April 2009

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Halbzeitpause

Den Spielern steht eine Halbzeitpause zu. Diese dauert höchstens fünfzehn Minuten. Die Dauer der Halbzeitpause wird in den Wettbewerbsbestimmungen festgelegt. Die Dauer der Halbzeitpause kann nur mit Erlaubnis des Schiedsrichters geändert werden.

So ist es in den Fußballregeln festgelegt. Ich hege einen schrecklichen Verdacht: Man hält sich nicht an die herrschenden Regeln. Im Gegenteil, diese Regel wird immer und immer wieder und wieder gebrochen und gebrochen.

Mein untrügliches Bauchgefühl sagt bei fast jedem Fußballspiel, das ich verfolge: Die Halbzeitpause war schon wieder länger als fünfzehn Minuten.

Bevor wir klären, ob dieses Phänomen existiert, sollten wir dringend darüber nachdenken, warum es existiert.

These Eins: Alle mir persönlich bekannten Schiedsrichter sind drogensüchtig. Das legt nahe, dass auch in den höheren Ligen die Halbzeitpause dafür genutzt wird, Crack zu rauchen. Die Wirkung von Crack lässt relativ schnell nach, aber eben nicht so schnell.

These Zwei: Eine sinistre Runde mit ausschließlich finanziellen Interessen treibt die Ausweitung der Halbzeitpause voran. Dreißig Sekunden mehr sind bereits ein Werbespot mehr. Und dreißig Sekunden mehr Zeit, Bier und Wurst zu verkaufen. Bei jedem Spiel! Während wir uns also die Beine in den Bauch stehen, verdient man in den Chefetagen einen Haufen Geld. So sieht´s doch aus!

These Drei: Irgendwas mit Aliens.

Kommen wir nun zum empirischen Teil. Der ist recht simpel. Wir müssen bei so vielen Spielen wie möglich eine genaue Messung der Länge der Halbzeitpause vornehmen. Weil ich faul bin und das hier das Webzweinull ist, heißt „wir“ in diesem Fall auch „ihr“. Ich bitte um folgendes Vorgehen:

1.
Spiel angucken.

2.
Beim Halbzeitpfiff die Stoppuhr starten. (Geht mit jedem Mobiltelefon. Sonst: Stoppuhr kaufen und immer dabei haben. Das hat Stil.)

3.
Beim Anpfiff der zweiten Halbzeit durch Drücken der Stopptaste die Stoppuhr stoppen.

4.
Ergebnis ablesen und aufschreiben.

5.
Ergebnis in den Kommentaren unter diesem Eintrag veröffentlichen, mitsamt der Spielpaarung, dem Ergebnis, dem Datum und am besten auch noch dem Namen des Schiedsrichters.

Ab hier übernehme ich in meiner Funktion als ausgebildeter Statistiker. Wenn eine ausreichende Zahl an Messungen vorliegt, werden wir politisch aktiv werden und eine Bürgerinitiative für die genaue Einhaltung der Regeln gründen. Also, noch eine jetzt.

Vielleicht lassen sich auch weitere interessante Erkenntnisse sammeln. Sind Halbzeitpausen freitags länger als sonntags? Mit Flutlicht oder ohne? Wird in internationalen Wettbewerben anders pausiert? Wie sieht es im Ausland aus?

Ich danke für Eure Mithilfe, Freunde. Gemeinsam machen wir dem Halbzeitpausenbetrug ein Ende! Yaaaaay, Motivation!

Konsequenzen

Ich mache mir jetzt die Frisur von Tim Wiese.

Vor ein paar Monaten wurden in Bochum Bremer Nazis, die sich offen beim Fußball zeigten, von den Bremer Fans aus dem Block befördert. Dass Nazis scheiße sind, ist Konsens. Das gilt für die durch und durch sozialdemokratische Bremer Anhängerschaft fast komplett. Eine Ausnahme bilden, und das wird viele durchaus verwundern, weite Teile der aktiven Szene bzw. der Ultras. Die freuen sich seit Wochen auf den 2. Mai.

Denn:

Ein Viertel Jahrhundert ist vergangen, seit sich Fußballanhänger aus Essen und Bremen das erste Mal getroffen haben.

Es entstand eine Freundschaft, die mittlerweile weit mehr umfaßt als das Interesse an der 1. und 2. und natürlich der 3. Halbzeit beim Fußball.

Alle Essener und Bremer Fans, Ultras und Hools sind willkommen und laden ein, das 25-jährige Jubiläum am 2. Mai in Essen zu feiern.

Die Webseite kommt ohne Absender aus, aber es ist leicht zu erraten, aus welchen Kreisen die Idee kommt. Beworben wird die Party nämlich von Anfang an auf der Website der Standarte Bremen, der örtlichen Hooligangruppe, die von bekennenden Neonazis geführt wird. Zur Werbung wird ein T-Shirt vertrieben, das gibt es natürlich beim Sportsfreund, ein Bekleidungsgeschäft für Nazis und deren Freunde, ebenso ein Treffpunkt derselben in der Bremer Innenstadt. Mehr Infos zu den Nazi-Hools, dem Sportsfreund und den Verbindungen zwischen all dem gibts bei der Bremer Antifa.

Diese Party ist also nicht nur offen für Nazis, in dem alle Fans und Hools eingeladen sind, sondern offenbar ist sie auch von Nazis organisiert.
Man kann sich lebhaft ausmalen, wie sich dort die Faschisten zu dutzenden zum Biersaufen treffen. Für viele ist das nun aber nicht abschreckend, sondern eine ganz normale Sache. Wenn der Anlass für den Naziauflauf nicht direkt politisch ist, sondern es um Fußball geht, dann kann man durchaus mit Faschisten feiern, so wird argumentiert. Deshalb kann man davon ausgehen, dass auf dieser Feier Vertreter einiger Bremer Gruppen auflaufen:

Die Wanderers Bremen, bei denen durchaus einige Leute T-Shirts mit dem Aufdruck „Weserstadion und sonstwo – Kein Platz für Nazis“ verkaufen können, während andere zeitgleich fünfzig Meter weiter mit den Nazis vor dem Weserstadion Klönschnack halten. Rolands Erben werden sicher ebenfalls vertreten sein, genau wie das Ultra-Team Bremen.

Nachtrag: Vom Ultra-Team Bremen war entgegen meiner Ankündigung hier absolut niemand bei der Party. <

Der Trick ist, unpolitisch zu sein. Oder das zu behaupten. Tatsächlich sind das Verhalten, die Argumentation und die Wünsche, die dahinter stecken, sehr politisch. Gewünscht wird eine Gemeinschaft, in der es keine Meinungsverschiedenheiten gibt, sondern alle an einem Strang für das gemeinsame Ziel arbeiten. Alle individuellen Kleinigkeiten sollen beiseite gelassen werden, damit man sich auf die eine große Gemeinsamkeit besinnen kann. Wir sind doch alle Deutsche Bremer!

Wer sich diese Einigkeit wünscht, hasst natürlich den Kritiker. Und so wurde jede Diskussion darüber, wie man die Volksgemeinschaftsparty findet, im Fanszeneforum verboten. Erlaubt sind dort solche Beiträge:

Top Dingen, da simma dabei…

Feierei 😛

Verboten bleibt die Diskussion darüber, bei der es – ich zitiere aus dem Kopf, das Original ist gelöscht – nur darum geht, „die Party kaputt zu reden„. Denn das, was einen stört, kaputt zu reden, ist gemein.
Sichtbar wird hier auch das Bewusstsein, dass es eben sehr wohl möglich ist, diese Party vernichtend zu kritisieren, sie also kaputt zu reden. Dieser Angst wird begegnet, indem man einfach nicht mehr drüber redet.

Keine der genannten Gruppen würde je öffentlich sagen: Ja, wir feiern gerne mit Nazis und sehen kein Problem darin. Sie sehen das Problem nämlich sehr wohl, aber es steht ihrem größeren Wunsch entgegen: der harmonischen Fangemeinschaft. Dass die nicht kommt, ist allen klar, aber die tiefe Sehnsucht haben sie doch. Mal mit den richtig großen Jungs den Hamburgern auf die Nase hauen, mal mit dem ganzen großen Block ein Lied singen, mal mit allen zusammen grillen gehen. Das wär es doch!
Aber die Linken sorgen mit ihrem ständigen Gemecker dafür, dass das nicht geht. Während man selbst natürlich „ganz normal“ ist in seinen Ansichten. Die Deutschlandfahnen-Tour nach Holland ist das Normale, die Kritik an Deutschland das Problem. Nach diesem Muster läuft es immer ab: Nicht die Missstände sind das Problem, sondern die Diskussion darüber. Nicht die große Beteiligung von Nazis an einer Veranstaltung ist das Problem, sondern derjenige, der damit ein Problem hat.

Und so wird klar, warum die Bremer Fanszene Faschisten nicht ausgrenzen will: Sie teilt ihre Sehnsucht nach der reinen Gemeinschaft.

Wenn ich auf jetzt meinen nicht vorhandenen Ghettoblaster den wundervollen BBC Essential Mix von den Streetlife DJs überspielen und dann tanzend aus meiner Haustür ziehen würde, um bei schönsten Wetter eine Party mit Freunden und Passanten zu feiern, dann würde ich in meiner Straße wahrscheinlich einige fragende Blicke ernten. In einer spießigeren Wohngegend hätten die lieben Nachbarn heute leichtes Spiel, gegen mein Treiben vorzugehen: Sie müssten nur die Polizei rufen, die mir dann einen Strafzettel verpassen würde. Dass es das Tanzverbot gibt, ist allgemein bekannt, dass es durchgesetzt wird, liegt daran, dass man in Deutschland einen ganz tiefen Glauben daran empfindet, dass Gesetze durchgesetzt werden müssen. Zumindest solange sie die Freiheit einschränken und irgendwas mit Tradition zu tun haben.

Denn am Glauben an Jesus Christus und seinen Tod am Kreuz kann es kaum liegen, dass am Karfreitag die Freiheit aller hier lebenden Menschen eingeschränkt wird. Selbst wenn gläubige Christen, sagen wir, 70% der Bevölkerung stellen würden, so gäbe es keinen Grund, den anderen 30% irgend etwas zu verbieten, weil es die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzt. Das nämlich ist ein ganz schlechtes Argument in einer Gesellschaft, in der man nicht von einem einheitlichen Grad der Gläubigkeit an den einen wahren Gott ausgehen kann: Für fast jede Entfaltung menschlichen Lebens finden sich Religiöse, die sich dadurch in ihren Gefühlen verletzt fühlen.

Es ist also Tradition, worum es geht. Das erklärt auch, warum das Tanzverbot (in Bremen) außer an Weihnachten, Totensonntag und Karfreitag auch am Volkstrauertag gilt – eine Reminiszenz daran, wie wichtig Soldaten und Kriege sind und wie schade es ist, dass erstere in letzteren umkommen. Eine ganze Reihe von Vorzügen ergeben sich für die Christen in diesem Land aus diesen traditionellen Regeln: Sie können das staatliche Steuersystem nutzen, um ihre Mitgliedsbeiträge einzuziehen. Sie müssen keinerlei geschäftliche Nachteile befürchten, wenn sie wegen des allwöchentlichen Ruhetages die Arbeit niederlegen, weil der Staat alle zwingt, es ihnen gleich zu tun. (Freilich nicht alle: in den Fabriken darf weiter geschuftet werden.)

Und schließlich genießen Christen gegenüber allen anderen konstruierbaren Bevölkerungsgruppen ein unglaublich hohes Ansehen, dass sich immer wieder dahingehend auswirkt, dass von Gleichberechtigung keine Spur ist. So fordert der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen in einer Postwurfsendung die Bürger seiner Stadt auf, kostenlose Schlafplätze für die Teilnehmer des Kirchentages zur Verfügung zu stellen, der hier im Mai stattfindet. Das hat es selbst bei der nationalen Ekstase von 2006 nicht gegeben. Da ging es ja auch um Fußball und Leute, die zu ihrem persönlichen Vergnügen durch die Welt reisen, mag da der Befürworter staatlicher Parteinahme sagen. Und nochmal 7,5 Millionen Euro hinterherwerfen. Aber das macht dann auch keinen Unterschied mehr.

Folgende dumme Phrasen zum Eorpapokalspiel Werder Bremen gegen Udinese Calcio wurden von uns erfunden und dürfen nur mit unserer schriftlichen Genehmigung verwendet werden:

  • Grünweißdonnerstag in Bremen
  • Das letzte Abendmahl im Europapokal?
  • Werder kreuzigt Udine
  • Diego und Mertesacker küssen sich! Wer ist der Verräter?

Ebenfalls unter unserem Copyright befinden sich Abwandlungen, Verfeinerungen und Popularisierungen der Grundidee „Werder spielt am Gründonnerstag und irgendwas passiert“.

Wir machen das jetzt so: Ihr schlagt in den Kommentaren Themen oder Überschriften vor, und zu dreien davon schreibe ich in den nächsten drei Wochen Beiträge.

Jetzt erstmal ein bisschen Musik.

… helfen Verschwörungstheorien, vielleicht. Dies ist eine Einladung, welche zu erfinden. Nicht von mir, sondern von den Verursachern einer interessanten Anomalie am Rande Bremens. Was mag das nur sein?