In Ungarn

Neulich war ich in Ungarn. Da tanzen alle. Nicht so wie man hier tanzt, in einer Diskothek oder im Verein oder so, sondern immer und überall. Mir fiel das schon auf dem Flughafen auf. Da kaufte ich mir Bustickets im Zeitschriftenladen und bemerkte das beschwingte Wippen der Angestellten. Sie bewegten ihren ganzen Körper rauf und runter und ich konnte nicht ausmachen, ob diese Bewegung aus den Knien kam oder ob sich wohl der Boden bewegte.

Den Bus habe ich dann verpasst und ein Taxi genommen. Der Taxifahrer, der kein Englisch sprach, tanzte hauptsächlich mit den Armen. Mit nach außen gestreckten Ellbogen und ineinander fassenden Händen machten seine Arme kreisende Bewegungen über dem Lenkrad. Es lief keine Musik im Taxi, trotzdem nickte er zu einem für mich unhörbaren Takt und kreiste rhythmisch mit seinen behaarten Armen. Im Straßenverkehr war das ab und zu problematisch, so dass der rechte Arm kurz aussetzen musste um zu schalten oder zu lenken, wobei der linke dann hochgehoben wurde, um mit den Fingern zu schnipsen. Floss der Verkehr wieder, kehrte mein Fahrer in die beschriebene Grundhaltung zurück. Ich fand das alles ziemlich merkwürdig, aber nicht bedrohlich.

Nach 20 Minuten Fahrt kamen wir in der Budapester Innenstadt an, wo ich bezahlte und ausstieg. Die Stadt war voll mit Ausländern, aber auch viele Ungarn waren auf den Straßen. Die erkannte ich daran, dass sie tanzten. Manche bewegten sich so offensichtlich fort, hatten irgendein Ziel. Da reichten die Variationen vom Jacksonschen Moonwalk bis zu ballettartigen Riesenschritten und Sprüngen. Andere hatten sich an den Händen gefasst und tanzten im Kreis um etwas herum, um Bäume, Denkmäler oder einfach um andere tanzende Menschen. Ich schaute mir dieses absurde Treiben ein paar Sekunden an, dann schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen und rief halblaut: „Diese Ungarn!“

Von der fremden Kultur - so beruhigte ich mich: „Das ist halt eine andere Kultur!“ – etwas verunsichert, begab ich mich zu McDonalds. Bei McDonalds ist man immer sicher vor Fremden. Da gibt es westliche Qualitätsspeisen in sauberer Umgebung, und Englisch spricht man da auch. Ich ging also zu McDonalds herein, wo es genau so aussah, wie es bei McDonalds aussieht. Super. An der Theke angekommen sah ich niemanden, keine Bedienung in Sicht. Trotzdem fragte mich eine freundliche Stimme, was ich bestellen wolle. Ich guckte mich noch ein wenig um, wollte gerade laut rufen, da bemerkte ich die kleine Frau hinter der Kasse. Sie war kaum zu sehen, mit ihren ungarischen 140 Zentimetern. Das war offensichtlich ein großes Problem, auf das McDonalds nicht vorbereitet war. Die normierten Inneneinrichtungen für ihre Filialen waren für so ein winziges Volk wie das magyarische überhaupt nicht zu bedienen.

Was viele Touristen vorher ja nicht wissen, ist, dass der durchschnittliche Ungar nur etwa 140cm groß ist, die Frauen noch ein bisschen kleiner. Das fällt einem auch gar nicht so auf, im Alltag. Denn durch das ganze Getanze und Gespringe begegnen einem die Ungarn ab und zu trotzdem auf Augenhöhe. Ihren Körpern angemessen wohnen sie auch in sehr kleinen Häusern aus Holz. Budapest ist eine sehr hölzerne Stadt. So ein durchschnittliches Haus hat etwa 80m² Grundfläche und drumrum einen ebenso großen Garten. Abends tanzen die meisten Ungarn draußen um ihr Haus herum, in Ketten von fünfzehn Leuten werden dann die Beine in die Luft geworfen, während sie so herumkreiseln. Im Winter kommt auch noch Rauch aus den kleinen Schornsteinen, es ist eine wahre Freude, zuzusehen.
Aber zurück zu McDonalds. Ich stand da also etwas verdattert vor der kleinen Frau, die mich ebenso verunsichert anguckte und dabei eine Art Tango tanzte. Hin und her tanzte sie und guckte mich dabei immer dann an, wenn sie weit genug von der Theke weg war, um drüber weg zu blicken. Das war zuviel für mich, ich ging wieder.

Draußen gab es einen kleinen Tumult. Eine unbedarfte Touristin hatte offenbar eine der fröhlich tanzenden kleinen Ungarinnen auf den Arm genommen, weil sie sie so niedlich fand. Die Dame, etwa 50 Jahre alt, wollte sich aber nicht auf den Arm nehmen lassen und zog der Touristin nun vehement an den Haaren. Das Geschrei war groß, am Ende flog die Zwergin im hohen Bogen in ein Gebüsch und musste von vier herbeiswingenden Rettungskräften mitgenommen werden. Das sah nicht gut aus.
Ich wendete mich mit Grausen ab und stieg in einen Bus. So ein Bus in Ungarn gleicht einer überfüllten Drogen-Diskothek in Deutschland. Es war furchtbar eng, die Leute starrten ausdruckslos irgendwohin und bewegten sich dabei hin und her. Durch die Enge war der Spielraum arg eingeschränkt, die Leute tanzten immer wieder aufeinander auf, was für einige böse Blicke sorgte. Ich stieg dann auf der anderen Donauseite wieder aus.

Dort hatten sich einige deutsche Touristen versammelt. Sie tanzten angestrengt. Einige hatten sich vermeintlich traditionell-ungarische Gewänder andrehen lassen und fühlten sich nun sehr dazugehörig. Ich discofoxte mich ein Stück heran und schubste einen von ihnen ins Wasser, wo er japsend noch ein bisschen weiter tanzte, bevor er langsam unterging. „Diese Deutschen!“, dachte ich.

Es war dunkel geworden, und ich ging in eine Bar. Nach kurzer Zeit setzte sich ein älterer Herr neben mich, stellte laut fest, dass ich doch Deutscher sei und stellte sich als Herr Zülch vor. Er befragte mich dann zu meiner Meinung zur ungarischen Kultur und deren Bedrohung durch westliche Einfälle. Man müsse ja nur mal zu McDonalds gehen hier, sagte er. Ich antwortete, dass ich die Ungarn für ziemlich bekloppt hielte, mit dem Tanzen und all dem Zeug. Er war entrüstet, nannte mich einen Imperialisten und zog von dannen. Ich rief ihm hinterher, dass er doch zu Greenpeace gehen solle und fand mich ziemlich lustig.

Anschließend besuchte ich eine Disco. Dort wurde ziemlich viel getanzt, aber jetzt zu Musik. Wobei „zu Musik“ auch nicht richtig ist, denn eigentlich wurde einerseits getanzt, andererseits lief auch noch Musik. Die Tänze unterschieden sich nicht von denen, die auf der Straße getanzt wurden. Dafür unterschied sich der Tanz jedes einzelnen von dem seines Nebentänzers, insofern es sich nicht um einen der Gruppentänze handelte.

Die Musik wurde dabei anscheinend überhaupt nicht beachtet. Es lief billiger Kirmestechno. Unverdrossen wurden dazu Walzer und Polka und Salsa und solche Scherze getanzt. Ab und zu sah ich Betrunkene, die ungefähr so tanzten, wie man in Deutschland zu solcher Musik tanzt. Das kam dann schon hin.
Ich wurde ebenfalls langsam betrunken und wollte nach Hause. Also nahm ich mir ein Taxi zum Flughafen. Mit dem Fahrer hatte ich dieses Mal weniger Glück als auf dem Hinweg, dieser tanzte mit den Füßen. Entnervt ertrug ich das ständige ruckartige Abbremsen und Beschleunigen.
Diese Ungarn gingen mir zunehmend auf die Nerven.

  1. scheiß rassist

  2. Ein toller Bonde.
    Gegen große Vorzüge eines anderen gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.

  3. Bis auf einige Marginalien einer sehr gut erzählte Groteske, Chapeau, lieber Bonde! Mit Ungarn im weitestgehend kreativen Zusammenhang verbinde ich sehr unterschiedliche Assoziationen- angefangen bei dem Film „Ich denke oft an Piroschka“, den ich als Kind sehr mochte. Ich verliebte mich auch gleich in Lilo Pulver, unbesehen der Tatsache, dass sie zum Zeitpunkt meiner infantilen Liebeswünsche schon die fünfzig überschritten hatte. Den Umstand, dass der Film lange vor meiner Geburt entstanden war, blendete ich aus.
    „Götzen“ die Aufzeichnungen von Adolf Eichmann las ich gezwungenermaßen im Rahmen einer mehr oder weniger wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema NS- Eichmanns Ausführungen sind von einer belanglosen Verworrenheit- er beschreibt sein Wirken in Ungarn als etwas, das durch sehr viel Freizeit und nebensächliche Aufgaben gekennzeichnet war. Den Abschluss meiner Auseinandersetzung mit mehr oder wenigen fiktiven Zeugnissen des ehemaligen Königreichs innerhalb der kuk-Monarchie stellte „Rendezvous nach Ladenschluss“ dar, ein hübscher Lubitsch-Film, der Ende der 1930er in Budapest spielt. Beim Sehen stellte ich unentwegt unwillentlich Verbindungen zwischen dem Zeitpunkt der Dreharbeite und dem kurz darauf folgenden Wirkens Eichmanns und anderer her, was eine sehr sonderbare Stimmung erzeugte. Es war nicht der offene Widerspruch, wie ich ihn bei Werken wie der Feuerzangenbowle erlebe, wo mir ständig bewusst ist, dass der unterhaltsame Film niederen Manipulationszwecken diente und in der Aussage das Gegenteil des monströsen Alltags darstellte. Bei Lubitsch sind es die nicht ursächlichen Überschneidungen geschichtlicher Ereignisse. Der anscheinend unbefangene Blick auf eine reizvolle Stadt und ihre Menschen kurz vor der Katastrophe ist beklemmend.
    Die großen Vorzüge eines anderen erzeugen leider viel eher Angst als Liebe, das ist sehr traurig.