Das Tanzverbot und der ganze Rattenschwanz

Wenn ich auf jetzt meinen nicht vorhandenen Ghettoblaster den wundervollen BBC Essential Mix von den Streetlife DJs überspielen und dann tanzend aus meiner Haustür ziehen würde, um bei schönsten Wetter eine Party mit Freunden und Passanten zu feiern, dann würde ich in meiner Straße wahrscheinlich einige fragende Blicke ernten. In einer spießigeren Wohngegend hätten die lieben Nachbarn heute leichtes Spiel, gegen mein Treiben vorzugehen: Sie müssten nur die Polizei rufen, die mir dann einen Strafzettel verpassen würde. Dass es das Tanzverbot gibt, ist allgemein bekannt, dass es durchgesetzt wird, liegt daran, dass man in Deutschland einen ganz tiefen Glauben daran empfindet, dass Gesetze durchgesetzt werden müssen. Zumindest solange sie die Freiheit einschränken und irgendwas mit Tradition zu tun haben.

Denn am Glauben an Jesus Christus und seinen Tod am Kreuz kann es kaum liegen, dass am Karfreitag die Freiheit aller hier lebenden Menschen eingeschränkt wird. Selbst wenn gläubige Christen, sagen wir, 70% der Bevölkerung stellen würden, so gäbe es keinen Grund, den anderen 30% irgend etwas zu verbieten, weil es die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzt. Das nämlich ist ein ganz schlechtes Argument in einer Gesellschaft, in der man nicht von einem einheitlichen Grad der Gläubigkeit an den einen wahren Gott ausgehen kann: Für fast jede Entfaltung menschlichen Lebens finden sich Religiöse, die sich dadurch in ihren Gefühlen verletzt fühlen.

Es ist also Tradition, worum es geht. Das erklärt auch, warum das Tanzverbot (in Bremen) außer an Weihnachten, Totensonntag und Karfreitag auch am Volkstrauertag gilt – eine Reminiszenz daran, wie wichtig Soldaten und Kriege sind und wie schade es ist, dass erstere in letzteren umkommen. Eine ganze Reihe von Vorzügen ergeben sich für die Christen in diesem Land aus diesen traditionellen Regeln: Sie können das staatliche Steuersystem nutzen, um ihre Mitgliedsbeiträge einzuziehen. Sie müssen keinerlei geschäftliche Nachteile befürchten, wenn sie wegen des allwöchentlichen Ruhetages die Arbeit niederlegen, weil der Staat alle zwingt, es ihnen gleich zu tun. (Freilich nicht alle: in den Fabriken darf weiter geschuftet werden.)

Und schließlich genießen Christen gegenüber allen anderen konstruierbaren Bevölkerungsgruppen ein unglaublich hohes Ansehen, dass sich immer wieder dahingehend auswirkt, dass von Gleichberechtigung keine Spur ist. So fordert der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen in einer Postwurfsendung die Bürger seiner Stadt auf, kostenlose Schlafplätze für die Teilnehmer des Kirchentages zur Verfügung zu stellen, der hier im Mai stattfindet. Das hat es selbst bei der nationalen Ekstase von 2006 nicht gegeben. Da ging es ja auch um Fußball und Leute, die zu ihrem persönlichen Vergnügen durch die Welt reisen, mag da der Befürworter staatlicher Parteinahme sagen. Und nochmal 7,5 Millionen Euro hinterherwerfen. Aber das macht dann auch keinen Unterschied mehr.

  1. Deine Empörung halte ich für etwas fragwürdig, Joinsen- niemand hindert Dich daran, am Karfreitag so ziemlich alle Dinge zu unternehmen, die Du auch an anderen Tagen gerne machst- inklusive in der Sonne tanzen. Allein den für einschlägige Tanzstätten Verantwortlichen ist es für diesen (und die erwähnten anderen Tage) nicht erlaubt, bis null Uhr entsprechende Veranstaltungen zu avisieren. Aus langjähriger eigener Erfahrung weiß ich, dass es relativ vielen Unterhaltungsunternehmern egal ist, bislang erlebte ich auch noch kein SEK, dass an den besagten Tagen Tanzflächen abgeräumt hätte. Die Regelung sehe ich weniger als Ausdruck einer spezifisch deutschen Gesetzeswut sondern als kulturelles Relikt, das fraglos auf einer religiösen Tradition beruht. Religion und Kultur sind mannigfaltig miteinander verknüpft, die negativen Seiten dieser Bindung sind wohl dem geschätzten Publikum präsent, die Faktoren aber, die tatsächlich eine Anreicherung des ansonsten etwas farblosen Alltags darstellen, darf man meines Erachtens nicht übersehen. Reduktion, Entsagung und Abstraktion sind wesentliche Mittel kulturellen Ausdrucks, ohne diese würde man die Fülle, die Lust und das farbenreich Konkrete nicht zu schätzen wissen. Statt Dich zu grämen hättest Du Dich daran ergötzen können, dem Verbot zu trotzen, Joinsen! Du hättest in einer Kirche Sex haben können, dabei Schweineschnitzel verzehren um anschließend in einem Geheimclub exzessiv zu tanzen- der Genuss wäre viel größer gewesen als ohne die erörterten Gebote, Traditionen und Verbote! Blixa Bargeld äußerte einmal, dass er angesichts eines auszufüllenden Formulars viel mehr Fantasie entwickle als bei der Gestaltung eines weißen Blattes Papier.
    In diesem Sinne: Dance on, Joinsen!

  2. Du verdankst der christlichen Tradition die freien Wochenenden ;-)

  3. Ist das ein Ironiesmiley oder ein “Wusstest du das schon?”-Smiley?