Fußnoten

Stefan Niggemeier setzt seine kleine Privatfehde mit Henryk Broder fort. Debatten über Antisemitismus und Meinungsfreiheit sind seine Sache allerdings nicht. Stattdessen hängt er sich daran auf, dass ein Kollege von Broder, Tobias Kaufmann, in dessen Kolumne nicht darauf hingewiesen hat, dass er selbst Mitglied von Broders “Achse des Guten” ist, obwohl er über dieselbe geschrieben hat. Das ist vermutlich ein berechtigter Vorwurf, allerdings auf der anderen Seite keine große Sache. Schließlich wird hier nichts verheimlicht, sondern dem Leser eben nur nicht noch einmal klar vorgeführt. Inzwischen steht gar der Link zu Niggemeier unter dem Text.

Aber offensichtlich geht es nicht darum, ob Kaufmann die Fußnote setzt oder nicht. Es geht um die Existenz eines Netzwerks, das, oh Wunder, in vielen Themen ähnlicher Meinung ist und dementsprechend publiziert.

Clemens Wergin, der das Urteil in der „Welt am Sonntag” im Sinne Broders kommentierte, scheint übrigens auch ein, sagen wir: guter Kumpel der Gutachsisten zu sein.

Echte Netzwerker. Das eigentlich Komische ist, dass diese Leute dabei immer noch so tun, als seien sie einsame Einzelkämpfer, die mühsam gegen den Mainstream der veröffentlichten Meinung anschwimmen.

Übrigens, wird hier geraunt, der gehört auch dazu! Was das zu welcher Sache tut, bleibt ein bißchen versteckt. Die Unterstellung, man geriere sich mitten im Netzwerk als Einzelkämpfer, ist völliger Quatsch. Die Hinweise darauf, dass die große Mehrheit der Deutschen in dieser Debatte, wie auch in allen anderen zum Thema Israel, natürlich Partei gegen den Judenstaat ergreifen würde, wenn man sie denn fragte, sind nur allzu berechtigt.
Diese Umstände zu ignorieren und die Hinweise darauf ganz gezielt mißzuverstehen, indem er aus dem tatsächlich antiisraelischen Mainstream deutscher Meinungen den “Mainstream veröffentlichter Meinung” macht, ist geschickt, doch wird Niggemeier den selbstgesetzten hohen Ansprüchen an Wahrhaftigkeit so kaum gerecht.
Wobei eine Analyse der “veröffentlichten Meinung” trotz der hier angeprangerten pro-israelischen Schreiber immer noch interessant wäre, denn die größten deutschen Qualitäts-Zeitungen, SZ und FAZ, nahmen ganz klar Partei gegen Broder, die taz ebenso, und über die Haltung von den vielen Provinzblättern will ich nicht spekulieren.

Wie Niggemeiers Beitrag verstanden wird und vermutlich auch zu verstehen ist, kann man in den Kommentaren nachlesen. Das dunkle Netzwerk nimmt dort geradezu verschwörerische Gestalt an.

Gerade damit das aber die Geschäfte in Israel nicht womöglich stören könnte, dürfte die Schreibe eines Tobias Kaufmann nicht unwillkommen sein.

Dass man es sich der Geschäfte wegen nicht mit den Juden verscherzen dürfe, würde meine Oma auch so unterschreiben.

Wer für die Achsenmächte schreibt, erledigt zumeist das Tagwerk fremder und meist ausländischer und nicht gutmeinender Interessen.

Fremde, ausländische, nicht gutmeinende Interessen (nicht einmal Menschen). Diejenigen, die sich vor einigen Jahrzehnten zum Ziel gesetzt hatten, gegen so etwas vorzugehen, nannten sich selbst “Antisemiten”.

der ksta ist meine zeitungs-sozialisation, weil den mein vater am frühstückstisch immer gelesen hat und ich mich immer auf die samstagsbeilage gefreut habe, weil da die kinderbilder drin waren.
ich habe die zeitung immer für halbwegs seriös gehalten, aber die scheint ja jetzt unterwandert von so ..ähm…tobias kaufmanns (hoffe das ist nicht justiziabel), die sich nicht schämen

Und jetzt wird es wirklich tränenreich. Eine anständige Zeitung, die sowohl der Vater als auch sein deutscher Sohn immer gerne gelesen haben, wird unterwandert von Itzigs Tobias Kaufmanns, die ihrer Natur entsprechend unverschämt sind.

Wer die antisemitischen Denkmuster in den Kommentaren nicht entdeckt, der will vom Antisemitismus nichts wissen. Wie Niggemeier, der ja vordergründig nur über eine fehlende Fußnote bloggen wollte, damit nun umgehen wird, bleibt spannend.

  1. Sie sind selbst furchtbar antisemitisch, denn sie reißen hier – wider besseren Wissens – Dinge aus dem Zusammenhang und flicken sie zu etwas zusammen, was so nie gemeint war.

    With god on your side?

    Kann man einer guten Sache dienen und gleichzeitig üble Methoden anwenden?

    Sie glauben, das geht.

    Doch auf Dauer machen Sie sich – nur um einen Schlagabtausch zu gewinnen – unglaubwürdig. Und damit schaden Sie ihrer Sache mehr, als alle ihre Gegner es jemals tun könnten.

    Und wenn Sie ihrer eigenen Sache zutiefst schaden – ist das denn nicht: anti-semitisch?

    Reflektieren Sie das doch mal, ohne in ihr übliches fades Schwarz-weiß-Muster zu verfallen.

  2. Sie schreiben: “Die Hinweise darauf, dass die große Mehrheit der Deutschen in dieser Debatte, wie auch in allen anderen zum Thema Israel, natürlich Partei gegen den Judenstaat ergreifen würde, wenn man sie denn fragte, sind nur allzu berechtigt.”

    Können Sie mir die Wahl des Wortes “natürlich” erklären?

    Ach so, und bei der Gelegenheit: Können Sie mir erklären, inwiefern es sich bei der Debatte um das Gerichtsurteil, die ich bislang in meiner Naivität für eine Debatte um die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen hielt, um eine Debatte “zum Thema Israel” handelt, bei der man Partei nicht nur für oder gegen Broder, für oder gegen Hecht-Galinski, für oder gegen den Vorrang des Rechts auf freie Meinungsäußerung über das Persönlichkeitsrecht ergreifen kann, sondern auch für oder gegen “den Judenstaat”?

    Mag sein, dass es sich bei meiner Kritik um eine Kleinigkeit handelt. Aber könnte es sein, dass Sie sich umgekehrt überheben, wenn Sie einer Debatte um Transparenz und journalistische Mindeststandards das Thema Die Deutschen und die Juden aufbürden wollen?

    PS: Die größte deutsche Zeitung ist weder SZ noch FAZ, sondern die “Bild”-Zeitung. Ist die eigentlich auch anti-israelisch?

  3. Warum Kaufmann meint, N. verlinken zu müssen, ist mir allerdings schleierhaft.
    Bondes Einschätzung hat ja offensichtlich ins Schwarze getroffen, sonst würde sich der in der Tat naive Hr. Medienjournalist N. nicht bemüßigt fühlen, seinen Verfolgungswahn auch in der Kommentarspalte dieses von mir sehr geschätzten – wenn auch zum falschen Verein haltenden – Blogs ausbreiten zu müssen.

  4. Und wenn Sie, werte Gesine, uns nun noch erklären könnten, warum

    a) N. “in der Tat naiv” ist

    b) dessen Einlassung hier eine Bestätigung des obigen Geschreibsels sein soll

    c) wo denn eigentlich Sie einen Verfolgungswahn festmachen

    - ja dann, werte Gesine, könnten wir uns eventuell mit ihrer Einlassung auseinandersetzen.

    So aber hängen Sie mit ihren Zeilen etwas nebulös im Raum. Vielleicht fällt Ihnen ja morgen noch etwas mehr dazu ein.

  5. Wobei eine Analyse der “veröffentlichten Meinung” trotz der hier angeprangerten pro-israelischen Schreiber immer noch interessant wäre, denn die größten deutschen Zeitungen, SZ und FAZ, nahmen ganz klar Partei gegen Broder, die taz ebenso, und über die Haltung von den vielen Provinzblättern will ich nicht spekulieren…

    …und ich halte mal als Zwischenergebnis ihrer Logik fest:

    Broder ist pro-israelisch. Wer also Broder kritisiert, ist anti-israelisch.

    Im Ernst: auf diesem Niveau wollen Sie nicht wirklich weiter machen, gell?

  6. Weshalb in der Debatte im Rechtsstreit zwischen Broder und der “Tochter” auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden mitverhandelt würde, fragen Sie, werter Herr Niggemeier – dabei ist’s so schwierig doch gar nicht zu verstehen: wenn Sie – der Sie von Berufs wegen wohl den halben Tag mit der Lektüre der Vierbuchstabenzeitung befasst sind, mal die Artikel der SZ, der taz oder der FAZ zu Gemüte führen sich bemüßigten, so könnte daraus bei Ihnen die Erkenntnis wachsen, daß die dortigen Kommentatoren ausdrücklich auf die Seite der “Tochter” sich schlagen, nicht nur deren beabsichtigte Beschneidung der freien Meinungsäußerung goutieren, sondern stets auch ihre “Kritik” an Israel teilen. Auch die Reaktionen in Leserkommentaren – etwa zu dem Schrott, den Bahners in der FAZ verbrochen hat – sprechen Bände und bestätigen die antizionistische Grundeinstellung eines Großteils der Deutschen:

    http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E8B9EFA4A30D94765BD6F7A1D15323705~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_aktuell

  7. “Natürlich” ergreifen die meisten Deutschen Partei gegen Israel, weil sie antisemitische Klischees und Ressentiments verinnerlicht haben, viele von ihnen diese auch mehr oder weniger selbstbewusst nach außen vertreten. Wie gesagt ist die Kommentarspalte Ihres Blogs da ein ganz gutes Beispiel, und man kann wohl davon ausgehen, dass Leser linksliberaler Blogs leider weder die einzigen noch die häßlichsten Antisemiten hier sind.

    Die geführte Debatte hat nichts Grundsätzliches. Ein Urteil über Antisemitismusvorwürfe taugt nicht als Präzedenz für Fragen von Meinungsfreiheit und ihre Grenzen, weil es keine vergleichbaren Fälle gibt. Insofern geht es in der Debatte immer um die Frage, wo Israelkritik antisemitisch ist und wann man das dann auch so nennen darf.

    Nun habe ich mich ungenau ausgedrückt. Es geht tatsächlich nicht darum, dass jemand in dieser Debatte gegen den Judenstaat Partei ergreift. Es geht aber darum, antisemitische Israelkritik grundsätzlich zu verteidigen und möglich zu machen, indem man sie vor der berechtigen Denunziation als antisemitischen Dreck schützt. Und wer so handelt, dem geht es natürlich auch um Parteinahme gegen Israel, wenn vielleicht auch erst im nächsten Schritt.

    Aber könnte es sein, dass Sie sich umgekehrt überheben, wenn Sie einer Debatte um Transparenz und journalistische Mindeststandards das Thema Die Deutschen und die Juden aufbürden wollen?

    Da haben Sie mich falsch verstanden. Ich unterstelle, dass es nur vordergründig um journalistische Mindeststandards und Fußnoten geht, während es vielmehr um Broder, sein Netzwerk und und deren Einlassungen zum Thema “Die Deutschen und die Juden” geht.
    Und wie von mir angedeutet und zitiert, scheinen auch Ihre Leser das so zu sehen, schließlich schießen die sich gerade auf die zionistische Presseverschwörung ein, anstatt eine fehlende Fußnote zu beheulen.

    Vielen Dank für den Hinweis auf die Bild-Zeitung, ich habe mich auf “Qualitätszeitungen” korrigiert.

    @P.P. Das ist aber eine Menge wirres Zeug, was Sie da schreiben! Aber für den wunderschönen Antisemitismusvorwurf bedanke ich mich, der ist super.

  8. Bonde,

    ihre Bemerkung ““Natürlich” ergreifen die meisten Deutschen Partei gegen Israel, weil sie antisemitische Klischees und Ressentiments verinnerlicht haben, viele von ihnen diese auch mehr oder weniger selbstbewusst nach außen vertreten.” ist in der Tat erstaunlich. Mit einer solchen Chuzpe eine angebliche Statistik herbei zu zaubern (natürlich haben Sie dafür keine Belege) und darauf eine Argumentation aufzubauen, das ist schon weit mehr als nur Agitprop.

    Und wenn Sie noch mal nachlesen wollen: ich habe keinen solchen Vorwurf erhoben, ich habe eine Frage gestellt. Der Gebrauch von Satzzeichen ist Ihnen doch sonst auch geläufig.

    Dass Sie meine Zeilen lediglich “wirres Zeug” nennen, empfinde ich als geradezu rührendes Eingeständnis, dass Ihnen die Argumente fehlen.

    So etwas soll ja vorkommen.

  9. @ P.P.: Hier sind ein paar Statistiken; Sie wollten ja welche sehen:

    1. Heitmeyer-Studie:

    http://www.honestly-concerned.org/Temporary/Heitmeyer-Studie.doc

    Auszug:

    “Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser” – Zustimmung: 68,3 Prozent

    “Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.” – Zustimmung: 51,2 Prozent

    Die anderen Zahlen auf Seite 4 sind ebenfalls sehr aufschlussreich.

    2. BBC-Umfrage:

    http://news.bbc.co.uk/2/shared/bsp/hi/pdfs/06_03_07_perceptions.pdf

    Auf Seite 5 steht, wie in verschiedenen Ländern der “Einfluss Israels” gesehen wird. 77 Prozent der Deutschen beurteilten ihn als negativ. Das ist mit Abstand der höchste Wert in Europa; überboten wird er weltweit nur noch durch das Ergebnis im Libanon (85 Prozent) und Ägypten (78 Prozent).

    Der Gebrauch des Wörtchens “natürlich” hat also seine volle Berechtigung.

  10. Dieses Thema verleitet mich zu einem gepflegten Einerseits-andererseits-Pingpong.

    Einerseits ist Stefan Niggemeier nicht verantwortlich für antisemitisch argumentierende Kommentatoren. Dass ihn andererseits solche Kommentare nicht besonders zu stören scheinen – jedenfalls konnte ich keine deutliche Reaktion entdecken -, verwundert schon. Es mag an der schieren Fülle der Kommentare insgesamt liegen.

    Wichtiger finde ich, dass einerseits Niggemeier offenbar verkennt, dass es bei dem Fall tatsächlich darum geht, ob man antisemitisch argumentierende Menschen als das bezeichnen darf, zu was sie sich dadurch machen oder was sie offensichtlich sind: Antisemiten. Insofern stimme ich mit Broder im konkreten Rechtsstreit überein. Andererseits verkennt Broder meiner Meinung nach die Folgen seines Schreibstils. Daran entzündet nicht nur die meiste Kritik an seinen Texten insgesamt. Daran können sich nicht nur jene nach außen hin festklammern, die es eigentlich auf seine Inhalte (z.B. die Feststellung eines weit verbreiteten Antisemitismus in Deutschland) abgesehen haben. Daran stören sich auch Menschen, die seine Meinung im Grunde teilen. Ich muss jedenfalls gestehen, dass ich Broders Thesen lieber bei anderen nachlese als in seinen eigenen Texten. Hier würde ich dem Beitrag im Blog “Lizas Welt” ausnahmsweise widersprechen. Ein guter Polemiker ist er für mich nicht. Er kultiviert einen derb-direkten bis beleidigenden Ton. Das mag polemisch sein, geistreicher wäre es jedoch, wenn er weniger offensichtlich auf den immergleichen Effekt abzielen würde. Was von Polemik ohne Geist bleibt, kann man schön an ge- und misslungenen Texten von beispielsweise Wiglaf Droste vergleichen.

    Desweiteren: Einerseits nervt mich wie Niggemeier – aber womöglich aus anderen Gründen – der auf Seiten wie der “Achse” andauernd betonte Gestus des Einzelkämpfers, der sich gegen den Mainstream auflehnt. Gemessen am Mainstream wird das zwar zutreffen. Dieser Gestus macht allerdings kein Argument richtiger und wirkt in der ständigen Wiederholung wie pure Ego-Pflege. Der Witz an diesem Punkt jedoch ist andererseits, dass eben der deutsche Mainstream exakt diesen Gestus benutzt, um die beliebte Disziplin der Israel-Kritik auch dann gegen Kritik zu immunisieren, wenn sie offensichtlich antisemitisch ist. Dann gefällt sich absurderweise der Mainstream darin, zu bemerken, dass man sowas ja eigentlich gar nicht laut sagen dürfe. Vielleicht gibt es so etwas wie eine Antisemitismus-Keule. Wer damit ein paar Schläge abbekommt, den trifft sie fast immer zu Recht. Viel häufiger wird in Deutschland die Anti-Antisemitismus-Keule geschwungen, um den eigenen Antisemitismus zu schützen. Aber wem sage ich das.

    Ist es allzu bequem, die Fehde zwischen zwei Journalisten, deren Texte ich sonst jeweils in ihrem argumentativen Kern bzw. der Intention nach für richtig und berechtigt halte, vor allem komisch zu finden?

  11. Nein, mir geht es genauso, diese Fehde ist vor allem albern, und ich lese eigentlich beide ganz gerne, wobei ich die Achse des Guten nicht mehr regelmäßig lese, weil mir da zuviele selbstgerechte 08/15-Liberale immer dasselbe über Sachen schreiben, die mich nicht interessieren.

    P.P.: Ich verwahre mich gegen die Behauptung, sie hätten mir keinen Antisemitismus unterstellt. Nach Auswertung aller Satzzeichen bleibt kein anderer Schluss übrig. Sie schrieben an meine Adresse:

    Sie sind selbst furchtbar antisemitisch, denn sie reißen hier – wider besseren Wissens – Dinge aus dem Zusammenhang und flicken sie zu etwas zusammen, was so nie gemeint war.

    Vielleicht hat der Antisemitismus, von dem Sie reden, mit Judenfeindlichkeit nichts zu tun, sondern bezeichnet gewisse Spielarten des Reißens und Flickens, aber das müssten Sie dann schon dazu sagen.