Ein paar Gedanken zum Christival.
Mehrere Tage lang fielen tausende junge Christen in die Stadt ein. Das war nicht schön. Ein großer Teil von ihnen strahlte eine unwirkliche Euphorie und Fröhlichkeit aus. Mich erinnerte das sehr deutlich an Menschen, die auf chemischen Drogen total glückselig sind, die sich total aus der Realität geballert haben. Nun ist der durchschnittliche Jungchrist solchen Eskapaden relativ unverdächtig. Sie nehmen Jesus statt Drogen. Der feste Glauben an die schönen Geschichten aus der Bibel, an Gott und seinen Sohn und seine Mutter, der ist das, was diese Leute aus der Realität holt. Wenn die Welt schon recht lieblos ist, dann denkt man sich eben einen aus, der alle liebt. Und wenn es hier schon nicht schön ist, dann wirds halt nach dem Tode schön. Ich kann keinen Grund finden, warum ich das ernster nehmen sollte als jemanden, der sich das Grinsen mit Pillen ins Gesicht gefräst hat.
Immerhin, die körperlichen Nebenwirkungen werden geringer sein.
Wie ich in der Zeitung las, sagte eine Sängerin vor einem der zahlreichen Konzerte folgenden Satz zum Publikum: “Wir haben einen Gott anzubeten!”. Ein weiterer ekliger Effekt von Religion. Sie nimmt die Menschen in die Pflicht, etwas für jemanden zu tun, der gar nicht greifbar ist, der vermutlich gar nicht da ist. Denn trotz seiner latenten Abwesenheit fordern seine Vertreter Unterwerfung unter Gott. Am krassesten sieht man das bei den Moslems, die sich 5 Mal am Tag auf den Boden werfen, weil Allah alles ist und sie demnach gar nichts. Beim Christival veranstaltet man das natürlich anders, da muss alles nach einer Menge Spaß aussehen und sich auch so anfühlen. Aber sich unter etwas, was größer ist als man selbst, zu unterwerfen, das macht Spaß, gerade hierzulande.
Und dabei fühlen sie sich alle so stark. Verständlich, wenn man so liebt und so geliebt wird, von irgendwas. Was ist daran also falsch? Dass niemandem zugesprochen wird, Kraft und Verstand aus sich selbst zu haben. Dass die Formel immer ist: Jesus macht dich stark. Nachgebetet heisst das: “Jesus hat mir soviel gegeben! Mit Jesus habe ich soviel erreicht!” Hier wird niemand ermutigt, seinen eigenen Verstand zu benutzen, selbstbewusst zu sein, sein eigenes Leben zu leben. Die blaue Pille wird nicht angeboten, alle bleiben im Wunderland.
Der eigene Verstand, oder sagen wir die Vernunft, ist hier nicht gefragt. Denn die brauchen Christen auch gar nicht. Alles, was sie wissen müssen, steht im Schlauen Buch. So sagte ein Bremer Pastor in einer Diskussion mit Volker Beck sinngemäß: “Ich weiss nicht, ob Homosexualität eine Veranlagung oder eine Krankheit ist. Ich weiss aber, dass die Bibel sagt, dass es eine Sünde ist.” So einfach ist das. Fundamentalistische Christen müssen sich über gar nichts Gedanken machen, erst recht nicht über Sexualität. Denn es steht bereits in der Bibel. Was Sexualität ist, welche Bedürfnisse verschiedene Menschen haben, wieso das so ist und was daraus folgen könnte: Egal. In diesem einen Buch steht etwas anderes.
Begründen muss die Bibel ohnehin nichts, der Verweis auf Gottes Wille reicht. Und so zieht sich das durch die ganze Diskussion um Sexualität. Und ist auf alle anderen Bereiche, in denen Christen sich auf die Bibel beziehen, übertragbar.
Jeder denkende Mensch, der es wissen will, weiss, dass die Evolutionstheorie als Fakt angenommen werden kann. Die wissenschaftlichen Belege dafür sind überwältigend. Aber mit Religiösen kann man über Erkenntnisse und Beobachtungen in der Realität nicht reden, wenn sie ihrem Buch widersprechen. Vieles lässt sich da irgendwie mit unterbringen und vereinen, wenn man ein bisschen wurschtelt. Das machen modernere Religiöse. Die Fundamentalisten, wie eben die Christivalisten, lassen sich von Fakten gar nicht beeinflussen. Jede Diskussion und Auseinandersetzung mit ihnen ist also relativ sinnlos, wenn sie nicht Selbstzweck ist.
Aufschlussreich auch ein Seminartitel vom Christival:
„Sex war Gottes Idee – Abtreibung auch?”
Darüber, wessen “Idee” nun Sex war, liesse sich streiten, wenn man denn mit Fundamentalisten streiten könnte. Darüber, dass Abtreibung eine Idee der Menschen ist, allerdings nicht. Natürlich ist sie das und kein Verfechter des Rechts auf Abtreibung würde das bestreiten, im Gegenteil. Wenn Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und die Zwänge des Natürlichen (oder Göttlichen, meinetwegen) abschaffen oder erträglich machen, dann nennt man das - Zivilisation.
Wieviele großartige Ideen Menschen schon hatten! Wieviele Erfindungen es gibt, die auf dem Verstand des Menschen beruhen! Zu Fuß gehen war Gottes Idee, Autofahren nicht. Ehe lebenslänglich war Gottes Idee, sexuelle Selbstbestimmung nicht. Damn right!
Die Diskussion über Ethik und Moral in Sachen Abtreibung muss geführt werden. Aber nicht mit denen, die unter Moral nur das verstehen, was Gooooott scheinbar vorgegeben hat.
Nun gab es einige Proteste gegen das Christival, völlig zu recht. Mag man den Spinnern zugestehen, spinnen zu dürfen. Aber das ist nicht der Sinn des Christivals gewesen. Vielmehr wurden tausende Menschen herangekarrt, um noch mehr als vorher von der Religion überzeugt zu werden und auch, um andere zu überzeugen. Die Veranstaltung hatte durchaus missionarischen Charakter und es war erklärtes Ziel, auch im Stadtbild präsent zu sein. Wer sich so exponiert, der will Reaktionen. Und es gab sie, in ihrer organisierten Form meist negativ. Das ist richtig so, denn wenn solche Leute ihre inakzeptablen Vorstellungen von menschlichem Zusammenleben derart offensiv vertreten, dann geht das alle, die anders leben wollen, etwas an.
Trotzdem hatten die Proteste viele schlechte Seiten. Was bringt es, die Bauzäune umzuwerfen, hinter denen lauter verpeilte Jugendliche stehen? Gar nichts, ausser vielleicht einer Festigung deren Weltbilds. Und was für eine Demo war das überhaupt?
Es gab einen FrauenLesbenTransblock, einen Queerblock und einen gemischten Block. Diese Öffnung wurde kontrovers diskutiert und die sich als Männer definierenden BioMänner, die gegen Sexismus und das Christival auf die Straße gehen wollten, wurden aufgerufen, sich im Hintergrund zu halten.
So sieht er aus, der antisexistische Protest. Welche “Öffnung” da gemeint ist, weiss ich nicht, ich sehe keine. Ich sehe nur sich aufs Geschlecht beziehende strenge Grenzen. Die mögen woanders verlaufen als in der Gesellschaft, aber sie werden ganz bewusst gezogen. Und wenn in solchen Kreisen Leute auf ihr biologisches Geschlecht hin einsortiert werden, kann ich nicht einmal mehr lachen. Begründet wird das mit der patriarchalen Gesellschaft, als ob man der ihre eigene Umkehrung vorführen müsse. Ich frage mich, ob da nicht vielleicht einige Frauen auch gerne mal Macker spielen wollen. Das sei ihnen vergönnt, dann sollten sie aber tunlichst vermeiden, es zu ihrer politischen Überzeugung zu machen, dass männliche Macker der Feind sind.
Wie man sieht, war die Stadt tagelang voll mit Geisteskranken.

19 comments
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7. Mai 2008 at 19:51
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6. Mai 2008 at 20:06
Malte
Amen!
6. Mai 2008 at 20:46
Peter Death Bredon Wimsey
Lieber Bonde,
Du hast mir aus der S e e l e gesprochen (Oh Gott ist das beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb mich gleich); einige Deiner Formulierungen legen nahe, dass Religiosität und Fundamentalismus gleichzusetzen seien, da sehe ich mögliche Unterscheidungen, wenngleich die manchmal nur graduell sind und die Überschneidungen beängstigend häufig auftreten. Mir ist schleierhaft, wieso die EKD dem missionarischen Hokuspokus des Christivals so etwas wie einen offiziellen Segen gibt; das Problem der Protestanten ist meines Erachtens, dass sie im Vergleich zum Katholizismus eine strukturell nüchternere Variante der Religion praktizieren, wenige Rituale und wenige Bilder. Das transzendentale Vakuum, das sich da bei Lutheranern und Calvinisten in Ermangelung von Riten auftut, wird augenscheinlich gerne mit allerlei Nonsens gefüllt. Im Namen einer massenwirksamen religiösen Sensation sucht man dann sogar den Schulterschluss mit Sektierern. Eine ernsthafte theologische Auseinandersetzung (auch mit den ’schönen Geschichten der Bibel’) interessiert anscheinend keine Sau, dabei gäbe es da interessante Einsichten zu gewinnen, die sich nicht auf Schwachsinn wie “Homosexualität ist Gotteslästerung” reduzieren lassen. Entrückte Jenseitsverheißung, externalisierte Legitimation des Selbst durch ein höheres Wesen, antiemanzipatorische Dogmen, Missionarisches und sichtbare Verpeiltheit sind ärgerlich bis sträflich. Hinter dem Bahnhof Richtung Bürgerweide sah ich am 1. Mai einen doofbärtigen jungen Mann, der mit bloßem Oberkörper unter einem Schild mit religiösem Quatsch lag und sehr laut „I’m a scatman“ von Scatman John hörte. Da wusste ich kaum, was ich am schlechtesten finden sollte- doofer Bart allein reichte anscheinend nicht.
Ich stimme mit Dir überein, dass der gezeigte Protest gegen das Christival von teilweise ähnlich bescheuerter Qualität war wie die Veranstaltung selbst. So lange diese Erweckten nicht beginnen, sich mit Sprengstoff zu gürten, billige ich ihnen zähneknirschend ihren Blödsinn zu. Weniger laut könnte er sein.
Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Begriff, der das, was mir am Herzen liegt besser auf den Punkt bringt als die von Dir genannte „Vernunft“. Ich bin mir sicher, dass Du den Terminus im besten Sinne als Ausdruck einer humanistisch-aufgeklärten Haltung verwendet hast, ich habe aber Zweifel, ob die Vernunft nicht abseitige Dimensionen beinhaltet (siehe unter anderem ‚Dialektik der Aufklärung‘).
Im Übrigen finde ich, dass man von Zeit zu Zeit der Gegenwart durchaus etwas entrücken darf. Und Sex mit Männern und/oder Frauen ist sicherlich nicht der schlechteste Weg. Manchmal reicht es auch, Bier in der Sonne zu trinken. Gerade kürzlich formulierte ich mit einem Freund zusammen die perfekte Entrückungsutopie, das war sehr unterhaltsam.
6. Mai 2008 at 21:00
Jan
Auch passender Soundtrack: http://vimeo.com/962735
6. Mai 2008 at 23:02
Caspar
Verwahrloste Jugendliche, die ein Kreuz auf ihren Kapuzenjacken tragen, das Ganze mit mäßig origineller elektronischer Musik unterlegt. Sind die Symbole Platzhalter? Wahlweise einsetzen: Hakenkreuz, Halbmond, Davidsstern, Dollarzeichen etc. pp.?! Zu viel Bedeutungshuberei für meinen Geschmack, aber vielleicht hilft mir jemand auf die Sprünge.
6. Mai 2008 at 23:30
Stephan
Einer der bisher besten Texte auf verbrochenes.net.
7. Mai 2008 at 11:04
Joinsen
Peter spricht hier die Missionierung an, die ja auch in einer Plakataktion der Bremer Kneipen abgelehnt wurde. Während die aber nur mitteilten, dass sie nicht wünschen, missioniert zu werden, hält Peter sie für “ärgerlich bis sträflich”. Damit ist er nicht alleine, und seit Tagen schon frage ich mich: Wieso?
Alle möglichen Gruppen, die irgendwelche Meinungen vertreten, versuchen, andere ebenfalls dazu zu bringen. Das sind Gruppen, die ganz simpel Wissen vermitteln, es geht über politische Verbände, die eine spezielle Sicht der Gesellschaft vertreten bis zu reichlich wirrem Zeug, das irgendwie plausibel gemacht wird - mein Lieblingsmissionar ist der Freak, der an der Uni versucht, die Leute davon abzuhalten, sich impfen zu lassen. Das Christival reiht sich da irgendwo ein.
Wenn man nicht missioniert werden will, sagt man eben “Nein”, oder auch “Fick dich”. Wenn man die Inhalte für problematisch oder gefährlich hält, kann man gegen diese argumetieren. Gegenüber sattelfesten Fundis wird das nichts bringen, gegenüber 16jährigen Kids schon eher und bei allen, die noch nicht dabei sind, ist es sicher angebracht.
Wir haben alle Gehirne, und die meisten können sie sogar benutzen. Ein Verbot von Weltanschauungen und ihrer Verbreitung kommt nicht in Frage, und ihre simple Verunglimpfung halte ich auch nicht für sinnvoll.
7. Mai 2008 at 11:10
christoph
Wenn Religion nicht Selbstzweck ist und nicht Sinn und Wert in sich selbst hat, dann hat sie überhaupt keinen Zweck und Wert.
7. Mai 2008 at 12:38
Joinsen
Nun ja, nach außen hin wird immer die gesellschaftliche Bedeutung betont und auch durchgesetzt. Aus dem Grund ist beispielsweise Uschi von der Leyen Schirmherrin des Christivals gewesen, ihr Ministerium war Sponsor und öffentliche Schulen und Plätze wurden zur Verfügung gestellt.
Der Selbstzweck im Text bezog sich übrigens auf die Diskussion mit Fundamentalisten.
7. Mai 2008 at 13:03
Joinsen
Hahahaha: http://de.news.yahoo.com/afp/20080505/tts-usa-religion-energie-benzin-armut-le-c1b2fc3.html
7. Mai 2008 at 14:15
christoph
Könnte mir bitte jemand nochmal die Kerninhalte des Christivals nennen? Diese Informationen konnte ich jetzt nicht genau mehr dem Haupttext entnehmen, oder war es auch nicht der eigentliche Zweck des Textes.
Wenn dem “So ist”, dann sete ich auch da einfach mal mein “Amen” drunter und lass es so stehen.
Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob sich gewisse Leute wirklich inhaltlich mit den Ansichten und den verschiedenen Strömungen im evangelikalen (nicht gleichzustellen mit fundamentalistisch) Bereich auseinandergesetzt. Meiner Meinung werden die Leute immer alle über einen Kamm geschert.
Zudem Letzen Link kann ich nur sagen: Hehe
Manche Leute gehen auf die Straße, die anderen gehen Beten. Wer damit mehr Erfolg haben wird, liegt im Auge des Betrachters.
Seid ein Segen Bremen!
7. Mai 2008 at 14:30
Joinsen
Wikipedia sagt: “Der Evangelikalismus (vom englischen evangelicalism) ist eine theologische Richtung innerhalb des Protestantismus, die sich auf die Irrtumsfreiheit der Bibel als zentrale Grundlage christlichen Glaubens beruft.”
Das ist doch genau das, was man unter Fundamentalismus versteht: “Fundamentalismus ist allgemein gesehen eine Überzeugung, die sich zu ihrer Rechtfertigung auf eine Grundlage beruft, die auf einer Letztbegründung beruhe und absolut wahr sei.” Stop me if I´m wrong.
Wobei man den Evangelikalen ja durchaus vorwerfen kann, das eine oder andere Gebot nicht einzuhalten oder zumindest bei der Durchsetzung seiner Einhaltung nicht so radikal vorzugehen wie beim Thema Sex. Ein ziemlich billiges Beispiel ist wohl die Heiligung des Feiertages.
Wenn sie übrigens alle zusammen ein Festival feiern, kann man sie auch alle zusammen kritisieren.
7. Mai 2008 at 15:18
christoph
“Wenn sie übrigens alle zusammen ein Festival feiern, kann man sie auch alle zusammen kritisieren.”
Okay!
Achtung Off-Topic
Ach ürbigens Fussaballfans sind Verbrecher! Ich hör schon lange nicht mehr auf die Sprechchöre: Fussballfans sind keine Verbrecher!
Noch eni paar pauschale Fakten:
Bullen sind scheiße.
Hamburg ist scheiße und man würde sogar den Außenspiegel von einem Familienvan mit HH-Kennzeichen abtreten.
und und und
On-Topic
*Manch ein Leben dreht sich um den Fussball und ein anderes dreht sich um einen großen Gott. Jeder hat seine Wahrheit und jeder sollte schauen, ob er damit sein Leben bestreiten kann.
Die Werte, die jeder aus seiner Sichtweise mitrbingt, müssen aber eine Grundlage für ein Miteinander in unserer Gesellschaft schaffen . Dieses kann der Glaube sein oder auch kein Glaube.
Cih hoffe, dass ich meine Formulierungen offen gestaltet habe und nicht dazu geneigt habe zu pauschalisieren (<== ach ich liebe das Wort, macht eigentlich jeder)
Raus aus dem Mittelmaß!
Übrigens sehr zu empfehlen ist die die http://www.paulus-gemeinde-bremen.de
7. Mai 2008 at 17:24
Peter Death Bredon Wimsey
Lieber Joinsen, die sehr anregende Diskussion vor dem Hintergrund des interessanten Bonde-Artikels führt teilweise auf glattes Parkett; mit „sträflich“ meinte ich keineswegs „strafbar“, wenngleich die Begriffe oft synonym verwendet werden; mir geht es um die Bedeutung „verantwortungslos“ oder „tadelnswert“. Mir ist dogmatisches und penetrantes Gebaren sehr unsympathisch, entsprechend lehne ich Missionierungen ab, gleich ob von religiöser oder weltlicher Seite. Ein Austausch auch kontroverser Positionen ist wünschenswert, mir würde etwas fehlen, könnte ich mich nicht an den religiösen bzw. atheistischen Äußerungen meines Umfeldes immer wieder reiben, ganz zu schweigen von politischen Meinungen. Allerdings lehne ich es entschieden ab, mich mit radikalen Fundamentalisten auszutauschen, mit Nazis beispielsweise gibt es für mich keinerlei Diskussion, da diese entscheidende Grundwerte nicht akzeptieren, die mir sehr wichtig sind. Ein liberaler HSV-Fan oder ein zivilisierter Polizist sind mir immer 1.000.000.000-mal lieber ist als ein Werder-Fan, der „Wir bauen eine U-Bahn von Hamburg nach Auschwitz“ skandiert oder ein antisemitischer Autonomer (habe ich alles erlebt).
Der Austausch über religiöse Erscheinungen ist ein sehr weites Feld, und ich glaube, dass man die Ebenen einigermaßen auseinanderhalten sollte, neben dem metaphysischen Anteil verhandeln wir hier auch Historisches, Kulturelles, Philosophisches, Politisches etc. pp. Deshalb an dieser Stelle noch einmal meine Anerkennung dafür, dass Bonde diesen differenzierten Artikel verfasst hat.
Die Schwierigkeit, die hier häufiger ansatzweise erwähnte Grundhaltung in Worte zu fassen, spricht unter Umständen für die Qualität dieser etwas diffusen Werte- die Arbeit an der Formulierung verhindert Parolen.
An dieser Stelle ein Literatur- und Musiktipp, der sich irgendwie auch auf die erörterten Fragen beziehen lässt: Kinky Friedman, the only living jewish cowboy. Die frühen Romane und Platten sind sehr hübsch und zeugen von einer erstaunlichen Haltung.
7. Mai 2008 at 18:24
tretixe
Ich freue mich schon auf den Beitrag in diesem Blog wenn nächstes Jahr der Kirchentag nach Bremen kommt.
8. Mai 2008 at 12:29
Bonde
Soviel Lob und Diskussion, da freue ich mich.
Die Darstellung der Kerninhalte des Christivals darzustellen ist in der Tat meine Sache nicht. Erklärtermaßen ging es um “ein paar Gedanken” dazu. Kerninhalte sind meiner Ansicht nach der Glaube an Gott und dessen Verehrung. Und genau die habe ich kritisiert.
Manche Leute gehen auf die Straße, die anderen gehen Beten. Wer damit mehr Erfolg haben wird, liegt im Auge des Betrachters.
Nein. “Die anderen” gehen auch auf die Straße. Damit sie damit keinen Erfolg haben, muss man sie erstens kritisieren und zweitens ebenfalls auf die Straße gehen.
Manch ein Leben dreht sich um den Fussball und ein anderes dreht sich um einen großen Gott. Jeder hat seine Wahrheit und jeder sollte schauen, ob er damit sein Leben bestreiten kann.
Ach ja? Ich dachte, der Glaube wäre Selbstzweck und hätte demnach nichts damit zu tun, ob man damit sein Leben gut oder schlecht bestreiten kann. Man kann Religion ja ganz gut einordnen, wenn man sich ihre Funktionen anschaut. Wer aber an Gott glaubt, der wird sie nicht vollständig als Funktionen erkennen können und nie sagen: “Der Glaube hilft mir”. Sondern immer sagen: “Gott hilft mir. ”
Ich kann im übrigen keine Pauschalisierung erkennen, wenn ich ein bestimmtes Verhalten, das eine Gruppe von Menschen gemeinsam hat, kritisiere. Ich sage ja nicht: “Christen sind scheisse”. Ich sage: “Christ zu sein ist Unsinn.” Um im Beispiel zu bleiben: “Fussballfan zu sein ist Unsinn”, nicht: “Fussballfans sind Verbrecher.”
8. Mai 2008 at 17:03
René
“Wikipedia sagt: “Der Evangelikalismus (vom englischen evangelicalism) ist eine theologische Richtung innerhalb des Protestantismus, die sich auf die Irrtumsfreiheit der Bibel als zentrale Grundlage christlichen Glaubens beruft.””
Wikipedia-Artikel sind leider oft nicht besonders gut.
Innerhalb der evangelikalen Bewegung(en) gibt es durchaus sehr unterschiedliche Verständnisse der Bibel. Das wird auch einigermaßen klar, wenn man den Wikipedia-Artikel mal im Ganzen liest (so heißt es zum Beispiel weiter unten “Nicht alle Evangelikalen glauben beispielsweise an die Irrtumslosigkeit der Bibel und die Verbalinspiration.”).
Der Begriff “evangelikal” ist so unscharf, dass man sich mit einigem Recht fragen kann, ob er überhaupt irgendeinen Nutzen bringt. Auch an dem Wikipedia-Artikel sieht man schön, wie er sich zwischen Definitionsversuchen und Einschränkungen derselben hin- und herwindet.
Der Begriff wird verwendet, um alle möglichen Gruppen unter einen Begriff zu subsumieren, die teilweise nicht viel miteinander zu tun haben.
8. Mai 2008 at 23:06
Bonde
Verschiedene evangelische Gruppen jetzt als “alle möglichen Gruppen, die nicht viel miteinander zu tun haben” zu bezeichnen, weil sie ihren Jesuskult verschieden krass gestalten, ist großer Käse.
In der Sache hast du ansonsten sicher Recht, aber ich halte das auch für nicht so wichtig. Wer ist nun definitionsgerecht “evangelikal”, wer nicht, das ist doch nebensächlich.
23. Mai 2008 at 22:02
muddi
Atheismus ist ein Reifezeichen!