Dezember 2010

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Jahresrückblicke riechen immer ein bisschen nach Johannes B. Kerner oder der Bild am Sonntag. Ganz altersmilde schauen das Land und seine Medien auf die letzten Monate, Naturkatastrophen stehen neben Promi-Hochzeiten und Bestechungsskandale neben Sportereignissen. Die Welt hat wieder einmal ihren Lauf genommen, und die Konservative hat vorher gewusst, dass sie das tun würde. Deshalb sind die Jahresrückblicke meist so langweilig. Noch die aufregendsten Ereignisse werden heruntergebrochen auf ihre eine Gemeinsamkeit; darauf nämlich, dass sie schon vorbei sind. So ist es heute eigentlich alles egal, was damals passiert ist, und auf die Auswirkungen der ganzen Geschichte auf die Zukunft, und auf das, was was die Ereignisse über unsere Gegenwart auszusagen vermögen, darauf kommt es jetzt gar nicht mehr so an. Denn jetzt ist Weihnachten, jetzt ist auch mal gut.

Aber Jahresrückblicke haben auch ihren Reiz. Ganz besonders natürlich für den Redakteur, der mit wenig Aufwand einige Seiten oder Stunden seines Mediums füllen kann. Das kann sogar viel Freude machen, wenn man in einem Text über viele verschiedene Ereignisse palavern kann. Aber selbstverständlich kommt es für ein jugendliches Medium wie verbrochenes.net nicht in Frage, einen einfachen Jahresrückblick aufzulegen. Weil das Problem hinlänglich bekannt ist, gibt es auch einige anerkannte Lösungen. Aufregend und lustig kann eine Jahresvorschau auf das kommende Jahr sein, da ist Platz für Phantasie. Immer gern genommen sind auch Listen, Top oder Flop, die besten oder die lustigsten oder die skurrilsten Ereignisse oder Lieder oder Pannen des letzten Jahres. Man muss da kreativ sein, um wahrgenommen zu werden. „Der etwas andere Jahresrückblick“ erreicht 94.000 Treffer bei Google, und wieviele von den „etwas anderen“ sich gleichen, kann man sich ausmalen.

Umso stolzer ist die Redaktion, einen ganz neuen Blick auf das Jahr anbieten zu können. Als progressive Humanisten sehen wir die Welt mit Spannung und einer gewissen Erwartungshaltung. Wir, jugendlich und stürmisch, fordern die Welt heraus, uns etwas Ungesehenes zu zeigen. Postexistenzialistisch fragen wir: Kann die Sonne nicht einmal auf etwas Neues scheinen? Kann sie? Geht vielleicht doch etwas über die alten Fragen und die alten Antworten? Daran wollen wir das vergangene Jahr messen. Wir wollen sehen, was es zu bieten hatte. Wir wollen bewerten. Wir wollen benoten.

Hier ist es: Das Zeugnis für 2010.

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Sport: Mangelhaft

Es hatte alles so gut angefangen. 2010 ließ den SV Werder durch die Rückrunde spurten, dass es eine Freude war. Am Achten Mai befreite der SVW alle Hamburger von der Angst vor einer neuen Saison im Europapokal und eroberte sich selbst einen Platz in der Champions League, die Quali-Spiele sollten nur noch Formsache sein. Es war ein Rausch, diese Rückrunde. Aber das ist ja nichts Besonderes. In der Rückschau ist es überraschend, dass 2010 in Sport noch die Note 5 erhalten konnte, obwohl es diese wunderbaren Monate im Frühjahr gab.

Etwas Besonderes soll eine WM sein, und 2010 hatte eine zu bieten. Aber was wir dann zu sehen bekamen, war unterirdisch. Gerade für ehrgeizige Fußballfans, die eigentlich soviele Spiele wie möglich sehen wollten, war es schwer zu ertragen. Nahezu alle Spiele waren langweilig, langsam, einschläfernd, frustrierend und öde. In den ersten Gruppenspielen wollten grundsätzlich alle unentschieden spielen. In den letzten Gruppenspielen wollten einige, konnten aber immer noch nicht. Tore sind trotzdem irgendwie gefallen, ich kann mich aber nicht mehr an sie erinnern. Ausnahmen gab es zwei: Einmal die Spanier, die zwar keine Freude, aber immerhin Klasse zeigten. Und dann, ausgerechnet, die Deutschen, die für etwa 90% der guten Spiele zuständig waren und mit einer sympathischen Mannschaft auftraten. Ihr Fanclub war dafür unerträglich wie immer. An der WM war eigentlich alles scheiße, und sie hat dafür gesorgt, dass ich mich auf große Turniere nicht mehr so freue wie früher. Sie haben ihren Zauber verloren.

Für das Elend, dass der SV Werder nach der WM in die Welt gebracht hat und sicher noch eine ganze Weile fortsetzen wird, ist hier nicht genügend Platz. Und 2010 kann auch gar nicht so viel dafür. Es war jetzt halt soweit, und 2011 wird kaum erfolgreicher, nicht in dieser Saison und auch nicht in der nächsten. Leider hat 2010 jetzt keine Zeit mehr, um uns wenigstens von ein paar der Versager zu befreien, es wird keine Entlassungen und Verkäufe mehr geben. Also sehen wir uns im neuen Jahr wieder, Torsten Frings, Klaus Allofs, Aaron Hunt. Bringt Eure Freunde mit.

Hier wird qualifiziert über die Zukunft spekuliert.


Deutsch: Sehr gut

In Deutsch war das vergangene Jahr sehr gut. Alle Deutschen müssen arbeiten, während der Rest Europas mit Arbeitslosigkeit und Rezession zu kämpfen hat. Die Deutschen haben eine Regierung, über die sie morgens beim Zeitunglesen sehr gut schimpfen können. Deutschland liebt seine Fußballmannschaft. In beiden Wintern war und ist es kalt und verschneit wie in Stalingrad. Hitler ist immer noch tot und „Wetten daß…“ wird jetzt noch sicherer. Kinderschänder begehen massenweise Selbstmord, und letzte Woche gab es schon den zweiten guten „Tatort“ in fünf Jahren. Bayern München, Deutschlands Vorzeigeclub, hat ganz Europa überrannt, bis ihnen die Italiener in den Rücken gefallen sind. Diese Saison werden lauffreudige junge deutsche Männer mit reichlich Neonazis in der Anhängerschaft Deutscher Meister, es wäre dem Führer eine Freude gewesen.

Letztendlich fällt eine Bewertung der Leistungen in Deutsch aber schwer, denn was ist schon deutsch? Gewöhnlich immer das, was der grob links oder antideutsch gesonnene Autor nicht mag, aber das hat sich als wenig tragfähiges Konzept herausgestellt. Vor allem, da wir nun im Winter ganz heimelig werden und uns fragen, ob Deutsch nicht auch unsere Sprache ist, Teil unseres gemeinsamen kulturellen Erbes, das uns mit Papa, Oma und Adolf Eichmann verbindet. Man sollte da nicht so streng sein.

Nun schreibt man in Deutsch gerne auch mal Texte, genau wie in einem Blog – eine erschreckende Gemeinsamkeit. Und da war es hier nicht weit her, wir wollen das umstandslos einräumen. Da haben wir eine 6 verdient. Andererseits war es draußen auch schön, besonders, als es noch schön war.

Biologie: Ungenügend

Keine Vogelgrippe, keine Epidemie, eigentlich gar keine neue Krankheit. Kein besonderes Artensterben, kein Wal in der Elbe, nur ein schöner Haiangriff vor Ägypten. Was es aber gab: Schleichenden Völkermord. An den Palästinensern sowieso, aber auch an den Deutschen. Keiner von uns hat dieses Jahr eine neue Deutsche oder einen neuen Deutschen gemacht, und Ihr habt auch keine gemacht. Der erste Sex passiert Jugendlichen heute erst ein Jahr später als noch vor ein paar Jahren. Und ohne Ficken gibts kein Vaterland mehr. Aber das begreifen die nicht. Die nicht, ne. Biologie ist eine schwierige Sache, wer schonmal ein Brathähnchen gemacht hat weiß das. Und 2010 hat uns diesbezüglich nicht weitergebracht. Bei 12 Grad Minus fällt „das Leben“ schwerer, und es ist ja schon im Frühling nicht einfach gewesen. Hat viel mit Biochemie zu tun, steckste nicht drin.

Werte und Normen: Befriedigend

Werte und Normen sieht man heute ja eher kritisch, Wertkritik und Kritik an der Xyz-normativität waren auch 2010 wieder sehr beliebt. verbrochenes.net, die kritischen Glücksforscher aus Westdeutschland, haben allerdings verwundert feststellen können, dass Kritiker der Normativitäten und der Werte 32% weniger glücklich sind als Fans von Werder Bremen. Im Spätherbst sanken diese Werte etwas, eine Blitzstichprobe ergab aber, dass das nichts mit den Freuden der Kritik zu tun gehabt hatte.

Erstes Ergebnis unserer Beobachtungen war heftige Lektüre der Schriften rechter Kulturkritiker und Gründung mehrerer Familien (Mannfraukind). Das hat geholfen, bringt uns aber schließlich die gleichen Probleme, nur von der anderen Seite betrachtet: Die Welt ist in einem miserablen Zustand, und was uns so zum Spielen zur Verfügung steht, hilft nicht weiter. Wenn jetzt die antiliberale Front aufgebaut werden soll, sind wir gern dabei.


Musik: Ausreichend

Musik hilft schon längst nicht mehr weiter. Da es aber bisher keine Beschwerden gegeben hat, scheint dieser Industriezweig weiterhin zu funktionieren. Begeisterungsfähigkeit ist der entscheidende Faktor, und die muss ohnehin auf Kundenseite erzeugt werden, da kann die Musik ja nichts dafür.

Mathematik: Gut

2010 gab es sehr viele Zahlen, weil die Finanzkrise offenbar am besten in Zahlen transportiert werden kann. Bemerkenswert sind dabei vor allem die (bemerkenswert) großen Zahlen, die besonders medial präsentiert einen Heideneindruck machen konnten. Manche waren so groß, dass man über sie hätte nachdenken müssen, um sie zu verstehen. Die Redaktion hat das stets vermieden, weil das nur Ärger bedeuten würde. Aber immerhin soll hier auch nicht die Redaktion, sondern das Jahr benotet werden. Es hatte auch sehr viele andere Zahlen zu bieten.

Öl im Golf von Mexiko: Sehr viel.

Menschen, die für die FDP stimmen würden, wenn sie jetzt könnten: Wenige.

Besuche in Afghanistan vom großen Mann: Sieben. Davon mit seiner Frau: Einer.

Wölfe in Ostdeutschland: Mehrere.

Sonnentage in Israel: Viele.

Mathe heißt, dass man mit den Zahlen jetzt noch etwas macht. Ein Beispiel:

Sonnentage in Israel geteilt durch Wölfe in Ostdeutschland: Mittelgroße Zahl.

2010 hat nun manchmal so tolle Sachen wie Griechische Staatsausgaben geteilt durch Deutsche Steuereinnahmen. Das hat uns gut gefallen, und deshalb gibt es die Note 2!

Politik: Ungenügend.

Die alten Fragen, die alten Antworten, die gleichen langweiligen Parteien, das alte Gezeter über immer dasselbe, die völlige Bewegungslosigkeit von allem – 2010 war furchtbar. Politik hat nicht stattgefunden, man täte gut daran, auch die trotzdem generierten Meldungen darüber zu ignorieren und ein Buch zu lesen. Wikileaks, wenn ich das schon höre. Nur unverbesserliche Langweiler wenden sich heute noch der Politik zu, coole Leute sind bestenfalls Soziologinnen oder Soldatinnen.

Und eins noch, wo wir dabei sind: Wenn noch einer mehr von Euch scheiß Sozialarbeiter wird, kotz ich. Ehrlich.

Das war das letzte, was es hier zu irgendwelchen politischen Themen zu lesen gegeben hat. Für immer. Ich schwöre.

Kunst: Ausreichend

2010 hatte gute und schlechte Kunst zu bieten. Schon lange wollte ich hier einen umfassenden Überblick über gute Filme und Serien geben, heute tue ich es wieder nicht.

2010 ist „Lost“ zuende gegangen, zum Glück. Nachdem es fünf Staffeln lang von sehr hohem Niveau ausgehend bergab gegangen war, war das Ende wieder erträglich und gleichzeitig so unbefriedigend, wie man das seit Jahren erwarten musste.

2010 hatte auch eine fünfte Staffel „Dexter“ zu bieten, die eine ehemals großartige Serie ebenfalls endgültig in die Grütze gefahren hat. Dafür gesorgt hat man mit strunzdummen Subplots mit hirnlosen Nebencharakteren. Auch ohne diese Fehler hätte die Serie eine Verjüngung gebraucht, ein neues Setting für ein paar Folgen, einen neuen Ansatz.

2010 ging auch „Mad Men“ weiter, eine nahezu perfekt umgesetzte Serie, die Ihr gesehen haben solltet. Die vierte Staffel war sicher nicht die beste, aber das macht nichts.

An der Filmfront gibt es nicht viel zu vermelden – das Internet hat meine Konzentrationsfähigkeit ruiniert und ich kann nur noch Serien gucken. Als ich dachte, dass ich für „Inception“ mal ins Kino gehen müsste, hatte ich mich geirrt. Nicht. Gucken. Boah.

Buchkunst gab es auch, ich würde da Jonathan Franzen empfehlen, aber weil Ihr ja alle „Die Korrekturen“ noch nicht gelesen habt, lest doch erstmal das. Für „Freiheit“ bekommt 2010 die befriedigende Note, das hat Spaß gemacht.

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Das ist ja alles schön und gut, aber wann gibts denn mal wieder richtige Beiträge auf verbrochenes.net? Nicht nur dieses selbstbezogene belanglose Gelaber? Eine gute Frage, auf die folgende Antworten möglich sind:

1. Wenn Joinsen vom Einsatz auf der Bohrinsel zurück ist.

2. Wenn die Jerusalemer Straßenbahn ihren Dienst aufnimmt.

3. Wenn wir genug Geld und Freizeit haben.

4. Wenn ich mich für ein neues Thema begeistern kann.

5. Wenn Ihr nett fragt.

Zuletzt möchte ich noch meine Mama grüßen. Und den Preis für den skurrilsten Ort der Welt vergeben: Er geht an das „Guesthouse Jenin“, ein von einem neokolonialistischen Regime aus der deutschen Linken besetztes Haus, das mitten in Jenin steht, einer ehemaligen Hochburg des islamischen Terrors, und von der deutschen Regierung finanziert wird. Wie gesagt, wenn Ihr nett fragt…

:)

Wenn eine Party, die nur einmal im Jahr stattfindet, ihr tausendstes Jubiläum feiert, dann hat das etwas zu bedeuten. Nur die wenigsten schaffen es, so zeitgemäß zu feiern und dabei dem eigenen Stil stets so treu zu bleiben wie die Bremer Jugendbewegung „Infamous Youth“. Wenn die Genossinnen und Genossen gerade nicht zusammen durch die Straßen rennen, nehmen sie harte Drogen oder singen Lieder beim Sportsport. Diese unvergleichliche Kombination von Freizeitaktivitäten hat sich als Erfolgsrezept erwiesen und alle konkurrierenden Jugendkulturen in der Hansestadt Bremen zu Tode gefeiert.

Nachdem es in Bremen jetzt nur noch Ultras gibt, alle Punker, Sprayer, Emos, Jusos und Kommunisten sich in den SV Werder verliebt haben und sich ULTRAS hinter die Ohren haben tätowieren lassen, greift die Fußball-Jugend den letzten Feind an: Das Christentum muss sterben, damit wir feiern können. Deshalb kommt das intellektuelle Drogenproletariat am 25.12. erneut im Zucker-Club zusammen, um sich bei sehr guter und sehr schlechter Musik sehr wohl zu fühlen. Ziel der Feier ist es, dass nächstes Jahr im Sommer wieder weniger gedacht und mehr gelacht wird. Wir wollen uns alle besser fühlen.

Und Ihr seid eingeladen.

Aber natürlich gibt es einen Haken. Mit den Erlösen werden nicht nur Repressionsopfer unterstützt, sondern auch linke Projekte. Wer das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, sollte am Einlass darauf bestehen, dass sein Geld nur für Menschen verwendet wird, die wegen hedonistischer Betätigung vom Staat verfolgt werden.

Menschen wie diese:

Natürlich gibt es auch einen richtigen Ankündigungstext und ein Lineup, das man bei lauschiger Weihnachtsmusik hier nachlesen kann. Zu beachten ist, dass bei weitem nicht alle Errungenschaften der Zivilisation im Laufe des Abends aufgegeben werden:

wir wollen, dass sich alle auf unseren partys wohlfühlen, deshalb haben wir keinen bock auf sexismus, rassismus, faschismus, antisemitismus, nationalismus und mackerscheisse!

™¥ infamous youth:: escalate with us!

Felix Magath im ZEIT-Dossier

Ausschnitt:

Als Felix Magath im Mai 2009 mit dem VfL Wolfsburg deutscher Meister wurde, hatte er jeden Spieler an die Grenzen getrieben. Einmal bestellte Magath einen Spieler, der auf dem Platz nichts von seinen Fähigkeiten gezeigt hatte, in die Trainerkabine. Der Spieler stand vor ihm und wartete, aber Magath rührte sich nicht. Er schaute die ganze Zeit auf seine Tasse mit grünem Tee und schwieg. Der Spieler war erleichtert, dass ein Fernseher lief, so konnte sein Blick in eine Ecke flüchten. Nach endlosen Minuten des Schweigens lief der Spieler verstört davon.

Neben den beeindruckenden Passagen zum Menschen und Trainer Felix Magath ist außerdem bemerkenswert, dass Magath auf Schalke einen praktisch unkündbaren Job besitzt:

»Wir könnten ihn nicht so einfach entlassen, auch wenn wir wollten. Wir müssten ihm dann den restlichen Vertrag auszahlen, im schlimmsten Fall 15 Millionen Euro. Dann wären wir finanziell am Ende. Wir müssten uns etwas einfallen lassen. Oder hoffen, dass er von alleine geht.« Das sagen mehrere [Schalker] Funktionäre (…) schon im Oktober, als sich die große Krise um Magath erst andeutet.

Was Magath dazu sagt:

Hat schon jemand in Schalke Ihre Entlassung gefordert?

»Nein, niemand. Das wäre für den Club auch schwierig. Anschließend.«