Er lag seit zwei Stunden in der bis auf ihn leeren Badewanne und konnte sich nicht bewegen. Das Radio hatte wenige Minuten vorher aufgehört zu spielen und gab nun nur noch alle paar Minuten ein gequältes Knacken von sich. Es wird nicht mehr weitergehen, dachte er, die Polizei wird bald kommen, und dann beginnt mein neues Leben im Knast. Eine schöne kleine Zelle, mit Toilette, aber ohne Badewanne. So würde das für einige Jahre gehen, er hatte keine Ahnung, wie viel man für einen Bankraub und die damit verbundenen Körperverletzungen heutzutage bekam. Immerhin war er nicht vorbestraft, vielleicht würde es glimpflich abgehen.
Während er sich so in seine Zelle hineinversetzte, hörte er dazu passende Schritte im Hausflur. Einige Minuten vergingen, dann seufzte er kaum hörbar und überlegte, ob er nun erleichtert oder enttäuscht darüber war, dass die Polizei offenbar noch auf sich warten ließ.
Gregor Schwarz war 28 Jahre alt und einer aufwendigen Selbstanalyse zufolge auf allen für sein Selbstverständnis relevanten Gebieten gescheitert. Er hatte kein Geld, keine Frau, keine Ausbildung und keine Lust mehr, etwas daran zu ändern.
Fünf Stunden zuvor
Es begann um kurz nach Zehn, ein verregneter Morgen. Als er aus dem Bus stieg, tauchte er in das Einheitsgrau von Himmel, Straße und Häusern ein, er fühlte sich sicher. Das Ziel lag klar vor ihm. Es war die Sparkasse, deren strahlend rote Schilder am weißen Gebäude sich von der Umgebung abhoben und ihm klar zu sagen schienen, dass hier das bessere Leben abholbereit liegen würde.
Schwarz, fast zwei Meter groß und von sportlicher Statur, ging die 200 Meter zur Bank und dachte an all das Geld. Kurz vor der Tür zog er sich eine tarnfarbene Sturmhaube über den Kopf, nahm die Pistole, die er von seinem Vater geerbt hatte, aus der Tasche und atmete tief durch. Er tat das alles, ohne stehen zu bleiben. Dann schob er die Tür auf und war in der Bank.
Am Schalter stand eine junge blonde Frau im Hosenanzug, wahrscheinlich eine Auszubildende. Ihr Namensschild wies sie als Frau Tietjen aus. Vor dem Schalter befanden sich drei Kunden. Ein älteres Paar in rentnerbeiger Kleidung wartete geduldig darauf, dass Frau Tietjen einem Mann vor ihnen sein Geld auszahlen würde. Der Mann sah aus wie Mitte dreißig, war aber wahrscheinlich jünger. Er trug einen ausgewaschenen Jogginganzug, obwohl er sicher keinen Sport machte. Sein ganzes Äußeres wies darauf hin, dass er gerade seine Sozialhilfe abholte.
Als Gregor Schwarz den Raum betrat, bemerkte ihn zunächst niemand. Er wollte etwas rufen, aber das gelang ihm nicht. Abrupt blieb er stehen und verharrte einige Sekunden, in denen er vermummt und bewaffnet dabei zusah, wie dem Mann am Schalter 75 Euro ausgezahlt wurden. Nachdem der sein Geld in die Hand genommen hatte, blickte Frau Tietjen auf und sah aus den Augenwinkeln den erstarrten Gregor Schwarz. Ihr zunächst entspanntes Gesicht zeigte nacheinander Erstaunen, Entsetzen und Angst an. Als es sich überraschend bei Entschlossenheit einpendelte und sie Anstalten machte, den Schalter Richtung Hinterzimmer zu verlassen, erwachte auch Schwarz wieder und ging zum Angriff über. Mit der Pistole fuchtelnd und laut „ÜBERFALL!“ rufend ging er auf die Anwesenden zu. Die beiden Rentner bewegten sich langsam nach hinten, von Schwarz und Tietjen weg zur Wand. Der Mann, der mit seinem Geld in der Hand gerade vom Schalter weggegangen war, befand sich nun leicht versetzt zwischen der Bankangestellten und Schwarz. Dort blieb er mit offenem Mund stehen. Schwarz nahm ihn nicht wahr. Er sah nur Frau Tietjen, die stehen geblieben war, und das helle Holz des Schalters und der Möbel dahinter. Irgendwo da musste das Geld sein, und sie musste es ihm geben. Er rief noch einmal „ÜBERFALL!“ und dachte, dass damit doch alles klar sein müsste. Wenn man überfallen wird, rückt man die Kohle raus, das musste sie doch auch wissen. Stattdessen sah sie ihn einfach nur an. Er schrie hilflos „JETZT GIB DAS GELD HER!“ und wedelte mit der Waffe in seiner Hand herum, um ihr klar zu machen, warum sie besser tun sollte, was er wollte. Aber sie bewegte sich nicht. „DAS GELD!“ forderte Schwarz erneut.
Da drehte sich der mutmaßliche Sozialhilfeempfänger zu ihm herum und hielt ihm unsicher seine 75 Euro hin. Schwarz erschrak, als er ihn plötzlich sah. Die Aufmerksamkeit des Bankräubers ermutigte den Mann, er war von seiner Idee gleich viel überzeugter und ging auf ihn zu, das Geld am weit ausgestreckten Arm vor sich her tragend. Schwarz war überfordert und ging einen Schritt zurück, während er die Geldscheine anstarrte, die langsam auf ihn zu kamen. Er konnte sein Ziel, den geldgefüllten Schalter, nun nicht mehr sehen, der Mann drängelte sich geradezu dazwischen. Um sich an ihr festhalten zu können, hob er die Waffe hoch und richtete sie zitternd nach vorne. Auf den Lauf der Pistole fixiert sah Schwarz sein Gegenüber nur noch verschwommen vor sich. Der Mann stand nun fast vor ihm, murmelte leise „Hier!“ und hielt ihm das Geld hin.
Eine Sekunde später schoss Schwarz. Die Pistole, zwanzig Jahre alt, gab einen lauten Knall von sich und zerbarst in seiner Hand, die in einer grellen Flamme verschwand. Der Mann fiel zu Boden und schrie. Sein Polyesteranzug war an einem Arm verkohlt, die Haut in seinem Gesicht leuchtete rot. Schwarz stand noch. Er blickte erstaunt auf den Mann hinunter und hörte, wie die Überreste der Pistole zu Boden fielen. Seine Hand war ein schwarzroter Klumpen, der nun langsam begann, einen stechenden Schmerz durch seinen ganzen Körper zu schicken. Aus der Ferne schrie Frau Tietjen unaufhörlich.
Es dauerte noch einige Sekunden, bis der Schmerz und die Schreie Schwarz wieder zu Bewusstsein kommen ließen. Er blickte einmal durch den Raum, vom liegenden Mann über die schreiende Frau Tietjen und die regungslos an der Wand stehenden Rentner zu seinem ramponierten Arm und wieder auf den Mann am Boden. Dann griff er mit der linken Hand unbeholfen die verkohlten Geldscheine aus dessen Hand, drehte sich um und rannte aus der Tür.
Draußen kam ihm eine Frau entgegen, die gerade die fünf Stufen hinauf zur Tür ging, als er herausstürmte. Er lief direkt in sie hinein. Sein Arm traf sie im Gesicht und sie fiel rückwärts die Treppe herunter. Dabei schlug sie mit dem Kopf auf die letzte Stufe und blieb am Boden liegen. Schwarz sah sich kurz um, sah ihr Blut und ihr grotesk verdrehtes Bein und rannte weiter. Er riss sich die Sturmhaube vom Kopf, warf sie weg und rannte. Sein gesunder Arm hielt den verletzten am Ellbogen, Kopf und Gesicht waren schweißgebadet. Im Laufen wurde ihm bewusst, dass er keinen Fluchtplan hatte. Hatte er etwa im Linienbus flüchten wollen? Spätestens mit seiner Verletzung hatte sich diese Option erledigt. Er musste sich in Sicherheit bringen, er musste in seine Wohnung, in sein Badezimmer, sich einschließen. Also lief er weiter. Nach einer halben Stunde, in der er immer langsamer geworden war, kam er zu Hause an. Niemand hatte ihn aufgehalten oder angesprochen. Sicher hatten die Passanten ihn angesehen, aber das hatte er nicht bemerkt. Er betrat seine Wohnung und ging geradewegs ins Bad.
Einige Zeit, nachdem das Radio seinen Geist aufgegeben hatte, kamen Gregor Schwarz Zweifel. Vielleicht würden sie ihn doch nicht erwischen. Vielleicht war die Pistole seines Vaters nie registriert gewesen oder nun so beschädigt, dass sie ohnehin nicht mehr zuzuordnen war. Vielleicht brachte sie die Sturmhaube, die er zwei Tage vorher unweit der Bank in einem Army-Laden gekauft hatte, auch nicht auf seine Spur. Vielleicht war die Polizei einfach unfähig. Warum sollte er nicht am Ende noch Glück haben?
Im Waschbecken lagen die Überreste seiner Beute. Einer der Scheine, ein Zehner, war fast unbeschädigt. Beim Gedanken daran musste er lachen und zuckte vor Schmerz zusammen.
Die Schmerzen wurden langsam unerträglich. Jede Bewegung verstärkte sie derart, dass er schon lange auf weitere Versuche verzichtet hatte. Wenn sie nicht kommen würden, um ihn zu holen, dann müsste er sich darum bald selbst kümmern. Er spielte gerade in Gedanken durch, wie er sich aufraffen und die Hand erst waschen, dann desinfizieren und mit Wundsalbe eincremen würde, da klopfte es energisch an der Wohnungstür. Eine in Autorität geschulte Stimme sagte „Ist da jemand?“, und dann wurde die Tür eingetreten.

10 comments
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10. Juli 2008 at 01:43
phazer
enno komma runter und alles gute zum geburtstag! \o/
10. Juli 2008 at 12:40
Bene
Danke !
11. Juli 2008 at 16:55
Bonde
Über Meinungen und Kritik würde ich mich schon freuen.
12. Juli 2008 at 01:45
YHN
Find ich gut. Geschichte ist in sich schlüssig (zB Radio am Anfang, am Ende, hört auf zu spielen) und ich konnte sie einfach gut “weglesen/fressen”. Mich stört aber der Satz “Er tat das alles, ohne stehen zu bleiben.” Könnte man auch einfach weglassen und nur “Er schob die Tür auf und war in der Bank.” schreiben. Außerdem stört mich die etwas zu genaue Beschreibung des Mannes, der ihm die Sicht versperrt. Ansonsten toll.
12. Juli 2008 at 01:51
YHN
Meine damit wie er “leicht versetzt zwischen…” steht. Nicht sein Äußeres.
12. Juli 2008 at 18:13
matthew goniwe
Eine kleine Anmerkung haette ich noch:
Ich glaube, die Polizei sagt nicht “Ist da jemand?”, bevor sie einem die Tuer eintritt.
12. Juli 2008 at 18:40
C.H.
Frau Tietjen würde vermutlich auch nicht versuchen ins Hinterzimmer zu fliehen. Was soll sie auch da?! Stattdessen wäre eine Auszubildende vermutlich vor Angst erstarrt, dabei aber geschult genug um nach dem Alarmknopf zu tasten. Herrn Schwarz bliebe dann der Aufenthalt in der Badewanne erspart, da die Polizei ihn schon vor Ort dingfest machen würde. Aber es geht ja weniger um irgendwelche Detailfragen als um die Idee und den Stil in dem die Geschichte verfasst wurde. Und das ist alles in allem ganz nett.
14. Juli 2008 at 12:51
Floh
fetzt. punkt.
15. Juli 2008 at 19:52
indz
ziemlich geil geschrieben und schön zu lesen.
15. Juli 2008 at 20:11
drekhead
Schöne Kurzgeschichte.