Aus den Tälern Südtirols

Man muss zwar auch mal die schlechten Seiten des Lebens sehen, aber gerade führt kein Weg an einer sehr freudigen, ganz objektiven Erkenntnis vorbei: Am Samstag kassieren die Bayern richtig. Badstuber und van Buyten, haha, ein herzliches Hallo aus Bremen! Dazu auf links noch Contento – das ergibt mindestens zwei Tore für uns. Ernst gemeint!

Unter den Nationalmannschaftsabstellungen leiden die Bayern mehr als wir; wenn der Arnautovic so weiterspielt wie gegen Köln und Wesley ungefähr das hält, was er verspricht, dann haben wir unterm Strich eine stärkere Mannschaft als letztes Jahr. Noch dazu eine, die bis auf wenige Neuzugänge schon recht lange zusammenspielt. Eingespielter als letzte Woche werden die Münchener jetzt auch nicht sein, unsere dagegen schon. Schon möglich, dass Ribery auf einmal wieder Fußball spielen kann, aber das macht den Bock nicht fett. Die Abwehr erwähnte ich schon, im Sturm spielte zuletzt Klose, der macht zwar ein paar Tore, aber niemandem mehr Angst. Und im Mittelfeld ist Schweinsteiger sicher sehr stark, aber so richtig interessant wird es nach vorne auch nur bei Müller, und der ist im Moment nicht gerade in Topform, wie denn auch.

Kroos ist so richtig bayerleverkusen, und Olic hat ohnehin Angst vor uns. Es gibt also keinen Grund daran zu zweifeln, dass am Samstag nur der SV Werder Bremen gewinnen kann. Das gilt natürlich auch und gerade für das Pokalspiel am 26.10., das der Fußballgott listigerweise angesetzt hat, damit bei den Bayern frühzeitig eine Krise ausbrechen kann und bei Werder das Finale des letzten Jahres vergessen gemacht wird.

Das Pokalfinale war schrecklich. Nicht nur, dass wir recht hoch verloren haben, die Details habe ich vergessen. Man muss auch leider noch feststellen, dass das Pokalfinale auch bei einem Sieg nur noch schwer zu ertragen gewesen wäre. Es vergeht im Olympiastadion keine Sekunde, in der die zahlenden Gäste nicht überlaut beschallt werden würden. Das Programm ist dabei noch dümmer als alles, was ich in der Bundesliga erlebt habe, und ich habe da schon so….na gut, kein Platz für Geschwafel hier. Neben den Länderspielen ist das Finale das einzige richtige Event, das noch der DFB ausrichtet und nicht die DFL. Dementsprechent sind wahrscheinlich drei verschiedene Agenturen damit beschäftigt, Bullshit aneinanderzureihen, um wirklich einen unvergesslichen Abend zu kreieren.

Es ist schrecklich. Ein Hauptanimator schwallt die Zuschauer an, als gäbe es für alle Koks umsonst, dazu übergibt er mehrmals schon vor dem Spiel an die Stammanimösen aus den Vereinen, dieses Jahr also Zeigler und irgendeine bayerische Witzfigur. Die schreien dann ihr Publikum an, das daraufhin zurück schreit. Werder – Bremen. Thomas – Schaaf. Pommes – Majo. Die Menschen lassen sich gern für dumm verkaufen und machen jeden Scheiß mit. Wobei anzumerken ist, dass wenige es mit richtiger Begeisterung tun, stattdessen sind sie folgsam gestimmt und tun, wie ihnen geheißen wird. Überhaupt stehen die meisten unter Schock, weil das Ereignis ach-so-groß ist.

Der Großteil des Publikums sieht auch sonst kein Fußballspiel live, die Karten werden offensichtlich überwiegend an Sponsoren und reiche Menschen verteilt; der Anteil, der tatsächlich unter Mitgliedern und Dauerkarteninhabern verlost wird, scheint ziemlich klein zu sein. Zu dem hirnverbrannten Geschrei der Moderatoren gesellt sich ebenso bescheuerte Ballermann-Musik, die dem Ereignis ungefähr so angemessen ist wie Mario Barth in der Oper. Weiter gehört zum Rahmenprogramm eine blonde Halbprominente, die mit sexistischen Sprüchen und geilen Blicken interviewt wird, was sie ganz souverän macht.

Dabei ist das Programm fast schon eine Rettung angesichts dessen, was man draußen ertragen musste: Bayern-Fans. Aus den letzten Tälern Südtirols kommen die dümmsten Fascho-Bauern in die preußische Hauptstadt und benehmen sich wie Hitler im Hofbräuhaus. Sie hassen die Türkei, sie fahren nach Madrid, sie sind die Bayern – so ging es in einer Tour. Wenn es um den Zivilisationsgrad von Fußballfans geht, also um die Rolle des Blinden unter den Einäugigen, dann sind die Bayern ganz weit hinten. Wenn die letzten Hinterwäldler, denen die Dummheit aus Augen und Mund rotzt, in allergrößter Arroganz die Erfolge des FC Bayern auf ihr eigenes Ego stapeln, dann zeigt sich, welchen Gewinn Menschen aus ihrem Fandasein im Allgemeinen und dem beim FC Bayern im Speziellen ziehen.

(Selbstreflexion fällt hier aus. Fand aber statt. :()

Für diese ganze Scheiße ist der Verein der autochthonen Trachtenfans dieses Jahr mindestens einmal fällig. Schöner Nebeneffekt, wenn es schon am Samstag so weit ist: Eine Flasche Besatzerwein vom Golan für mich.

Die Musik heute abend wurde vom kotzboy zusammengestellt, große Klasse.

  1. Frei nach Horkheimer: Wer von Prödl, Pasanen und Boenisch nicht reden will, sollte von Badstuber, van Buyten und Contento schweigen. Außerdem bist du ein Metropolenchauvinist geworden, Bonde. Wohl schon länger nicht mehr im Weserstadion verweilt, was?

    Am Samstag schießen wir euren Astronautovic auf den Mond. Mark my words.

  2. Hört hört! Wer diffamiert da Aufklärung und Zivilisation als “Metropolenchauvinismus”, wer verteidigt die erdverbundenen Trachtenvereine gegen kosmopolitische Verdorbenheit?

    Es ist Lieschen Müller, besorgt um den Traubensaft! Lass gut sein, Liza, Du wirst auch mit Kölsch zurechtkommen.

    Das Weserstadion braucht mich gerade nicht, stattdessen spaziere ich gern unter den Türmen der Allianz – zweifellos die schönsten Bauwerke, die den Namen dieser Versicherung tragen müssen!

  3. Ich verteidige mitnichten die Scholle gegen den Moloch, du Demagoge. Ich stelle lediglich fest, dass du auf Leute herabblickst, die dein eigener Verein, diese Bastion des Sozialdemokratismus, zuhauf zu seinen Treuesten zählt. Fußball funktioniert nur über Projektion, und die schwankt allenfalls in ihrer Intensität; ihr Prinzip jedoch teilen alle Fans, du auch, ich auch. Gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass diese Projektion in der Provinz stärker ausgeprägt ist als in den großen Städten. Aber der Unterschied ist ein gradueller, kein grundsätzlicher.

    Der Besatzerwein ist übrigens so gut wie meiner, aber als aufrechter Kosmopolit käme ich trotzdem auch mit Kölsch aus. Für dich ist das wahrscheinlich nur ein Bauerngesöff, richtig?

  4. Pfft. Im Stadion schmeckt eh nur Astra. Die einen dürfen sich an Kleingeld erinnern, die anderen an eine beherzte Schneeballschlacht. Nur kleine Momente der Fußballgeschichte, aber von welch einer Erhabenheit! :)

  5. Demagogie ist ein großes Wort! Mir tut es freilich mindestens genau so sehr weh wie Dir, wenn Du den türkenhassenden Fanclub Südtirol und seine Kameraden hier aus der Schusslinie des Metropolenchauvinisten genommen sehen willst, ihn also effektiv in Schutz nimmst.

    Zum Glück irrst Du: Lederhosenfolklore und Stammesgehabe gibt es in Bremen nicht, und es gibt auch nichts Vergleichbares. Sicher gibt es Bauern und Hinterwäldler, manche sind sogar dumm, aber das ist nicht der Punkt. Denn sie tragen nicht stolz ihre Regionalkleidung, sie sprechen Hochdeutsch und sie sind längst nicht so fremdenfeindlich wie es diejenigen sind, die auch auf Reisen ihre ganz eigene Kultur vertreten.

    In dieser Kultur spielt das eigene Bauerngesöff, das stets gegen die Gesöffe der anderen Bauern in Schutz genommen wird, eine große Rolle. Distinktion ist eben nicht leicht zu haben, und vielen reicht der Fußball dazu nicht.

    Dass Du mich mit der Sozialdemokratismus-Keule mundtot machen willst, das habe ich gar nicht mehr anders erwartet. Du vergisst, dass Willi Lemke tot oder bei der Uno ist, Klaus Allofs vom Habitus her kurz davor ist, seine Verhandlungen nur noch mit einer Zigarre bekleidet zu führen und Werder Bremen einer der am wenigsten subventionierten Vereine der Liga ist. Mein Verein ist der Tellerwäscher, der ohne Hilfe zum Millionär geworden ist. Werder Bremen ist der American Dream.

  6. der letzte satz ist bombe. werder bremen der american dream. dort wo hinterwäldler aus neubrandenburg oder frisurmäßig in den achtzigern hängengebliebene zevener noch groß herauskommen können. wer sagt, dass der vergleich hinkt, verkennt die wahrheit! jawoll.

  7. Wenn Werder Bremen der American Dream ist, ist Klaus Allofs dann Barack Obama? Uli Hoeneß wäre dann womöglich so eine Art Benjamin Netanjahu des deutschen Fußballs. Ich glaube, ich weiß, mit wem ich besser leben kann.

  8. hahaha! :D
    “frisurmäßig in den achtzigern hängengebliebene zevener”
    wer soll das sein?!

  9. ach gottchen “lizas welt”, man muss nicht unbedingt immer und überall parallelen vom fc bayern zu israel ziehen um damit den fcb aufzuwerten…
    nett wäre vielleicht mal ein eingeständnis, dass der gemeine fc bayern-fan sich nun mal leider genau so präsentiert wie bonde es beschrieben hat und dass das schonmal ein grund ist, eine gewisse abneigung, zumindest gegenüber den anhängern dieses vereins, zu entwickeln.
    oder willst du hier weismachen, dass heimatverliebte hinterwäldler, die im volltrottel-outfit in die allianz-arena pilgern, die vorreiter in sachen aufklärung und antisemitismuskritik sind?

  10. Im Namen aller Mistgabelschwinger zwischen Bozen und Meran: Was für eine Beleidigung für alle Bauern und/oder Südtiroler, in diesem Zusammenhang als Fuchsschwanz auf dem Manta der ansonsten berechtigten Verunglimpfung herhalten zu müssen!
    Ich fordere daher aufs entschiedenste eine neuartige Strategie zur Beschimpfung des FC Bayern samt Anhängerschaft, die sich nicht durch regionalpatriotische Retourkutschen oder die ewige ,,Ihr seid ja nur neidisch”-Litanei entkräftigen läßt!

  11. @super: Schleimer! Schleimer! Los, wirf mit Teddybären auf Bonde!

  12. Ach, und was den “gemeinen FC-Bayern-Fan” betrifft: Woher weißt du das? Ist das nur dein eigener Eindruck, oder hast du einen Beleg dafür? Falls nicht, behaupte ich mal zweierlei: erstens, dass der Klub nicht mehr heimatverliebte Hinterwäldler im Volltrottel-Outfit ins Stadion lockt als andere auch, und zweitens, dass du deinen Hass bloß zu rationalisieren versuchst.

  13. In ein paar Jahren kaufen wir eure beiden Vereine auf, Trachtenjanker und Haake-Beck gibt’s dann nicht mehr im Stadion, es hält die Zivilisation Einzug in den Fußball.
    Bis dahin dürft ihr euch aber noch weiter zanken.

  14. UltrasRBL? Das hat jemand seine Kontakte spielen lassen.
    Oder gleich selbst in die Tastatur gehauen?
    Großartig jedenfalls. Immer wieder erheiternd.

  15. Pfff. Als sei Red Bull ein leckeres Getränk.

  16. Pfff. Als sei Verbrochenes ein guter Blog.

  17. @UltrasRBL: Die Bayern waren schon Red Bull, da warst du noch flüssig:

    http://www.ksta.de/ks/images/mdsBild/1244222294208l.jpg

  18. @Liza

    Ball flach halten, sonst gibt’s eine liebevolle Umarmung.

  19. AB InBev vs. Red Bull: 36,8 Mrd. zu 3,268 Mrd.: Der Kapitalismus hat sein Urteil gesprochen.

  20. Hahaha, das macht Spaß. Auch ich hatte diese Ahnung, dass wir am Wochenende gewinnen. Durch Bondes sachkundige Einschätzung bin ich mir jetzt sicher.

    Außerdem möchte ich mich bedanken für

    “Kroos ist so richtig bayerleverkusen”

    und natürlich für

    “Mein Verein ist der Tellerwäscher, der ohne Hilfe zum Millionär geworden ist. Werder Bremen ist der American Dream.”

  21. Allofs und Hoeneß.
    Sharon und Ahmadinejad.
    Jesus und Hitler.
    Gräfin Dönhoff und Manfred Kanther.
    Kolumbus und Kant.
    Kant und Kolumbus.
    Don Draper und Claudia Roth.

    Nein, jetzt habe ich es, die interne Lösung:

    Allofs zu Hoeneß verhält sich wie Claudio Pizarro zu Torsten Frings.

    Natürlich weichen die Fans verschiedener Vereine in vielerlei Hinsicht voneinander ab, das ist kaum zu bestreiten. Eigentlich wäre das eine großartige Aufgabe für Soziologen: die Unterschiede bspw. in Einkommen, Weltanschauung und Sozialverhalten in Bezug auf den verehrten Verein zu untersuchen. Das wäre gar mal eine Untersuchung, deren Ergebnis viele Menschen interessieren würde.

    Und selbst wenn sich im Vergleich Bayern / Werder im Durchschnitt eine große Ähnlichkeit ergäbe, was ich beinah ausschließen möchte, so werden bestimmte Fangruppen doch hervorstechen, zum Beispiel eben die genannten ländlichen Fremdenfeinde, derer es im Bayernanhang so einige gibt. FACT!

    Ich glaube das schlimm Peinliche an vielen Bayern-Fans ergibt sich daraus, dass sie die “Mir san mir” Einstellung von Mannschaft und Funktionären im schlechtesten Sinne übernommen haben, es ihnen aber naturgemäß an dem fehlt, was die Einstellung bei denen hervorgebracht und begründet hat: große Fähigkeiten und großer Erfolg.

    Wer sich, wie Red Bull und offenbar auch die Bayern, an Menschen richtet, die gerne Bullen wären, mit dem ist kein Fortschritt zu machen. Stärker, potenter und aggressiver als der Feind zu sein, das ist wirklich ein unsympathisches Ziel und weit davon entfernt, der Zivilisation Einzug in den Fußball zu gewähren.

    Würde mich übrigens wundern, wenn von den drei oben geschmähten Bremer Abwehrspielern am Samstag mehr als einer auf dem Platz steht.

  22. Oh, Mertesacker. Naja.

  23. Bonde,

    hast Du mal an einem Spieltag im Weserstadion den RE zwischen Bremen und Bremerhaven genutzt?

  24. Was die Soziologenaufgabe betrifft, die Bonde anregt, lässt sie sich für den FC Bayern relativ gut beantworten: Die weitaus meisten Zuschauer bei Heimspielen kommen aus Orten und Regionen, die bis zu 200 Kilometer von München entfernt liegen. Sie bevölkern aber nicht die Südkurve (dort hat die “Schickeria” das Sagen, und deren Mitglieder stammen nach allem, was ich weiß, ganz überwiegend direkt aus München) als vielmehr vor allem die teuren Tribünenplätze. Rein äußerlich zeichnen sie sich weniger durch ein “Volltrottel-Outfit” aus, wie “super” es nennt; die meisten kommen lediglich im Trikot und/oder mit einem Schal. Vom Einkommen her dürften sie eher gut gestellt sein; man sieht zumindest auffällig viele Familienväter und -mütter mit Kindern, die nicht gerade in abgewetzten Klamotten herumlaufen. Zum Weltbild dieser Leute kann ich nicht viel sagen; wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, dann benehmen sie sich zumindest vergleichsweise zivilisiert, was allerdings auch bedeutet, dass von ihnen kaum Support zu erwarten ist. Sie sind halt diejenigen, die gerne als “Erlebnisfans” oder “Erfolgsfans” bezeichnet werden.

    Es ist nun mal so, dass der FCB der erste Klub war, der sein Sponsoring und Merchandising so richtig ausgebaut und auf das gesamte Bundesgebiet ausgedehnt, den Verein also zu einer Marke gemacht hat. Dabei war der Standort München zu den Zeiten, als Uli Hoeneß Manager wurde, nicht besser als die Standorte Köln, Hamburg oder Frankfurt (um nur mal ein paar Städte zu nennen, die bei der WM 1974 Spielorte waren, also über ein vernünftiges Stadion inklusive Infrastruktur verfügten) – aber die Bayern haben mehr daraus gemacht als andere. Vor allem haben sie mit dem Automatismus gebrochen, dass man seine Fans in erster Linie in der eigenen Stadt rekrutiert (wobei München ohnehin seit jeher von den Sechzigern dominiert wird); umgekehrt gab es dadurch Fußballfans, die aus der lokalpatriotischen Beschränktheit ausbrachen und eben nicht als Kölner automatisch zum FC hielten oder als Dortmunder zum BVB.

    Was nun die “Hinterwäldler” betrifft: Die allermeisten Umland-Zuschauer verteilen sich, wie gesagt, auf den Tribünen und halten sich dort eher zurück; diejenigen, an die ihr hier offenbar denkt, trifft man wohl am ehesten im Unterrang der Nordkurve. Mag schon sein, dass so mancher davon das “Mia san mia” in abstoßender Weise zelebriert. Aber das beweist auch nicht viel mehr, als dass Fußball eben Projektion ist: die Suche nach einem kleinen privaten Glücksmoment, aufgehoben in der berauschenden Teilnahme am Erfolg einer Fußballmannschaft, in der Suche also nach einem gewiss allemal bedenklichen “Wir”-Erlebnis, die die einen intuitiv zur irrationalen Verehrung des erfolgversprechendsten Klubs geführt hat und die anderen auf die Tribünen weniger titelträchtiger Vereine – die jedoch bloß das anstreben, was der FC Bayern schon hat und verteidigen will. Anders gesagt: Lass Werder mal sechs Meisterschaften und fünf Pokalsiege in zehn bis zwölf Jahren gewinnen, und dann schauen wir, wie sich die Leute aus Syke, Hude, Delmenhorst und Harpstedt aufführen. Und übrigens auch die aus Bremen selbst.

    Fremdenfeindlichkeit ist übelst, und es wird wohl stimmen, dass sie auf dem Land ausgeprägter ist als in der Stadt. Trotzdem warte ich immer noch auf den Beleg, dass es die Fremdenfeinde in der Anhängerschaft des FC Bayern in signifikant größerer Zahl gibt als unter den Fans anderer Klubs. Womöglich ist das in absoluten Zahlen wirklich so – der FCB hat ja auch mehr Anhänger als andere Vereine. Dass es aber in der Relation auch so ist, bestreite ich, bis mir jemand das Gegenteil beweist.

  25. Zu den Bayern-Fans:
    Ende der 90er gab es mal eine Statistik, nach der, so glaube ich mich erinnern zu können, durchschnittlich 80% des Publikums bei einem Heimspiel des FC Bayern einen Anfahrtweg von über 100km zurücklegt (bei 1860: 20%).
    (Quelle: http://www.amazon.de/Legenden-Blau-Jahre-Fu%C3%9Fballgeschichte-M%C3%BCnchen/dp/3895332569)
    Tatsächlich habe ich mir bei zahlreichen Münchener Lokalderbies verwundert die Augen gerieben, wie viele rot-weiß dekorierte Busse aus Baden-Württemberg, Hessen, Franken undsonstwoher sich da auf den Parkplätzen tummelten.
    Das bestätigt zum Einen das Klischee vom Münchner als tendenziellem Nicht-Bayern-Fan, zum Anderen setzt sich somit ein Großteil des Heimpublikums unweigerlich aus Stadiontouristen und Erfolgsfans zusammen, was vor allem in letzterem Fall von vielen ernstzunehmenden Bayern-Fans selbst kritisiert wird, siehe die gute alte Publikumsbeschimpfung des U. Hoeneß:
    http://www.youtube.com/watch?v=ErBT1zWG8mQ
    Ursache war wie gesagt die Beschwerde von Fanseite, dass auf Grund des hohen Anteils an Tennispublikum in der Allianz-Arena die Stimmung nicht gerade die beste sei.
    Doch selbst jene unter den Bayern-Fans, die sich aktiv gegen die totale McDonaldisierung ihres Vereins bzw. der Heimspiele (z.B.Derby 98/99: 30 Minuten vor Anpfiff wird ein Celine Dion-Video (!) auf der Anzeigetafel übertragen) zur Wehr setzen, müssen sich immer wieder den Vorwurf des
    Fan-Light-Daseins gefallen lassen, also des Fans, für den ,,Leiden” schon darin besteht, nur Vizemeister zu werden oder in der CL-Gruppenphase auszuscheiden. Und das seit 40 Jahren!
    Man kann diesbezüglich noch so viel diskutieren und relativieren (ein Freund von mir: ,,Aber ich habe auch zu Bayern gehalten, als sie nur Zehnter wurden!”- Wow, Zehnter, was für eine Leidenschaft und Treue!):
    ganz ernstzunehmen werde solche Fans nie sein!

    Zu den Lederhosen:
    Hier befinden sich viele mehr oder minder ,,einheimische” Bayern-Anhänger in einer Art patriotischem Dilemma.
    Begibt man sich einerseits mit der fröhlichen Absicht ins Stadion, Gegner aus anderen Städten und Regionen ein wenig verbal bzw. in konsumlethargischem Stillschweigen untergehen zu lassen, so findet man sich nicht selten neben Sitz- oder Stehnachbarn wieder, die eben jenen zu besiegen- und besingenden Regionen entstammen, gegen die es gerade geht.
    Da nun der FC Bayern in seiner Publikumsstruktur mit München kaum bzw. mit im näheren Umkreis gelegenen Regionen vergleichsweise (1860) wenig zu tun hat, wird dieser regionale Bezug von vielen eben in krampfhafter und übersteigerter Weise versucht herzustellen.
    Dies hat dann (auch bei Auswärtsspielen) zur Folge, dass ein Großteil der Fans halbwegs bayrischer Provenienz ihre Lederhosen aus- und ihre Identitätskomplexe einpacken, um sich und allen anderen ein Bild ihres Vereins und dessen Anhängerschaft vorzugaukeln, das dieser abseits von Marketingzwecken schon lange nicht mehr abgibt und auch gar nicht abgeben will:
    das Bild eines volksnahen und regional verwurzelten Fußballvereins.

    Diese Mischung aus übermäßig vertretenen Stadiontouristen und Erfolgsfans (nirgendwo sonst habe ich das ,,Sing when you’re winning”-Prinzip im Stadion so ausgeprägt erlebt wie bei den Bayern, und sie haben nicht IMMER gewonnen),
    krampfhafter und teils clownesker Überbetonung vermeintlichen Bajuwarentums, einer bis auf besagte Ausnahmen weitgehenden Hörigkeit gegenüber einer durch die Bank CSU-nahen Führungsriege (Heut gibt’s wieder Focus für alle!) und das ob Erfolgsverwöhntheit lächerliche Hardcore-Fan-Gebahren machen zwar nicht ,,den” Bayern-Fan, aber auf jeden Fall ,,die” Bayern-Fans zu einem gar herrlichen Verunglimpfungsobjekt!
    (P.S.: Vor allem jene, die gerne und speziell vor Derbies gesanglich den Einstieg ins U-Bahn-Baugeschäft (Projekt: Giesing-Ausschwitz) ankündigen).

  26. @ LizasWelt:
    Hihi, paralleles Schreiben!
    Ich denke nicht, dass die Fremdenfeindlichkeit bei den Bayern-Fans höher ist als woanders. Gegenteilig organisierte Fangruppierungen gehen in Anbetracht der riesigen Anhängermasse wahrscheinlich nur mehr unter.

  27. wow, hatte gar nicht mit so viel geschriebenem gerechnet.
    vielleicht sollte ich das nochmal deutlicher machen: hier bekam ich den eindruck, dass die anhängerschaft von bayern auf eine “höhere” ebene gestellt werden soll als die von anderen, vergleichbaren vereinen. dem ist eben nicht so, und mein eigener, subjektiver eindruck spiegelte sich dann in meiner wortwahl wieder.
    der fc bayern zieht halt aus welchen gründen auch immer vergleichsmäßig viele menschen aus ländlichen gebieten an und die machen dann einen beträchtlichen teil des gesamtbildes aus, da kann die “schickeria” auch nicht viel dran ausrichten, wobei die ja sowieso nochmal ein fall für sich sind…

    achja, kann man eigentlich fortschrittlich denken und trotzdem ein fußballevent wie es in der allianz arena oder in hoffenheim praktiziert wird kritisieren? kann man sich trotzdem darüber freuen, wenn “alternative” fußballatmosphäre erhalten bleibt und sich nicht anhören wie ein früher-war-alles-besser-meckerer? kann man sich über kommerzialiserung beschweren ohne in die bekannten denkmuster der regressiven kapitalismuskritik zu verfallen?

  28. @super: Hoffentlich liest du das hier Geschriebene dann auch mal irgendwann.

    Und jetzt zur Werbung. Wir schalten um nach Hamburg:
    http://www.youtube.com/watch?v=5mTsY_mXzmo

  29. Bin auf diese interessante Diskussion hier gestoßen, und möchte mich mal dazu äußern:

    Ich bin in München geboren und lebe hier.Meine Vorfahren sind nicht aus München.Bin ich deshalb FCB-Fan geworden?Gilt der FCB doch als “Zuagrosten-Verein”, der TSV dagegen als Verein der Einheimischen.

    Manche TSV-Fans sagen noch heute gerne, dass die Preißn in München alle Bayern-Fans werden.Der FCB wird aber auch schonmal als “FC Bimbo”
    bezeichnet und das berüchtigte U-Bahn-Lied wird auch von Fans diesen Vereines in Richtung FCB gerne gesungen.

    Der FCB wurde von Leuten gegründet, die aus Berlin,Freiburg und anderen Orten stammten, und nach München, bevorzugt Schwabing, kamen.
    Schon sehr früh hat der FCB internationale Kontakte und Spiele gesucht,während der TSV nationale Gegner bevorzugte.Der Keim für die späteren Erfolge in Europa?

    Schwabing galt zur Jahrhundertwende(19 auf 20) als liberaler Gegenpol zum wilhelminischen Berlin, und es ist fasznierend, dass aus diesem Schwabing der FCB hervorgegangen ist.
    Jüdische Bürger haben von Anfang an eine wichtige Rolle in diesem Verein gespielt.
    In der taz hat mal ein FCB-Fan gesagt, dass ihn die kosmopolitischen Wurzeln des Vereines faszinieren.

    Der FCB hat bis 1932 eine beachtliche sportliche Geschichte, ohne Number One zu sein in D.
    Ironie: Der Verein hatte zwar auch schon Dusel, war aber mehr dafür bekannt in Schönheit zu sterben! Der gleiche Verein, der heute als Symbol für mechanischen Ergebnisfussball gilt.

    Nun kamen die Nazis und ein Verein mit jüdischem Präsidenten und jüdischen Trainer ist natürlich da nicht sehr beliebt.Der TSV hatte dagegen eine sehr gute Beziehung zu den Nazis.
    Der FCB geriet in die Krise.

    Nach dem Krieg kam der jüdische Präsident, Kurt Landauer, wieder und hat den Verein wieder einigermaßen auf die Beine gestellt.Der Verein hat in der Folgezeit aber mehr vor sich hinvegetiert, und ist einmal ,1954/1955, gar abgestiegen.
    Was interessant ist: Er hatte auch in dieser Zeitimmer recht hohe Zuschauerzahlen, alles Erfolgsfans?

    In den 60er Jahren galt der TSV als der große, der FCB als der kleine arme Bruder.Es wäre interessant zu wissen, wie sich damals die Feindschaft zum FCB beim TSV aufgeladen hat.Das Argument mit den “Geldsäcken” beim FCB wäre falsch gewesen…

    Übrigens:Der gesamtdeutsche Hass auf den FCB ist ein Produkt der 70er Jahre.
    Ende der 60er galt der Verein noch als sympathisch.

    Nun wo wir schon in den siebziger Jahren sind:

    Der Name “Bayern München” und seine Erfolge hat diesen Verein für die “rebellische” bayerische Landbevölkerung interessant gemacht, ohne Zweifel. Desweiteren hatte er zu dieser Zeit einen Hardcore-CSU-ler als Präsidenten und hat dadurch eine Prägung in der Öffentlichkeit erhalten,was die CSU freudig begrüßt hat.

    Die Ära Landauer,die kosmopolitischen Wurzeln, das war verschüttet,hatte der Verein doch jahrelang ein Schattendasein gefristet.

    Beckenbauer hat Willy Brandt,entsprechend dem CSU-Image des Vereines, dann noch als nationale Katastrophe bezeichnet.
    (Was wohl mehr typische Plauderei des Kaisers war,aber egal)
    Dagegen stand Günther Netzer von Gladbach mit seinen langen Haaren und seiner Discothek.Er wurde gern von den 68ern vereinnahmt.Die Trikots und die Schubladen waren verteilt.

    Ausgerechnet der Verein, der von den Nazis nicht gemocht wurde, hat in der Zeit der gesellschaftlichen Polarisierung ,durch die 68er, in der BRD ein (rechtskonservatives) Image abbekommen.Und der Verein, den die Nazis mochten,der TSV ,wird gern von linken Intelektuellen gewählt, weil das der gute David ist, der gegen den bösen Golliath kämpft.
    Aus dieser Zeit ist politisch einiges haften geblieben und Uli Hoeneß hat als Manager den CSU-Kurs weitergeführt.

    Allerdings ist aus der Geschichte des FCB nicht abzuleiten, dass er ein konservativer oder gar rechter Verein ist.

    In den neunziger Jahren gab es in der Südkurve noch “Ajax ist ein Judenclub”-Gesänge.Was offenbart das? Viel Abstoßendes, aber auch Unkenntnis der Geschichte des Vereines, den sie da in der Südkurve angefeuert haben.
    Und das gilt auch für die Fans aus Südtirol.Was wissen sie vom FCB??
    Ich selbst möchte mit diesen Leuten nichts zu tun haben.

    Nochwas zur Fanstruktur: Ein Fanbeauftragter in M hat mal gesagt, dass zum FCB mehr Studenten kommen, zum TSV dagegen eher die einfachen Leute.
    Allerdings hat er auch beim TSV ein größeres Nazi-Problem ausgemacht.

    Irgendwann um 2002 rum hat mal eine Münchner Zeitung die These vertreten, dass mehr Münchner mittlerweile zum FCB halten, und der Mythos vom blauen München nicht stimmt.Darum soll es aber jetzt nicht gehen.

    Ich empfehle das Bayern-Buch des BVB-Fan Schulze-Marmeling, der den Verein wohl wieder in ein neues Licht gerückt hat, indem er dezidiert seine Wurzeln untersucht hat. Auch das Buch”Olympiastadion” von Armin Radtke
    ist zu empfehlen.

  30. anything new, anywhere?

  31. Lenwe, ein Vorschlag zur Güte: Du lässt das Kommentieren hier und im FSB jetzt mal sein, fährst in den Urlaub, liest zehn Bücher, lernst ein Instrument oder zwei, und dann, wenn Du einen Grund für Deine Arroganz gefunden hast, dann kommst Du wieder und machst ganz viele kluge arrogante Kommentare. Ja?

    @fcbfan: Danke für Deinen Kommentar! Vielleicht kennst Du den Vortrag von Alex Feuerherdt schon: http://www.antifa-freiburg.de/spip.php?page=antifa&id_article=492

    Das Zitat von Beckenbauer war mir neu, hier findet man es wieder als “nationales Unglück”. Die Führung auf rechtskonservativem CSU-Kurs, das bayerische Volkstum als prägendes Image-Element – man kann das schwerlich ignorieren oder als gewöhnlich abtun.

  32. @bonde: mein posting bezog sich nur auf den fcbfan. da ich denke, dass viele leser_innen dieses blogs schon oft die geschichte des fcb gehört haben.

  33. Ja, das wurde hier auch durchaus so verstanden.

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