Wir befinden uns im Sommerloch, also der nachrichtenlosen Zeit in der Mitte des Jahres. Die Nachrichtenproduzenten machen Urlaub und lassen uns allein zurück. Das macht aber nichts, weil die Nachrichten im Rest des Jahres auch nicht gehaltvoller sind. Seien es die beliebigen schlaumeierisch aufbereiteten Agenturfetzen bei Spiegel Online oder die im lässigen Plauderton hingerotzten Eigenmeinungen in den linken Medien (ICH MEINE DICH, “KONKRET”) – ich verschwende meine Zeit in 90% der Fälle, in denen ich Nachrichten aufrufe. Und, soviel sei hier preisgegeben, ich rufe die Nachrichten oft auf. Ihr dagegen habt es besser. Ihr sitzt in Euren heimeligen Sofas auf grünen Wiesen, genießt das Leben und lest dann einfach nur das, was wirklich interessant ist.
Zum Beispiel den Text von “Les Madeleines” in der Jungle World von heute, der für Euch Geizhälse noch nicht online ist. (Inzwischen schon.) Die Gruppe beschäftigt sich mit dem Konzept der sogenannten Definitionsmacht. Die Definitionsmacht soll allen Menschen in linken Zusammenhängen die Macht geben, alles als sexuellen Übergriff auf sich selbst zu definieren, was sie möchten, mit verschiedenen Konsequenzen, auch für den von ihnen ebenfalls bestimmten Täter. Klingt wahnsinnig, ist es auch. Kann man, wenn man das erste Mal davon hört, nicht so richtig glauben, stimmt aber. Wie wahnsinnig es aber wirklich ist und wie absurd die eigenen Publikationen der Definitionsmachtfreundinnen und -freunde sind, das kann man jetzt bei den Les Madeleines nachlesen. Wenn man die Jungle World kauft. Oder bis Sonntag wartet.
Ebenfalls in der Jungle kann man mal wieder innovative Nahostberichterstattung lesen. Nachdem die libanesische Armee das Feuer auf israelische Soldaten in Israel eröffnet hatte, frohlockt Hannah Wettig im Blatt, dass “der Libanon sich an eine Hauptforderung der Israelis inzwischen hält. Nicht mehr die Kämpfer der Hizbollah patroullieren an der Grenze, sondern Soldaten der libanesischen Armee.” Man kann sich die Jubelstürme in Israel geradezu vorstellen, dass man da jetzt endlich von den Richtigen erschossen wird. Klasse auch, wie man diese beiden Sätze hintereinander schreiben kann: “…dem folgte an der Nordgrenze die Attacke der libanesischen Armee. Im Libanon befürchtet man, der Angriff aus Israel könne ein Test für einen neuen Krieg gewesen sein.”
Hier läuft alles noch nach der guten alten Ausrede: “It all started when he hit me back!” Was wirklich war, ist schnell zusammengefasst.
Die englischsprachigen Blogger zum Thema lesen gerade alle Jeffrey Goldbergs Überlegungen und Interview-Fetzen zu einem möglichen Angriff Israels oder der USA auf die iranischen Atomanlagen. Das ist sehr interessant zu lesen, weil der Mann mit vielen Leuten gesprochen hat, die entweder wissen, wovon sie reden, oder die selbst an den Entscheidungen beteiligt sein werden. (Auch von denen wissen manche, wovon sie reden, zum Glück.)
Und während ich beim Lesen so dachte, dass das ja echt interessant ist, blieb ich hinterher doch mit wenig mehr Wissen als vorher zurück. Die Israelis wollen nicht, dass der Iran die Atombombe bekommt. Die Amerikaner wollen das auch nicht. Ob Sanktionen funktionieren werden (Antwort: vielleicht), ist nicht Goldbergs Thema. Es ist die Frage, ob jemand andernfalls die Atomanlagen bombardiert. Die USA könnten das tun und sagen, dass es durchaus erwogen wird, aber man glaubt ihnen nicht so richtig, weil Obama nicht der Typ dafür ist. Die Israelis könnten es vielleicht durchführen, sind sich aber auch noch nicht sicher, ob es denn, falls möglich, erstrebenswert ist. Schließlich würde es weitreichende Folgen haben, zunächst mal ein Krieg mit Hamas und Hisbollah, dazu diplomatischer Ärger mit der ganzen Welt inklusive den Amerikanern.
Vielleicht ist die Erkenntnis aus Goldbergs Artikel, dass weder die Sachlage klar ist, noch die Entscheidungen gefallen sind. Alles bleibt möglich. Ein plausibler Zeitplan scheint zu sein, dass zum Jahreswechsel eine Entscheidung gefällt wird und der Militärschlag dann im Frühjahr oder Sommer durchgeführt würde.
Einen lauten Aufschrei, mit dem der Tod der an Massenvernichtungswaffen werkelnden Ingenieure beklagt wird, wird es dann auch bei Spiegel Online geben. Auf welchem Niveau sich das meistbesuchte deutsche Nachrichtenportal bewegt, kann man ganz gut nachvollziehen, wenn man Niggemeiers Headline-Sammlung liest. Wäre alles doppelt so lustig, wenn wir es hier nicht mit einem deutschen Leitmedium zu tun hätten, das sich auch als solches versteht. Spiegel-Autoren geben sich stets allwissend, sie belehren die Leserinnen über den Gegenstand ihres Artikels. Dabei halten sie gekonnt die Distanz zum Gegenstand und heben sich und damit auch ihre Leserinnen über denselben hinaus. Es ist dieser Stil, der die Millionen von Nahost-Experten hervorbringt, die vor Deutschlands DSL-Anschlüssen herumwuseln. Wer Ulrike Putz gelesen hat, kann niemanden, über den sie geschrieben hat, mehr ernst nehmen. Nicht die Israelis, nicht die Islamisten in Gaza und Libanon und erst recht nicht Ahmadinedschad in Teheran.
Denn man versteht dann alles und jeden, und natürlich versteht man, dass alles was sie machen irgendwie irrational motiviert ist, und auch dafür hat man Verständnis. Das ist das Wichtigste: Wer den Spiegel gelesen hat, der hat Verständnis dafür, dass alle immer alles falsch machen. Die einen weil sie arm sind, die anderen wegen des Holocaust. Man versteht, dass Homöopathie nicht funktioniert, man versteht aber auch, warum alle trotzdem in die Apotheke rennen und Globuli kaufen.
Wir sollten also eigentlich dankbar dafür sein, dass das im Text behauptete Allwissen bei SPON zumindest in der Headline glaubwürdig dementiert wird. Dabei macht gerade diese Mischung das Angebot so attraktiv. Mit der Lesekompetenz eines Achtjährigen kann man bei SPON zum Experten für alles mögliche werden. Der große Bescheidwisser-Stil macht es möglich. Und der neueste Klatsch und Tratsch liest sich auch gleich viel besser, wenn man ihn in einem Qualitätsmedium liest. Dass die ganze Panorama-Redaktion von BILD eingekauft wurde, interessiert da nicht weiter.
Paradedisziplin ist natürlich die deutsche Politik. Da raunen sich die Redakteure einen zusammen, interpretieren die Verlautbarungen aus den Parteien bis ins kleinste Detail, befragen dann noch den Hausmeister vom Willy-Brandt-Haus und zitieren ihn als “Quelle aus der Partei”, fertig ist ein Text, der seinem Leser das schöne Gefühl gibt, die große Politik verstanden zu haben. Er ist jetzt in der Lage, zwei Stunden später eine Prognose zur Politik abzugeben, die gut informiert daherkommt. Das ist einerseits schlecht, weil das eigene Denken bei dieser Art von Berichterstattung ausfällt. (Was bei einem Magazin noch akzeptabel ist, nicht aber bei der oft einzigen täglichen Nachrichtenquelle.) Und andererseits, weil viele Artikel so mies sind wie die von Ulrike Putz und die Leute, die sich bestens informiert wähnen und selbstgerecht daherschwadronieren, keine Ahnung haben oder geradewegs falsch informiert sind.
Zuletzt: Was Intifada und Friedensprozess so mit sich gebracht haben. Der sogenannte Friedensprozess und die beiden Intifadas in Palästina haben dazu geführt, dass Israelis und Palästinenser nichts mehr miteinander zu tun haben, sie haben keinen Kontakt mehr zueinander. Das ist das Gegenteil von dem, was Oslo mal versprochen hatte. Es führt auch dazu, dass die jungen Menschen in Gaza offenbar noch negativer gegenüber Israel und Juden eingestellt sind als die älteren.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die Verteidiger der Hamas wie zum Beispiel Helga Baumgarten einmal beim Wort zu nehmen. Ihre Erzählung ging jahrelang ungefähr so: Die Hamas war mal radikal, aber jetzt geht sie denselben Weg wie die Fatah und ist deshalb ein guter Partner für Verhandlungen.
Wenn man nun sieht, dass der Judenhass offenbar in der neuen Generation noch schlimmer ist als in der davor, wird das alles schwer vorstellbar. Das macht aber für Leute wie Baumgarten nichts, weil natürlich Israel dran schuld ist, dass die Welt gar nicht so ist, wie Baumgarten sie beschrieben hatte.
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“Les Madeleines” sind aber auch eine ziemlich ziemlich komische gruppe. hab die pfosten auch schonmal live erlebt. weiß nicht ob du dich wirklich so positiv auf die beziehen willst. zudem eine indirekte aufforderung für die unterstützung staatlicher organe/justiz etc. anstatt von eigenen lösungen? [x] grüne voten.
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Gruppe hin oder her, der Text von denen ist das Beste, was ich zu diesem Thema seit langem gelesen habe.
Manchmal ist mir die Unterstützung staatlicher Organe viel lieber, als ein linker Staat im Staate!
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Ein linker Staat ein Fortschritt? Doch wohl eher die Verdopplung bzw. Verewigung der Regression.
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Danke für den Hinweis auf den Definitionsmacht-Wahnsinn. Ich finde es erstaunlich, dass der Text der Madelaines überhaupt nötig ist. Eine intellektuelle Auseinandersetzung könnte ja auch am Anfang einer Wahnsinnsidee geschehen. Vermutlich ist das Internet schuld an solchen Auswüchsen.




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