Februar 2011

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Zu verschenken

Werder Bremen spielt schon seit Monaten konstant schlecht, und es sieht nicht so aus, als ob Thomas Schaaf irgendeine Idee hätte, die das ändern könnte. Stattdessen wird von Klaus Allofs verkündet, die Verantwortung liege zu 100% bei den Spielern, was ein Hohn ist, wenn es diejenigen sagen, die die tatsächliche sportliche Verantwortung tragen. Schaaf ändert nichts, sondern benimmt sich auch so, als sei er dafür nicht verantwortlich. Dabei fehlt es nicht einmal an Einsatz bei den Spielern, sie wollen alle, sie können aber im Moment nicht besser. Da wird es nicht helfen, wenn man sie weiter allein verantwortlich macht und im Training anpöbelt.

Jeder kann sehen, dass die Spieler selbst völlig fertig und überfordert mit der Situation sind. Da ist keiner dabei, jedenfalls auf dem Platz nicht, der das locker nimmt und diszipliniert werden müsste. Aaron Hunt sieht wirklich bedenklich aus, ich hoffe, der ist nicht zuviel allein. Arnautovic ist längst vom arroganten CL-Gewinner zum völlig verunsicherten 21jährigen mutiert, was vielleicht einige befriedigt, aber unsere 6,5-Millionen-Investition nicht gerade im Wert steigen lässt. Marin spielt Fehlpässe, die ohne Psychologie gar nicht mehr erklärt werden können. Sandro Wagner, ein etwas ungelenker Spieler und offenbar recht simpler Charakter, wird immer wieder Ziel von Schaafs Verbalattacken, zwischendrin wurde er zu den Amateuren degradiert, wo er sich bei Trainer Wolter bedankte, denn er „brauche das Vertrauen des Trainers“. Bald danach war er wieder im Kader und wurde in Hamburg auch eingewechselt, dafür musste Denni Avdic das ganze Spiel auf der Bank bleiben. Avdic, von dessen Qualitäten wir wenig wissen, dürfte sich längst fühlen wie im Irrenhaus. Es ist völlig klar, dass das, was alle Medien übereinstimmend über Schaaf und das Training berichten, diese Probleme nicht lösen, sondern verschlimmern wird.

Schaaf denkt, dass die Spieler schuld sind, deshalb schreit er sie an. Aber er ist selber schuld.

Werder hatte immer einen überragenden Zehner in den letzten Jahren. Jetzt haben sie keinen mehr und jeder, wirklich jeder, kann sehen, dass das ein großes Problem ist. Allofs und Schaaf leugnen es bis heute, weil sie sonst ihre eigene Verantwortung nicht mehr wegwischen könnten. Wenn sie es wenigstens zugeben und jetzt die Parole, es trotzdem irgendwie zu schaffen, ausgeben würden, könnte man weiter auf sie vertrauen. Aber durch diesen massiven Realitätsverlust werden die Probleme weiter liegen bleiben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Personen, die lange Jahre erfolgreich waren, sich für unfehlbar halten und deshalb aufhören, ihre Fehler zu korrigieren.

Zu den Fehlern gehören die Taktikspielereien, die Schaaf irgendwann angefangen und in dieser Saison dann durchgezogen hat. Die Raute ist abgeschafft. Solange es sie gab, wusste immerhin jeder Spieler, was er wo zu tun hatte. Jetzt hat Schaaf ein Chaos angerichtet und die allgemeine Verunsicherung, die zu den vielen Slapstick-Gegentoren führt, ist eine Konsequenz daraus. Nicht dass ein Systemwechsel grundsätzlich schlecht gewesen wäre, Schaaf hat ihn nur einfach nicht hinbekommen. Jetzt ist die Chance, eine Mannschaft sich einspielen zu lassen, längst dahin. Jetzt müsste er Impulse setzen, etwas verändern, damit der Klassenerhalt geschafft wird.

Fehler macht er auch bei der Aufstellung. Ich weiß selbst, dass sich eh jeder für den besten Trainer hält und man über sowas genauso wie über Geschmack streiten kann. Aber: Mickael Silvestre immer wieder aufzustellen ist eine einfach inakzeptable Entscheidung. In der Hinrunde gab es mehrere Spiele, in denen Silvestre bei jedem Ballkontakt einen peinlichen Fehler gemacht hat, das war unerträglich. Schaaf hat stoisch an ihm festgehalten. Jetzt ist Silvestre immer noch jederzeit für ein Gegentor gut, er spielt weiter, auch wenn die Alternativen gesund sind. Dominik Schmidt wurde derweil genüsslich der Presse vorgeführt, weil sein Berater zuviel Geld gefordert hatte. Das kann man natürlich machen, es ist nur der Atmosphäre nicht sonderlich zuträglich.

Im Mittelfeld fehlt ein Gestalter, Hunt bringt es nicht und Marin ist bestenfalls ein Stürmer. Das sind alles Probleme, die man sich in der Personalplanung selbst eingebrockt hat, ebenso wie der Mangel im Sturm, nachdem Almeida verkauft wurde. Mit Pizarros Ausfällen war zu rechnen, jetzt schießt keiner mehr Tore. Das geht auf Allofs ebenso wie auf Schaaf. Dabei habe ich auch gedacht, dass man Almeida besser jetzt für Geld abgibt, als ihn zu behalten. Die Realität hat nur leider bewiesen, dass Klaus und ich uns geirrt haben, weshalb es einfach unglaublich ist, dass der sich jetzt vor die Presse stellt und die Schuld für alles den verbliebenen Spielern aufbürdet, um sich selbst schadlos zu halten.

Es gibt wenige Gründe, gegen Leverkusen eine bessere Leistung als zuletzt zu erwarten. Gekämpft wurde schon, das hat aber nicht gereicht. Werder erspielt so gut wie gar keine Torchancen, das letzte herausgespielte Tor war das 1:0 gegen Hoffenheim. Gleichzeitig haben die Konkurrenten am letzten Wochenende gezeigt, was sie können. Stuttgart hat in Leverkusen zwei Tore geschossen und war dem Sieg zeitweise näher als der Gegner, Mönchengladbach hat Schalke an die Wand gekämpft, einen Rückstand aufgeholt und gewonnen. Für Wolfsburg hat Diego ein Weltklassespiel gemacht und selbst Kaiserslautern hat beim 0:3 in Hannover gezeigt, dass sie im Moment besser drauf sind als Werder Bremen. Köln hat seine drei letzten Heimspiele gewonnen, am Wochenende gepunktet und spielt stellenweise richtigen Fußball. Einzig Frankfurt kommt uns ein bisschen entgegen, wirkt dabei aber auch torgefährlicher als Werder. Dass Werder keine Torchancen hat, ist kein neues Phänomen in diesen Wochen, das war schon in der Hinrunde so, beispielsweise bei dem Heimdesaster gegen Kaiserslautern.

Einfacher als in Hamburg wird es nicht mehr werden, Punkte zu holen. Leverkusen ist die zweitbeste Auswärtsmannschaft der Liga und hat acht von elf Auswärtsspielen gewonnen. Selbst wenn Werder auf einmal zu alter Stärke zurückfinden würde, stünden die Chancen, das Spiel zu verlieren, noch sehr gut.
Werder.de verbreitet bis dahin Zuversicht, indem sie die Rückkehr der Verletzten in Aussicht stellen. Die Hoffnung ruht also auf Spielern, die bestenfalls am Mittwoch oder Donnerstag vor dem Spiel wieder in Mannschaftstraining einsteigen können. Der Wichtigste ist da Wesley, dem man tatsächlich zutrauen kann, die Mittelfeldmisere dergestalt zu lindern, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Zu Pizarro muss man nichts mehr sagen; wenn er wieder dauerhaft verletzt sein sollte, sieht es düster aus.

Aber selbst wenn Werder mit Schaaf den Klassenerhalt schafft, woran ich nicht glaube, bleiben die Probleme mit seiner Mentalität, seiner vermeintlichen Unfehlbarkeit, mit Klaus Allofs, mit der ganzen verkorksten Saison und dem Nichteingestehen der eigenen Verantwortung. In vier Wochen ist alles Spekulieren ohnehin überflüssig. Denn dann gelten in Bremen dieselben Regeln wie anderswo: Wenn Schaaf die nächsten Spiele verliert, wird er gehen. Wenn er sie gewinnt, hat er genug Kredit, um mit Werder abzusteigen.

Das Bemerkenswerteste am Skandal um Guttenbergs Doktorarbeit ist die öffentliche Debatte darum und wie seine freche Verteidigungsstrategie tatsächlich funktioniert hat. Es ist von Anfang an klar gewesen, dass absichtlich betrogen wurde, die Sachlage ist völlig eindeutig und für jeden öffentlich nachvollziehbar. Diesen Umstand haben Guttenberg und seine Verteidiger aber erstaunlicherweise verschleiern können. Die Sprachregelung von „fehlenden Fußnoten“ verfängt und Angela Merkel hat die Chutzpe, zu verkünden, sie habe Guttenberg ja nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt, sondern als Verteidigungsminister. So wird allenthalben suggeriert, dass er bei seiner Doktorarbeit ein paar Fehler gemacht habe. Die Wahrheit ist, dass er betrogen hat. Die Wahrheit, in diesem Fall so eindeutig und offensichtlich wie selten, ist der Bevölkerung weder vermittelt worden, noch wollte sie sie hören.

Beeindruckend ist dabei, wie dreist gelogen wird und wie verkommen die Regierung und die Politik ist, dass sie den Betrug explizit oder implizit leugnet, obwohl er längst bewiesen ist. Dabei ist es in der Politik üblich, zu lügen. Es ist aber nicht üblich, über eine Wahrheit zu lügen, die längst bekannt ist, und damit dann durchzukommen. Dazu müssen die Unionspolitiker jetzt so tun, als ob sie tatsächlich genervt wären von der Debatte, die sich doch angeblich nur um Fußnoten und Fehler in einer Doktorarbeit dreht. Dieter Wedel sah bei Anne Will gar einen Pogrom gegen Guttenberg aufziehen und auch das ließ man ihm durchgehen. Jetzt wartet man darauf, dass die Uni Bayreuth erklärt, was längst alle wissen, und danach, warum Guttenberg trotzdem Doktor bleiben darf.

Ob er schließlich zurücktreten muss, darf gespannt erwartet werden. Angela Merkel musste ihn stützen, sonst hätte man ihr das politische Ende des bayrischen Messias vorgeworfen, der selbst jetzt noch Zustimmungswerte von über 70% hat. Da wartet Frau Merkel lieber einfach ab, langfristig ist Guttenberg sowieso erledigt. Die FAZ hat ihn längst fallengelassen, zu schmuddelig ist die ganze peinliche Affäre. Jetzt gerade hat Guttenberg erklärt, er wolle seinen Doktortitel dauerhaft nicht mehr führen, nachdem er zuletzt noch betont und wiederholt hatte, dass er ihn nur vorläufig ruhen lassen wolle. Dabei kann er einen Doktortitel gar nicht einfach ruhen lassen, er hat diesen Titel, bis die Universität ihn widerruft – wenn sie das denn tut, wovon jetzt um so mehr auszugehen ist. Seinen Betrug bezeichnet er jetzt als „Blödsinn“, den er geschrieben habe, und auch das ist wieder so verkommen, so dreist, dass kaum zu glauben ist, dass er damit durchkommen könnte.

Derweil wirft die Zuneigung zum Taugenichts Guttenberg ein grelles Schlaglicht auf die deutschen Befindlichkeiten. Der reich geborene Guttenberg war nie außerhalb der Politik beschäftigt, seine akademische Karriere endete mit einem massiven Betrug und seine politische Laufbahn ist frei von bemerkenswerten Taten. Trotzdem wird er gerade von den Kleinbürgern geliebt, die Hartz4-Empfänger für Schmarotzer halten und „Sozialbetrüger“ am liebsten ins Gefängnis stecken würden. Gerade der Politiker, in dem sie große alte Werte erkannt haben wollen, erweist sich als dummdreister Betrüger mit Feudalherrenattitüde. Trotzdem und gerade deswegen lieben sie ihn weiter. Deshalb hält sich die Opposition weiter zurück, anstatt die wütenden Attacken zu reiten, die gerechtfertigt wären.

Bei der Vorstellung des neuen HSV-Trainers ist es heute zum Eklat gekommen. Vorstandschef Bernd Hoffmann hatte zur Pressekonferenz geladen und dort Karl-Theodor zu Guttenberg als neuen Trainer vorgestellt. Hoffmann: „Guttenberg verfügt über das gesunde Selbstbewusstsein, das unserem Verein so lange gefehlt hat. Die Affäre, die ihn letztlich zum Rückzug aus der Politik gezwungen hat, sehen wir positiv: Herr Guttenberg ist genau der abgewichste, skrupellose Erfolgsmensch, den der HSV gebraucht hat.“ Neben ihm lächelte verschmitzt der neue starke Mann beim HSV und scherzte gut gelaunt in Richtung der Journalisten: „Machen Sie ruhig was mit ‚Verteidigung‘ in der Überschrift, das passt gut!“

Kritische Nachfragen nach seiner fußballerischen Kompetenz beantwortete der schnittige Star mit einem Lachen und dem geheimnisvollen Hinweis, dass er erfahren genug sei, man könne „da ruhig jeden von Brasilien bis nach Ost-Europa fragen.“ Ein irritierter Reporter bat den immer aufgedrehter wirkenden HSV-Trainer daraufhin, einmal seine Brille abzunehmen, was der auch tat. In das beginnende aufgeregte Gemurmel hinein rief ein sichtlich konsternierter Bernd Hoffmann jetzt, dass die Pressekonferenz beendet sei, man bedanke sich bei allen Teilnehmern. Doch als er seine neben ihm sitzende Neuverpflichtung am Arm nehmen wollte, stieg diese auf einen Stuhl und rief, dass sich niemand mehr Sorgen machen müsse, er habe „alles im Griff! Ich habe die Erfahrung! Ich kann das! Ich habe, meine Güte, ICH HABE 150 LÄNDERSPIELE GEMACHT, ICH BIN EINE LEGENDE, ICH BIN EIN ERFOLGSTRAINER, EIN FACHMANN, ICH BIN LOTHAR MATTHÄUS!!!!!!“ Dann rutschte er aus und fiel rücklings in die hinter ihm aufgestellte Werbewand.

Anschließend entschuldigte Matthäus sich beim weinenden Hoffmann für die Täuschung, aber anders sei „da jawohl nichts zu machen gewesen, in der Bundesliga. Sie werden es nicht bereuen, Herr Hoffmann!“ Ob die Sektkorken in Bremen zu früh geknallt haben, wird sich noch zeigen: Hoffmann hat sich Bedenkzeit erbeten und Karl-Theodor zu Guttenberg hat aus München ausrichten lassen, dass er und seine Familie jederzeit für Lothar da seien, wenn der Hilfe brauche.

Man soll nicht auf am Boden Liegende eintreten, schon gar nicht im Fußballzusammenhang. Und doch ist der SV Werder am Samstag eingeladen, genau das zu tun. In Hamburg hatte man vor der Saison zum Isolationismus aufgerufen und behauptet, das einzige richtige Derby finde innerstädtisch gegen St Pauli statt. Das schien taktisch klug, da St Pauli von 15 Bundesliga-Spielen gegen den HSV nur das erste, 1977, hatte gewinnen können. Gegen Werder hingegen hatte der Verein aus der Imtech-Arena in den letzten Jahren nicht viel beschicken können; verständlich, dass man da die Lust am Derby verliert. Nur ist jetzt gegen den anderen Verein aus Hamburg auch wieder alles daneben gegangen.

Man muss nicht aus Bremen kommen, um den HSV für den jämmerlichsten aller Bundesliga-Vereine zu halten. Zu oft sind sie in den letzten Jahren gescheitert, zu wenig haben sie daraus gelernt. Selbst für eine richtig miese Saison, wie sie Werder gerade spielt, wäre der Hamburger Kader zu charakterlos. Ruud van Nistelrooy soll angeboten haben, einen Teil der Ablöse selbst zu zahlen und in Madrid auf ein Gehalt zu verzichten, nur um aus diesem Inferno der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Andere Hochbegabte, etwa Elia, haben für derartige Angebote noch nicht genug verdient, bereuen ihre Unterschrift beim Versagerverein heute aber ganz gewiss. Armin Veh hat angekündigt, nach Hamburg keinen Verein in Deutschland mehr zu übernehmen, und könnte nach einer Niederlage gegen Werder endlich in Rente gehen. Da erinnert man sich gern an Thomas Doll, einen unfähigen Simpel, dem die ganze Hansestadt umso ergebener zu Füßen lag, je mieser er seine Arbeit machte.

Keine Hoffnungen darf man sich darauf machen, dass in Hamburgs Fangemeinde Selbstzweifel aufkommen könnten. Mehr noch als bei allen anderen Vereinen ist hier die Selbstwahrnehmung von der Realität abgekoppelt. Ganz egal, wie erbärmlich die Mannschaft spielt, wie unfähig selbst die für den Platz zuständigen Handlanger arbeiten und wie prolldämlich sich die Fans aufführen – der HSV bleibt für sie ein ganz Großer, die längst viel interessanteren St Paulianer nur der kleine Stadtteilclub und Bremen ein kleines Fischerdorf. Die Produktion von Peinlichkeiten wird erstaunlich ausdauernd betrieben, die eigene Identitätssuche dauert an.
Eine interessante Form des ortstypischen Größenwahns ist der Versuch, Polizisten und Sportfunktionäre für Ultra-Kultur zu begeistern. Das anzuschauen ist quälender als Stromberg, insbesondere da, wo sich der selbsternannte „Leitwolf“ an sein Publikum anbiedert, indem er sich von seinen Freunden und ihren absurden Ritualen distanziert.

Man kann sich allerdings sicher sein, dass die Hamburger mal wieder mit großer Sorge ins Derby gehen. Die Tabelle verschweigt das zwar, aber für den HSV wäre eine Niederlage schlimmer als für uns. Beide Derbys in vier Tagen verloren, mal wieder an der Jagd nach dem fünften Platz gescheitert, obwohl man insgeheim vor jeder Saison glaubt, dieses Mal könnte es doch vielleicht gar die Meisterschaft sein – schlechte Aussichten. Werder hingegen wird sich in ein paar Wochen ohnehin aus dem Abstiegskampf gerettet haben und optimistisch an den Neuanfang machen, während der HSV immer noch im alten Dreck hocken und mit den alten Spielern und neuem Trainer darauf hoffen wird, dass es 2012 vielleicht zwei Plätze nach oben geht. Und je frustrierender die sportliche Tristesse wird, umso verbissener werden die Dummerchen auf der Tribüne werden. Vielleicht klappt es dann endlich mit dem neuen Trainer. In diesem Sinne: Mehr Hass!

Eigentlich wollte ich mich gerade über Guido Westerwelle auslassen, von dem ich immer gedacht hatte, dass er selbstverliebt genug wäre, um sein Amt als Außenminister irgendwann noch einmal für einen ganz großen Wurf nutzen zu wollen. Nun ist die Gelegenheit ganz offensichtlich da, die Revolutionen im Nahen Osten bleiben wahrscheinlich das interessanteste Ereignis in der internationalen Politik, das in Guidos Amtszeit stattgefunden haben wird. Doch Guido rührt sich nicht, er bleibt betont zweitklassig und sagt im ZDF allen Ernstes, man dürfe nicht den Anschein erwecken, die Gerüchte über einen vom Westen orchestrierten Aufstand könnten wahr sein. Was für eine erbärmliche und verlogene Begründung, man kann es kaum glauben.

Anscheinend hat Westerwelle sich entschieden, seine Profilsuche aufzugeben, diesen Schritt einfach zu überspringen und stattdessen gleich auf alten Haudegen zu machen, der alles schon erlebt hat und deshalb ganz ruhig bleiben kann. Das ist für ihn selbst schade, weil er mit dieser andauernden Leistungsverweigerung die immensen Chancen auf Ruhm und Glanz verspielt, die das Amt ihm bietet. Vor allem ist es aber für die Freiheit und die Demokratie, also die nominalen Werte der FDP, schlecht, dass niemand für sie eintritt, der genug Geld und Einfluss hätte, um etwas zu erreichen. Es wäre nicht schwer, jetzt die demokratischen Bewegungen zu unterstützen, sich lautstark an ihre Seite zu stellen und Freiheit im Nahen Osten zu fordern. Das hieße beileibe nicht, sich grenzenlos optimistisch mit der Revolution gemein zu machen, im Gegenteil: Es hieße, die Sorge um den Ausgang der Revolution nicht im Raum stehen zu lassen, sondern Einfluss zu nehmen. In Ägypten hieße das auch, Gruppen unter der Bedingung zu stärken, dass sie offen für den Frieden mit Israel eintreten.

Jedenfalls, eigentlich wollte ich mich so über den Außenminister auslassen, aber was bringt das – er ist schließlich der deutsche Außenminister. Seine Amtskollegen machen inhaltlich nicht viel anders, wenn sie auch eine bessere Figur dabei machen und zumindest die Amerikaner die tatsächliche Möglichkeit einer Demokratisierung des Nahen Ostens wieder in ihre Überlegungen einbezogen und sie teilweise gar eingefordert haben.

In oben erwähnter ZDF-Sendung kam neben den Diktatoren und Islamisten auch das wirkliche, das tatsächliche, das einzige Problem im Nahen Osten zur Sprache. Hamed Abdel-Samad, Liebling der Deutschen Islamkritik, forderte von den Israelis beleidigt „mehr Verständnis“ für die Ägypter ein, nachdem ebenjene ihren Antisemitismus in Kairo auf die Straße getragen haben. Und überhaupt, ein Problem seien die Checkpoints – er kann nur die in der Westbank gemeint haben – und „die Belagerung“. Weiter: „Die Checkpoints müssen auch aus den Köpfen entfernt werden“. Mit diesem Sozialpädagogengequatsche lässt sich noch jedes deutsche Showpublikum zum Applaus hinreißen.

Michael Lüders, als „Nahostexperte“ vorgestellter Feind Israels aus Bremen-Nord, hat schon längst alle Checkpoints in seinem Kopf abgebaut und sagt, wohlgemerkt angesprochen auf den Frieden zwischen Israel und Ägypten, dass es Frieden im Nahen Osten nicht geben werde ohne die Perspektive auf einen palästinensischen Staat, und auch nicht, solange „die Menschen im Gaza-Streifen ausgehungert werden und eine israelische Siedlung nach der anderen gebaut wird“.

Lüders, der beruflich die „Ursachen islamistischer Gewalt“ (kurz: Israel) erforscht, ignoriert, dass es bereits Frieden zwischen Ägypten und Israel gibt. Und er behauptet das Gegenteil: Dass ein Frieden gar nicht möglich wäre, bevor Israel nicht dies und das unternähme. Inzwischen ist es soweit, dass, wer über die Einhaltung des Friedensvertrages durch die Ägypter sprechen möchte, sich mit Forderungen an Israel konfrontiert sieht, die zu erfüllen wären, damit der Friedensvertrag eingehalten werden kann. Das ist nichts weniger als die Androhung bzw. die Legitimierung eines neuen Krieges. Während sich früher hinter dem Ruf nach Frieden die Mörder verschanzen konnten, ist es jetzt der Ruf nach Frieden selbst, der in Wirklichkeit ein Ruf nach Krieg ist, Krieg gegen Israel – damit es Frieden geben kann.

Dass der Frieden unbedingt erhalten werden muss, das hatte am Ende nur einer gesagt: Guido Westerwelle.

Es täte mir gut gefallen, wenn dieser Beitrag hier mehr als 200 Facebook-Möger finden würde. Bloggen ist ein narzisstisches Business, vor allem, wenn es gar kein Business ist. Natürlich ist die deutlich größere Motivation, wieder mehr zu schreiben, dass kürzlich eine Art Blog für 315 Millionen Dollar die Besitzerin gewechselt hat. Eigentlich wollte AOL verbrochenes.net kaufen, aber mein Akku war leer, als der Kasper da angerufen hat. Ich hätte aber, das will ich Euch gestehen, schon verkauft, für soviel Geld.

Eine Alternative zur Arbeitslosigkeit bleibt das Verbrechen. Denn entgegen weit verbreiteter Annahmen kann sich Verbrechen durchaus lohnen. Entführungen zum Beispiel sind eine recht lässige Sache und funktionieren öfter, als man denkt. Ehrenhafter ist natürlich ein Banküberfall. Bei einem Banküberfall – wie auch bei mancher Entführung – kommt der Gewinn meistens direkt von irgendeiner Versicherung und fehlt schlussendlich in Form von tausenden von Centbeträgen auf den Abrechnungen irgendwelcher Aktienbesitzerinnen. Die haben das Geld auch nicht eher verdient als ich. Nicht, dass ich es besonders dolle verdient hätte, aber die ja auch nicht. Vielleicht hol ich mir das mal, das Geld von der Bank.

Wenn in Deutschland ein Übernahmekrieg zwischen zwei Großunternehmen tobt, dann sind die Rivalen meistens miteinander verwandt und haben ihre exponierte Position geerbt. Man erzählt hier immer, dass man sich was erarbeiten müsste. Besser ist es aber, was zu erben. Erstens ist das nicht so anstrengend, und zweitens kann man viel mehr ererben, als man erarbeiten kann. Jakob Augstein hat das richtig gemacht: Der hat kräftig geerbt und sich dann ne kleine Zeitung gekauft. Der Mann muss es also wissen, wenn er sagt:

Es besteht zwischen Verdienst und Leistung keine Verbindung, und Fairness ist in diesem System Zufall.

Das darf er aber bei Spiegel Online auch nur schreiben, weil er so ein putziger kleiner Erbe ist. Für Besserverdiener ist das eine ungeheure Beleidigung, dass ihre Leistung nun doch gar nicht so toll sein soll, dass ihre ganze große Individualität gar nichts mit ihrem ganz großen Einkommen zu tun haben soll. Da fühlen sie schon richtig: Eigentlich kann das ja alles gar nicht angehen. Tut es aber. Es hat auch genau genommen nie jemand behauptet, dass im Kapitalismus Verdienst und Leistung in fester Verbindung stünden. Das wäre auch ganz schön dreist. Wenn das jemand behaupten würde. Eigentlich macht sich einfach keiner mehr die Mühe, irgendwie zu rechtfertigen, warum die einen alles und die anderen gar nichts haben. Die Frage danach ist irgendwie schon anrüchig geworden, da braucht es dann auch keine Antwort mehr.

Ich möchte, dass Dirk von Lowtzow Bundespräsident wird.

Jedenfalls geht mir der Liberalismus auf die Nerven. Kann aber verstehen, wenn die Ägypter das grad noch anders sehen. Ich mein, was will man denn auch stattdessen machen? Trau ich mir nicht zu, die Antwort, dem Dirk aber schon. Deshalb soll der Präsident werden.

Aufrichtig ahnungslos sein, das kann heute auch keiner mehr. „Entschuldigung, aber davon verstehe ich wirklich GAR NICHTS!“ Ich muss schon zugeben, eigentlich trau ich mir jedes Thema zu. Google ich das halt mal, und dann weiß ich bescheid. Ich könnte über jedes Thema bei Anne Will diskutieren und dabei keine schlechtere Figur als die Kollegen machen. Also, natürlich müssten die mich erstmal anziehen und zurecht machen, aber dann, dann könnt ich das. Ehrlich gesagt ist das schon ein kleiner Traum von mir, mal bei Anne Will zu sitzen und endlich mal zu sagen, wie es ist! Auch das mit dem Präsidenten, und mit Dirk.

Ich rechne mir das schon hoch an, dass mir der Liberalismus auf die Nerven geht. Ich habe ein gewisses Unbehagen gegenüber Menschen, die den herrschenden Zuständen gegenüber nicht ein gewisses Unbehagen haben. Das gilt jetzt nicht nur für Demokraten, auch für die, die da mehr als ein Unbehagen mit sich rum tragen. Die sind mir ganz unbehaglich, ganz ungemütlich. Gut, das mit der Politik ist und bleibt halt einfach schwierig. Da muss man mit um können.

In Ägypten ist Revolution. Jetzt schon seit Wochen. Dabei zeigt sich, dass selbst Revolutionen mal langweilig werden. Längst ist die anfängliche Dynamik abhanden gekommen und das Verhandeln hat begonnen. Es wird eine neue Regierung geben. Aber ob die von denen gestellt wird, die die Revolution angezettelt haben, weiß man noch nicht. Wie man überhaupt nicht viel weiß, jedenfalls nicht über die Zukunft. Die Zukunft, die alte Sau, entzieht sich weiterhin ihrer Verantwortung gegenüber denen, die sie vor ihrer Zeit beschrieben haben. Deshalb lassen wir uns gar nicht erst mit ihr ein und bleiben in der Gegenwart. In der lässt sich, wie immer, die deutsche Medienproduktion kritisieren.

Es wird irgendwann, soviel ist einigermaßen sicher, eine ägyptische Regierung ohne Hosni Mubarak geben. Die Preisfrage ist jetzt, wie diese Regierung aussehen und handeln wird. Dabei entscheidend zu sein scheint heute, wie groß die Rolle der Moslembruderschaft in der Regierung sein wird. Und dazu, ob die Moslembruderschaft sich dann eher moderat oder eher radikal zeigen wird. Man weiß das vorher nicht. Immerhin weiß man, dass die Moslembrüder keine islamische Version der Christdemokraten sind. Also fast jeder weiß das.

Stattdessen lehnen sie, wie viele Ägypter, zum Beispiel den Frieden mit Israel ab. Selbst bei den Demonstrationen in Kairo, bei denen viele säkulare und gebildete Menschen auf der Straße sind, ist Antisemitismus weit verbreitet. Und dann ist da ja auch noch ein Friedensnobelpreisträger, der für den Frieden nicht viel übrig hat. Mohammed ElBaradei, eines der Fernsehgesichter der ägyptischen Opposition, stellt den Frieden mit Israel zur Disposition. Ob er das aus Überzeugung tut oder aus politischem Kalkül, spielt keine Rolle. Wenn ElBaradei sich nicht zum Frieden mit Israel bekennt, ist unwahrscheinlich, dass es irgendein anderer politischer Akteur tun wird. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht früher oder später eine demokratische Regierung geben kann, die sich an das Friedensabkommen hält, aus welchen Gründen auch immer. Alles ist möglich.

Europäern und Amerikanern, also dem größten Teil der Kommentatoren, kann es relativ egal sein, was am Ende herauskommt. Anders geht es den Israelis, die gerade erleben, wie der moderate Teil der ägyptischen Revolution ihnen indirekt mit Krieg droht. Nicht wegen eines ägyptischen Disputs mit Israel wohlgemerkt, sondern wegen der „Lage der Palästinenser“. Die muss meistens herhalten, wenn Antisemitismus verschleiert werden soll.
Die Demokratisierungsenthusiasten, die aller Welt versichern, dass es schon gutgehen wird, und den westlichen Regierungen bittere Vorwürfe machen, sie werden sich daran messen lassen müssen, wie die nächste Regierung in Kairo es mit Israel hält.

Auch wenn jetzt eine Demokratisierung stattfindet, kann diese sich schnell selbst beenden. Mit der Zulassung der Hamas zu den Wahlen und ihrem anschließenden Wahlsieg hat sich die junge Demokratie in den palästinensichen Autonomiegebieten mit ihren eigenen Mitteln wieder abgeschafft. Islamisten sind per definitionem keine Demokraten. Ob in Ägypten die Islamisten oder die Demokraten schließlich gewinnen werden, oder ob am Ende ein neues säkulares autoritäres Regime die Macht übernimmt, werden wir sehen. Weil Ägypten das mit Abstand größte arabische Land ist, wird seine Zukunft Auswirkungen auf die ganze Region haben.

Liberalismus oder Islam – das sind die vordergründigen Alternativen. Doch bis sich eine der beiden Ideologien durchsetzt, kann es dauern. Und was passiert eigentlich, wenn morgen ein Selbstmordattentäter in Kairo 100 Leute umbringt? Man weiß das alles nicht.

Wer als Fußballfan in Deutschland Berichte für ein Fanzine schreibt, hält sich dabei stets an gewisse Regeln, die sich eingebürgert haben. Dazu gehört ein Jargon der Beiläufigkeit, der in jeder Zeile deutlich macht, dass der Verfasser ein alter Hase ist und fast alles so oder so ähnlich schon einmal erlebt hat. Ein Beispiel:

Pünktlich zur Rückkehr des Winters brachen wir in den hohen Norden auf, wobei die zuvor befürchteten Schneechaos-Szenarien zwar Gott sei Dank ausblieben, schweinekalt wars aber trotzdem. Dies nahmen wir zum Anlass einen kleinen aufwärmenden Winterspaziergang zu unternehmen.

Das erste Schlüsselwort ist „pünktlich“, man geht hier also einer Art Pflicht nach, einer Routine. Das zweite Schlüsselwort ist „Spaziergang“. Man ging nicht erwartungsfroh zum großen Spiel, man schaute sich auch nicht die Stadt an, sondern man machte einen Spaziergang. Der war „klein“ und wäre das auch gewesen, wenn er 10 Kilometer lang gewesen wäre.

Nun kommen wir zur zweiten Pflicht des Fanzine-Schreibers. Er muss sich abwertend über den Gegner äußern. Das kann am Beispiel der Stadt passieren, an ihren Bewohnern bzw. den Fans des gastgebenden Vereins oder am Verein selber. Ganz wichtig ist, dass man nicht zu emotional wird. Die Beiläufigkeit muss gewahrt werden, man lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zwar schon gar nicht von denen. Falls talentiert genug, kann der Autor jetzt auch ein bisschen Humor aufblitzen lassen. Zum Beispiel so:

So spazierten wir also frohen Mutes und mit nur äußerst geringer Polizeibegleitung durch das Bremer Viertel, das zugegebenermaßen eigentlich ein recht nettes Flair versprüht. Lag wohl daran, dass wir keine einheimischen #Ultras# ertragen mussten.

Man spazierte, man begutachtete großmütig die fremde Stadt, alles ist lässig, und dann kommt er, der feinsinnige Hinweis auf die einheimischen Ultras. Nachdem diese Formalität erledigt ist, kommt direkt die nächste: die Stadionkritik. Zu beachten ist vorher, dass Gästeblöcke niemals „betreten“ oder in das Stadion „gegangen“ wird, es wird grundsätzlich „geentert“:

Am Stadion angekommen enterten wir selbiges recht zeitig.

Natürlich auch nicht „zeitig“, das wäre weniger lässig, man geht „recht zeitig“. Während der Gästeblock nicht recht goutiert wurde, fanden die Bremer Spruchbänder mehr Beachtung. Zunächst das erste:

Zu Spielbeginn gaben die Bremer mittels Spruchband schon mal die Marschrichtung vor, indem sie uns wissen ließen dass sie sich auf Fürth, Ingolstadt und Paderborn freuen. Schön dass man realistisch bleibt! Viel Spaß auf den Trips nach Fürth oder Ingolstadt, die dann sicher mal wieder zu weit sind um anzureisen.

Gleich zwei besonders durchdachte Attacken: Einmal die diesmal besonders feine Ironie, mit der dem Gegenüber Vorfreude unterstellt wird, wo tatsächlich Angst ausgedrückt wurde. Und zum anderen der Hinweis darauf, dass die Bremer Fanszene zu manchen Auswärtsspielen nicht besonders zahlreich anreist. Solche Verweise auf die jeweiligen Schwächen der gegnerischen Fans gehören unbedingt in jeden Bericht. Umgekehrt würde man den Münchnern beispielsweise vorwerfen, dass bei ihnen zu Hause in München eine jämmerliche Atmosphäre herrscht. Hamburgern würde man die misslungenen Choreographien vorhalten, Wolfsburgern ihr Werksvereinsdasein und so weiter.

Im vorliegenden Bericht, es handelt sich um den der Schickeria München zum letzten Gastspiel in Bremen, folgt jetzt ein spannender Teil, der so tatsächlich nicht in jedem Spielbericht zu lesen ist.

Im Zuge des internationalen Holocaust-Erinnerungstages am 27. Januar gedachten wir heute Otto Beer, dem ehemaligen Jugendleiter des FC Bayern und Vertrauten unseres verehrten Präsidenten Kurt Landauer, und seinem Einsatz für den FC Bayern. Otto Beer war direkt verantwortlich für die Entwicklung der Münchner Fußballkunst und zahlreiche Erfolge unseres Vereins vor dem zweiten Weltkrieg, welche 1932 im Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft für unsere wunderbare Stadt gipfelten. Doch auch seine Verdienste um München und den FC Bayern konnten ihn nicht davor schützen, wie seine Familie Opfer der rassistischen Mordpolitik der Nationalsozialisten und des Wegsehens viel zu vieler Münchner zu werden. Otto Beer wurde von den Nazis nach der Reichskristallnacht deportiert und schließlich 1941 im KZ Kaunas ermordet. Um diesem großen Mann aus der Geschichte des FC Bayern zu gedenken, zeigten wir mehrere Spruchbänder sowie eine Fahne mit Otto Beers Konterfei und unserem alten Vereinslogo. Die Aussage dürfte klar sein: Wir wollten anhand eines anschaulichen Beispiels die Verbindung aufzeigen zwischen der Geschichte unseres großartigen Vereins und der Notwendigkeit und Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute! Vergesst niemals die Geschichte unseres Vereins, auf die wir stolz sein können! Vergesst nie Eure Menschlichkeit! Kein Fußball den Faschisten!

Abseits vom richtigen und wichtigen Anliegen, an die Morde der Deutschen zu erinnern, haben diese Passage und die Spruchbänder, auf die sie sich beziehen, einige interessante Aspekte. Da wäre zunächst die pathetische Sprache: „verehrten Präsidenten“, „Fußballkunst“, „wunderbare Stadt“, „großer Mann“. Sie erzeugt eine Atmosphäre der Erhabenheit, wo es in Wirklichkeit um millionenfaches Verrecken und Krepieren ging. Otto Beer mag ein guter Trainer gewesen sein, vielleicht auch ein guter Mensch, aber darauf kommt es nicht an: Die Nazis haben alle Juden ohne Unterschied ermordet, die Verbrecher wie die Gerechten, die Arbeiter wie die Fabrikbesitzer, die Greise wie die Säuglinge. Die Opfer des Holocaust waren keine Helden, sie waren Mordopfer. Deshalb taugt die Glorifizierung der Toten nicht, um an die Ereignisse zu erinnern, die naturgemäß ohnehin nicht von den Opfern, sondern von den Tätern vorangetrieben wurden.

Spätestens stutzig werden sollte man, wenn jemand von „Geschichte […], auf die wir stolz sein können“ spricht und damit 33-45 meint. Die Schickeria München praktiziert einen nachholenden Widerstand, der sich mit einer angeblichen „Verbindung zwischen der Geschichte […] und der Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute“ begründet. Mit dem üblichen Antifa-Größenwahn halluzinieren sie die Notwendigkeit antifaschistischen Engagements herbei und begründen das mit der Geschichte, als ob sie Otto Beer noch retten könnten; oder als ob heute jemand von deutschen Gaskammern bedroht wäre und der Hilfe der Münchener Fußballfans bedürfte. So können Ultras die bequemste Form des Antifaschismus genießen. In München gibt es ohnehin kaum Nazis, beim FC Bayern schon gar nicht, und die Geschichte des FC Bayern lässt sich wunderbar als Ticket auf die richtige Seite der Geschichte nutzen. Da passt dann auch die Schutzheilige aller machtlosen Flugblattverteiler, Sophie Scholl, bestens ins Bild und auf den Doppelhalter. Die Geschichte von München als „Hauptstadt der Bewegung“ spielt dabei keine Rolle mehr. Nun ist es verständlich, dass man sich nicht in die Traditionslinie der Nazis stellt. Dass man sich aber unbedingt identitätsstiftenderweise in eine Tradition stellen muss, mit der man in Wirklichkeit nichts zu tun hat, weil man damit heute nichts zu tun haben kann, das ist fragwürdig.

Das Selbstverständnis als antifaschistische Ultras, die bei Fußballspielen singen und dabei irgendwie auch mit dem deutschen Widerstand verwandt sein wollen, gibt einige Rätsel auf. So ist die Schickeria stolzes Mitglied vom „Alerta Network“, einem Bündnis für antifaschistische Ultras in Europa. In diesem Netzwerk ist es nicht nur völlig okay, sich für die palästinensische Sache einzusetzen, sondern auch, sich mit den antifaschistischen Genossen zu prügeln. Überhaupt, Prügeln und Feindesein ist ziemlich wichtig für die Münchener. Dabei ist für antifaschistische Gewalt kein Ziel in Sicht, auf die Militanz und ihren Chic will man trotzdem nicht verzichten. In München verteidigen sie deshalb bei Gelegenheit auch mal ein Schwimmbad dagegen, von feindlichen Fans beschwommen zu werden. Und selbst drastische Konsequenzen ihres Tuns haben nie etwas daran geändert, dass die Münchener Ultras sich stets zu den Guten rechnen.

Die eigene Mentalität wurde zuletzt per Spruchband mit „Sometimes antisocial – always antifascist“ beschrieben, was aus Bremen dieses Mal umgedeutet wurde in „Sometimes antifascist – always white sausage“. Die Weißwurstmentalität räumt man in München zwar ein, aber die Bezugnahme auf das eigene Spruchband zu erkennen wird konsequent verweigert:

Die Bremer zeigten unter anderem ein kreatives und inhaltlich sinnvolles Spruchband, in dem sie uns als #White Sausages#
bezeichneten. #Ihr könnt machen was ihr wollt und bleibt doch für immer Weißwürste!# oder so wäre ja mit viele Augen zudrücken evtl. irgendwo noch so was Ähnliches wie #amüsant# gewesen, aber #White Sausage#? Wem zum Teufel fällt so was ein? Und welche Runde von Vollnerds findet so was ernsthaft bombe und lustig? Da is wohl wem der Tee nicht bekommen. Unser Beileid sei ihnen sicher, hat jedenfalls gut für Lacher und Kopfschütteln gesorgt. Armes Bremen.

Hier ist wieder die Ironie zu beachten, mit der eingeleitet wird. Die grundsätzliche Überlegenheit der Münchener zeigt sich dann erneut in Lachern, Kopfschütteln und Mitleid. Ach, die Bremer, schreiben was auf Englisch! Weil er inzwischen in bornierter Selbstverliebtheit ertrunken ist, merkt der Autor auch nicht, wie die eigene Selbstdarstellung schließlich zur Karikatur wird. Auf die Erinnerung an den Holocaust folgt nämlich die ernst gemeinte Aufforderung an die Bremer, nicht mehr mit bestimmten Menschen zu tanzen. Nach dem Spruchband für Otto Beer ging es so weiter:

Wir hingegen teilten den Bremern mit, dass die neu aufkeimende Achse des Nordens Bremen-Hannover-Braunschweig irgendwie lächerlich ist. Zur Erläuterung: Hannoveraner (BN99) besuchten letztens eine Techno-Party von Infamous Youth und anderen Bremer Ultras, zu denen sie seit jeher ein mehr als angespanntes Verhältnis pflegen oder um es deutlich zu sagen: eigentlich sind Hannover und Bremen Erzfeinde! Erst beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften gelang es den Hannoveranern die Fahne einer Bremer Gruppe zu entwenden. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, reisten zu dieser Party die Hannoveraner und einige Braunschweiger (UB01), ebenfalls seit jeher erbitterte Erzfeinde (?), auch noch im selben Zug an!

Ein ungeheurer Vorgang, wenn man als echter Ultra auch echter Hassprediger ist. Ultraideologie heißt schließlich immer noch, dass man genau den Leuten, mit denen man am meisten gemein hat, auf die Fresse hauen muss.

Unsere Auffassung von Ultrà sieht in diesem Punkt mal grundlegend anders aus…oder anders formuliert: bevor wir zusammen mit den Blauen nach Nürnberg auf ein Konzert fahren, schneiden wir uns lieber im Absinth-Rausch die Ohren ab!

Das fasst die Idiotie, die Ultra ausmacht, ganz gut zusammen. Schließlich versuchen die Leute, die sowas sagen, es auch ernst zu meinen. Natürlich ist es großer Quatsch und am Ende sind ihnen doch ihre Ohren wichtiger als ihr Abgrenzungsbedürfnis, aber es ist doch das Ideal, genau so zu sein. Weil man dem Ideal aber nicht nahekommen kann, weil einen nie jemand vor die oben genannte Wahl stellt, muss man die eigene Besonderheit mit Verbalradikalismus und absurden Gewaltausbrüchen dokumentieren.

Da in Bremen ein Ultra-Gesetz, wie es den Münchenern vorschwebt, gebrochen wurde, gibt es auch eine Anklage und die Forderung nach Rechtfertigung.

Die zur Legitimation dieser Geschichte vorgebrachte Argumentation war dann ernsthaft, die Techno-Party sei eine „politische Veranstaltung“ gewesen und habe ja #mit Fußball nix zu tun# gehabt. Da haben wir als explizit politische Ultrasgruppe lieber mal nachgefragt ob es ihre Art von Politik-machen ist, mit fußballerischen ERZFEINDEN fröhlich zu Technobeats durchs Discolicht zu hüpfen…

Die Rechtfertigung wird abgelehnt, denn für Tanzen sieht der große Ultrakodex keine Ausnahmen von der Regel vor. Für die Blockade von Naziaufmärschen erteilen die Ultra-Ayatollahs Genehmigungen, wie wir später lesen können. Für eine Tanzveranstaltung mit Soli-Charakter gilt das aber noch nicht. Wo die Grenze gezogen wird, entscheidet die „explizit politische Ultrasgruppe“ je nach Eigenbedarf. Zum Beispiel war es völlig okay, am Rande des BAFF-Kongresses in Bremen mit Bremer Ultras, darunter die Redaktion dieses Telemediums, zu feiern. Natürlich könnte man einwenden, dass es anlässlich des BAFF-Kongresses okay ist, mit anderen Menschen Bier zu trinken. Aber darf man dann das Abendprogramm mitmachen? Gibt es ein Privatleben und ein Ultraleben?

Man kann angesichts dieser hirnrissigen Fragestellungen zu dem Ergebnis kommen, dass die Kontaktsperren und mit ihnen jedes Hass-Theater lächerlich sind und abgeschafft gehören. In München sieht man das anders und doziert weiter über das Verhältnis von Fußball zu Linkssein:

Uns ist der linke Hintergrund der Veranstaltung wohl bekannt. Linkes Engagement is prima! Jede Gruppe mehr, die das so sieht, ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Wenn es extreme Fußballfans gibt, die sich auch politisch links positionieren und ohne ihr Fan-sein aufzugeben politisch agieren absolut Daumen hoch! Nur kann man ne musikalische Veranstaltung wohl kaum als „große politische Aktion“ hinstellen, die irgendwas rechtfertigt. Für nen echten Fußballfan schon gar ned das Vergessen bzw. Aufgeben aller Werte, Gepflogenheiten und Rivalitäten aus der Fußballwelt.

Während völlig offen bleibt, was „links“ ist, wird immerhin deutlich, was ein „echter Fußballfan“ ist und was „alle“ seine Werte und Gepflogenheiten zu sein haben. Nämlich, man muss sich das in Erinnerung rufen: Mit bestimmten Menschen nicht dieselbe Abendveranstaltung zu besuchen.

Noch dazu wenn man politisch so standhaft und straight ist, dass man mit rechten Bremern und Essenern kleinlaut in einer Kurve steht ohne sich je wirklich davon distanziert zu haben und so #radikal#, dass man sich unlängst von ner handvoll dahergelaufener Dorfnazis mit „mehreren hundert“ Gutmenschen aus ner Sporthalle vertreiben lässt.

Wenn man das ironische Statement zurückdreht, will der Autor vermutlich sagen, dass man in München doch so „standhaft und straight“ ist, dass die Schickeria nicht mit Rechten in einer Kurve steht. Das ist natürlich haltloser Quatsch, ebenso wie die missglückte Unterstellung, die Bremer Ultras hätten sich von – ja von was eigentlich? – nicht ausreichend distanziert. Und wenn die Bremer eine Veranstaltung verlassen, bei der Nazis von den Ordnern geschützt werden, anstatt sich ehrenhaft mit allen zu prügeln, dann ist das der Schickeria in Ferndiagnose nicht radikal genug. Denn dort ist Gewalt noch ein hohes Gut, und wenn sich Heranwachsende nicht mit Dorfnazis und Security-Ogern prügeln wollen, dann ist das kein „ernstzunehmendes Engagement“:

Dürfte sich also doch eher um kuschelige #Polit-Folklore# zum Wohlfühlen handeln als um ernstzunehmendes Engagement.

Dementgegen steht der Antifaschismus ohne Faschisten, den die Bayern so gekonnt zelebrieren. Deren Feinde stehen nicht in der Kurve, sondern sind seit siebzig Jahren tot und dementsprechend pflegeleicht.

Deshalb haben sie dort genug Zeit, um allgemeingültige Regeln für andere Leute aufzustellen. Die Polit-Folklore hat Anführungsstriche bekommen und der Hahn kräht in Richtung Norden, dass wir alle exkommuniziert sind aus der Familie der Fußballfans:

Wenn sowohl die einen als auch die anderen in die Stadt XY fahren und dort nen Naziaufmarsch blockieren und ansonsten jeder seiner Wege geht, kräht danach kein Hahn. Aber wenn man in der Hauptsache Ultras beim Fußball ist, macht man reine „Polit-Folklore“ als Bremer Ultra nicht in Hannover und als Hannoveraner Ultra nicht in Bremen oder Braunschweig. Und schon gar nicht zusammen. Sonst hat man mit FUSSBALLFANS nix mehr zu tun! E basta!

Jetzt lebt es sich doch ganz ungeniert, wenn man endlich aus dem Kreis der Sportfreunde und Menschenfeinde ausgeschlossen ist. Doch so leicht kommt man dem Großinquisitor mit kleinem Herzen nicht davon. Schließlich schadet das gemeinsame Tanzen der gemeinsamen Sache:

Die Leute sollten sich vielleicht mal überlegen, dass sie damit auch jegliches ernsthaftes politisches Engagement innerhalb der
Fußballwelt und der mit ihr verbundenen Subkultur diskreditieren, einfach weil sie von anderen Fans nicht mehr ernst genommen werden können. Wir Ultras sind in erster Linie FANS und als solche irrationale Fanatiker unserer Städte und Vereine. Linke Ultrasgruppen sind also Fußballfanatiker mit linker politischer Einstellung, keine in irgendner Form (auch) #fußballaffinen# Politaktivisten. Eine eigentlich selbstverständliche Grundkonstante des Movimento Ultras, die bedauerlicherweise bei einigen anscheinend in Vergessenheit geraten ist.

Was hier als Irrweg geschildet wird, ist in Wirklichkeit genau das Richtige. Man muss politisches Engagement bei denen diskreditieren, gegen die es ohnehin gerichtet ist. Die autoritären Männergruppen, die rechtsoffenen Alkoholiker, die alteingesessenen Platzhirsche und die Nazis sowieso – sie alle sollten wissen, dass ernsthaftes politisches Engagement sich auch gegen ihre Bräuche richtet und mit dem traditionellen, von reaktionären Münchenern verteidigten Verständnis von Fansein nicht vereinbar ist.

Der verzweifelte Versuch, eine Trennlinie zwischen linken Fans und fußballaffinen Linken zu ziehen, kann nicht erfolgreich sein. Der Geist ist aus der Flasche, Politik und Reflexion sind in der Ultrawelt angekommen. Wenn jetzt aus der Südkurve gerufen wird, dass man das alles nicht so gemeint habe und jetzt gefälligst alle wieder Fußballfans sein sollen, rennt die Schickeria längst der Entwicklung hinterher. „Zurück zum Fussball“ soll es für die Ultras gehen. Kein Zufall, dass sie sich dabei einer Sprache bedient, die aus einem ZDF-Bericht über die Love Parade in den Neunzigern entnommen sein könnte: „Zu Beats stampfen“.

Abseits dieser grundsätzlichen Probleme gibt es für den Fanzineschreiber schlussendlich noch zwei Pflichtübungen zu absolvieren. Zunächst muss man sich des Sieges in einer körperlichen Auseinandersetzung rühmen, falls keine stattgefunden hat geht das auch im Konjunktiv.

Nach dem Spiel wurden wir dann von drei netten Herrschaften und einer Dame in blauen Leibchen erneut völlig unstressig und locker zum Bahnhof zurück begleitet und 15 oder 20 Bremer Spinner (O-Ton des #Deeskalations-Teams# hehe) mussten in der eigenen Stadt noch die Beine in die Hand nehmen.

Und schließlich gilt es noch, sich verwundert über die örtlichen Gepflogenheiten zu zeigen. Das kann anhand der Gastronomie, des Nahverkehrs und vieler anderer Gegebenheiten passieren. Hauptsache, es passiert etwas Ungewöhnliches und man kommentiert das dann im Hinblick auf den Ort: „Na, das ist aber komisch hier!“

Absolutes Tageshighlight war allerdings ein Schild in der Bremer Innenstadt, auf dem uns bildlich mitgeteilt wurde, dass zwischen 20 Uhr und 8 Uhr die Benutzung von Schusswaffen, Messern und Baseballschlägern untersagt sei. Wir haben Tränen gelacht, hier ist die Welt echt noch in Ordnung. Morden bitte nur vor 20 Uhr!

Ob das Schild tatsächlich nicht verstanden wurde oder für die bessere Belachbarkeit absichtlich falsch gelesen wurde, bleibt offen. Bei Ultras sind Waffen immerhin verboten – abgesehen von Flaschen und Leuchtspur.

* Der Spielbericht erschien im „skb-online“, einem Newsletter der Schickeria München