Februar 2009

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Im November haben wir hier auf den Rechtsstreit zwischen Theo Zwanziger, dem Präsidenten des DFB, und Jens Weinreich, einem Sportjournalisten, hingewiesen. Das wollen wir nun wieder tun. Denn Weinreich ist durch die Auseinandersetzung mit dem DFB inzwischen in massive finanzielle Schwierigkeiten geraten. Im fünfstelligen Bereich sind seine Kosten schon angekommen, obwohl er bisher in sämtlichen Gerichtsentscheidungen recht bekommen hat. Bis zu siebzigtausend Euro könnten es am Ende sein. Nun bittet Weinreich um Spenden.

Man kann Jens Weinreich aus verschiedenen Gründen helfen. Zum Beispiel, weil da ein freischaffender Autor von einem mächtigen Verband bedrängt wird, der darauf besteht, die Kommunikationsherrschaft zu erlangen. Oder, weil es um das Recht auf freie Meinungsäußerung geht. Oder, weil man den DFB grundsätzlich nicht leiden kann und Weinreich ihm sehr erfolgreich und zu Recht ans Bein gepisst hat. Oder, weil man Blogs gerne hat und ihre Position in der Medienlandschaft stärken möchte. Oder, weil man einfach mal das schöne Gefühl haben will, etwas Gutes getan zu haben.

Jens Weinreich selbst schildert seinen Fall hier noch einmal und erklärt, warum er nun um Spenden bittet. Ich selbst bin bei Stefan Niggemeier im Blog auf den Spendenaufruf aufmerksam geworden.

Dem Vernehmen nach war ein ausgestreckter Mittelfinger der Auslöser für diese Polizeiaktion beim gestrigen Spiel des FC Carl Zeiss Jena in Emden. Wer ab und zu mal auswärts fährt, kennt solche Situationen: Polizisten, die das Filmen unterbinden, Unbeteiligte angreifen, unrechtmäßige Aktionen ihrer Kollegen decken und sich schließlich zurückziehen, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. Dass es jetzt möglicherweise zumindest bezüglich des letzten Punktes anders ist, weil ein Anwalt zugegen gewesen sein soll, ist ebenso erfreulich wie die sowohl juristisch als auch dokumentarisch brauchbaren Aufnahmen der Übergriffe.

grau, schwarz

Denken wir zwei Jahre zurück.

Wir leben!

Anders als früher, aber immerhin. Wir sind den weiten Weg gegangen, um uns nicht in solchen Unmengen von Papier zu verlieren, die nachher, wenn überhaupt, gerade noch gut genug für das Zurechtschieben von kleinen Grasportionen sind.

Wir sind stärker als vorher, und wir werden freilich ungemütlicher werden. Ich werde kratzen und beißen.

Hepe

Altersmilde zurückschauend möchte ich sagen, dass das ein wirklich schöner erster Eintrag war.
Vom ersten Eintrag schlage ich nun einen rhetorischen Bogen über zwei Jahre, aufgepasst:
Und auf diesen ersten folgten nun fast siebenhundert weitere. Wir haben gelacht, geweint, Gott gedankt und Freunde gefunden, Freunde verloren und einen Haufen politischer Ansichten verworfen, uns einen anderen Haufen angeeignet, radikalisiert und wieder verworfen. Wir waren unterwegs, wir waren zu Hause. Wir haben gelacht, geweint….
Nun ist es ja so mit den Jubiläen, dass man nur einmal das erste feiert und nur einmal das letzte. Und beim letzten weiß man vorher oft nicht, dass es das letzte ist.
Kurze Denkpause an dieser Stelle. Pause. Weiter Pause.
Also hoffen wir weiterhin auf einen dritten Geburtstag. Aber wir vergessen auch nicht, wo wir herkommen. Wir kommen aus christlichen und sozialdemokratischen Zusammenhängen, und wir werden dorthin zurückkehren. Wir werden verbrochenes.net mehrheitsfähig machen, wir werden politisch aktiv werden und wir werden es gut machen. Wir werden es für die Menschen machen, für die ganz kleinen Menschen auf der Straße und in den Kindergärten, für die Ungarn ebenso wie für die Großen. Aber eben sozial und demokratisch und christlich. Das heißt nicht, dass Hepes Ankündigung nicht mehr gilt. Denn für jeden von uns, wirklich jeden, gilt ein Grundsatz weiter und jeden Tag:

Wir sind stärker als vorher, und wir werden freilich ungemütlicher werden.

Das sagen wir jeden Morgen zu unserem Spiegelbild und machen es in den wenigen Stunden, die wir danach wach sind, wahr. Nach zwei Jahren könnt Ihr Euch ungefähr denken, wie ungemütlich wir geworden sind. Wir sitzen den Herrschenden und ihren Gegnern im Nacken, mit Rasierklingen und Kopfhörern. Wir legen die Zähne in die Wunde und pochen auf unser Bier.

Und noch was: So wird es hier nicht weiter gehen. Es stehen tiefgreifende Veränderungen auf dem Plan, hier und anderswo und nicht nur wegen der Finanzkrise, aber vor allem wegen der Finanzkrise. Es wird freilich anders weitergehen, wahrscheinlich sogar genau wie vorher. Aber versprechen kann ich nichts. Durch Einbrüche auf dem Werbemarkt können wir kaum noch vom Bloggen leben und das heisst – Ihr wisst sehr genau, was das heisst. Ja.

Legal threats. Gerne. Ich kann in der Rückschau sagen, dass wir ungemütlich waren. Etwa zehntausend Leute wollten uns verklagen. Falls Euch mal das gleiche passiert, hier mein Patentrezept.

1. Macht euch in Mails lustig.
2. Schickt herausfordernd eure Anschrift und schickt den Angreifer mit Nachdruck auf den Rechtsweg.
3. Macht mit geschickt aufgeblasenem juristischen Halbwissen deutlich, dass Ihr sehr gebildet seid und deshalb unverklagbar.

Diese drei Punkte entsprechen einer ausführlichen rechtsanwaltlichen Beratung. Wir sind dazu befugt. Für Geld machen wir mehr davon. Insofern wir nicht Unmengen von Geld erhalten, werden wir nie wieder im Singular von uns schreiben. Uns gefällt es, so zu schreiben. Dir gefällt es, uns zu lesen. So ist alles paletti.

Eine Bitte: Wählt die SPD.

Eine weitere Bitte: Hör auf mit Fußball. Ich weiß, dass Du hier mitliest. Hör auf. Lass es sein. Danke.

Das war es von unserer Seite. Wenn Ihr das nächste Mal von uns hört, dann in der Tagesschau.

„Früher dachte ich ‚Fick Politik‘, heut´ will ich mitreden“ rappt Samy Deluxe in seinem neuesten Song Dis wo ich herkomm. Und wie sieht das aus, wenn einer, der jahrelang nur über seinen ausgeprägten Drogenkonsum musiziert hat, plötzlich die Politik entdeckt? Freilich nicht gerade reflektiert. Dass es jedoch so schlimm kommen muss, ist eigentlich keine Notwendigkeit. Aber es passt in die Zeit.

Man kann es ganz unverblümt sagen: Dis wo ich herkomm ist ein modernes Deutschlandlied, mit allen drei Strophen. Die „neue Perspektive“, die Samy anbietet, ist eine, die sich die Deutschen in 64 Jahren Nachkriegszeit sorgfältig aufgebaut haben. Mit seiner Nationalutopie deckt Samy alles von den Grünen bis zum rechten Rand der CDU ab. Da sind die Partei-Hippies, die die „kulturelle Vielfalt“ abfeiern und alltäglichen deutschen Rassismus ebenso übersehen wie die menschenverachtenden Ideologien der Islamisten. Da ist die SPD, die sich freut, dass es hier „noch eine Mittelschicht zwischen Reichen und Armen“ gibt. Da ist das „Sorry, wir haben gerade keine Zeit für euren Holocaust, wir müssen hier arbeiten“, das quasi das Glaubensbekenntnis im Wirtschaftswunderland ist, wenn Samy rappt: „Ich seh´ ein, dass die Vergangenheit in diesem Land nicht einfach ist, doch wir können nicht stehen bleiben, weil die Uhr immer weitertickt.“ Und seinen Aufnahmeantrag für den CDU-Ortsverein Osnabrück stellt er mit den Worten: „Wir müssen was für unser Land tun.“ Natürlich ist Samy kein Nazi. Aber er klingt wie einer: „Ich werd beweisen, dass ich mehr für Deutschland mach´ als der Staat.“

Er spricht auch für all die Patrioten, die an den Stammtischen, in den Bussen und Lehrerzimmern ihr schwarzrotgoldenes Süppchen kochen. Er erinnert sich selig an die WM: „Einen Monat war´n wir kurz stolz, dann mussten wir uns wieder schämen, denn es heißt wir haben beide Weltkriege gestartet.“ Samy in Verschwörungstheorienwonderland! Da sind irgendwelche dunklen Kräften, die den Deutschen sagen, dass sie sich schämen müssen. Weil Deutschland angeblich die Weltkriege gestartet hat. Aber es ist weder Deutschland schuld noch sind es die Deutschen, nein, „die Nazizeit hat unsere Zukunft versaut“. Und dieser eine, der die Nazizeit gestartet hat? „Der Typ war doch eigentlich Österreicher.“ Ja, den Deutschen mit ihrem ach so tollen Land wird schon übel mitgespielt. Deshalb ruft Samy jetzt zur Wende: „Schluss mit den alten Zeiten!“

Man kann das kalte Kotzen kriegen, wenn man sich diesen Scheiß anhört. In seiner Arglosigkeit zeigt Neupolitiker Samy aber auch ganz klar, wohin das vermeintlich harmlose Fahnenschwenken, das Auch-mal-stolz-sein-dürfen, der Verfassungs- und Multikultipatriotismus führen: In ein Deutschland, wie es Deutschland entspricht: großkotzig, uneinsichtig, dumm, und ganz schlicht nationalistisch. Und am Ende ist es dann doch nur wieder eine „Zeit“, die die Verbrechen begeht.

In Bremen gibt es eine recht interessante Diskussionsreihe. Leider ist sie bereits am kommenden Dienstag zu Ende, und wer jetzt das erste Mal davon hört, hat schon Infos und Diskussionen zu den hochbrisanten Themen Mode und politischer Veganismus verpasst. Am spannensten dürfte aber ohnehin die abschließende Veranstaltung werden: Es geht um die Frage, was eine Vergewaltigung ist.

In den autonomen linksradikalen Szenen wird vielerorts das Konzept der Definitionsmacht praktiziert und auch für größere Zusammenhänge eingefordert. Das bedeutet, die betroffene Frau entscheidet, was als Vergewaltigung gilt. Gedacht als ein Verfahren, bei dem dem Opfer möglichst jegliches weitere Leid durch peinliche Befragungen erspart bleiben soll, treibt diese Praxis mitunter seltsame Blüten. Nicht nur, dass die Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt wird, auch wird das Leid wirklicher Vergewaltigungsopfer relativiert, wenn bereits ein offensiver Flirt als Vergewaltigung definiert und entsprechend geahndet werden kann. Zudem stellt sich die Frage, zu was für einem Bild von Sexualität diese Praxis führt und inwiefern sich das Ergebnis mit dem Anspruch emanzipatorischer Theorie vereinbaren lässt. All das steht in der Veranstaltung mit Les madeleines zur Diskussion.

Das gefällt selbsternannten Fuckin´ Feminists gar nicht, und so überklebten sie im und um den geplanten Veranstaltungsort Buchte sämtliche Hinweise auf die Veranstaltung. Schließlich wollte man sich dort offenbar doch nicht mehr mit dem Thema befassen, und so findet der Abend nun in der Villa Ichon* statt. Einerseits ist das schade, weil begründter Widerspruch sicher interessant wäre. Andererseits kann man auch ganz gut auf Leute verzichten, die außer ein paar Aufklebern und einer ignoranten Blockadehaltung nichts zur (schon in wenigen Zeilen) recht gut begründeten Kritik ihres Konzepts vorbringen.

*Dort gibt es übrigens schon zwei Tage später einen weiteren potentiell interessanten Vortrag zur Geschichte der Bremer Räterepublik.