Fernweh

“Scheiß auf Kroatien!” war das erste, was ich vom Balkon aus nach dem Elfmeterschiessen eben gehört habe. Eine Handvoll Leute grölt es ihrem Anführer nach, der anschliessend “Türkiye! Türkiye” intoniert. Das deckt sich mit der Erfahrung nach dem Sieg der Türken gegen die Schweiz, wo das erste, was ich aus dem beginnenden Autokorso heraus hörte, “Schweiz kann jetzt nach Hause fahrn!” war. Dass “die Schweiz” es in dem Fall nicht so weit hätte, könnte sie überhaupt irgendwohin fahren, ist gar nicht mal das Bemerkenswerteste daran.
Den Schreihälsen von eben wurde schnell geantwortet. Von gegenüber schrie es ein “Deutschland, Deutschland” zurück. Daraufhin machte sich einer der betrunkenen Halbstarken auf den Weg Richtung Straße, stand dort kurz und wurde zurückgerufen, da seine Kumpel “keinen Bock auf den Stress” hätten, den er offensichtlich mit den zu erwartenden und jetzt zu sehenden Jubeltürken anzufangen plante.
Als die feiernden Deutschen gestern gerade vom fröhlichen Jubel zum zwangsläufig folgenden faschistoiden “Sieg”-Gegröle übergegangen waren, als die mitgebrachten Fußbälle und das mit ihnen zu feiernde Fußballfest nicht mehr gefragt waren, da machten sich am Sielwall die ersten jungen Türken daran, diese Bälle in böser Absicht mal feste in Richtung Kartoffelecke zu schiessen. So nah liegt das beieinander, so ist das eine im anderen angelegt.

Heute nun fiel es schwer, überhaupt einer Mannschaft die Daumen zu halten, wenn man mal über das Sportliche ein wenig hinausdenkt. Slaven Bilic spielt in der Kabine gerne mal ein Lied der ultranationalistischen Band Thompson. (Zu der ich mal einen interessanten Artikel gelesen habe, den ich nicht wiederfinde.) Bei den Türken dagegen titelte eine Zeitung vorher, dass die Mütter der Spieler sie für diesen Tag geboren hätten. Wofür setzt man auch sonst Kinder in die Welt, wenn nicht dafür, dass sie der Nation Ruhm und Ehre bringen? Der Trainer, Fatih Terim, äusserte sich nach dem Spiel in etwa so, jemand hat mir das mal transkribiert:

blabla…es ist ein großer tag für unser volk…blabla…wenn unser volk auf uns stolz ist sind wir auch auf sie stolz…blablabla….das wichtigste ist, dass unsere landsmänner stolz sind…usw.

In all diesem faschistischen Brei fällt es schwer, einfach Fußball zu gucken.

Und nun muss man langsam anfangen, sich das Spektakel nächste Woche auszumalen. Als erstes werden die zu Recht besorgten Politiker zu einem friedlichen Fest aufrufen. Der Imageschaden für Deutschland ist kaum auszumalen, sollte es zu ernsthaften Auseinandersetzungen kommen. Also wird ein fröhliches Multikulti- und/oder Integrationsbild gezeichnet werden, das mit der Straßenrealität, mit dem grölenden Fan, wenig zu tun hat. Zum Glück wird der im Endeffekt von der Staatsmacht in seinen Schranken gehalten, am Ende wollen ja doch alle gute Deutsche sein. Das Theater drumherum verhindert das alles nicht.

Gerade bekomme ich eine SMS, vermutlich wiederum vom Sielwall oder einem anderen zentralen Punkt der Feierlichkeiten: “Es wird alles immer schlimmer.” Das glaube ich gerne. Und würde am liebsten flüchten. Angeblich reicht Skandinavien schon aus, ich würde aber lieber nach Fernost. Mindestens.

  1. Und als ob das alles nicht genug wäre, als ob ich in meiner Meinung noch weiter bestätigt werden müsste, schallt mir nun von den oben erwähnten Scheißdeutschen “Ich würde nie zum FC Bayern München gehen” von den Toten Hosen entgegen. Das Lied wurde von dem hier schon kürzlich erwähnten Alex Feuerherdt auch mal sehr treffend kommentiert, wie der ganze Bayernhass.

  2. Und als gäbs keine anderen Motive vom ‘public viewing’ des Spiels findet sich ausgerechnet dieses Foto auf der Sportseite des lokalen Schmierblattes (man achte auf den netten Herrn mit der Maskierung rechts).

  3. Ist es möglich, dass es eine Verbindung von Individualverkehr und Fußballbegeisterung gibt? Wenn Papa auf Mamas Drängen hin ein voluminöses Auto kauft, damit der Nachwuchs zur Schule und zum Geigenunterricht gegondelt werden kann, ist das Vehikel (abhängig von der Einkommenssituation) oftmals die Summe unterschiedlicher irrationaler Ansprüche. Unbesehen des Umstandes, dass die Kleinen die 500 Meter auch selbst laufen könnten („Aber das ist doch so gefährlich, da sind immer so viele Autos vor der Schule!“) werden auch „sportliche“ Wünsche des Vaters berücksichtigt. Industrieller Auswuchs dieser Gemengelage sind gegenwärtig oft SUVs. Die sehen aus wie Panzer und verschaffen dem Lenker auch ein ähnliches Machtgefühl. Problematisch ist, dass dieses Potenzial gerne genutzt wird, in dem die SUV-Piloten die Sau raus lassen. 200 PS plus x und zwei Tonnen Stahl bieten leider Möglichkeiten, denen man aus der Perspektive eines Radfahrers bzw. Fußgängers wenig entgegenzusetzen hat. Das drastische Verhältnis von Allmacht und Ohnmacht wird hier sehr weit auf die Spitze getrieben. Ähnlich erscheinen mir die Vorgänge im Rahmen der EM- das zivilisatorische Mäntelchen wird bei erst bester Gelegenheit abgestreift, und es zeigt sich etwas sehr Erschreckendes, oftmals auch gefährlich Dynamisches. Kaum, dass der Machtüberschuss fühlbar wird, setzen Gruppen dies ein, um aufzutrumpfen.
    Dabei ist es mir dann in der Situation der Konfrontation ziemlich egal, welche Farben die jeweilige Meute zur Schau stellt. Die Angst vor der Überwältigung steht im Vordergrund, ähnlich belanglos scheint es mir im Vergleich zum automobilen Beispiel, welches Fabrikat der entfesselte pater familias steuert, wenn er Gas gibt, um seine Dominanz unter Beweis zu stellen.
    Ich gehe inzwischen sogar soweit, dass ich d a s Team bei der EM unterstütze, das hier die geringste Anhängerschaft aufbieten kann. Und Spanier sind mir in Bremen noch nicht unangenehm aufgefallen. Olé!

  4. SUVs sind oftmals Einzelkinderkutschen. Wer will schon riskieren, dass sein mit 40 gezeugtes Einundalles im Kleinwagen zerquetscht wird? Also muss eine fahrende Festung her, der nicht nur Radfahrer und andere Schwächlinge sondern überhaupt niemand etwas entgegen zu setzen hat.

    Die EM soll bitte einfach vorbei sein.

  5. Mit dem Ende der EM verbinde auch ich den Wunsch, dass der Spuk in dieser Qualität ein Ende findet. @Bonde Was Deine Beobachtung des Einzelkind-SUV-Verhältnisses betrifft, muss ich Differenzierungen anmahnen. Die von Dir beschriebene Konstellation trifft eher auf Kombi-Fahrer zu. Wenn es das Einkommen zulässt, kaufen Eltern bei der Geburt des ersten Kindes ein geräumiges Fahrzeug, vorzugsweise Volvo. Da schwingen schon leichte Panzer-Anklänge mit. Unter Umständen sind Vans angezeigt, da neben dem Sprössling entsprechendes Material transportiert wird. Die orthodoxe SUV-Gleichung basiert meines Erachtens auf folgenden Variablen: Einkommen des Mannes (a) Alter des Mannes (b), Alter der Frau (c), Attraktivitätsgrad der Frau (d), Bildungsgrad der Frau (e). Das Zusammenspiel dieser Faktoren bedingt die Anzahl der Nachkommen (f) und Größe und Art des PKWs (g). Ist a (Einkommen des Mannes) größer als 250.000 € netto im Jahr sinken c (Alter der Frau), steigt d (Attraktivitätsgrad der Frau) und relativiert sich e (Bildungsgrad der Frau). Diese Konstellation bedingt meist f (Anzahl der Nachkommen) >2 und g (Art des PKW) > 70.000 €. Charakteristisch für e (Bildungsgrad der Frau) ist, dass es sich im Falle eines akademischen Ansatzes meist um ein Studium im Bereich der Geisteswissenschaften handelt, das nach dem Abschluss keine berufliche Eigenständigkeit ermöglicht oder aber gar nicht vollendet wird. Es lassen sich wechselseitige Beziehungen feststellen, die Teile oder die Gesamtheit der Faktoren berücksichtigen. Soziologisch interessant sind dann auch noch Größen wie Wohnraum und Stadtteil. Ins Detail geht man dann mit Bekleidung (unter Berücksichtigung des Unterfaktors Kinderkleidung!), Accessoires (Tücher, Schals, Broschen), Frisuren, Fahrräder der Kinder (Gazelle) etc. pp. Wirklich interessant ist die soziale Dynamik, die durch diejenigen verursacht wird, denen der Abstieg aus der SUV-Liga droht bzw. die den Aufstieg in dieselbe anstreben. Erstaunlich ist, dass einige Distinktionsschranken immer undurchlässiger werden, andere sich dagegen öffnen. Fußball (leider!) und Patriotismus bieten Anknüpfungspunkte zwischen der Bourgeoisie und dem Pöbel.
    An dieser Stelle wärmstens empfohlen Match Point von Woody Allen.

  6. Ich finde es erschreckend wie du langsam abdrehst und aus einem klatsch klatsch klatsch SIEG was faschistoides sieht. Und deine EM/WM verdrossenheit kann ich auch nicht nachvollziehen. Setz dich mal lieber Pro 15:30 ein. Da hast genug zu tun bald. Wie gesagt ich kanns nicht nachvollziehen und ich freu mich über das Turnier und auch über die Begeisterung der jeweiligen Nationen.

    nich wieder böse sein.

  7. @ kali: Wie kann man das “Sieg”-Gebrüll *nicht* für faschistoid halten? Das klingt nicht nur wie ein nationalsozialistisches Erweckungserlebnis, das *ist* eines. Als die deutschen Zuschauer das bei der WM 1990 im Spiel gegen die Niederlande ein ums andere Mal gegrölt haben, hat die holländische Kurve immer das “Heil” hinterhergerufen. Trotzdem tönte es von den deutschen Fans unablässig weiter: “Sieg!”, “Sieg!”, “Sieg!”. Wer das bloß für die harmlose Unterstützung einer Fußballmannschaft hält, hat nicht mehr alle Latten am Zaun.

  8. Das ist doch ein ganz altes Lied. Faschismus gehört in irgendeine Schmuddelecke zu den Nazis, die auch alle ganz doof sind. In der “Mitte der Gesellschaft” gibts sowas nicht, ganz einfach, weil das eben die Mitte ist und weil das alle machen.
    Das entbehrt jeder Logik, ist aber ein weit verbreiteter Gedanke.

    Wer keinen Begriff von Faschismus hat, der kann faschistoide Elemente natürlich auch nicht erkennen oder kritisieren. Der kann bestenfalls Alarm machen, wenn jemand “Autobahn” sagt.

  9. Selber.