Antifa 2.0

“So ungefähr muss Hitler auch durch Wien gegangen sein” stellten wir kürzlich beim Anblick eines besonders elend und verzeifelt daherkommenden Mitbürgers fest. Kommt diese Feststellung zunächst ganz harmlos daher, so zieht sie doch gewaltige Konsequenzen nach sich. Angesichts der verheerenden Auswirkungen, die Hitlers Weiterleben nach seiner Wiener Postkartenmalerzeit hatte, stellt sich die Frage, wieviel Risiko man eingehen will. Soll man, um den Bürgerrechten genüge zu tun, Leute, die sich offensichtlich wie Hitler verhalten, einfach unbehelligt ihrer Wege gehen lassen? Oder ergibt sich da für jeden Antifaschisten eine klare moralische Handlungsanweisung?

Wir haben für uns entschieden, dass wir uns ganz bestimmt nicht dadurch mitschuldig machen werden, dass wir den nächsten Faschistenführer in dieser Stadt haben groß werden lassen. In der letzten Woche haben wir deshalb drei Mal beherzt eingegriffen. Nach einem selbst für uns völlig undurchsichtigen Verfahren wird die Wahrscheinlichkeit errechnet, mit der sich ein auffällig gewordener Passant zum Weltübel und millionenfachen Mörder entwickeln wird. Die in die Berechnung einfließenden Faktoren ergeben sich aus der historisch genauen Betrachtung Adolf Hitlers. Besonders deprimiert oder verzweifelt, jung, männlich - das macht verdächtig. Ergibt sich eine Hitler-Wahrscheinlichkeit von mehr als zweikommafünf Prozent, greifen wir ein. Kürzlich setzte ein von uns beobachteter junger Mann gerade dazu an, einer Frau eine selbstgemalte Postkarte zu verkaufen, da war für uns alles klar, und er verschwand wenig später in der Weser. Da, wo sie besonders tief ist.

Ich werde mich bemühen, ab jetzt immer zu lächeln auf der Straße. Nicht, dass ich einem Missverständnis zum Opfer falle …

Das Problem bzw. der Nachteil unserer Methode ist, dass es gar kein Missverständnis braucht, damit Unschuldige getroffen werden. 97,5% der Neutralisierten würden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal in der Zukunft schuldig werden. Und selbst bei denen handelt es sich nicht um Missverständnisse, sondern um Verschnitt.

enno, ab heute ist die sommerpause vorbei ;)

Onne,das ist doch wieder so eine fixe Idee von dir mit diesem Vergleich.

Peter Death Bredon Wimsey

Kürzlich besuchte ich mit Freunden ein Lokal im Viertel. Eine Dame aus unserem Kreis wurde in Russland geboren, der Einfachheit halber nenne ich sie Irina. Dieser Umstand ist normalerweise irrelevant, er spielt aber bei der folgenden Anekdote eine Rolle.
Einem aus unserer kleinen Runde, stellen wir uns vor, dass er Georg heißt, gelüstete es nach Wodka. Als die Bedienung kam, ein junger, vollbärtiger Mann, der noch intensiv damit beschäftigt war, etwas sehr Zähes zu kauen, orderte Georg das geistige Getränk. Der Kellner, immer noch damit beschäftigt, einer Masse im Mundraum mittels Zähnen Herr zu werden, signalisierte gestisch, dass es noch etwas zu klären gäbe, sobald er wieder in der Lage sei, sich verbal verständlich zu machen. Dieses etwas familiäre Verhalten suggerierte eine unkonventionelle Vertraulichkeit, die nicht unbedingt dem klassisch-gastronomischen Zusammenhang entsprach. Als der Kellner endlich geschluckt hatte, fragte er, welche Sorte des Schnapses gewünscht sei, es seien verschiedene vorrätig. In der Folge zählte er die Provenienzen auf, darunter auch eine polnische. Bei der Erwähnung des polnischen Wodkas verzog Georg etwas das Gesicht und blickte ironisch- entschuldigend-fragend Irina an. Eine etwas alberne Reaktion, die zum einen dem Umstand geschuldet war, dass Irina in ihrem unterstellten Stolz auf russische Spirituosen gekränkt sein könnte, wenn er polnischen Wodka ordern würde, zum anderen und wohl im ungleich größeren Maße war das Gebaren auf den zuvor genossenen Alkohol zurückzuführen. Der Kellner guckte recht böse und entfernte sich wortlos vom Tisch.
Das Rauchverbot im Etablissement ließ Georg und Tom, den Freund Irinas, aufstehen, um vor dem Servieren des Wodkas eine Zigarette vor der Tür zu rauchen. Kurz darauf erschien der Kellner mit den bestellten Getränken. Während er die Gläser auf den Tisch stellte, fragte er Irina und mich, ob wir etwas gegen Polen hätten. Auf unsere irritierte Frage hin entgegnete der junge Mann, dass wir so bedenklich bei der Nennung des polnischen Wodkas reagiert hätten, was doch „60 Jahre nach Kriegsende“ sehr fragwürdig sei. Irina erklärte, dass es sich um ein Missverständnis handele. Dadurch wendete sie offenbar eine weiterreichende Belehrung ab, der ich unter den gegebenen Umständen nicht gewachsen gewesen wäre. Ein bisschen fühlte ich mich an Bondes Nazi-Screening erinnert, möglicherweise bin ich diesem hiermit begegnet. Anschließend fragte ich mich, ob die politisch korrekte Servicekraft wohl in jeder Beziehung so couragiert auftreten würde, immerhin signalisierten meine Freunde und ich etwas eher Ziviles. Angesichts des Umstandes, dass das besagte Lokal gefühlt von 99% Menschen besucht wird, die sich selbst auf einer politischen Skala zwischen links-liberal bis links-radikal einordnen würden, erscheint die Aktion der Bedienung noch erstaunlicher. Ich bitte an dieser Stelle um Einschätzungen des geschätzten Publikums bzw. der verehrten Redaktion!

Mein Rechtschreibprogramm ist auch ein Nazi. Ich verschrieb mich bei dem Wort hierarchisch und bekam “hier arisch” angeboten. Das kann, nein, das darf nicht sein.

Verdammt. Eigentlich wollte ich mich gerade über den Spruch von “60 Jahre her” auslassen, inklusive der Frage, wann der eigentlich aufgekommen ist und auf was er sich demzufolge bezieht. Nun sehe ich, dass du ihn hier mit “60 Jahre nach Kriegsende” zitiert hast. Das beraubt mich meines Aufhängers.

Ich hätte sonst geraten, dass er irgendwann in den 90ern aufgekommen und Teil der Schlusstrich-Bewegung ist, sich ganz diffus auf die bösen zwölf Jahre bezieht und jetzt mit dem Lauf der Zeit seine Bedeutung verändert, denn bald könnte man sich damit auch auf die Gründung der BRD beziehen. Sechzig Jahre BRD, da wird man doch wohl auch wieder! Oder: Sechzig Jahre BRD, da muss man doch nun wirklich nicht mehr!
Naja, bleibt auch dasselbe.

Für den deutschen Mehrheitsantifaschismus ist die ganze Geschichte beispielhaft. Der verteidigt nämlich jederzeit gerne polnischen Wodka gegen revisionistische Tendenzen in Kneipen, bevor er sich mit dem faschistischen Judenstaat auseinandersetzt, sich über kriminelle Türken echauffiert und Deutschland feiert. Natürlich nur wegen der Demokratie hier und der Mülltrennung. Gleichzeit ist er aber bereit, den Polen auch ihre Verdienste zu lassen. Ein Europa der Vaterländer liegt in der linken Luft, ohne Globalisierung und im fairen Miteinander, jeder auf seiner Scholle, wir in der Autofabrik und die in der Wodkabrennerei im Hinterhof. Da ist die Welt in Ordnung, da kann man noch so richtig Mensch sein.

Auf die politische Selbsteinordnung sollte man nichts geben. Zu den Guten gehört da ohnehin jeder. Und auf die “linken” Kneipen im Viertel schon gar nicht. Da schwadroniert der Altpunk hinter der Theke schon gern mal darüber, dass es in Deutschland schon total klasse sei, er sei schließlich auch schon anderswo gewesen, und denunziert damit jede Kritik als Miesmacherei, als typisch deutsch eben. Denn sein Problem mit Deutschland ist, dass die Leute sich nicht drüber freuen. Aber das nur als Beispiel. Mit der unreflektierten Feel-Good-Linken sollte man am besten nur über Fußball reden, denn schon beim Wodka wird es kritisch.

Unser Nazi-Screening orientiert sich wie beschrieben nicht an diesen Albernheiten, sondern an historischen Fakten und einem fundierten Hitlerwissen. Polenfeindlichkeit spielt da eigentlich keine Rolle.