Am 1. Mai feierte ein breites Blockadebündnis in Berlin einen großen Erfolg gegen einen Naziaufmarsch, der nur wenige hundert Meter weit laufen konnte. Überrascht hat das keinen, denn derlei Bündnisse sind per definitionem immer ein Erfolg. Entweder weil die Nazis nur wenige an der Zahl waren, nicht weit kamen oder – wenn beides nicht der Fall war- einfach deshalb, weil es ein Bündnis gab. Da zeigt man Gesicht, da setzt man ein Zeichen, da verteidigt man seinen Kiez oder seine Stadt oder sein Land. Und dafür feiert man sich vorher, dabei und hinterher kräftig ab.
Die Blockade besteht zum größten Teil aus Wichtigtuern, die sich hier einen billigen Ego-Boost holen, der weder Aufwand noch Geld kostet. Es gibt, und da können selbst die Nazis nicht mithalten, keine andere Veranstaltung, auf der sich die Teilnehmer so unzweifelhaft im Recht sehen wie eine Nazi-Blockade. Damit steht auch schon fest, dass man für keine andere Veranstaltung weniger nachdenken muss, denn es ist alles schon so richtig, alles fühlt sich so gut an, man kann hier auf der Seite der Guten stehen. Das ist attraktiv, da will man dabei sein.
Die penetrantesten und unangenehmsten Genossen auf so einer Blockade sind sicher die, die mit Karte und Telefon bewaffnet auf der Suche nach der effektivsten Strategie sind. Erst den Wehrdienst verweigern und dann hier den Feldherren spielen. Warum auch nicht, wenigstens hat man hier nichts zu befürchten. Die Nazis sind weit weg hinter drei Wasserwerfern, und vor der Bullenkette sitzt erstmal Wolfgang Thierse. Wo Thierse ist, benehmen sich selbst Polizisten. Der Bundestagsoberschmock, der seinen Wahlkreis letztes Jahr blamabel an den Direktkandidaten von der Linken verlor und trotzdem Parlamentspräsident geblieben ist, lässt sich von der Polizei wegführen und betont, dass dieselbe nicht sein Gegner wäre, sondern nur ihre Pflicht tue, ebenso wie er seinen Bürgerpflichten nachkomme. Der Polizist muss sich eben an die Gesetze halten, aber die Bürger helfen ihm aus dieser Bredouille und stoppen die Nazis selbst. Das Selbstverständnis der Demonstranten ist ungefähr das eines inoffiziellen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes.
Als solche betätigen sich auch die zahlreichen Antifas, die mit dem “Ich bin Profi, ihr seid Amateure”-Blick über das Aufmarschgebiet defilieren. Dazu kommen viele Touristen, die mit der Attitüde des Fußballfans zum Aufmarsch kommen und nicht Deutschland gegen die Türkei, sondern deutsche Bürger gegen Nazis bejubeln. Das geht mit Bier, das geht aber auch mit Kinderwagen und taz. Hier verfließt die Grenze zum erzgrünen Stadtbürgertum, das sich unter anderem aus ehemaligen Maoisten und jungen Werbern zusammensetzt, die sich hauptsächlich durchs biologische Alter unterscheiden und Nazis “Ärsche” nennen.
Allen gemein ist das Ziel, das Böse zu stoppen. “Nazis raus” ist die Parole, aber kaum einer hat sich mal Gedanken darüber gemacht, was das “raus” eigentlich genau bedeuten soll. In Prenzlauer Berg ist man letzte Woche schon konkreter geworden:

Links: Zukunft geht nur ohne euch Rechts: Nazis raus aus Deutschland
Nur: Wo sollen sie denn hin? In die Ostmark? USA? Israel? West-Berlin? Und was passiert, wenn die Nazis da bleiben, bleibt dann die Zeit stehen und die Zukunft bleibt uns versagt, passiert einfach nicht? Fragen über Fragen. Aber ganz egal, wo man die Nazis hinschafft, der Volkshygiene wäre Genüge getan, wenn sie aus dem Land wären. Überhaupt gehören die gar nicht dazu, denn anständige Deutsche sind keine Nazis, wie schon diese unbekannte Dame an unbekanntem Ort wusste.
Gutmenschentum muss praktisch werden, sonst glaubt man es sich bald selbst nicht mehr. Also geht der gute Mensch heraus zum ersten Mai und blockiert die Nazis. Per Selbstermächtigung greift dann der kleine Mann und die kleine Frau in das Geschehen, das am nächsten Tag sogar im Fernsehen kommt, ein und dreht am großen Rad. Schaffen die Bösen nicht den ganzen Weg, wird die eigene Macht bejubelt. Worüber man nur hinter vorgehaltener Hand reden darf: Wer am Ende wo lang geht, wer wo eine Blockade machen darf und welche Blockade am Ende halten darf – das entscheidet allein die Polizei. Sie kann jeden Weg freimachen, den sie freimachen will. Und sie kann die Demo an jedem Punkt, an dem sie Lust dazu hat, auch wieder beenden.
Ebenso könnte der Staat die Demo auch von vornherein verbieten. Wo Holocaustleugnung verboten ist, wäre es ein Leichtes, auch die nationalsozialistische Wiederbetätigung auf der Straße zu verbieten. Wo man Berufs- und Parteienverbote erteilen kann, kann man auch solche Demonstrationen verbieten – allein, die Gerichte tun es nicht. Thierse könnte, wenn er denn solche Demos verhindern will, sich für ein Gesetz dagegen einsetzen, stattdessen setzt er sich vor Kameras auf die Straße und gibt den Bürgerdarsteller. Und ab und zu liest man, dass die Gegendemonstranten den Nazis “keine Bühne” bieten wollen. Kein Wunder, haben sie die Bühne doch längst selbst liebgewonnen.
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war auch vor ort und habe das selbe gedacht. egal was man macht, es ist irgendwie falsch. scheiß auf nazis, scheiß auf revolution. so wie ist, ist alles gut. oder auch nicht. keine ahnung.
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Schwierige Sache. Einerseits findet sich bei sowas das gleiche ekelhafte Mitläufertum und manirierte Coolnessgehabe, das dem guten alten Indie-Öko-Privatgymnasien-Neon-Nido-Bürgertum samt seinem diffusen Links-sein oft anhaftet, ebenso der herrisch-militante Antifahabitus, andererseits ist es nun mal so: Es gibt ,,keine andere Veranstaltung, auf der sich die Teilnehmer so unzweifelhaft im Recht sehen wie eine Nazi-Blockade”. Zu Recht.
Da erscheint die Welt tatsächlich mal unkomplex und die Viele scheinbar überfordernde Arbeit des Differenzierens braucht auch nicht geleistet werden.
Juhu!
Zum Thema ,,Nazis raus” liefern die beste Antwort wohl noch immer die Goldenen Zitronen:
,,Was heißt hier Nazis raus aus Deutschland? Hier gehörnse hin!” -
recht haste.
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Was mich freut: Die unvermutet hohe Produktivität der letzten Zeit- weiter so!
Was ein Dilemma ist: Bonde analysiert einige Phänomene im Zusammenhang der Anti-Nazi-Demonstration(en) sehr treffend, polemisch und unterhaltsam- dieser Beitrag hätte allerdings auch problemlos in der Jungen Freiheit veröffentlich werden können. Ist Bonde deshalb Nazi-Sympathisant? Nein. Da er aber den Schwerpunkt seiner Beobachtungen auf die teilweise abstoßenden und unvermeidbaren Sekundärphänomene (die Thierse-Charakterisierung ist brillant!) solcher Veranstaltungen legt, gerät der eigentliche politische Gegner aus dem Blickfeld. Der Schauplatz der Auseinandersetzung verlagert sich. Unter Umständen betreibt man in der Folge in erster Linie Kritik der lichterkettenbildenden Gutmenschen und verliert die Nazis aus den Augen. Die Konsequenz kann nicht darin liegen, eine pauschale Lösung zu finden. Man wird immer wieder den Kompromiss zwischen Zähne-zusammenbeißen hinsichtlich der Thierses und Maul-aufmachen in der Konfrontation mit Nazis finden müssen. Also ist auch diese Affäre leider widersprüchlich, anstrengend und eben doch: komplex. -
@77: erstmal buuuh, niemand klaut meine lieblingszahl.
es ist doch klar, warum sich hier ausschließlich auf die “linken” gegenveranstaltungen bezogen wird. an der demonstration und ihren hintergründen und begleiterscheinungen gibt es anscheinend kritik, und die wurde hier aufgeschrieben. übrigens, was soll daran jetzt so “junge freiheit” sein?
was würde das für einen sinn machen, jetzt einen artikel über die ideologie, etc. der nazis zu schreiben, den man doch eh in jeder tageszeitung vom tag nach dem 1. mai nachlesen kann? es ist sinnlos, hier etwas hinzuschreiben, dass in der gesellschaft sowieso zu 100% konsens ist (denn “anständige deutsche sind keine nazis”). zumal es ja noch nicht mal etwas neues wäre.
ich find den artikel gut so wie er ist. -
ja, ja bonde unter nazivergleich machste es nicht mehr – siehe dein schlechter artikel zum hsv-trainer. nur haben wir uns unseren “ego-boost” bei der verhinderung/störung von naziaufmärschen eben schon die letzten 15-20 jahre geholt und dabei die immer schon die lichterkettentragende zivilgesellschaft und trauergemeinden kritisiert und sind dabei ganz gut ohne dich ausgekommen. wie wäre es mal wenn du satt die berliner antifa zu behelligen mal vor der eigenen haustüre kehrst (nordsturm/standarte/faulenstrasse) oder traut sich da der “amateur” nicht bei?
sach ich mal so als zufällig an deinem blog vorbeidefilierender profi…
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Wenn die Bürger_innen nur Lenkungsmasse sein wollen — lass sie doch Lenkungsmasse sein. Die konkrete Alternative ist, verdammt nochmal, ein Aufmarsch von Neonazis.
Ich hätte mir einen kurzen Gedanken bezüglich einer möglichen Position zum Aufmarsch, die deiner Meinung nach vertretbar wäre, gewünscht. Ansonsten bleibt es halt bei »Haha, ja, wie doof sie sind.« und man hält mangels annehmbarer Handlungsmöglichkeiten die Füße still und lässt den Nazis ihren Raum. Das finde ich persönlich sogar noch schlimmer. -
Ich glaube die Kritik an den ,,eigenen Reihen” bezieht sich hier weniger auf die Nazi-Blockade, sondern wirft die Frage auf, wie es denn abseits von solch selbstverständlichem und daher bequemem Auf-die-Straße-gehen wie am 1. Mai um die bürgerliche/organisierte Politik- und Demonstrationskultur bestellt ist.
Nämlich dann, wenn es um komplexere Themen geht bzw. man sich gegebenenfalls selbst hinterfragen oder selbstständig positionieren muss.
Und dieser Prozess bringt, wie im Artikel zurecht kritisiert, oftmals bedenkliche Ergebnisse zum Vorschein: Selbstgerechtigkeit, Mitläufertum, naiv-unreflektiertes Parolendenken, Dogmatik, Heuchelei oder eben Sonntagnachmittags-Rebellentum.Was die ,,Lichterketten” und ,,Gutmenschen” betrifft: hier sollte man sich vor allzu großem Zynismus hüten, denn so aufgesetzt und bieder das Ganze wirken mag, so wenig ist es in seiner Wirkung zu unterschätzen.
Und welche anderen familienkompatiblen Protestformen gibt es schon?
Die Kinder in den Nachwuchskader der MLPD (für 3- bis 8-jährige) schicken? -
“Nazis Raus” zu fordern ist einfach dumm, allerdings war dies die einzige Parole die auch ‘funktioniert’ hat, bei einer so bürgerlichen Blockade.
danke an alle die da waren!
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@ bonde
aha. DER führer als neuer trainer beim hsv. sc und cfhh begeisterte statisten in deinen feuchten bremer träumen. ich behaupte mal das du noch nie irgendeinen nazi “umgescheppert” hast und auch am tag der befreiung wird wieder der ganze bremer haufen in trauter eintracht im “viertel” stehen und die einzigen die euren dorftrotteln was mitgeben kommen aus der grossen hansestadt. nichts für ungut – deine bemühungen im internet in allen ehren – aber immer nur über das faschoproblem vorort reden das bringts auch nicht. das nur als hinweis wenn wieder der fascho-hsv herhalten muss.
mit narzistischen grüßen!
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hahaha, da ist aber ein hsver angepisst!
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Mmh, geht’s hier jetzt eigentlich um den Artikel oder um Lokalpatriotismus und darum, welche Hansestadt die beste Currywurst hat?
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also der antifa sportgruppe HH (hahaha) geht es darum, dass seine HSV Hools die alle richtig toll sind die Bremer Nazis weghauen, weil das Bonde in Form der “Bremer-Antifa” eben nicht gebacken bekommt! hahaha
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Bonde sollt lieber wieder twittern. Da ist die verbale Gülle wenigstens auf 140 zeichen beschränkt. Ich schäme mich dich zu kennen.
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Wieso, haste Dich in dem Text wiedererkannt?
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der fluch der guten tat: da zeichnet bonde inhaltlich zutreffend ein bild der unreflektierten „gegen-nazis-haltung“ und bekommt prompt beifall von einem salon-nazi, der sich anschickt, seine ekligen und uralten ressentiments im internet zu veröffentlichen.
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Ich verbitte mir solche Unterstellungen. Welche angeblichen Ressentiments veröffentliche ich denn?
Über Leute wie Dich, die andere vorschnell abstempeln, habe ich gerade erst einen Kurzbeitrag veröffentlicht. Von Deiner Sorte scheint’s ja leider mehr zu geben.
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Ja, ja, ich merk’s schon. Kontroverse Standpunkte sind hier unerwünscht und stören die linksalternative Clubatmosphäre. Bye.
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Haha, der Hamburger Proll ist ja geil! Bist nen Hemd Bonde wa^^ Artikel find ich sehr passend und habs ähnlich gesehen. Muss weiter trainieren, muss weiter trainieren, muss weiter…




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