September 2010

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…und was sie wirklich dabei denken.

Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsraison!
Am besten fürs Vaterland ist es, wenn wir uns nicht wieder mit denen anlegen, die regieren die Welt!

Das ist die Wiedereinführung der DDR durch die Hintertür!
Ich zahle meine Steuern nur ungern, wenn andere Menschen von ihnen profitieren.

Leistung muss sich wieder lohnen!
Mehr für mich zu fordern fände ich egoistisch und falsch, aber wenn die anderen noch weniger bekommen könnten, das wäre doch eine gute Lösung!

Man muss die Menschen vor diesen Leuten schützen!
Mit „Menschen“ meine ich meine Familie, mit „diesen Leuten“ alle anderen.

Ich habe eben ein traditionelles Familienbild.
Ich verdiene mehr als die meisten Deutschen und kann deshalb eine Familie ernähren. Außerdem schätze ich die Stabilität und Hingabe, die finanzielle Abhängigkeit in eine Ehe bringt.

Das ist gesamtwirtschaftlich nicht sinnvoll.
Das ist eine Umverteilung, von der ich nicht profitiere.

Zu dieser Reform gibt es keine Alternative.
Das ist eine Umverteilung, von der ich profitiere.

Ach, das bisschen WM-Patriotismus ist doch nicht politisch.
Wer meiner Meinung ist, ist nicht politisch, sondern hat einfach nur recht!

Was damals passiert ist, darf sich auf keinen Fall wiederholen.
Sechs Millionen! Sechs Millionen deutsche Frauen hat der Russe damals vergewaltigt. Ungefähr.

Wer Arbeit sucht, der findet auch welche.
In Deinem Alter war Hitler schon Postkartenzeichner!

Man muss auch über deutsches Leid sprechen können.
Es wäre doch für alle das Beste gewesen, wenn wir den Krieg gewonnen hätten.

Ich bin ein überzeugter Transatlantiker!
Am besten fürs Vaterland ist es, wenn wir uns nicht wieder mit denen anlegen, die regieren die Welt!

Ich bin für eine soziale Marktwirtschaft.
Marktwirtschaft da, wo ich mich durchsetzen kann, sozial da, wo ich es nicht kann.

Das ist nicht zu finanzieren.
Davon würde ich nicht profitieren.

Wir müssen den Gürtel enger schnallen.
Ihr müsst den Gürtel enger schnallen.

Dominik Brunner ist ein Held.
Boah, wie gerne würde ich mal einem Heranwachsenden ins Gesicht schlagen und ein letztes Mal ‚ne Ladung Testosteron und Adrenalin spüren!

Wir hatten ja früher viel weniger als Ihr heute.
Ich halte Produktivitätssteigerung für ein ungerechtes Phänomen.

Wir müssen in Bildung investieren!
Aber nicht von meinem Geld.

Wir müssen mehr Geld für Bildung ausgeben!
Ihr zahlt jetzt Studiengebühren.

Das hat es früher nicht gegeben.
Und jetzt bin ich zu alt, um mitmachen zu können :(

65 Jahre nach…
Das ist jetzt aber wirklich das letzte Mal, dass wir darüber reden! DAS. LETZTE. MAL.

In unserer Gesellschaft geht es gerecht zu.
Ich kann nicht klagen.

Jeder ist seines Glückes Schmied.
Mit der Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Wohlstands bin ich ganz zufrieden.

Ich glaube, ich werde auf meine alten Tage doch noch ein Linker.
Ich habe meinen Job verloren.

Atomkraft ist sicher.
Ich hab zwar keine Ahnung, aber die Grünen gehen mir auf den Sack.

Ich bin gegen anstrengungslosen Wohlstand!
Ich habe keine wirklichen Probleme.

Ich bin für den schlanken Staat.
Solange er mir fette Autobahnen baut.

Ich gehe arbeiten, und die machen sich auf Staatskosten ein schönes Leben!
Ich kann nicht bis 359 zählen.

Die Linkspartei muss ihre Stasi-Vergangenheit aufarbeiten.
Mit den Alt-Nazis in den Spitzen von Union und FDP hatte ich kein Problem. Und 65 Jahre nach…

Wir müssen den Terrorismus entschlossen bekämpfen.
Morgen überweisen wir 500 Millionen Euro nach Ramallah, übermorgen stürmen wir das autonome Jugendzentrum Paderborn mit dem SEK.

Ich bin stolz auf Deutschland.
Andere Länder finde ich doof, weil sie mit ihrer verbrecherischen Vergangenheit nicht so gut umgehen.

Ich bin auch für Gleichberechtigung.
Im Rahmen der gegebenen Fähigkeiten! Frauen sind eben besser am Herd und mit den Kindern.

Der Staat muss verantwortungsbewusst mit den Steuergeldern umgehen.
Ich halte es für unverzichtbar, ein paar Märchenerzähler in komischen Kostümen mit Steuergeldern zu bezahlen.

Deutschland braucht eine starke Armee.
In Frankreich hat ein Jude den Finger am Atombombenknopf und die Tschechen werden auch immer frecher.

Das ist doch blanker Linkspopulismus!
Das weicht von der reinen, wahren Lehre ab. Womöglich glauben das die Leute auch noch!

Daran ist der linke Zeitgeist schuld.
Der Einzelne ist nie schuld. Es sei denn, er ist arbeitslos. Oder linker Politiker. Oder Demonstrant.

Da ist die Politik gefordert.
Irgendwas wird man schon verbieten können.

Hier herrscht noch Recht und Ordnung.
Ich freu mich über jeden, der von einem Polizisten auf die Fresse bekommt.

Mindestlöhne würden der Wirtschaft schaden.
Ich habe keine Lust, am Strand der DomRep meiner Putzfrau zu begegnen.

Das wird man jawohl noch sagen dürfen!
Das steht seit Jahren in jeder Ausgabe jeder Zeitung jeder politischen Richtung.

h/t: Spirit of Entebbe

Bis zu fünf Euro winken jedem, der ein weiteres Hartz IV-Symbolbild für tagesschau.de baut:

Nachtrag, 27. September: Offenbar hat schon jemand einen ganzen Tag lang Symbolfotos gebastelt, die jetzt nach und nach verarbeitet werden:

Hartz IV-Empfänger werden sich von ihrem Geld höchstwahrscheinlich weder Scrabble kaufen noch den ganzen Tag Russisch Brot mampfen (selbst wenn es so schön karg aussieht). Man sollte vielmehr mal illustrieren, was man sich von fünf Euro so kaufen kann (zum Beispiel vier Tüten Russisch Brot), und wie sich ein Kind über ein Spiel für null Euro freut (zum Beispiel einen Stock).

Nachtrag, 28. September: tagesschau.de hat noch lange nicht fertig. Diesmal gibt es soagr schwarzrotgold:

Hilfe bizarr?

Eben habe ich mein Ikea-Bett verkauft. Ich habe es über eBay-Kleinanzeigen für zwanzig Euro verkauft, das ist ziemlich günstig für ein Bett mit Lattenrost und Matratze in gutem Zustand. Nun war eben ein junger Mann da, der mir schon per Email mitgeteilt hatte, dass er für eine Jugendeinrichtung sammelt. Als er heute hereinkam, sagte er, dass mein Bett nun nach Tansania gehen werde. Vielleicht sagte er das, damit ich ihm die zwanzig Euro erlasse, was ich aber nicht getan habe. Trotzdem halte ich es für gut möglich, dass dieses Ikea-Bett jetzt nach Tansania geschafft wird.

Nachdem die Kritik an sinnloser Entwicklungshilfe in den letzten Jahren den Mainstream erreicht hat, frage auch ich mich jetzt, ob das nicht völliger Quatsch ist, ein Ikea-Bett nach Afrika zu verschicken, für das man hier schon zwanzig Euro bezahlt hat. In Tansania ist das BIP/Kopf bei 300 Euro, mein Bett kostet also 15% 6,7% dessen, was ein Tansaniaaninarer Bewohner von Tansania im Jahr an Geldwert produziert. Ob man mit dem Geld vielleicht etwas sinnvolleres machen könnte, vielleicht einen Zimmermann dort zwölf Betten bauen lassen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass er die Bemerkung nur des Geldes wegen gemacht hat. Schließlich sah er ziemlich vernünftig aus. Andererseits bin ich mir auch sicher, dass genau solche Dinge in der Entwicklungshilfe zumindest schon passiert sind, wenn sie nicht immer noch passieren.

eBay-Kleinanzeigen ist übrigens cool, cooler als Ikea allemal, selbst wenn man Ikea-Möbel kaufen will. Die Nützlichkeit steigt mit der Einwohnerzahl der Region, in der man wohnt.

Verbrochenes.net, das sympathische Weblog für alle Menschen, gibt es jetzt auch im Internet! Dabei kann das nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zum Großen Ganzen, das sich sicher nicht von alleine abschafft. Deshalb haben wir jahrelang am Großen Wurf gearbeitet, der uns jetzt wieder nicht gelungen ist. Stattdessen haben wir ein neues Wirtschaftssystem entwickelt. Es heißt Bondismus, weil ich eitel bin und unbedingt in die Geschichtsbücher will. Es basiert auf Enteignungen und ist deshalb geeignet, für großes Aufsehen und Jubel bei den ausgebeuteten Massen zu sorgen. Das beste am Bondismus ist allerdings, dass man ihn auf einem Bierdeckel erläutern kann. Dabei ist das nicht einmal die einzige Eigenschaft des Bondismus, die unseren zahlreichen liberalen Freunden aus dem Parteibuch spricht.

Bondismus ist Enteignung und Kapitalmacht – the best from both worlds. Im Sinne einer offenen Gesellschaft, einem Staat, der das Maul hält und individueller Freiheit wird die Gesellschaft nach unserer Machtergreifung radikal-liberal organisiert. Sozialdemokratische Umtriebe werden verboten und insbesondere das Westoderland vollständig entsozifiziert. Das war es dann aber auch mit den Eingriffen. Ansonsten regiert hier niemand mehr, außer dem Geist der Chicago-Boys.

Aber was ist mit den furchtbaren sozialen Folgen? Was mit den Besitzlosen, den Bildungsfernen und den Beamten? Wer soll für sie sorgen, wenn die libertäre Ideologie regiert und es weder Sozialstaat noch öffentlich-rechtliche Medienanstalten gibt?

Sie selbst natürlich, da sind die kommunistisch-libertären Ideologen des Bondismus sich ganz einig. Und ich verbitte mir Sozialdemokratismusvorwürfe, wenn ich sage, dass diese Menschen natürlich erst einmal in die Lage versetzt werden müssen, sich selbst zu helfen. Zu diesem Zwecke werden wir knallhart durchgreifen: Sämtlicher Privatbesitz wird enteignet. Anschließend wird alles – abzüglich einiger Annehmlichkeiten für die Revolutionäre und ihre Vordenker – vollkommen gleichmäßig auf alle Menschen verteilt. Wie das zu geschehen hat, müssen Leute ausarbeiten, die sich mit Wirtschaft und Politik auskennen, ich bin Visionär, ich habe andere Sorgen. Vermutlich sind Aktien eine gute Idee.

Jedenfalls wird der gesamte Besitz im befreiten Gebiet direkt wieder in Privatbesitz überführt. Nach diesem Neustart des gesellschaftlichen Konkurrenzkampfes kann jede mit ihrem Teil machen, was sie will. Sie kann alles verkaufen und mit dem dann frei gewordenen Kapital eine Pommesbude eröffnen oder alles versaufen und anschließend betteln gehen. Natürlich kann man auch eine Kirche neu gründen, alles ist erlaubt. Und alles macht einen Riesenspaß. Denn das größte Übel des Kapitalismus, dass man selbst meist nämlich gar kein Kapital hat, ist beseitigt.

Nun, wenden die Abiturienten ein, ist doch aber ohne den Sozialstaat und das ganze Gemurkse bald wieder großes Elend angesagt. Hunderttausende unfähige Ex-Privilegierte werden ihr Startkapital längst mit skurrilen Geschäftsideen, die selbst im Bondismus/Kapitalismus zum Scheitern verurteilt sind, durchgebracht haben und schließlich auf den Straßen für Kriminalität ungekannten Ausmaßes sorgen. Und sowieso, die nächste Krise kommt bestimmt, das bringt das freie Wirtschaften so mit sich. Das ist richtig, aber es gibt eine Lösung. Bondismus bedeutet zyklisches Handeln, und Handeln bedeutet stetiges Enteignen. Nach einem stets gleichen Intervall, mir schweben da aktuell etwa 20 Jahre vor, wird erneut totalenteignet. So werden die gesellschaftlichen Besitzverhältnisse wieder gleichgemacht. Wohlgemerkt gleichgemacht, nicht „auf null gesetzt“, wie die reaktionäre Propaganda behaupten wird. Denn schließlich ist der gesamte gesellschaftlich gemachte Reichtum immer noch da, er kann auch weiter genutzt werden, nur die abstrakten Besitzverhältnisse sind wieder andere.

Aber was wird in den Jahren vor der Enteignung passieren? Wer strengt sich noch an, wenn bald sowieso wieder alles enteignet und dem nutzlosen Pöbel gegeben wird? Spannende Frage, finde ich auch! Wahrscheinlich ist, dass die Welt in den Jahren vor der Enteignung zu einem grotesken Konsumfest wird, in dem alles verbraucht und wenig produziert wird. Es werden wilde Jahre, es wird aufregend, und es wird etwas ganz Neues. Nach der Enteignung dagegen wird es an vielen Dingen mangeln, es wird gearbeitet werden wie nach einem Krieg und es wird Vollbeschäftigung geben und eine ungeheure wirtschaftliche Dynamik, einen Fortschrittsschub, eine rasante Jagd in die Zukunft.

Bondismus ist insofern permanente Revolution. Privateigentum wird auf die Spitze getrieben und gleichzeitig de facto abgeschafft. Individuelle Freiheit ist garantiert. Und Krieg gibt es auch, mit dem imperialistischen Ausland natürlich. Die Bewohner der befreiten Republik werden gerne für den Großen Verteidigungskrieg zahlen, wenn die Konterrevolution sie zurückenteignen will.

Für den Anfang würde es reichen, einmal die reichsten Zehntausend zu enteignen. Natürlich nicht im Sinne der DKP, die die wichtigsten Unternehmen gerne von Leuten verwalten lassen würde, die genauso unfähig und erfolglos sind wie sie selbst. Nein, man muss die herrschende Klasse enteignen und das ganze Zeug direkt in den Privatbesitz aller Menschen überführen.

Gestern wollte ich bereits eine Partei gründen, mir wurde beim Amt aber mitgeteilt, dass unsere Bewegung schon erstmal einen Wikipedia-Eintrag haben müsse, bevor Finanzamt oder der Verfassungsschutz da irgendwie tätig werden könnten. Ich habe also eine PR-Agentur damit beauftragt, erst einmal für eine umfassende öffentliche Darstellung der bondistischen Bewegung und ihrer Ziele zu sorgen. Anschließend geht es dann richtig los. Mit Luftballons, Kugelschreibern und Schlüsselbändern. Ich zähl auf Euch.

Im Zuge der Umbauarbeiten im Weserstadion kommt es zu größeren Veränderungen als bisher angenommen. Erstmals soll in der Bundesliga das sogenannte „Kabinenmodell“ eingeführt werden. Dabei haben sich die Verantwortlichen von Werder Bremen etwas in einer ganz anderen Branche abgeguckt: Ähnlich den in Pornokinos installierten Kabinen sollen nun auch Fußballfans in den Genuss eines ganz privaten Vergnügens kommen. Die Kabinen sind gut 1,20m breit und bieten durch Plexiglasscheiben einen komfortablen Blick auf das Spiel. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, soll das Weserstadion das erste vollständig durchkabinierte Stadion der Welt sein, mit gut 32.000 Einzelkabinen auf allen vier Tribünen.

Ein ehemaliger Erotik-Unternehmer berät den Verein in der Sache und erläutert das Prinzip: „Die Kabine hat den großen Vorteil, dass man ganz alleine ist und in Ruhe das Spiel sehen kann. Alles, was beim Fußball früher unangenehm war, fällt jetzt weg, und das Live-Erlebnis bleibt erhalten.“ Der Verein reagiert mit dem Umbau auf Wünsche seiner Fans und auch der Polizei. Viele Fans hatten sich erst kürzlich wieder über Bierbecherwürfe beschwert. Durch gewöhnliche Baumaßnahmen war diese Gefahr nicht zu bannen, so dass die unerträgliche Sicherheitssituation kreative Lösungen verlangte. „Wir können es unseren Fans, gerade den Älteren, nicht länger zumuten, sich in der Nähe von biertrinkenden anderen Fans ein Fußballspiel anzusehen. So ein biertrinkender Fußballfan, und so sehen das auch unsere Fans, der ist ja eine niemals richtig zu beherrschende Gefahr“ sagt der Sicherheitsbeauftragte von Werder Bremen.

Ähnlich war es mit der immer noch üblichen Unsitte, anderen Fans die Sicht zu versperren. Wie eine Untersuchung durch den Fanbeauftragten ergab, konnte man in 5% des Stadions oftmals weniger als 92% des Spielgeschehens verfolgen, weil etwa Fahnen geschwenkt wurden oder Menschen wahnhaft auf und ab hüpften. „Das hat wirklich eine bedrohliche Dimension, dieses Hüpfen“, sagt eine Betroffene. Aber auch dafür soll im Weserstadion Platz sein, findet der Fanbeauftragte: „Werder ist ein Verein für alle Menschen, und hier sollen sich auch alle ausleben können.“ Das neue Kabinenmodell sorgt jetzt dafür, dass jeder auf seinen 1,2 Quadratmetern so Fan sein kann, wie er das gerne will. Sogar laut singen ist jetzt möglich, ohne andere Fans zu stören: Die Kabinen sind schalldicht. Das heißt aber nicht, dass keine Kommunikation mehr möglich wäre. Denn über ein Lautsprechersystem kann der Verein weiterhin tolle Musik und wertvolle Produkthinweise an seine Gäste weitergeben.

Ein Herzenswunsch der ganz treuen Fans, der Ultras, wurde ebenfalls erfüllt: In zehn mit spezieller Belüftung ausgestatteten Kabinen ist jetzt das Abbrennen von Pyrotechnik möglich. Die Sichtfenster der Kabinen sind im ganzen Stadion so ausgestattet, dass man nur in einer Richtung hindurch schauen kann. So kann in der Kabine das ein oder andere Bengalo gezündet werden, ohne dass andere Fans durch das Licht geblendet werden. „Mit dem neuen Kabinensystem kann der Ultrafan von heute sich richtig ausleben“ sagt stolz der Vorsitzende des Dachverbands der Bremer Fanclubs, „das war uns wichtig.“ Auch die den Ultras so wichtige Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern, ist nun endlich wieder gegeben. Der Sicherheitschef: „Wir erlauben jetzt sogar wieder Spruchbänder, in denen der Gegner beleidigt wird. Die Ultras wollten das gern, und durch die baulichen Gegebenheiten haben wir dafür gesorgt, dass es auch kein Problem mehr ist.“

Auf Wunsch kann die Scheibe, durch die der Zuschauer das teilweise doch bis zu zwanzig Meter entfernte Spielfeld sieht, auch durch einen modernen Bildschirm ersetzt werden. So sind Werders Fans immer direkt auf Ballhöhe, können Wiederholungen sehen und bei Nichtgefallen des Spiels auch einfach ein anderes gucken. Überhaupt haben die Fans jetzt viel mehr Freiheiten. Sie können in ihrer Kabine machen, was sie wollen. Dauerkabinenbesitzer können sich ihr Domizil auch individuell gestalten und zwischen drei verschiedenen Designs wählen. Mit dem Zusatzpaket „Sound“ können die ganz traditionsbewussten Fans sich auch Fangesänge über kleine Lautsprecher einspielen lassen. Diese Gesänge waren vorausschauend schon in der letzten Saison aufgezeichnet worden, um ein echtes Stadionfeeling möglich zu machen. Zahlende Kunden können zwischen den Kanälen „Bremen“, „Italien“, „England“ und „Türkei“ wählen, welche Atmosphäre in ihrer Kabine herrschen soll.

Finanziert wird die neue Regelung vor allem über die Eintrittspreise. „Ein besseres Produkt darf auch mehr kosten“ ist der Gedanke, der hinter der Modernisierung steht. Kurz wurde erwogen, doch noch einen Namenssponsor für das Stadion ins Boot zu holen, das scheiterte aber an den meist frivolen Namen, die die in Frage kommenden Masturbationskino-Unternehmen im Sinne hatten. Werder Bremen ist ein Premiumprodukt und will diesen Ruf auch nicht gefährden. Dabei hofft man auf einen Export der eigenen Idee, Werder hält ein Patent an dem neuen Kabinensystem. „Wir werden in Zukunft darauf drängen, dass in Bremen durchgesetzte Sicherheitsstandards auch in anderen Stadien Wirklichkeit werden“ heißt es aus dem Werder-Vorstand.

Die Polizei begrüßt das neue Konzept zwar, hat aber auch einige Bedenken. „Die Kabinen stellen leider nicht sicher, dass es keine Gewalt mehr gibt. Neue Formen sind möglich, Autoaggressivität bis hin zum Selbstmord ist insbesondere bei Niederlagen vorstellbar. Oder Gewalt gegen Dinge, also gegen die Kabine selbst, etwa mit Aufklebern oder Schlüsseln“ heißt es in einer Pressemitteilung der Bremer Polizei. Gegen letztere fordern die Polizisten strengere Durchsuchungen der Fans bei der Anreise, außerdem haben die Beamten bereits eine Kameraüberwachung in allen Kabinen durchgesetzt. „Unter dem Strich“, so schließt die Presseerklärung deshalb wohlwollend, „ist das Kabinensystem ein erster kleiner Schritt in eine sicherere Zukunft des Fußballs.“

Am 29. Oktober spielt Bonaparte übrigens in der Spedition. Die Tickets kosten jedenfalls unter 20‚¬.

Die Ultra-Gruppe Infamous Youth geht heute abend nicht zum Champions League Spiel, weil Werder die Preise massiv erhöht hat. Weil ich auch lange mit mir gerungen habe, ob ich zu einem der Spiele hingehe, dokumentiere ich hier gern ihre Begründung. 100 Euro kosteten mich die drei Karten für Enschede, Tottenham und Inter, und es sind die billigsten nicht-ermäßigten Karten, die man kaufen kann. Sie liegen auf der Baustelle der Ostkurve und sind unüberdacht. Ich habe ein paar Sätze zum Thema im Fanszene-Forum geschrieben. Die Wanderers Bremen, eine weitere Bremer Fangruppe, bleibt ebenfalls heute draußen.

Und wie ich jetzt erst sehe: Das UltrA-Team Bremen hat sich der Erklärung von IY angeschlossen.

Stellungnahme zum Boykott der CL-Heimspiele

Mit diesem Schreiben möchten wir den einstweiligen Boykott aller Champions-League-Heimspiele bekannt machen. Angesichts der unerträglichen Preispolitik des Vorstandes bleibt uns keine Alternative zu diesem schweren Schritt, da es nicht mehr allen Mitgliedern bzw. Personen aus unserem Umfeld möglich ist, die Kosten für diese Spiele zu stemmen. Somit ist nun auch unsere Gruppe von einer Entwicklung erreicht worden, die die Dauerkarteninhaber_innen auf den Sitzplätzen bereits im Mai zu spüren bekommen haben und einen Teil des Stammpublikums dazu veranlasst hat, zukünftig auf ihr Saisonabo zu verzichten.

Wir sprechen uns entschieden gegen die astronomischen Preiserhöhungen aus. Der Besuch des Weser-Stadions muss weiterhin auch für weniger zahlungskräftige Menschen möglich sein. Die Preispolitik zeigt auf eindrucksvolle Weise, was „Soziale Verantwortung€ für den Vorstand bedeutet. Hierbei geht es ihm nicht um die Identifikation mit und das Handeln nach entsprechenden Werten, sondern vielmehr um den Aufbau eines Images, das durch symbolische Akte aufrecht gehalten wird und ansonsten in entscheidenden Fragen bedeutungslos bleibt.
Denn was nützen Vorträge an Schulen, wenn die Spiele des SV Werder Bremen zu Ereignissen verkommen, die sich Schüler_innen nicht mehr leisten können? Wie überaus selbstgerecht muss ein Vorstand sein, der meint, seine Fangemeinschaft auf einen „Ethik-Kodex€ einschwören zu können und gleichzeitig Entwicklungen in Gang setzt, die sozial schwächer gestellte Fans um einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens bringen? Sollen Schlagwörter wie „Werder-Familie€ und „Engagement gegen Diskriminierung€ nicht zu hohlen Floskeln verkommen, bedarf es einer deutlichen Korrektur der Preispolitik.

Abgesehen von dieser Hauptthematik erhielten wir zudem in der letzen Woche von Seiten des Vorstandes die Ankündigung, dass die seit Einführung der Sitzplatzpflicht bei Europacupspielen etablierte Praxis aller Supportwilligen, sich in einem Teil der Ost einzufinden und zu stehen, in Zukunft behindert werden soll. Der Ordnungsdienst soll diesbezüglich eine spezielle Anweisung erhalten haben, bei den kommenden CL-Spielen in Bereichen der Ostkurve verstärkt und strenger auf gültige Karten für den jeweiligen Platz zu kontrollieren als in vergangenen Spielzeiten. Anstatt endlich ein Konzept zu entwickeln, dass die Zuteilung zusammenhängender Plätze für größere Fangruppen, die während der Spiele zusammenstehen möchten, möglich macht, soll nun scheinbar gegenteilig gehandelt und dafür gesorgt werden, dass jede_r Besucher_in den jeweils zugeteilten Platz aufsucht. Wenn dies zur Praxis wird, wäre ein organisierter Support durch aktive Fans quasi unmöglich oder zumindest stark eingeschränkt. Außerdem zeigt sich, wie gering die Bereitschaft des Vorstandes ist, die speziellen Bedingungen in der Ostkurve und die Bedürfnisse der Fans zu verstehen und zu berücksichtigen. Diese Nachricht bestärkte uns in der Ansicht, dass ein Verzicht auf die Champions-League-Heimspiele bis auf weiteres unumgänglich ist.

Wir hoffen, bald einen Weg zu finden, der uns ein gemeinsames Auftreten als Gruppe bei diesen Spielen wieder möglich macht.

Infamous Youth & Ultra Team Bremen , September 2010

Ana Somnia

Ana Somnia

„Ana Somnia“ ist generative Kunst. Animationen wachsen und wuchern in immer neue Richtungen, genau wie es Träume tun. Unwahrscheinliche Figuren laufen, kriechen und schießen durch Anas Träume, und wir sehen dabei zu. Kim Köster hat die Charakteristika unserer Träume in faszinierenden Illustrationen eingefangen, die sich zu vielfältigen Träumen verbinden. Zahllose Details fordern hellwache Betrachter, die am Ende ebenso wie Ana wieder vor demselben Problem stehen: der Realität.

verbrochenes.net bürgt für die Vertrauenswürdigkeit dieser frech den Webcam-Zugriff fordernden Webseite.

Sun

Schon 1991 wussten kultivierte Bremer Experten, was von den Bayern zu halten ist. Das und die modischen Vorteile, die Kurzsichtige vor 20 Jahren genossen, zeigt dieses Video in wunderbarer Manier:

Nachdem der Ausfall von Per Mertesacker in Form von zu erwartenden Gegentoren einen dunklen Schatten auf unseren kommenden Sieg in München geworfen hat, wollen wir einen Blick in die Vergangenheit wagen. Wie dieses Video beweist, hat Werder Anfang der Neunziger unzählige Tore gegen Bayern geschossen, eines schöner als das andere. Die Bayern dagegen trafen nur einmal, dazu noch einmal Oliver Reck. Schon damals konnte man aber nur für Werder sein, denn Wynton Rufer machte aus jedem Elfmeter eine Ausgabe von „Wer wird Millionär“, bei der die eigentlich sicher scheinende Antwort sich im letzten Moment doch stets als die falsche erwies. Unvergleichlich!

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