Quo vadis, Europa?

In der Jungen Welt vom 16. Juni war ein Artikel über Europa zu lesen, der mehr als sonst die Gemeinsamkeiten von Linken der Sorte, die diese Volks-Zeitung lesen, Rechtsextremen sowie nahezu dem gesamten unpolitischen Rest der Menschen in Europa aufzeigt. Das “freiheitsliebende Volk der Iren” hat sich nämlich in einem Referendum gegen den Lissabon-Vertrag entschieden und bietet den Startpunkt für die Kritik der linken Nationalisten an der EU: Die demokratischen und sozialen Rechte, die in den Nationalstaaten zumindest teilweise verwirklicht werden, werden mit einer weiteren Integration der europäischen Staaten immer weiter abgebaut, weil ihre Garanten Stück für Stück ihre Souveränität verlieren. Und das, ohne die Bevölkerungen zu befragen. Denn die würden natürlich dagegen stimmen, sie wissen, wer die Hüter ihrer Sozialleistungen sind: Sozial geht nur national.

Die Junge Welt definiert hier einen Standpunkt, der für viele Europäer schon lange gilt. Europa ist ein Projekt von Eliten, und die einzige Idee, die dahinter steckt, ist die Integration von Märkten, die alle Staaten wirtschaftlich weiterbringen kann. Demokratie ist sicherlich keine tragende Idee der EU - aber sie ist es auch nicht in den Nationalstaaten. Die tragende Idee dort ist weit älter und verdient es nach etwas mehr als 200 Jahren kaum noch als Idee bezeichnet zu werden: Die Nation. Und an diesem antiquierten Konstrukt halten auch große Teile der Linken fest, weil ihnen nichts besseres einfällt.

Für die meisten Menschen ist die Nation nach wie vor die Größe, unter die sie sich stellen. Weder Demokratie noch freiheitliche Rechte für alle entfalten in Europa die Anziehungskraft, von der ein großes Projekt leben könnte. Und daher bleibt die EU ein Projekt, dass von den Eliten getragen wird, solange sich nicht eine Idee zeigt, für die die Menschen in Europa (und am besten auch die drumherum) sich begeistern können.

Sollen die Eliten nun also weiter machen? Europa hat den Europäern viel Gutes gebracht und wird dies wohl auch weiterhin tun. Gleichzeitig ist die EU auch Trägerin von Marktliberalisierung und ordnet sich daher mehr den Marktgesetzen unter als es die Nationalstaaten (in einer Zeit vor der alles erfassenden Globalisierung) mussten. Doch die Globalisierung ist nicht aufzuhalten, und Europa muss darauf reagieren, um im Markt zu bestehen. Dies ist der Ort, in dem sich der “Wohlstand der Nationen” heute entscheidet, die Arena der Staaten spielt eine immer geringere Rolle. Die Eliten haben das erkannt und reagieren darauf. Die kleinen Leute wollen an ihrer dummen Idee der Nation festhalten, statt eine neue zu entwickeln, in der die Gesetze des Marktes ihnen gestohlen bleiben können, weil sie ihn nicht mehr brauchen.

Sollte man mal in Analogie zur Identifikation mit dem Aggressor mal über Identifikation mit den Herrschenden nachdenken? Bloßes Nach-Denken oder -Beten der herrschenden Ideen unterstellt natürlich niemand, aber “selbständiger und kritischer Umgang” mit dem Zeug im eigenen Kopf macht schon Spass…

Ich bin mir nicht ganz sicher, an wen du dich richtest: An mich oder an die Junge Welt? Ich vermute, dass du mich meinst - aber zu unrecht. Ich habe mich nicht mit den Herrschenden identifiziert, sondern ihre Handlungszwänge beschrieben, die zur EU geführt haben und diese wahrscheinlich auch noch eine Zeitlang weiter führen werden. Und ich habe gesagt, wo ich den Ausweg aus dieser unerquicklichen Lage sehe - der letzte Satz ist immer wichtig.

Oh ja - der letzte Satz ist immer wichtig, v. A. hätte ich ihn nicht nur anlesen sollen, sondern bis zum sweeten Ende durchhalten. Aber die bittere Durststrecke vorher “…Doch die Globalisierung ist nicht aufzuhalten, und Europa muss darauf reagieren, um im Markt zu bestehen…und… Die Eliten haben das erkannt und reagieren darauf. Die kleinen Leute wollen an ihrer dummen Idee der Nation festhalten..” hat zum Leseabbruch und meiner voreiligen Reaktion geführt. Sorry! Das Beste kommt halt zum Schluss: man muss es sich merken, merken, immer wieder sagen und sich dementsprechend verhalten.
Noch mal zum Handlungszwang: Stehen die Eliten unter dem? Gibt es denn wirklich niemanden hier, der frei und souverän entscheiden kann, der die adäquate Ursache seiner Handlungen ist und nicht von irgendwelchen äußeren Zwängen getrieben wird?
Oder meinst Du mit Handlungszwang etwa, dass man zwanghaft irgendwelche Handlungen vollziehen muss, so wie beim Waschzwang? Vielleicht gibt ja Leut’ in der Elite, die auf zwanghafte Weise an Hauptausschusssitzungen teilnehmen MÜSSEN - oder auch der altbekannte Vertragsunterzeichnungszwang (O-Ton Auswärtiges Amt: “Mindestens ein Vertrag pro Woche, sonst dreht er durch, der Günther”). Beide sind unter die Neurosen zu rechnen, auch wenn die Symptome nicht klinisch sind ;-)
Aber das meinst Du ja bestimmt nicht, sondern eher, dass sie auf die Herausforderungen des verschärften, globalen Wettbewerbs zu reagieren haben und glauben, das in der Weise tun zu müssen, in der sie es tun. Aber vielleicht ist der Verweis auf diesen Handlungszwang durch die Entscheidungsträger ja auch nur eine angefügte Begründung für die jeweiligen politischen Projekte einer Elite, die im Prinzip schon viele Entscheidungs- und HandlungsMÖGLICHKEITEN hat?

Ich nehme schon an, dass alle Akteure im Rahmen ihrer Möglichkeiten rational handeln und nicht irgendwie geistesgestört sind. Sie alle haben mit Realitäten (hier: Globalisierung durch technischen Fortschritt) zurechtzukommen und entwickeln unterschiedliche Strategien. Die einen halten an der Idee der Nation fest, die anderen suchen in der Liberalisierung der Märkte ihr Glück - aber keinem geht es um eine wirklich gute Idee wie etwa Demokratie, die ist nämlich immer wieder der vorgeschobene Handlungsgrund.

Dass ich beide Ansätze nicht für gut halte, den letzteren aber immer noch praktikabler als den ersten, habe ich bereits geschrieben. Ebenso, dass der goldene Weg irgendwo in die Richtung geht, wo es keinen Markt mehr gibt und Globalisierung nicht als Drucksituation, sondern als Freiheitsgewinn empfunden werden kann. Den sehen allerdings weder die Eliten noch diejenigen, die sich von ihnen leiten lassen.

Die Frage ist, ob sie ihn tatsächlich nicht sehen oder ob ihre Interessen ganz andere sind.