In den Kommentaren wurde zu meiner großen Irritation Goethe zitiert. Der hat mal gesagt: Gegen große Vorzüge eines anderen gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.
Ich habe damit große Probleme. Mir scheint es, als sei da einfach alles falsch. Große Vorzüge sind kein Grund für Liebe. Große Vorzüge eines anderen schrecken ab, sie verursachen Unsicherheit und Selbstzweifel. Auf der anderen Seite sind Bewunderung und Faszination übliche Reaktionen, aber nicht Liebe. Und macht es Liebe nicht gerade aus, dass sie sich nie bis ins Letzte erklären lässt, dass es keine Formel dafür gibt, dass sie sich eben nicht nur auf Vorzüge stürzt, sondern auf etwas, was wir gar nicht kennen? Und soviel wie auf die Vorzüge auch auf deren Gegenteil, auf die kleinen Unzulänglichkeiten, die Menschen - das ist jetzt platt - liebenswert machen?
Wahrscheinlich bin ich da nun hoffnungslos romantisch. In den allermeisten Fällen lässt sich die Liebe wohl doch aus verschiedenen Vorzügen, die man einander anbietet, erklären. Aber schön fände ich doch, wenn es nicht so wäre. Wenn da ein Geheimnis bliebe. Und ich möchte behaupten können, dass alle Beziehungen, die sich nur auf Vorzüge stützen, eben nicht aus Liebe entstanden sind, sondern Zweckpartnerschaften sind, in denen sich dann womöglich irgendwanm ein Gefühl einstellt, das aus lauter Verzweiflung für Liebe gehalten wird. Sowas lässt sich in Fernsehshows beobachten, in die die Leute mit dem festen Ziel gehen, sich zu verlieben. Höchst angestrengt findet man sich dort dann echt richtig gut (-> Vorzüge), und dann muss es doch auch mit der Liebe klappen.
In einer idealen Welt wäre Liebe vielleicht immer ein Rettungsmittel. In dieser gibt es aber auch die Leiden des jungen Werther, der seinen Schöpfer für das obige Zitat wohl schief angeguckt hätte. Denn nur zu oft rettet die Liebe vor nichts, sondern ist ein großes Elend, dessen wundersamste Eigenschaft noch ist, dass es meist nicht tödlich verläuft, so überraschend und ärgerlich das auch manchmal ist. Wer sich also ganz nach Goethe vor den großen Vorzügen eines anderen in die Liebe rettet, der wird vielleicht mit dem Rettungsboot versinken und denken, dass Ignoranz auch ganz gut gewesen wäre. Die ist sowohl Ursache von als auch Ausweg aus den Wirren, die das zwischenmenschliche Elend so zu bieten hat.
Und so taugt Goethes Bonmot vielleicht als schönes Kompliment an geliebte Menschen, als allgemeine Aussage erscheint sie mir heute wie der blanke Hohn.

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7. Oktober 2008 at 00:12
Huppsie
Oh - ich glaube, er meinte die Vorzüge, nicht gleich den ganzen Menschen. Und die Vorzüge berühren und faszinieren mich ja, lassen mich nicht etwa kalt oder stoßen mich ab. Nur kann sich dann, im Vergleich zu mir vielleicht, Neid einschleichen; was nun niemand will. Und die Bewunderung, als eine andere Weise gegenüber diesen Vorzügen, und damit sind wir - glaub’ ich - beim Punkt, die reicht nicht aus, da ist noch zuviel Abstand und Distanz drin. Sondern lieben soll man sie, diese Vorzüge, sie an sich heranlassen, sie liebkosen, den Abend mit ihnen verbringen und vielleicht, vielleicht eine kleine Affäre… mit diesen wunderbaren, liebenswerten Vorzügen.
Mag sein, dass Werther da scheel gekuckt hätte