gehörige Thread unter den Titel “Feuerwerkskörper, Hassgesänge, Spielunterbrechung” gestellt, den Spiegel Online als Motto für die Hetzjagd vorgegeben hatte. Der Hass auf Menschen mit unangepasstem Verhalten im Stadion scheint auch bei einem User des offiziellen Werder-Forums die Triebfeder der Kritik zu sein, da man mit dem Verweis auf Frankfurt und nur mit logischen Schlüssen wohl kaum zu der folgenden Aussage kommen kann:
Von mir aus kann es Stadionverbote hageln gegen Ultras. Das ist ein Geschwür, was einfach rausgeschnitten gehört. Sie missbrauchen den Fußball in jeder Hinsicht, um ihre Show zu machen, ihre Stimmungssoße übers Stadion zu gießen, ihre Schwanzvergleiche durchzuführen - aber für den Fußball ist es eine Last. Ohne diese führergelenkten Kinderchöre waren die Kurven einfach authentischer und effektiver und näher an der Mannschaft.
Egal, was in den kommenden Wochen in deutschen Stadien passiert, das Medienecho wird die Sensationsgier wiederspiegeln, die nach den Vorfällen der letzten drei Tage aufgebaut wurde. Nicht nur das Zünden von Bengalos würde eine wahre Vernichtungsrhetorik gegen die Urheber auslösen, um die konkreten Vorfälle geht es nämlich gar nicht. Es geht um die mediale Verwertbarkeit, und die ist hoch, wenn es einigermaßen gute Bilder gibt und die Szenerie sich einfach in Gut und Böse aufteilen lässt. Bei Ereignissen, die live televised von Leuten begangen werden, die gesellschaftlich ungefähr die Anerkennung von Scheiße mit Senfsoße genießen, ist alles klar; wenn Bremer Polizisten die Menschen aus der gleichen Gruppe am Abend mit einem Gewaltexzess im Hauptbahnhof begrüßen, stehen die Chancen für die Skandalisierung, ja selbst für einen Nennung in den Medien, schlecht.
Für die Ultras geht es damit unaufhaltsam bergab. Jedes Wochenende wie dieses macht es schwieriger, den eigenen Lebensstil fortzuführen und auf der anderen Seite einfacher, ein weiteres Wochenende der Desinformation folgen zu lassen - mit wieder gleichen Folgen.

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