Die Wahrheit

Der AStA der Uni Bremen schickt seinen Vertretenen in unregelmäßigen Abständen einen Semesterrundbrief, der die Form eines Heftes annimmt und mit allerlei Artikeln bestückt ist, die überwiegend zumindest rudimentär etwas mit Uni zu tun haben. Der AStA versteht sich als links, und dieselbe Ausrichtung besitzen die Texte, die abgedruckt werden, ob das den JUlern, die das mitbezahlen, nun passt oder nicht.

Jetzt haben die Studentenvertreter gegen Ende ihres Heftes einen Text veröffentlicht, der sich kritisch mit dem Relativismus beschäftigt, dessen Einzug an den Universitäten man beobachtet haben will. Per Copy+Paste wurde von der Jungen Linken abgeschrieben, nicht ohne deren Vorbehalt über die Richtigkeit des Inhalts mit einer winzigen Änderung zu versehen: Statt “Jimmy Boyle” steht dort nun “Junge Linke”.

Wem auch immer ich nun eigentlich eine Antwort gebe, sie erscheint mir ganz angebracht. Die Idee heißt Konstruktivismus und wird in der Wissenschaft schon seit Jahrhunderten, lange Zeit unbewusst, aber darum nicht unrichtiger, umgesetzt. Sie besagt, dass Menschen die sie umgebene Welt immer so deuten, dass sie mithilfe ihrer Deutung gut leben können. Sobald das nicht mehr funktioniert, sucht man sich halt eine neue Deutung. Dabei findet beim sozialen Wesen Mensch stets eine Absprache darüber statt, was man gerade für richtig befindet. Dabei gibt es durchaus so etwas wie Wahrheit: Wenn mir jemand zeigt, dass es extrem schwierig (wenn auch nicht unmöglich) ist, mit einem geozentrischen Weltbild zu rechnen und dass das heliozentrische wesentlich einfacher ist, dann nehme ich eben jenes. Wenn die Physiker feststellen, dass Rechnungen missraten, wenn man die Naturkonstanten als seit Ewigkeiten konstant annimmt, dann sollte man damit aufhören. Diese zwei Beispiele zeigen, dass der Pluralismus von Theorien keineswegs “vor allem für die geisteswissenschaftlichen Fächer reserviert ist.”

In den Geisteswissenschaften sind die Vorgänge aber nicht anders, allerdings manchmal noch etwas komplizierter. Zu argumentieren, dass der Kapitalismus nicht das Gelbe vom Ei ist und es bessere Gesellschaftsformen gibt, ist extrem schwierig, wenn man nicht die Gelegenheit bekommt, es zu zeigen, durch eine Rechnung oder ein billiges Experiment. Man muss sich etwas mehr Mühe geben, der gesellschaftlichen Bedeutung angemessen. Ob die Physiker mit den richtigen Konstanten rechnen, kann uns letztlich egal sein. Die Organisation von Staat und Wirtschaft geht alle an, und sie ist verdammt kompliziert.

Die Relativität des Wissens ist wohl eine der größten Entdeckungen der Menschheit. Vielleicht brauchen wir sie für die nächsten Schritte des Wissens sogar. Bisher kamen Veränderungen immer fast von selbst: Wenn es nicht mehr läuft, gibts halt eine Revolution und irgendwer wird schon eine gute Idee haben, wie wir dann weitermachen. Das jetzige System ist besser als alle, die es vorher gab. (Niemand kann mir erzählen, dass es den Leuten im Mittelalter besser ging.) Aber es hat seine Mängel. Diese müssen benannt werden, es müssen Lösungen her, möglicherweise komplett neue. Dabei dürfte es kaum hilfreich sein, dass irgendwer absolutes Wissen beansprucht. Nur mit einem offenen Wissensbegriff, der Irrtümer zulässt, kann die Entstehung von Wissen auf eine breite Basis gestellt werden. Das fordert Bescheidenheit von allen, die meinen, etwas zu wissen. Man findet durchaus etwas heraus. Aber man gibt sich eben nicht der Illusion hin, dass man es nicht noch besser herausfinden kann.

Die von der Jungen Linken, dem AStA und dem mysteriösen Jimmy Boyle kritisierte Dienstbarkeit der Wissenschaft gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Eliten ist kein Zeichen dafür, dass die Wissenschaft auf dem Holzweg sind, sondern vielmehr die Gesellschaft noch nicht begriffen hat, wie der Hase läuft. Die Menschen wollen nach wie vor, dass Galileo oder die Kanzlerin ihnen erklärt, wie das funktioniert, so in echt. Und die so befragten Institutionen werden einen Teufel tun, ihre Autorität aufzugeben. Die wird sich von unten auflösen müssen. Indem die Menschen bessere Ideen haben und ihre Angst verlieren, sie umzusetzen. Es wird alles immer besser.

Mit dem Konstruktivismus ist es übrigens wie mit allen anderen Theorien auch: Sie sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Eine Rückkehr zu einer als endgültig erschließbar betrachteten Welt ist aber jedenfalls keine Alternative. Sie endet schließlich doch im Dogmatismus, weil weiterer Fortschritt nicht vorgesehen ist und doch kommen wird. Und ja, soweit ich das sehe, war das ein zentraler Fehler des Stalinismus.

die groesste staerke des stalinismus waren dafuer seine schauprozesse.

im uebrigen denke ich, dass du die ausfuehrungen zum konstruktivismus noch etwas genauer gestalten solltest, da unter dem begriff doch sehr viele verschiedene stroemungen zusammenfallen. ihnen allen gemein aber ist, dass sie philosophisch bereits erledigt sind. :)

Ich verstehe nicht genau, was du mit “philosophisch erledigt” meinst. In der Theoriebildung in den Erziehungswissenschaften, in der Mathematik und den Internationalen Beziehungen finden immer noch Theorien Anwendung, die unter dem Label Konstruktivismus stehen und die oben beschriebene Auffassung von Wissens- bzw. Standpunktentstehung gemeinsam haben. Die Bemerkung, dass es dabei verschieden Ausforumungen gibt, ist zwar richtig, für die Argumentation aber unerheblich.

es war nur ein wenig ueberspitzt formuliert, sollte auch nicht unbedingt als belehrung oder sowas rueberkommen. :)

ich denke aber schon, dass die “philosophischen vertreter” ala glasersfeld etc weitgehend widerlegt sind weil ihre theorien auf annahmen beruhen, die sich schwer verifizieren lassen. auch der konstruktivismus der erlanger schule (kamlah, lorenzen u.a.) wird von denen, die ihn mal entwickelten, ja nicht mehr so hochgehalten, soweit ich das noch in erinnerung habe. liegt auch alles ein bisschen laenger zurueck, dass ich dazu mal was gelesen habe.

eigentlich wollte ich nur mal wieder einen kommentar verfassen. blogs ohne kommentare sind so oede. :/

“Das jetzige System … hat seine Mängel. Diese müssen benannt werden, es müssen Lösungen her, möglicherweise komplett neue. Dabei dürfte es kaum hilfreich sein, dass irgendwer absolutes Wissen beansprucht. Nur mit einem offenen Wissensbegriff, der Irrtümer zulässt, kann die Entstehung von Wissen auf eine breite Basis gestellt werden.”

1. Warum? Das ist erst mal eine reine Behauptung von dir.

2. Du schreibst explizit gegen einen Text an, an dem du dann aber doch nur vorbei argumentierst: Die Existenz von Wahrheit, von objektiver Realitaet, ist ja eben nicht identisch mit dem Wissen darum. Oder andersherum: Nur weil mensch mal umfassend ‘gewusst’ hat, dass die Sonne um die Erde kreist, aenderte das auch damals schon nichts an der Realitaet, dass sie das eigentlich nie getan hat. In diesem Sinne ist die Kritik an den konstruktivistischen Wissenschaften auch erst mal nicht, dass diese die falschen Antworten parat hielten, sondern dass sie behaupten, es gaebe keine richtigen - wie auch immer diese lauten moegen. Das ist ein wesentlicher Unterschied, dem du in deinem Kommentar geflissentlich ausweichst.

1. Mir erscheint das plausibel. Gerade eben unter der Annahme, dass das Finden absoluter, endgültiger Wahrheit unmöglich ist. Wenn du irgendwas hast, um meine Behauptung zu stürzen, her damit.

2. Genau das ist doch der Punkt, gerade bei dem Beispiel, dass du jetzt anbringst: Es lässt sich gar nicht sagen, dass die Erde sich so und so verhält, sondern nur, wie man möglichst einfach mit ihr rechnen kann. Sicher gibt es auch Fälle, in denen es keine alternativen Theorien gibt und sich alle einig sind. Aber auch dort bedeutet das nicht, dass die aktuellen Theorien die Wahrheit darstellen.

Arggebeutelt

Ich kenne mich ja in dieser Debatte nicht aus, aber ihr (und eine ganze Wissenschaft im Hintergrund) würdet sagen, man kann eigentlich gar nicht sagen, ob die Erde sich um die Sonne dreht, sondern dass ist nur halt so ein Modell, mit dem ganz gut rechnen kann aber wies nun tatsächlich ist, wird man nie rausfinden?

Und wenns nur ein Rechenmodell wäre: Da werden doch aber praktische Schlüsse draus gezogen. Was ist dann der Witz dabei zu sagen: Man kanns aber nicht wirklich wissen, obs auch stimmt? Ist das nicht nur ein übers Ziel hinausgeschossenes Argument dafür, offen für Widerlegungen zu sein? Mir klingt es so, als wäre der Ausgangsreflex, gegen blinde Wahrheitsverkündung zu sein (und das ist ja ein sinnvolles Anliegen.) Nur statt dann zu sagen, man muss offen für Argumente sein, und sich versichern, dass man die Wahrheit nicht falsch festgestellt hat, glaubt man ein für alle mal gegen Dogmatismus gefeit zu sein, wenn man die Wahrheit für abgeschafft erklärt. Damit drückt man sich ums argumentieren.

Ich denke, das Problem ist zweischneidig. Einerseits scheint es, dass der/die Autor/Autorin nicht einmal von dem zu verteidigenden Konstruktivismus wirklich viel Ahnung hat (sagen wir einfach, dass das wiederholte Anfuehren der “einfacheren Rechnungen” als Grund dafuer, warum sich jemand eine bestimmte Vorstellung von Welt zusammenbaut, eine ziemlich vulgarisierte Verkuerzung selbst des Konstruktivismus darstellt). Andererseits geht er/sie einfach weiterhin ein wenig trotzig, wie es in solchen Debatten recht haeufig der Fall zu sein scheint, dem eigentlichen Argument aus dem Weg: Die Existenz von Wahrheit/Wirklichkeit ist nicht abhaengig davon, ob jemand sie kennt oder (noch) nicht. Indes ist es aber natuerlich Unfug zu behaupten, man koenne grundsaetzlich keine objektiven Realitaeten erkennen, selbst wenn das dem vorhergegangenen grundlegenden Faktum nicht einmal widerspaeche. Insbesondere negativ ist das tatsaechlich sogar recht einfach. Vielleicht bieten da geo- und heliozentrisches Weltbild einfach zu viel Angriffsflaeche fuer derartige Platitueden (das ist jetzt mal seeehr gutmuetig von mir), aber, um es kleiner und eindeutiger zu machen: Wenn ich ohne jede Hilfsmittel von einem 10-geschossigen Gebaeude springe, mag es vielleicht sein, dass ich nicht sterbe. Aber ich weiss mit Sicherheit, dass ich aus eigener Kraft nicht fliegen kann. Nun koennte ich das Experiment mit einer repraesentativen Gruppe von Testpersonen mehrfach wiederholen oder ich koennte einfach von meinen Faehigkeiten als vernunftbegabtes Wesen Gebrauch machen und zu dem Schluss kommen: Menschen koennen nicht fliegen. Und damit haette ich dann recht. Und falls Menschen noch einmal Fluegel wachsen sollte, deren aerodynamische Qualitaete es dem Mensch erlauben, sich ueber die Schwerkraft zu erheben, dann widerlegt das eben nicht die Wahrheit der heutigen Erkenntnis, sondern es haben sich grundlegende Parameter und damit der Gegenstand veraendert.

Okay, in zwei Punkten gebe ich dir Recht:

1. Es gibt eine physische Realität. Zumindest fühlt es sich so an und sie ist alles, was wir haben.

2. Es gibt die Wahrheit logischer Schlüsse. Allerdings ist die Logik an sich schon ein menschliches Konstrukt. Es ist hilfreich, darum benutzen wir es, und weil es nicht angefochten wird, kann man es als Teil der Wirklichkeit annehmen, in der wir leben.

Ohne diese beiden Annahmen wäre man ja auch einfach nicht lebensfähig. Man muss Wirklichkeiten anerkennen, und man tut dies, je nachdem, wie nützlich diese Wirklichkeiten sind. Dabei geht es nicht nur um einfache Rechnungen (tut mir leid, wenn dieser Eindruck entstanden ist), sondern auch ums bessere Leben oder einfach ums Überleben. Anzunehmen, dass aus Fenstern springen eine tolle Sache wäre, kommt dafür schon von Anfang an nicht in Frage.

Du setzt einen Querstrich zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Konstruktivisten behaupten gerade, dass die konstruierten Wirklichkeiten eben nicht zwangsläufig der Wahrheit entsprechen (und nutzen dabei genau diese beiden Begriffe). Und siie behaupten, und das ist zentral für meine Argumentation, dass man einer Wirklichkeit nicht ansehen kann, ob sie der Wahrheit entspricht, oder ob sie nur eine hilfreiche Interpretation darstellt.

Mit dieser Annahme sollte klar sein, warum man sich hüten sollte, zu behaupten, die Wahrheit je finden zu können. Und darum ging es mir.