Der Hemdquotient

Wir sind allesamt Werderfans. Was macht man nun, wenn man bei der EM völlig zurecht für die niederländische Mannschaft cheert, und dann das rechte oder linke Kreuzband von Rafael van der Vaart mit lautem Knall in Stücke reißt? Findige Moralschieber retten sich dann damit, dass er ja ein ganz anderes Trikot trägt, als wenn er für den Verein aus Stellingen spielt, und dass sie sich demzufolge natürlich nicht freuen würden, wenn er sich verletzen würde. Man muss kein besonders großer Freund der Nazikeule sein, um unwillkürlich zu erwidern: Wenn du nun also Adolf Hitler im Hawaiihemd treffen würdest, würdest du auch einen Sex on the Beach mit ihm trinken?

Ist das eine Verharmlosung von Hitler, oder von Hawaiihemden? Nein. Um sich das zu veranschaulichen, genügt es, die zusammengehörigen Teile einmal ins Verhältnis zu setzen, also Quotienten zu bilden. Man kann dann mit Fug und Recht behaupten, dass Hitler geteilt durch Hawaiihemd ungefähr den gleichen Wert ergibt wie Van der Vaart geteilt durch Oranje-Dress. Es ergeben sich interessante Möglichkeiten, durch simples Umstellen der Gleichungen neue Erkenntnisse in fußball- und modemoralischen Fragen zu gewinnen. So lässt sich zum Beispiel sagen, das Van der Vaart identisch ist mit Hitler, wenn man diesen noch mit Hollandtrikot durch Blumenhemd (dem sogenannten Hemdquotienten) multipliziert. Dieser ist aufgrund der relativ verheerenden Wirkung von Hawaiihemden auf die Augen sehr gering. Genaue Werte liegen bisher nicht vor, man schätzt aber, dass Hitler 3 bis 14 Zehnerpotenzen schlimmer ist als Van der Vaart, dies entspricht genau dem Verhältnis zwischen den beiden genannten Kleidungsstücken.

Sprich: Van der Vaart bleibt ein HSVer, wenn er ein anderes Trikot trägt, genau wie Hitler ein Nazi bleibt, wenn er ein Hawaiihemd anhat. Und das, obwohl zwischen beiden Welten liegen, Welten von der gleichen Mächtigkeit wie zwischen den Kleidungsstücken. Was passiert, wenn Hitler ausländische Trikots anzieht, wurde bisher nicht erforscht. Vielleicht könnte man ihn dann liebgewinnen. Dann wird es ganz schwierig für jeden HSVer, da mitzuhalten. Werdertrikots kriegen sie von uns jedenfalls nicht.

HawaiiHemd = HH = Heil Hinkel = 88 = 16, WOW HEUTE IST DER SECHZEHNTE!

aber der wechselt doch sowieso, daher voll schnuppe.

Ich frage mich bei sowas immer, inwiefern unsere Gedanken für andere überhaupt nachvollziehbar sind, inwiefern wir eigentlich nachvollziehbar sind. Gerade bei so Sachen, die wir absolut grossartig finden, wie eben den Hemdquotienten und die Entwicklung solcher Ideen. Man könnte das für Situationskomik, für “mussmandabeigewesensein” halten, aber das ist es nicht. Und wenn ich es so nochmal lese, finde ich es wieder grossartig und merke dabei gleichzeitig, dass es das für kaum jemanden sonst auch ist.

Und was kommt nach deiner Berechnung heraus, wenn sich ein Werder-Profi das Trikot mit dem Bundesadler überstreift?

In Bremen teilt man nicht durch 0!

Ahhh touche!

Peter Death Bredon Wimsey

Ich finde dauernd die Bestätigung im Alltag, dass laut einer Untersuchung der größte Teil der Deutschen Israel für die schlimmste Bedrohung des Weltfriedens ansieht. Darüber hinaus gewinne ich den Eindruck, dass die Niederlande das zweite große Feindbild für den hiesigen Durchschnittsbürger abgeben. Da geht es weniger um die Bedrohung des Weltfriedens sondern eher um ominöse Wohnwagengespanne und angeblichen Deutschenhass. Letzterer zeigtesich nach Aussage dieser Hollandhasser in der Unterstellung, dass alle Deutschen Nazis seien. Die Mehrheit der xenophoben Antisemiten wehrt sich erstaunlich vehement dagegen, dass man sie beim Namen nennt. Eine mögliche Konsequenz ist es, sich bei entsprechender Skepsis dem deutschen Nationalismus gegenüber, den Gegenstand deutscher Antipathie näher anzuschauen. Und da der Prozess des Kennenlernens häufig einher geht mit der Empfindung von Sympathie, ist es durchaus möglich, dass einem sowohl Israel als auch die Niederlande nachgerade gefallen. Entsprechend finden auch die symbolischen Äußerungen dieser Staaten meinen Zuspruch. Wenn Repräsentanten des Nachbarstaates auch noch ziemlich gute Trikots tragen und darüber hinaus wirklich attraktiven Fußball bieten, fällt es dem unvoreingenommenen Betrachter noch leichter, diesen Leuten Unterstützung angedeihen zu lassen. Zumal damit der Mehrwert verbunden ist, dem deutschen Mehrheitsrepräsentanten ins schwarz-rot-goldene Süppchen zu spucken. Im Vergleich dazu ist das ekle schwarz-blau-weiße Jersey des Vereins aus der großen hanseatischen Schwesterstadt ein Witz. Es steht meiner Meinung nach nicht auf derselben Ebene wie das der Oranjes. Auf der einen Seite ein hochgradig besetztes, ideologisch aufgeladenes Kleidungsstück als textiles Symbol einer Haltung, die sich als konträr zur deutschen Mehrheitsauffassung deuten lässt, auf der anderen Seite die Kleidung eines unsympathischen Vereins, dessen Wirkung in mehrerlei Hinsicht begrenzt bleibt. Dieser Überlegung folgend finde ich, dass man van der Vaart im orangen Trikot höher bewerten muss als im HSV-Dress. Das Mitwirken des Spielers am niederländischen Unterfangen zählt für mich stärker als sein Engagement beim HSV.
Die ikonologische Bedeutung des Hawaii-Hemdes ist im Kontext des Joinsenschen Verlgeichs ist dagegen eher schwach ausgeprägt, wenngleich ich mich da gerne eines Besseren belehren lassen würd. Ich verbinde damit in erster Linie Magnum, der mit seiner teilweise recht reaktionären Art nervte, andererseits aber auch etwas Grundsympathisches verkörperte. Hitler dagegen ist in der allgemeinen Wahrnehmung symbolisch derartig überdeterminiert, dass sich allein die Signalwirkung von Schnurrbart, Scheitel und möglicherweise Hakenkreuz niemals durch eine andere Kleidung relativieren oder gar umkehren ließe. Die Figur Hitler kann man bestenfalls ins Groteske steigern, der Deutungsspielraum bietet weit weniger Möglichkeiten als das des holländischen Kickers.
Die grundsätzliche Frage Joinsens, wie sich unterschiedliches Engagement in der Gesamtwahrnehmung niederschlägt, bleibt unbesehen meiner Einschätzung von großer Bedeutung.

In diesem Sinne: Hup Holland hup Laat de leeuw niet in z’n hempje staan!

Großartig, einfach nur großartig! Und übrigens auch der Kommentar von Peter Death Bredon Wimsey. Danke an euch!