Definitionsmacht

In Bremen gibt es eine recht interessante Diskussionsreihe. Leider ist sie bereits am kommenden Dienstag zu Ende, und wer jetzt das erste Mal davon hört, hat schon Infos und Diskussionen zu den hochbrisanten Themen Mode und politischer Veganismus verpasst. Am spannensten dürfte aber ohnehin die abschließende Veranstaltung werden: Es geht um die Frage, was eine Vergewaltigung ist.

In den autonomen linksradikalen Szenen wird vielerorts das Konzept der Definitionsmacht praktiziert und auch für größere Zusammenhänge eingefordert. Das bedeutet, die betroffene Frau entscheidet, was als Vergewaltigung gilt. Gedacht als ein Verfahren, bei dem dem Opfer möglichst jegliches weitere Leid durch peinliche Befragungen erspart bleiben soll, treibt diese Praxis mitunter seltsame Blüten. Nicht nur, dass die Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt wird, auch wird das Leid wirklicher Vergewaltigungsopfer relativiert, wenn bereits ein offensiver Flirt als Vergewaltigung definiert und entsprechend geahndet werden kann. Zudem stellt sich die Frage, zu was für einem Bild von Sexualität diese Praxis führt und inwiefern sich das Ergebnis mit dem Anspruch emanzipatorischer Theorie vereinbaren lässt. All das steht in der Veranstaltung mit Les madeleines zur Diskussion.

Das gefällt selbsternannten Fuckin´ Feminists gar nicht, und so überklebten sie im und um den geplanten Veranstaltungsort Buchte sämtliche Hinweise auf die Veranstaltung. Schließlich wollte man sich dort offenbar doch nicht mehr mit dem Thema befassen, und so findet der Abend nun in der Villa Ichon* statt. Einerseits ist das schade, weil begründter Widerspruch sicher interessant wäre. Andererseits kann man auch ganz gut auf Leute verzichten, die außer ein paar Aufklebern und einer ignoranten Blockadehaltung nichts zur (schon in wenigen Zeilen) recht gut begründeten Kritik ihres Konzepts vorbringen.

*Dort gibt es übrigens schon zwei Tage später einen weiteren potentiell interessanten Vortrag zur Geschichte der Bremer Räterepublik.

  1. “wenn bereits ein offensiver Flirt als Vergewaltigung definiert und entsprechend geahndet werden kann”

    Ja, genau, die Chance besteht natürlich, bzw. da gibt’s dann sicher massenhaft Frauen die ‘nen Flirt Vergewaltigung nennen, ums den Männern mal so richtig zu zeigen! So sind Frauen.

  2. Kann. Da steht kann. Und JA, die Möglichkeit besteht natürlich.

    Ich will auch in Bizarroworld leben.

  3. Ja, kann. Natürlich kann das passieren. Und wie realistisch ist das?

    Und wie realistisch im Vergleich ist es, dass Frauen zu Sex überredet oder gezwungen werden, die eigentlich keine Lust haben? Das sie psychisch oder körperlich unter Druck gesetzt werden, dazu gezwungen werden? Und wieviele würden diese Situationen als Vergewaltigung bezeichnen? Sehr sehr wenige.
    Fragt mal Frauen in eurem Umfeld, ob sie schon einmal in der Situation waren, dass sie Sex mit einem Typen hatten, obwohl sie eigentlich keine Lust hatten? Vielleicht werden nicht alle drüber sprechen wollen, wahrscheinlich werden auch manche die Frage mit Nein beantworten, weil sie sich dafür schämen, dass sie sich nicht durchsetzen konnten, manchen ist es wahrscheinlich auch wirklich nie passiert. Ehrlich gesagt, ich bin noch nie auf so eine Frau getroffen.
    Die Wahrheit ist: unglaublich vielen Frauen ist so etwas schon einmal passiert, kaum eine würde es als Vergewaltigung bezeichnen, schließlich hat der Typ sie ja nicht unbedingt blutig geschlagen.
    Und das ist etwas, dass nicht nur so sein kann, sondern so ist. Und zwar nicht in der Bizarrowelt, in der wahrscheinlich Frauen Flirts als Vergewaltigung bezeichnen.
    Sondern in der realen Welt.

  4. Is doch lächerlich. Wenn ne Frau keine Lust hat, dann kann sie das sagen. Erst wenn der Mann dann gewalttätig wird, ist das eine Vergewaltigung.

    Hier wird ja vom Kerl verlangt, dass er doch bitte die Gedanken der Frau lesen soll, die nur nicht die Eier hat ( ;D ), zu sagen, dass sie keinen Bock hat.

    Ist doch vollkommen absurd

  5. Natürlich gibt es Formen von Zwang, die nicht gewaltförmig sind. Zwang kann auch über die wirtschaftliche Ebene laufen, oder über konstruierte (emotionale, religiöse oder sonstige metaphysische) Abhängigkeiten. Und es ist auch absolut richtig, dagegen vorgehen zu wollen.

    Der Punkt ist aber, dass das Konzept der Definitionsmacht in seiner Einfachheit vielleicht verlockend ist, jedoch Konsequenzen mit sich bringt, die wiederum einen echten (realen und realistischen, ja) Missstand darstellen. Das zeigt sich dann auch, wenn du, svf, Überredung und Zwang direkt nebeneinander stellst. Bei Zwang ist die Sache klar (siehe oben), Überredung ist jedoch ein Risiko, das erwachsene Menschen eingehen, wenn sie sich selbst ernst nehmen.

  6. Ich bin angesichts solcher Frage etwas ambivalent- zum einen kann ich vielen Formen des Protests und der Etablierung alternativer Lebensweisen etwas abgewinnen- der Anarchismus in seiner ursprünglichen Form hat auch einen Reiz. Zum anderen sehe ich die Gefahr, die Joinsen in meinen Augen ganz zutreffend beschrieben hat: In dem Rechtsgrundsätze, die auf teilweise 2000 Jahre alten, teilweise bestechend plausiblen Überlegungen basieren neuen, individuellen Definitionen weichen, öffnet man unter Umständen der Willkür Tür und Tor. Dabei wäre der Fall eines Diebstahls, der von einem Gremium verhandelt wird, das außerhalb rechtsstaatlicher Vorgaben zusammentritt, noch vergleichsweise einfach zu lösen. Viel schwieriger wäre ein Fall im Bereich der sexualisierten Gewalt zu beurteilen. Nicht zu letzt zeigt sich die Größe der Herausforderung auch in der Praxis der etablierten Institutionen, die auf rechtsstaatlichen Grundsätzen basieren. Sehr pragmatisch stellt sich mir die Frage, wie solche Fälle von Beteiligten alternativ behandelt werden sollten, wie sähen mögliche Sanktionen aus, wo wäre die Gleichheit vor dem Gesetz, wo die Unschuldsvermutung entsprechend gewürdigt?
    Zur Grundlage allgemeinen Handelns taugen die Ziele von Formationen wie den fuckin‘ feminists nicht, es ist auch die Frage, ob dies überhaupt das wirkliche Anliegen der Gruppe ist.

  7. Hey Peter, hier möchte jemand aus Ankara was von dir: http://www.google.com.tr/search?hl=tr&q=wemsey%20sex&meta=

    IP zwecks Kontaktaufnahme gibt´s bei mir.

  8. …geahndet werden kann.

    häh?
    Idiotisch so etwas heraufzubeschwören… Wie soll denn das gehn? In welchen Rechtssystem, nach welchen Gesetzen soll das denn bitte funktionnieren?

    Ein Flirt wird nie geahndet werden.
    Wenn ihr so tut als wäre das irgendwie denkbar oder wahrscheinlich, wenn ihr so tut als würden jetzt Frauen anfangen einen Flirt als Vergewaltigung darzustellen, verharmlost ihr was eine echte Vergewaltigung bedeutet.
    Und stellt Frauen als überdramatisierende hysterische Zicken dar, die so etwas ausnutzen ums den Männern mal zu zeigen.

    Aber in Wirklichkeit seid ihr es ja, die hier überdramatisiert.