Vorhin rief mich ein Freund an und teilte mir mit, dass die WM völlig in die Binsen gegangen sei. Ich machte mich dann im Internet schlau und sah, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Sei es drum. Natürlich liegt es nahe, dieses Ereignis, nun als es nicht den vorhergesagten und gewünschten Verlauf genommen hat, als Ganzes zu kritisieren. Aber wem hilft denn das weiter, und wer soll das glauben, wenn nebenher doch deutlich hörbar Japan – Paraguay läuft.
Fußball ist geschichtsvergessen, wenn nicht gar offen revisionistisch. Es interessiert ihn nicht, was vor siebzig Jahren war. Es interessiert aber auch nicht, ob ein Ball hinter der Linie ist, ob jemand im Abseits steht oder ob es einen harmlosen Schubser gab. Der Sport ist beliebig, wenn die Schiedsrichterentscheidungen beliebig sind. Fußball ist Hättehätte Lichterkette, und das ist das was mich so ärgert. Günther Netzer findet das gut und meint, das sei das Tolle am Spiel, dass man hinterher raten kann, was passiert wäre, wenn die Regeln was wert wären. Anstatt das hinterher zu erraten könnte man es auch einfach während des Spiels sehen, das wäre irgendwie interessanter, aber nicht für Netzer.
Es ist müßig, über die Gründe für Fehlentscheidungen zu spekulieren, von Bestechung bis menschlichem Versagen ist alles drin. Und wer erlebt hat, wie Gastgeber Korea 2002 ins Halbfinale gepfiffen wurde,der darf eigentlich keinen Zweifel mehr daran haben, dass bei derlei Turnieren auch manipuliert wird, wo es nötig ist. Warum und wieso – darüber darf spekuliert werden, Verschwörungstheoretiker nach vorn. Ich tippe bei Uruguay gegen Ghana jedenfalls auf Ghana, obwohl ich Uruguay für stärker halte.
Der Kommentator sagt gerade, im Achtelfinale seien die 16 besten Teams der Welt, das ist natürlich Quatsch. Die Nationalmannschaften zum Beispiel von Bosnien, Kroatien, Russland und sicher einige Südamerikaner sind besser als Truppen wie Neuseeland, Honduras oder Nordkorea. Aber damit es eine Weltmeisterschaft ist und kein Gehege im Völkerzoo leer bleibt, muss auch aus jeder Ecke einer mitmachen. Schlecht ist das nicht, aber man sollte das zumindest wissen, wenn man anderen Leuten beruflich etwas über die WM erzählt. Das Niveau ist nach wie vor unterirdisch, was bei einer WM aber auch selten anders war. Ein Drittel der Mannschaften würde in Deutschland in die zweite Liga gehören, und was man in der Bundesliga sonst so zu sehen kriegt, ist ja auch nicht sonderlich unterhaltsam, habe ich gehört. Auch das kann man vorher wissen. Länder wie England oder Italien spielten dagegen einen Scheiß, über den man sich wundern muss. Andererseits haben die Italiener schon vorher mit ihrem Kader klar gemacht, dass sie von vorgestern sind. England – meine Güte! Alt und müde und ängstlich, in jedem Spiel. Zumindest an ersterem könnte man was ändern, aber ich weiß nicht, ob das wirklich helfen würde. Gemein mit den Franzosen ist den Stars der irre Glaube, sie seien auch ohne Leistung echte Helden beziehungsweise ihre Leistung sei immer groß, auch wenn sie klein war. Unglaublich, der Realitätsverlust bei Franzosen und John Terry, die nach unterirdischen Leistungen sich in der Position wähnten, gegen den Trainer vorgehen zu können.
Das Elfmeterschießen fängt an. Ihr wisst: JAPAN NAZIS MUST DIE. Mal gucken. Ich will, dass Nelson schießt. Nelson ist “ein guter Junge.” Da isser. Ist das spannend. Hach, ein toller Elfmeter! So, nun ist es aus mit Japan. Mehr als Achtelfinale wäre auch frech gewesen.
Nun also die Frage, wer im Viertelfinale nun zu unterstützen ist, da England und die USA ausgeschieden sind. Das ist eine einfache Frage. Hier die Reihenfolge:
1. Argentinien (Hier übernimmt das Primat des Sportlichen.)
2. Ghana (Kevin-Prince! Hoffentlich kann er überhaupt weitermachen.)
3. Holland (Spielt hässlich und gewinnt, die Deutschen hassen sie. Passt.)
4. Brasilien (Wird Weltmeister, joine das winning team!)
5. Spanien (Ist doch echt egal, wer die Deutschen rauswirft, Hautpsache jemand tut es. Spanien kann es zur Not im Halbfinale.)
6. Paraguay
7. Uruguay
8. Deutschland (Toller Fußball!)
Ja, es stimmt: Portugal fliegt nachher raus.
Was fast mehr nervt als der Flaggenwahn draußen, ist die Kriegsberichterstattung in den Medien. Dass es beim Fußball keinen kritischen Journalismus mehr gibt, war klar, aber das Ausmaß des Burgfriedens ist beeindruckend. Kritik an Manuel Neuer findet nicht statt, egal wie tapsig der knuddelige Manu durch seinen Fünfmeterraum irrt und springt. Mertesacker wird, anstatt ihn für seine Leistungen zu kritisieren, an seine früheren Taten erinnert, und Joachim Löw ist längst ein Nationalheld, weil Deutschland im Viertelfinale ist. Jeder Gegner wird vorher in den Boulevardzeitungen beschimpft und in der Qualitätspresse werden seine Schwächen analysiert. Die Einheit von Volk und Mannschaft ist perfekt, was jetzt noch stört sind diejenigen, die nicht mitmachen wollen. Man muss das Pack noch nicht einmal beschimpfen, es reicht wenn man an Deutschlandfans nach einem Sieg nur vorbeigeht, damit die fragen, warum man denn nicht feiere und ob man sich nicht einfach mal freuen dürfe.
Zeit für den Erlöser.
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Jaha. Japan Nazis must die! Schon richtig. Aber auch: die hatten im Gegensatz zu Paraguay immerhin eine ungefähre Idee, wie man konstruktiv Richtung gegnerisches Tor spielen könnte (wenn man denn könnte) und hatten damit meine Sympathien. Emanzipation, vorwärts und so, jetzt. Jedenfalls manchmal, wenn sich´s grad anbietet usw. Jedenfalls: schon wieder haben die Falschen(!) gewonnen! Und: Ja, in mir ist der Ästhet voll da. Notfall! Die Paradefeindbilder der Deutschen wie USA (können´s leider wirklich noch nicht, die Sache mit dem Fußball), England (herrje, hätte mir mal jemand sagen können, dass sie´s auch nicht können, weil konnt´ ich doch nicht wissen!) und Italien (wusste ich, war aber bisher noch nie, nie ein Problem) sind raus und damit bleibt: Holland. Nö. Spielen wie Kartoffeln vor vier Jahren und wären wahrscheinlich selber gern welche. Daher die Antipathien der wahren Kartoffeln. Brasilien, die spielen wie Kartoffeln vor zehn Jahren, Robinho, diese Jahrmarktsattraktion tatsächlich noch ernsthaft mitmachen lassen, und ständig irgendwelche Götter anbeten, nee, also. Ghana! Ja, find ich gut – aus persönlichen Gründen, die ich nicht ausführen werde, und wegen dem Dings, diesem Typen aus diesem Problem… – wie sagt man – der den Ball… naja, umgetreten, wie auch immer, der ist ein guter Fußballer, echt jetzt!, kann Werder den bitte mal kaufen?! – schnell! weil der Frings, weiß nicht, wie lange der noch… – was ich sagen wollte: Ghana is alright. Schafft´s aber nicht. Schon wieder schade. Ihr merkt schon, viel bleibt da nicht. Und obwohl ich es irgendwie charmant fände, wenn dieser gar nicht mehr so dicke Typ aus dem zwar Faschismus-affinen Land, der sich jedoch, so gut er konnte, persönlich sehr überzeugend zum Hedonismus bekannte, ab übermorgen oder so dem hierzulande als Kaiser gehuldigten Dampfplauderer aus Giesing auch statistikmäßig ebenbürtig wäre, – da müsste fußballerisch schon noch mehr kommen von Argentinien. Ich liebe Euch alle ist zwar eine schöne Haltung gegenüber der eigenen Mannschaft und eine tolle Reminiszens an den Mielke, Erich, die jede anständige Kartoffel, sogar mich, irgendwie nervt, also toll ist, aber halt nicht reicht. Es ist bitter. Akzeptabel ist nur Spanien. Die hasst hier fast keiner. Liegt aber auch daran, dass die einen Fußball spielen, den hier niemand versteht. Kontrolliert, über Kurzpässe, wenn einer derer, die für was Besonderes stehen, was macht, passiert vielleicht was Außergewöhnliches. Tor. Oder auch nicht. Sonst: Erledigen die ihre Dinge. Wunderbar. Thomas Schaaf in disguise! I Love it. Das Werder der Nationalteams must win!
Wollte das alles jemand wissen?
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Spanien did the job! jährte sich nicht soeben auch wieder der Tag des denglish? mal so gefragt?




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