Zur Begründung, warum den deutschen Vertriebenen eine “gesamtgesellschaftliche Erinnerung” zuteil werden sollte, sagte Angela Merkel bei Anne Will gestern: “Wir haben 15 Millionen Vertriebene in Deutschland, die etwas für dieses Land geleistet haben, die zum Aufbau diesen Landes mitgetan haben.” Und offenbarte damit, dass sie entweder bei Vertriebenen ähnliche Rechenmodelle verwendet wie die Konservierer des palästinensischen “Flüchtlingsproblems” – oder eine Politik für Tote macht.
Wenn man mal Daten der Bayerischen Staatsregierung nimmt, haben auf dem Gebiet der Bundesrepublik zu keinem Zeitpunkt mehr als 12,75 Millionen Vertriebene gelebt. Man kann nun davon ausgehen, dass die Leute gleichmäßig wegsterben, also leben davon heute vielleicht noch drei Millionen. Eine Möglichkeit, auf Frau Merkels Zahl zu kommen, besteht in der Einbeziehung aller Nachfahren. Natürlich ist es Quatsch, dass jemand ein Vertriebener ist, nur weil er an einem anderen Ort geboren worden wäre, wenn ihre Eltern oder Großeltern nicht vertrieben worden wären. Auch ist die Aufbauleistung dieser Nachkommen höchstens zu verstehen, wenn man sich auf das Gengebäude des deutschen Volkes bezieht.
Aber wesentlich rationaler ist auch die wahrscheinlichere Erklärung für die Zahl nicht: Auf 15 Millionen Vertriebene kommt man nämlich auch, wenn man die im Zuge der Vertreibung Getöteten mitzählt. Dann bestünde die Gruppe, auf die die Kanzlerin sich bezieht, aus rund 3 Millionen Lebenden und 12 Millionen Toten. Eigentlich ist Merkels Aussage hier noch viel weniger schlüssig: Das Präsens ist nicht die angebrachte Zeitform, außer man zählt allen Ernstes Leichen mit. Und auch die Beteiligung der Toten beim Aufbau ist nur über nationalistische Konstruktionen möglich. Zum Beispiel: In Erinnerung an ihre deutschen Männer klopften die Trümmerfrauen die Steine in unseren zerbombten Städten.
Wahrscheinlich hat sich Merkel aber schlichtweg keine Gedanken gemacht, als sie die 15 Millionen in ihre Rhetorik zur Vertriebenenpolitik aufnahm. Als Begründung für eine weinerliche Erinnerungspolitik ist eine große Zahl auch einfach nur praktisch. Nachfragen wird niemand – das verbietet die Pietät, und natürlich die große Leistung dieser vielen Menschen.
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Sorry, aber ich hab das Gefühl du verrennst dich da ein bissschen!
Die Zahlen sind in der Tat nicht auf die jetzt Lebenden zu beziehen, aber:_
1. Kinder deren Eltern vertrieben worden sind ehrfahren in ihrer Sozialisation durch die Eltern ebenfalls das Gefühl fremd zu sein. Besonders dann, wenn die Erfahrung der Verteibung noch sehr präsent bei den Eltern ist. Mit fortschreitender Zeit nimmt die Bedeutung sicherlich ab, aber die Kinder überhaupt nicht mit einbeziehen zu können ist falsch.
2. Warum ist “eine Beteeiligung beim Aufbau nur über nationale Konstruktionen möglich”? Was hat denn bitte der Aufbau eines neuen eigenen Betriebes des áus Schlesien vertriebenen Handwerkers in Schleswig Hostein oder Niedersachsen mit natialen Konstruktionen zu tun? Die Rolle, die diese oft Sachkräfte beim Wiederraufbau sowohl einzelner Unternehmen, wie auch beim Aufbau moderner Strukturen auf dem Land gespielt haben, ist außerordentlich groß bewesen. (Leider hab ich die entsprechende Literatur schon wieder abgegeben, deswegen ohne Beleg. KAnn aber auf Wunsch gerne nachgereicht werden.)
Auch ohen jegliche natioanle Mythosduselei hat Frau Merkel also recht, wenn sie die Rolle der Vertriebenen in der Bundesrepublik hoch bewertet. Das damit in der von dir beschriebenen Weise ein Nationalethos beschworen werden kann, ist zwar bedauerlich, hat aber mit der Wichtigkeit der Verteibenen nichts zu tun.
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alles opfer…
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Erstmal: Ich muss zugeben, “Sorry” ist ein scheiß Anfang, aber das nur am Rande.
Du hast recht an einer Stelle hab ich den Punkt nicht so ganz gekriegt: 15 Millionen übertreibt. Und Kinder von Vertiebenen sind keine Vertriebene. Die Zahl ist also Mist. Keine Frage!
Aber: Die Leistungen, die sie den Vertiebenen in der Aufbauzeit, und ich denke damit ist die unmittelbarren Nachkriegszeit gemeint, zuschreibt sind absolut haltbar!
Willst du dich über die Zahl oder die Präsensform aufregen, dann bin ich bei dir, willst du aber die Rolle der Vertriebenen beim wirtschaftlichen Aufschwung infragestellen, muss ich widersprechen.
Außerdem hab ich immernoch nicht verstanden, warum “ist die Beteiligung beim Aufbau nur über nationalistische Konstruktionen möglich”? Es ging um die Toten finde ich als Antwort auf die Frage eher nicht so überzeugend.
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Als nach merkelscher Definition Vertriebener verlange ich mehr Anerkennung für meine Leistungen. Auch von euch!
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Der Versuch, den zugegebenermaßen schnell vonstatten gegangenen Wiederaufbau Deutschlands als Produkt des harten und entbehrungsreichen Arbeitsethos der Kriegsverlierer darzustellen (siehe auch: Truemmerfrauen), hat in Deutschland eine lange Tradition. Hier spielt vor allem auch der Gedanke eine Rolle, nach den beiden verlorenen Weltkriegen einen positiven Gruendungsmythos fuer die noch junge Bundesrepublik zu schaffen, und in den letzten Jahren hat man sich dafuer immer wieder die Zeit zwischen 1946 und 1960 herausgepickt: Weltmeisterschaftstitel in Bern, Wiederaufbau durch Kriegsheimkehrer und pflichtbewusste BDM-Maedchen und der Wunsch, den Verursacher von zwei Weltkriegen wieder an die internationale Spitze zu bringen, sollen hier aus der Sicht von Guido Knopp und Otto Normalverbraucher dazu beigetragen haben, dass alles so schnell wieder so schoen geworden ist.
Diese Darstellung ist historisch schon seit einigen Jaehrchen ueberholt, wer sich fuer sowas interessiert kann ja mal einen Blick in “Deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945″ von Werner Abelshauser (http://www.amazon.de/Deutsche-Wirtschaftsgeschichte-seit-Werner-Abelshauser/dp/3406510949/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1238002171&sr=1-1) werfen, da wird mit solchen Mythen ganz passabel aufgeraeumt.
Dass sich die junge Bundesrepublik wirtschaftlich so schnell wieder erholen konnte, lag vor allem daran dass viele Produktionsstaetten sowie weite Teile der exzellenten Infrastruktur Nazideutschlands durch das Kriegsgeschehen nicht in ihrer Tiefe, sondern zumeist nur oberflaechlich zerstoert oder beschaedigt worden waren. Nach einer relativ kurzen Phase des Wiederaufbaus der industriellen Strukturen konnte man dann im Land der Taeter recht schnell wieder enorme Produktionskapazitaeten aufbieten, was den wirtschaftlichen Aufschwung dementsprechend schnell wieder ankurbelte.
Irgendwelche Kriegsverlierer fuer diese Entwicklungen verantwortlich machen zu wollen, faellt auch nur Leuten ein die ein gesteigertes Interesse an der Bildung von nationalen Mythen haben (ergo Politiker aka die herrschende Klasse).
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@goinwe:
Du hast völlig recht, der schnelle wirtschfatliche Erfolg hatte in erster Linie mit der nicht zerstörten Produktionskapazität der deutschen Wirtschaft zu tun, die dann durch den Koreakrieg auch wieder benötigt wurde.Das hat ja auch keiner bestritten. Aber die schnelle und gelungenen Integration der Vertriebenen, die auch “auch zum Aufbau dieses Landes mitgetan” haben, wie Merkel sagt, hat ihren Teil dazu begetragen. Schaurt man sich den Wandel der Sozialstruktur durch die Verteibenen an, dann wird auch ihre wirtschaftliche Bedeutung klar.
Für die schnelle Integration, über die auch unterschiedliche Auffassungen diskutiert werden, spricht die unerhebliche Rolle der BHE in der ersten Jahren der Bundesrepublik.Ich sehe auch, dass besonders Leute mit dem Ziel nationaler Geschlossenheit solche Argumente benutzen können, deswegen sind sie auch nicht unbedingt von per se falsch.
@joinsen
Ja jetzt verstehe ich besser was du meinst. -
@Joinsen:
Ich wollte dir keineswegs das Vertriebenentum absprechen. Wir beide wissen schließlich, wie schwer wir es in dieser Gesellschaft haben. Ausgegrenzt von denen, die schon immer hier lebten, abgeschnitten von “Connections” (Siegersprache, mi scusi), die einem das auf Sublegalität fußende Leben einfacher machen könnten.
Mit anderen Worten, bevor unser Landsmannschaftenbattle daran scheitert, dass auch ich Mitglied der Mansuren Ultra’ bin, weshalb nicht einfach eine generell von Nationalismus und ähnlichem Dreck befreite “Debatte” über dieses Thema? Ich bin durchaus ein Freund der Roten Armee, wenn es zur Vernichtung bestimmter Organisationen kommt, doch heißt dies, dass Oma als 10-jährige nicht auch irgendwie ein armes Opfer (danke, Roxin) der ungemütlichen Entwicklungen jener Tage war?Oder politischer gesagt, sogenannte “Volksdeutsche”, wie in meinem Fall sogar ohne deutsche Sprachkenntnisse als Kinder, nicht als “Opfer” des Krieges (Deutschlands; wie auch immer) zu sehen, erscheint mir arg nationalistisch.




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