Juni 2008

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Vorbild

Ich wäre gerne so ein bisschen wie Christian Kracht. So mega-arrogant, halbschwul, reich und totales Arschloch. Vielleicht schreib ich morgen mal was über sein Buch „Faserland“. Das ist ganz großartig.

Warum man nicht tolerant sein muss gegenüber Nazis, Islamisten und anderen Arschlöchern? Na, das ist doch klar, weil die selbst intolerant sind. Tausendmal gehört, trotzdem Quatsch. Denn mit diesem einfachen Kriterium lässt man eine an und für sich wertlose Kategorie zum Maßstab werden und hilft so am Ende denjenigen, für die Werte keine Rolle spielen, weil sie Macht haben.

Toleranz bedeutet ja erstmal nur, das man das, was man toleriert, geschehen lässt. Und dass das nicht grundsätzlich gut ist, dürfte sofort klar werden. Ob man einer Sache tolerant gegenüber steht, sollte von der moralischen Qualität dieser Sache abhängen und nicht von deren Toleranzbemühungen. Ansonsten steht man auch ganz schnell selbst dumm da: Dann muss man nämlich tolerant sein, wenn man auf Toleranz angewiesen ist. Letztlich nützt diese einfache Marschregel bei allgemeiner Verwendung also denjenigen, die keine Toleranz brauchen.

In Berlin habe ich mir das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ angeschaut. Vorher wurde mir davon erzählt, dass man darin wunderbar bekifft Verstecken spielen könne und das auch täte. Das macht Sinn. Denn dafür ist das Denkmal hervorragend geeignet, ich kann mir das lebhaft vorstellen. Und das zeigt das Problem, das dieses Denkmal hat. Es bringt einfach nichts von dem Grauen, das der Holocaust war, herüber. Im Stelenfeld kann man sich schon unwohl fühlen, wenn man nicht weiss, wer oder was um die nächste Ecke kommt, aber das ist kein Gefühl, das dem Thema des Denkmals gerecht wird. Verfolgung und Unsicherheit sind das eine, systematische Ermordung etwas anderes.

Vielleicht empfiehlt sich ein Besuch im Dokumentationszentrum darunter, vielleicht kann der das leisten, was das Denkmal selbst nicht schafft. Da das Denkmal aus sich selbst heraus nicht funktioniert, passt es so problemlos in die Stadt und lässt sich so gut umfunktionieren.
Es lässt sich eben gut darin Verstecken spielen, weil man den Hintergrund gut ausblenden kann. Das ist zweifellos einer der Gründe gewesen, warum man diesen Entwurf ausgewählt hat. Es ist eben nicht der Schandfleck im Herzen der Nation, als der es von den Neonazis beklagt wird und der völlig angemessen gewesen wäre. Es ist ein spannendes Stück Kunst mit Holocaust-Museum im Keller. Die Berliner und die Touristen merken das und benutzen es auch so. Weil das offenbar manchmal peinlich wird, gibt es ein paar Regeln:

Wer käme ernsthaft darauf, sich „in Badekleidung auf einer Stele zu sonnen“, wenn dieser Ort nur ansatzweise eine Stimmung erzeugen könnte, die an sechs Millionen Morde erinnert?

Ich erinnere mich an einen Zeitzeugenbericht, den es in Yad Vashem auf Video zu sehen gab. Da berichtete eine Frau, wie sie sich in Reihen vor einer Grube aufstellen mussten, um dann erschossen zu werden. In der Grube wimmerten diejenigen, die den Schuss überlebt hatten. Über ihnen lagen die Leichen derer, die nach ihnen kamen. Ab und zu kamen die Deutschen an die Grube und schossen noch einmal in Richtung der noch hörbar Lebenden. Der Bericht endet damit, dass die Frau erzählt, dass sie damals 6 Jahre alt war, als sie in dieser Grube voller Leichen lag.

Nun kann ein Denkmal dieses Grauen unmöglich einfangen. Es muss aber auch nicht so kläglich scheitern wie das Stelenfeld. Bessere Vorschläge gab es durchaus, zwei interessante seien hier erwähnt. Der Vorschlag „Leerstelle“ hätte wohl genau das geleistet, was mir beim Stelenfeld fehlt, nämlich den Horror wiederzugeben, indem sich buchstäblich der Abgrund vor dem Betrachter auftut.
Der zweite Vorschlag „Überschrieben“ wäre dem Thema auch nicht gerecht geworden, hätte aber die teils sinnlos und leichtfertig gewordene Gedenkkultur hierzulande bloß gestellt.

Aber beide hätten dem im Weg gestanden, worum es den Deutschen beim Erinnern doch hauptsächlich geht: Dem Zurückerlangen der Normalität. Das Stelenfeld ist längst genau dazu geworden, zu einem völlig normalen Teil des Berliner Lebens. Ein riesiges Loch hätte sich diesem Prozess widersetzt.

Neben dem Mahnmal stehen einige Landesvertretungen. Darunter auch die von Niedersachsen. Bei denen im Vorgarten steht ein Elefant und auf ihm steht „Wir sind die Niedersachsen…“. Das ist eine Zeile aus dem faschistoiden „Niedersachsenlied“, in dem man sich als „sturmfest und erdverwachsen“ rühmt, weil man schon sovielen Feinden widerstanden habe. Glücklicherweise kamen dann 1945 Feinde, denen selbst die Niedersachsen nichts entgegen zu setzen hatten und befreiten unter anderem Bergen-Belsen. Eigentlich müsste man diesen geradezu offiziellen Bezug auf dieses Lied einmal skandalisieren, gerade in unmittelbarer Nähe eines Denkmals für Opfer des Nationalsozialismus.

Ein bisschen weiter entfernt kann man sehen, wie jüdisches Leben in Berlin heute aussieht. Dort steht das Gemeindezentrum der orthodoxen jüdischen Gemeinde unter Polizeischutz, den ganzen Tag.

Das Café daneben weist energisch daraufhin, dass es geöffnet hat.

Auch das scheint ein Stück Normalität zu sein: Juden, die mit der Bedrohung leben.

Die Botschaft informiert:

Because of the high fan interest in this prestigious semi-final elimination game between Germany and Turkey, there exists the possibility that disturbances, including violent disturbances may occur before, during or after the match, which begins at 20:45. At a minimum, post-game celebrations will likely result in traffic congestion in larger cities. Crowds celebrating previous German and/or Turkish victories have blocked streets and rocked vehicles attempting to pass through them.

We remind American citizens in Germany that even mass gatherings and demonstrations intended to be peaceful can turn confrontational and possibly escalate into violence. American citizens are therefore urged to avoid the areas of demonstrations if possible, and to exercise caution if within the vicinity of any demonstrations. American citizens should stay current with media coverage of local events and be aware of their surroundings at all times.

via

Vor zwei Wochen war ich in Berlin. Da ist es interessant, da trifft man Leute. Ich traf also auf die Freundin einer Freundin, nennen wir sie mal Sabine, und unterhielt mich eine Weile ganz nett mit ihr, u.a. darüber, wie realistisch so ein an den Himmel geworfenes Batman-Zeichen eigentlich ist, über Filme, Geschichten und solche Scherze.

Heute sitze ich mit meinen Eltern im Café 100 Meter von hier entfernt, und wer setzt sich mit fünf Freunden an den Nebentisch? Genau, Sabine. Ab hier beginnen nun meine Überlegungen zu sozialer Verkrüppelung. Ich weiss nämlich gar nicht, wie sowas gesellschaftlich geregelt ist. Grüßt man sich in solchen Fällen? Oder unterhält man sich gar kurz, wenn man sich dann wieder trifft?

Von diesen Fragen abgesehen kann es natürlich auch noch eine unterschiedliche Wahrnehmung geben. Was dem einen eine nette Unterhaltung war, kann dem anderen auch der langweiligste Freitagabend aller Zeiten gewesen sein. Das macht die Sache noch komplizierter. Zumal andere Leute öfter mal gute Unterhaltungen haben, weil’s anderswo (Berlin!) auch zahlreiche interessante Menschen gibt. Solche sind hier erfahrungsgemäß rar.

Konkret hatte ich nun mehrere Möglichkeiten, die perfekte Junge-Leute-Im-Café-Idylle nebenan zu stören. Ein freudiges „Hallo Sabine, hast du das mit BATMAN eigentlich mal geklärt?????“ bietet alle Chancen, eine peinliche Situation für sämtliche Anwesenden zu kreieren. Könnte aber auch ziemlich komisch sein. Abgekürzt ginge auch „Hallo Sabine!“, das könnte im Falle des Nichterinnerns ihrerseits noch viel peinlicher sein, schliesslich entfällt die Möglichkeit für mich, direkt auf entlaufener Behinderter zu machen, die ich bei der Batmanvariante immerhin schon gut vorbereitet hätte.
Für Leute, die nicht sozial behindert sind, wäre das wahrscheinlich das Selbstverständliche, einfach mal Hallo zu sagen. Aber wer ist das schon? Ich würde diesen Eintrag nicht schreiben, wenn ich nicht wüsste, dass es Vielen so geht. Und natürlicherweise auch nicht, wenn sie ihrerseits Hallo gesagt hätte.

Zum Glück hat man immer noch eine weitere Möglichkeit: Nach Hause gehen und alles ins Blog zu schreiben. Das ist zweifellos die peinlichste. Nein, noch peinlicher wäre es, im StudiVZ zu lügen: „Warst du das eigentlich im Café Wolf? Ich war mir nicht sicher! Wie gehts so?“

Falls sich jemand findet, der die Frage mit dem Batmanzeichen klären kann, wäre das super. Braucht es dafür Wolken, an die es geworfen werden kann? Und wie klar können die Konturen eigentlich werden? Ich habe da so meine Zweifel an der Machbarkeit.

Wenn man eine Vereinbarung trifft und diese bricht, redet man wohl kaum von einer Gefährdung der Vereinbarung, sondern von Wortbruch. Wenn freilich der Islamische Dschihad vier Raketen in Richtung Israel abfeuert und dabei immerhin einen Menschen verletzt, ist dies für tagesschau.de (Man achte auf die URL!) lediglich eine Gefährdung des vor einigen Tagen verabredeten Waffenstillstands zwischen Israel und den Palestinensern im Gazastreifen, vertreten durch die Hamas. Das liegt keineswegs daran, dass diese eine gute Begründung haben; der vermeintliche Anlass, die Razzia bei zwei Terroristen im Westjordanland, bei der einer zu Tode kam, ist mit dem Waffenstillstand absolut vereinbar, wie auch aus dem Artikel hervorgeht. Der Bruch der Waffenruhe ist deshalb nur eine Gefährung für die Waffenruhe, weil man wie fast immer damit rechnen kann, dass Israel nicht mit Waffengewalt reagieren wird. Das ist gut so. Aber man könnte das auch ruhig mal so schreiben.

Und in Israel fühlt sich das dann so an.

Wenn ihr in Bremen wohnt, wolltet ihr bestimmt schon immer wissen, wie der Mensch wohl aussieht, der diese Leute mit den ausdrucksstarken Gesichtern auf meist bräunliches Papier malt und dann überall in der Stadt aufhängt. Und was er sich dabei denkt. Einen kleinen Einblick gibt das folgende Video:

Der zweite Teil ist hier zu finden.

Danke für den Tipp an Matthias.

Fernweh

„Scheiß auf Kroatien!“ war das erste, was ich vom Balkon aus nach dem Elfmeterschiessen eben gehört habe. Eine Handvoll Leute grölt es ihrem Anführer nach, der anschliessend „Türkiye! Türkiye“ intoniert. Das deckt sich mit der Erfahrung nach dem Sieg der Türken gegen die Schweiz, wo das erste, was ich aus dem beginnenden Autokorso heraus hörte, „Schweiz kann jetzt nach Hause fahrn!“ war. Dass „die Schweiz“ es in dem Fall nicht so weit hätte, könnte sie überhaupt irgendwohin fahren, ist gar nicht mal das Bemerkenswerteste daran.
Den Schreihälsen von eben wurde schnell geantwortet. Von gegenüber schrie es ein „Deutschland, Deutschland“ zurück. Daraufhin machte sich einer der betrunkenen Halbstarken auf den Weg Richtung Straße, stand dort kurz und wurde zurückgerufen, da seine Kumpel „keinen Bock auf den Stress“ hätten, den er offensichtlich mit den zu erwartenden und jetzt zu sehenden Jubeltürken anzufangen plante.
Als die feiernden Deutschen gestern gerade vom fröhlichen Jubel zum zwangsläufig folgenden faschistoiden „Sieg“-Gegröle übergegangen waren, als die mitgebrachten Fußbälle und das mit ihnen zu feiernde Fußballfest nicht mehr gefragt waren, da machten sich am Sielwall die ersten jungen Türken daran, diese Bälle in böser Absicht mal feste in Richtung Kartoffelecke zu schiessen. So nah liegt das beieinander, so ist das eine im anderen angelegt.

Heute nun fiel es schwer, überhaupt einer Mannschaft die Daumen zu halten, wenn man mal über das Sportliche ein wenig hinausdenkt. Slaven Bilic spielt in der Kabine gerne mal ein Lied der ultranationalistischen Band Thompson. (Zu der ich mal einen interessanten Artikel gelesen habe, den ich nicht wiederfinde.) Bei den Türken dagegen titelte eine Zeitung vorher, dass die Mütter der Spieler sie für diesen Tag geboren hätten. Wofür setzt man auch sonst Kinder in die Welt, wenn nicht dafür, dass sie der Nation Ruhm und Ehre bringen? Der Trainer, Fatih Terim, äusserte sich nach dem Spiel in etwa so, jemand hat mir das mal transkribiert:

blabla…es ist ein großer tag für unser volk…blabla…wenn unser volk auf uns stolz ist sind wir auch auf sie stolz…blablabla….das wichtigste ist, dass unsere landsmänner stolz sind…usw.

In all diesem faschistischen Brei fällt es schwer, einfach Fußball zu gucken.

Und nun muss man langsam anfangen, sich das Spektakel nächste Woche auszumalen. Als erstes werden die zu Recht besorgten Politiker zu einem friedlichen Fest aufrufen. Der Imageschaden für Deutschland ist kaum auszumalen, sollte es zu ernsthaften Auseinandersetzungen kommen. Also wird ein fröhliches Multikulti- und/oder Integrationsbild gezeichnet werden, das mit der Straßenrealität, mit dem grölenden Fan, wenig zu tun hat. Zum Glück wird der im Endeffekt von der Staatsmacht in seinen Schranken gehalten, am Ende wollen ja doch alle gute Deutsche sein. Das Theater drumherum verhindert das alles nicht.

Gerade bekomme ich eine SMS, vermutlich wiederum vom Sielwall oder einem anderen zentralen Punkt der Feierlichkeiten: „Es wird alles immer schlimmer.“ Das glaube ich gerne. Und würde am liebsten flüchten. Angeblich reicht Skandinavien schon aus, ich würde aber lieber nach Fernost. Mindestens.

In der Jungen Welt vom 16. Juni war ein Artikel über Europa zu lesen, der mehr als sonst die Gemeinsamkeiten von Linken der Sorte, die diese Volks-Zeitung lesen, Rechtsextremen sowie nahezu dem gesamten unpolitischen Rest der Menschen in Europa aufzeigt. Das „freiheitsliebende Volk der Iren“ hat sich nämlich in einem Referendum gegen den Lissabon-Vertrag entschieden und bietet den Startpunkt für die Kritik der linken Nationalisten an der EU: Die demokratischen und sozialen Rechte, die in den Nationalstaaten zumindest teilweise verwirklicht werden, werden mit einer weiteren Integration der europäischen Staaten immer weiter abgebaut, weil ihre Garanten Stück für Stück ihre Souveränität verlieren. Und das, ohne die Bevölkerungen zu befragen. Denn die würden natürlich dagegen stimmen, sie wissen, wer die Hüter ihrer Sozialleistungen sind: Sozial geht nur national.

Die Junge Welt definiert hier einen Standpunkt, der für viele Europäer schon lange gilt. Europa ist ein Projekt von Eliten, und die einzige Idee, die dahinter steckt, ist die Integration von Märkten, die alle Staaten wirtschaftlich weiterbringen kann. Demokratie ist sicherlich keine tragende Idee der EU – aber sie ist es auch nicht in den Nationalstaaten. Die tragende Idee dort ist weit älter und verdient es nach etwas mehr als 200 Jahren kaum noch als Idee bezeichnet zu werden: Die Nation. Und an diesem antiquierten Konstrukt halten auch große Teile der Linken fest, weil ihnen nichts besseres einfällt.

Für die meisten Menschen ist die Nation nach wie vor die Größe, unter die sie sich stellen. Weder Demokratie noch freiheitliche Rechte für alle entfalten in Europa die Anziehungskraft, von der ein großes Projekt leben könnte. Und daher bleibt die EU ein Projekt, dass von den Eliten getragen wird, solange sich nicht eine Idee zeigt, für die die Menschen in Europa (und am besten auch die drumherum) sich begeistern können.

Sollen die Eliten nun also weiter machen? Europa hat den Europäern viel Gutes gebracht und wird dies wohl auch weiterhin tun. Gleichzeitig ist die EU auch Trägerin von Marktliberalisierung und ordnet sich daher mehr den Marktgesetzen unter als es die Nationalstaaten (in einer Zeit vor der alles erfassenden Globalisierung) mussten. Doch die Globalisierung ist nicht aufzuhalten, und Europa muss darauf reagieren, um im Markt zu bestehen. Dies ist der Ort, in dem sich der „Wohlstand der Nationen“ heute entscheidet, die Arena der Staaten spielt eine immer geringere Rolle. Die Eliten haben das erkannt und reagieren darauf. Die kleinen Leute wollen an ihrer dummen Idee der Nation festhalten, statt eine neue zu entwickeln, in der die Gesetze des Marktes ihnen gestohlen bleiben können, weil sie ihn nicht mehr brauchen.

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