Mai 2011

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Als David Villa in der 69. Minute des Champions League-Finals gestern das 3-1 erzielte, musste ich kurz danach an jemand ganz anderes denken: An Roberto Carlos. Dessen Freistoss-Tor bei der Weltmeisterschaft 1998, jahrelang als eins der spektakulaersten Tore der Fussballgeschichte gehandelt, wirkt im Vergleich zu Villas gefuehlvollem Heber beinahe antiquiert und brachial – so spielt man doch heute keinen Fussball mehr, oder? Barcas Gegner gestern war vermutlich niemand Geringeres als die zweitbeste Mannschaft der Welt, und trotzdem hatte sie zu keinem Zeitpunkt eine Chance zu gewinnen, nicht bis zum 1-0, und auch nicht in den 20 Spielminuten, in denen das Spiel durch einen Treffer Wayne Rooneys zwischenzeitlich wieder ausgeglichen wurde. Die Szenerie in Wembley wirkte ein bisschen wie die Spiele Roger Federers in seiner absoluten Hochphase: Gewiss, in den weissen Trikots spielte der nunmehr alleinige englische Rekordmeister auf, eine Mannschaft, die in der Saison und in der Champions League ihren groessten englischen Rivalen, Chelsea, beinahe muehelos in die Schranken verwiesen hatte – aber das ManU seinen Gegner besiegen koennte, das schien so unrealistisch wie eine Wimbledon-Finalniederlage des Schweizers zwischen 2003 und 2007.

Als ich in die Grundschule ging, wurde auf dem Schulhof gerne ein Spiel namens Schweinchen gespielt. Ein Kind musste in die Mitte, in einem Kreis drumherum standen ungefaehr vier oder fuenf andere und spielten sich den Ball zu – der Einzelne hatte die mit viel Laufaufwand verbundene Aufgabe, den Ball irgendwo abzufangen. Seinen Unterhaltungswert bezog das Ganze dabei aus dem zahlenmaessigen Ungleichverhaeltnis zwischen verteidigendem und ballfuehrendem Team – aber gestern hatte man den Eindruck, Barcelona spielt Schweinchen mit Manchester United – und das bei gleichgrosser Spieleranzahl. Fast schon putzig wirkte es, wie oft die Regie von Sat1 die Statistik ueber die abgegebenen Paesse und das Ballbesitz-Verhaeltnis der beiden Mannschaften einspielte – dabei konnte man, ohne in seinem Leben zehn Fussballspiele gesehen zu haben, die Deutlichkeit der Ueberlegenheit des spanischen Meisters erkennen. Obwohl der Autor dogmatischer Atheist ist, kommt auch er bei der Beschreibung dieses Spielstils nicht umhin, die religioese Sphaere zumindest zu streifen: Diese 90 Minuten in Wembley gestern waren tatsaechlich magisch und zauberhaft, wie von einem anderen Stern. Totale Dominanz ala FC Bayern, das waere ein Sprachverbrechen am Spielstil von Messi, Pedro und Xavi. Wie sich die Spieler dieser Mannschaft ueber den Rasen bewegen, das hat nichts mit dominieren – mithin also beherrschen – zu tun, es ist weniger ein Spiel mit dem Gegner (dass manchmal auch arrogante Zuege tragen kann, wenn eine Mannschaft deutlich ueberlegen ist), als vielmehr ein Spiel an ihm vorbei. Wie sich die Offensive von Barcelona am Strafraum den Ball zuspielte, das erinnerte bisweilen mehr an Handball – eine scheinbar nicht zu unterbrechende Pass-Stafette folgte der naechsten – und einige der besten Verteidiger der Welt wie Vidic und Ferdinand schauten insgesamt nur hilflos dabei zu.

Fussball ist in den letzten Jahren zu einem zunehmend aesthetisch ansprechenderen Sport geworden, zumindest an der Weltspitze, immer mehr aber auch in den nationalen Ligen Englands, Spaniens oder Deutschlands. Mit einer hierzulande so gerne als rustikal bezeichneten Spielweise alleine – graetschen, beissen, rennen – holt man auf internationaler Ebene und auch im jeweils nationalen Meisterschaftskampf keinen Blumentopf mehr. Dieses Jahr wurde die Bundesliga-Saison nicht nur von der juengsten Mannschaft der Liga, sondern auch von ihrer technisch staerksten gewonnen. Ein Ticket fuer ein Champions League-Spiel der Oberklasse kostet gerne 55 Euro, in guten Kategorien noch mehr und auf dem Schwarzmarkt wurden gestern vermutlich astronomische Summen verlangt. Es ist richtig, dass das ausserhalb der finanziellen Moeglichkeiten einkommensschwacher Bevoelkerungsschichten liegt – aber es ist genauso logisch. Weil Fussball so viel besser geworden ist, soviel interessanter, ansehnlicher und schoener – deshalb interessieren sich auch mehr Leute fuer einen Stadionbesuch, und das wiederum treibt die Eintrittskartenpreise in die Hoehe. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sind in dieser Saison nochmals angestiegen – vermutlich auch deshalb, weil die abgelaufene Saison sicherlich die meisten guten Fussballspiele der letzten fuenfzehn Jahre beinhaltete. In einer Welt, in der die Kulturbetriebe vor allem mit der bestaendigen Wiederkaeuerei ewig gleicher Motive und Stories langweilen, liefern der Spitzensport und vor allem seine prononciertesten Professionellen ein Surrogat fuer das aesthetische Beduerfnis, das Musik, Film und Prosa oft nicht mehr zu stillen in der Lage sind. Lionel Messis Ballbehandlung sorgt da mitunter fuer mehr Entzueckung als das neueste Album von Phil Collins, kann mehr Magie verspruehen als Dan Browns Fliessbandthriller und Joanne K. Rowlings Zauberschueler zusammen.

Auf diesem Hoechstleistungsniveau noch einmal besonders herauszustechen, ist normalerweise etwas, dass Sportlern in Einzelsportarten vorbehalten ist – Roger Federer war im Tennissport fuer etliche Jahre so jemand, Miguel Indurain, der die Tour de France lange vor Dopingskandalen  im Radsport fuenfmal in Folge gewann, ein anderer. Der FC Barcelona hat diese Einzigartigkeit in ein ganzes Team inkorporiert: Josep Guardiola trainiert wahrscheinlich die beste Fussballmannschaft aller Zeiten. Ist das nicht irgendwie auch ein bisschen langweilig? Ja, vielleicht schon. Aber Langeweile kann auch etwas Beruhigendes haben: Vor dem Uruguay-Freundschaftsspiel aeusserte sich der Trainer der schwarz-rot-geilsten aller Fussballtruppen, Joachim Löw, dass Deutschland wieder die Fussball-Nummer 1 in Europa werden sollte. Der Grossteil der spanischen Nationalmannschaft spielt beim FC Barcelona. Und der Rest bei Real Madrid,  der einzigen Mannschaft, die ueberhaupt in der Lage war, die Rot-Blauen in dieser Saison in einem wichtigen Spiel zu schlagen. Jogi soll weitertraeumen. Das gehoert im Fussball naemlich auch dazu.

verbrochenes.net ruft zur Wahl von Wilko Zicht in die Bremer Bürgerschaft auf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits werden wir dafür von den undurchsichtigen, sehr wohlhabenden Kreisen bezahlt, die hinter der Kandidatur von Wilko stehen. Andererseits ist Wilko einer der besten Menschen, die der Redaktion bis heute bekannt geworden sind. So ergibt sich ein Gesamtbild, das nur einen Schluss und eine Handlungsanweisung an alle Bremer zulässt: Wilko Zicht muss mit allen fünf Stimmen gewählt werden.

„Dieser Zicht“, wie er bei Werder zuweilen liebevoll genannt wird, vertritt durchweg vernünftige Positionen. Deretwegen könnte man ihn wählen, muss man aber nicht. Man muss ihn wählen, erstens weil ihm der wunderbare Arbeitsplatz, der die Bürgerschaft sicher ist, von Herzen zu gönnen ist, und zweitens, weil unbedingt ein richtiger Fußballfan in die Volksvertretung gewählt werden muss. Und drittens, weil Wilko der einzige ist, der groß, stark und entschlossen genug ist, um einem möglichen NPD-Vertreter eine kräftige Ohrfeige zu verpassen.

Da man als Wähler ein gewisses Erpressungspotential gegenüber wiederwahlorientierten Abgeordneten hat, können wir schon jetzt Forderungen für die Zukunft aufstellen. Konkret wäre da der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Hamburg, sowie der Austritt aus der BRD. Die Verstaatlichung des Weserstadions, eine Werder-Steuer, Verbot von HSV-Fanartikeln, all das ließe sich mit einer absoluten Mehrheit für Wilko Zicht vielleicht irgendwann bewerkstelligen. Denn machen wir uns keine Illusionen: Ein Sitz für Wilko mag vorerst reichen, in der Zukunft allerdings sollte dieser Zicht schon in Fraktionsstärke einziehen. Bis dahin sollten wir ihn alle für seine weitsichtige Entscheidung, für die Grünen anzutreten, loben. Die boomende Bürgerpartei ist das perfekte Vehikel für die aktuelle Kampagne.

Um die dahinsiechende Bremer Demokratie zu übernehmen, braucht es nur wenige Wähler, die fünffach das Kreuz an der richtigen Stelle machen. Die ist in diesem Fall auf Liste 3, Platz 28.

ACHTUNG: Wer nicht wählen geht, unterstützt dabei statistisch gesehen die Landung von Außerirdischen, die unsere Gehirne auslöffeln und Florian Silbereisen zum König machen wollen. Es ist deshalb unbedingt nötig, dass Ihr alle zur Wahl geht. Wer fünf Freunde mit ins Wahllokal bringt, bekommt dort Stempel ins neue Bonusheft und darf nächstes Mal einen Abgeordneten für ein Jahr mit nach Hause nehmen. Na, wenn das nichts ist!

Wichtige Fragen:

Ist es wahr, dass Wilko Zicht in seiner Freizeit gerne Katzenbabies aus brennenden Bäumen rettet?

– Ja, das ist wahr, er macht aber keine große Sache draus.

Wird Wilko als Kriegssenator Hamburg den Krieg erklären?

– Nein, denn die Hamburger haben uns längst den Krieg erklärt. Wir werden uns allerdings wehren, wie es unser Recht ist.

Unterstützt Klaus-Dieter Fischer die Kandidatur von Wilko Zicht?

– Nein, das hat ihm seine Frau verboten.

Kann ich auch andere Politiker oder Parteien wählen?

– Nein. Wilko Zicht ist der einzige Politiker.

Sind die Grünen nicht ziemlich uncool?

– Pass mal auf, Du Klapskalli, jetzt auf die Grünen zu schimpfen, nur weil die gerade im Aufwind sind, macht Dich nicht zum kritisch und unabhängig denkenden Supertypen, sondern entlarvt Deine Profilneurose. Kapiert?

Ich möchte jede hier im Verlauf der Saison geäußerte Kritik am SV Werder Bremen oder dessen Angestellten zurücknehmen. Das gilt insbesondere für Thomas Schaaf und Klaus Allofs. Ich bekenne, dass jedes schlechte Wort eine Anmaßung war, die mir nicht zustand und niemals zustehen wird. Ich beantrage nun die Wiederaufnahme in den Kreis der seligen Werder-Fans, also in die große Werder-Familie. Ich glaube ab sofort fest an eine erfolgreiche nächste Saison. Sollte sie nicht so erfolgreich sein wie die anderen seit 2004, glaube ich schon jetzt, dass es an den sportlich Verantwortlichen nicht gelegen hat, sondern dass diese im Gegenteil noch größere Misserfolge verhindert und das Optimale aus den Möglichkeiten des SV Werder gemacht haben.

Weiter glaube ich an das große Potential jedes einzelnen Spielers und warte geduldig darauf, dass es ausgeschöpft wird. Falls hier der Eindruck entstanden sein sollte, dass die Fähigkeiten beispielsweise unseres offensiven Mittelfelds nicht prinzipiell gigantisch sind, möchte ich mich dafür entschuldigen. Ich habe mich selbst zu wichtig genommen und unangemessene Hetzschriften verfasst. Damit werde ich sofort aufhören und hoffe, dass meine Reue mich zurück in die große Familie kommen lässt.

Ich möchte Thomas Schaaf zu meinem Vorbild machen. Nie wieder werde ich ihn als den „Irren von Bremen“ bezeichnen oder mir öffentlich oder nichtöffentlich respektlose Gedanken über seinen Geisteszustand machen. Ich werde ab jetzt täglich mehrere eigens dafür aufgezeichnete Jubelbeiträge der örtlichen TV-Anstalten ansehen, in denen Thomas Schaaf als der Held gewürdigt wird, der er für diese Stadt ist und bleibt und bleibt und bleibt.

Zur Selbstreinigung werde ich drei Wochen fasten. Ich werde in dieser Zeit darüber nachdenken, was mich dazu getrieben hat, so schlecht über das große Ganze zu sprechen, das Werder Bremen ist. Ich werde alle bösen Gedanken exorzieren und mich wieder dem Licht zuwenden. Ich bin den Streit leid. Ich möchte mich ausruhen im warmen Schoße der großen Gemeinschaft.

Osama bin Laden ist tot, und er war auch nur ein Mensch. Deshalb ist auf jeder deutschen Nachrichtenseite mindestens ein nachdenklicher Beitrag zu finden, der sich in moralischen Erwägungen über die angemessene Reaktion auf den Tod des Massenmörders ergeht. Bei der FAZ macht das Frank Schirrmacher, und er zitiert zunächst zustimmend einen Vatikanvertreter: „Ein Christ sollte niemals den Tod eines Menschen begrüßen.“ So geht katholische Seelsorge, die noch den schlimmsten Peiniger in Schutz nimmt, ob im Alltag oder im Falle des bekanntesten Terroristen der Welt. Es ist offensichtlich, dass eine solche Niemals-Regel vielleicht im Leben eines Kirchenfunktionärs funktioniert, in der echten, gewalttätigen Welt aber wenig nützt. Weil sich nun nicht alle, die nach moralischen Grundsätzen suchen, unbedingt ausgerechnet an die katholische Kirche wenden, hat Schirrmacher ein anderes Beispiel parat:

Wem das zu christlich ist, der mag sich der Worte Gandalfs in „Herr der Ringe“ erinnern: „Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand.“

Und wenn Du keinen Apfel hast, dann iss auch keine Birne. Oder: Der Mensch kann nicht fliegen, dann soll er auch nicht schwimmen. Derlei pseudo-philosophischen Quatsch aus einem Abenteuerroman führt Schirrmacher ernsthaft an, um zu begründen, warum man sich über Osamas Tod nicht freuen soll. Dabei hält er, im Gegensatz zu anderen Kommentatoren, immerhin die Tötung des Terroristen für richtig. Er versagt sich und uns nur die Freude darüber, dass das Richtige geschehen ist. Das sind Spitzfindigkeiten, aber er ist nicht der einzige, der sich auf diesem Wege über die jubelnden Amerikaner erhebt.

Bei Spiegel Online fühlt sich Stefan Kuzmany schon persönlich belästigt: „Offensichtlich soll man den Tod Osama Bin Ladens feiern.“ Er sagt zwar nicht, wer ihn da nötigen oder moralisch in die Pflicht nehmen wollte, aber auf jeden Fall fühlt er sich mächtig unter Druck und schreibt aus schwerer Bedrängnis das, was gerade alle schreiben. Mit der Weisheit einer debilen Schildkröte verkündet er:

Osama Bin Laden ist tot. Und, da gibt es kein Vertun, es ist eine gute Nachricht, dass er kein Unheil mehr anrichten kann. Die Frage ist nur, wie wir mit dieser Nachricht umgehen.

Das ist die entscheidende Frage für SpOn-Redakteure, egal bei welchem Ereignis: Wie geht der SpOn-Redakteur damit um? Schlecht, ist die Antwort, und was als moralische Meditation beginnt, geht bald in plumpen Antiamerikanismus über.

Hierzulande gilt Resozialisierung als Ziel von staatlicher Strafe – in den USA ist es die Vergeltung, bis hin zur Todesstrafe.

„Hierzulande“ gegen „in den USA“ in Stellung zu bringen, das ist Kuzmanys Motivation. Da darf der letztendlich antijüdische Quatsch vom „alttestamentarischen Gott“ nicht fehlen. Dass es derzeit gleich zwei Artikel mit diesem Argument beim Spiegel gibt, ist ein bisschen entlarvend.

Genauso entlarvend ist es, wenn jemand, der über Leben und Tod räsonieren wollte, schließlich darüber nachdenkt, ob der Massenmörder nicht noch islamischer hätte bestattet werden können. Jeder hat so seine Prioritäten, hier ist es also das korrekte Begräbnis eines fanatischen Irren.

Ein anderes Lieblingsthema bringt Alt-Kanzler Helmut Schmidt ins Spiel. Die Aktion der Amerikaner sei „eindeutig ein Verstoß gegen das geltende Völkerrecht.“ Das Völkerrecht verteidigt Schmidt stellvertretend für alle Deutschen, und er ist dafür wie prädestiniert. Schließlich war Wehrmacht-Helmut 1941 und 1942 an der Ostfront als Offizier tätig, also beim ganz großen Menschenschlachten vorne dabei. Schmidt bringt so auf den Punkt, wie verkommen der ständig in Richtung USA erhobene Zeigefinger vieler deutscher Kommentatoren ist, er repräsentiert die dieser Haltung zugrunde liegende Selbstgerechtigkeit perfekt.

Von links kommt der leicht senile Christian Ströbele herbei und sagt, was er immer sagt: Die USA haben das Völkerrecht missachtet, die Bundeswehr soll nach Hause kommen. Seine Logik: Der Einsatz der Amerikaner sei mit dem Völkerrecht und mit dem Grundgesetz (!!!) nicht vereinbar, habe aber dem völkerrechtlichen Grund für den Afghanistan-Einsatz genüge getan, weshalb dieser jetzt zu beenden sei. Nur, dass da bei Ströbele kein „aber“ drin ist, und er die Komplexität und die Problematik des Völkerrechts anscheinend nicht versteht.

Dass Ströbele außerdem an das Grundgesetz denkt, wenn Amerikaner in Pakistan einen staatenlosen gebürtigen Saudi erschießen, weist den Genossen als echten Deutschen aus. Dass das sogenannte Völkerrecht nichts taugt, müsste eigentlich augenfällig werden, wenn Flugzeuge in Hochhäuser in New York fliegen und die Drahtzieher sich anschließend in Pakistan verstecken. Dem Ruf nach dem Völkerrecht wohnt aber die Sehnsucht inne, sich nicht mit moralischen und politischen Fragen beschäftigen zu müssen und stattdessen einfach im Gesetzbuch nachlesen zu können. Das funktioniert, wenn die moralischen und politischen Fragen vorher geklärt wurden und das Gesetz nur Ausdruck dieser Klärung ist. Das funktioniert nicht, wenn die Fragen völlig offen sind und verschiedene Akteure verschiedene Interessen bei ihrer Beantwortung haben.

Amerikaner sind eigensinnig, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, das weiß „hierzulande“ jeder. Auch Jörg Schönenborn, der lustige Mann mit den Hochrechnungen, hat das erkannt und setzt zum „Cui bono?“ an:

Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt? Zivilisierte Nationen haben einst das Völkerrecht geschaffen. Sie verständigten sich darauf, dass Verbrecher vor Gericht gestellt und nicht einfach getötet werden. Die Welt ist mit dem Tod Bin Ladens nicht sicherer geworden, meint Jörg Schönenborn. Aber Präsident Obama ist seiner Wiederwahl näher gekommen.

Zivilisierte Nationen versus USA, darum geht es hier, und dabei vor allem um die Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen. Auf der falschen steht Obama, der sich anrüchigerweise seinen Wählern dadurch empfiehlt, dass er ihre Wünsche erfüllt und den Mann erschießen lässt, der seit Jahren an der Ermordung möglichst vieler von ihnen gearbeitet hat.

Der Verweis auf die Zivilisation ist besonders perfide, weil er die Rollen in dem Krieg, in dem Osama gestorben ist, vertauscht: Zivilisation gegen Islamismus und Scharia. Stattdessen geht man auf Äquidistanz zu den USA auf der einen und den Mördern auf der anderen Seite. Das geht, weil die deutsche Leserschaft sich ohnehin nicht gemeint fühlt, wenn in Bali, Madrid oder New York Menschen ermordet werden oder Bin Laden aus einer Höhle oder einer Luxusvilla ankündigt, den Liberalismus zu bekämpfen und die Juden, die Amerikaner und alle anderen Ungläubigen umzubringen. Dass Osama bin Laden als „Erzfeind“ bezeichnet und erschossen wird, stört nur diejenigen, die ihn nicht für ihren Feind halten, obwohl sie genauso unbeschwert Bier trinken, Sex haben und Musik hören wie all die anderen, die von den Djihadisten dafür gehasst werden. Islamistische Ideologie interessiert hier zu wenig, als dass die Leute schon ernsthaft etwas dagegen haben könnten. Nur so können sich Leute, die jeden CSU-Innenminister für den Leibhaftigen halten, sich in Geschwafel über das korrekt islamische Begräbnis eines fanatischen Antisemiten ergehen.

Die nationalsozialistische Linke vertauscht gleich ganz die Rollen und hält sich dabei wahrscheinlich für sehr pfiffig.

Erneut zum Spiegel: Wo sonst die Verfehlungen von Amerikanern und Israelis sowie das Privatleben von Nazi-Größen für Auflage sorgen, ist man bemüht, dem Leser auch den Menschen bin Laden ganz nahe zu bringen: „Olivenöl, getrockneten Thymian, ein paar Oliven, etwas Brot: Mehr brauchte Osama Bin Laden nicht zum Frühstück.“ Man muss diesen Satz ein paar Mal lesen, bis die ganze Lächerlichkeit dieses Geschmieres voll zu Tage tritt.

„Olivenöl, getrockneten Thymian, ein paar Oliven, etwas Brot: Mehr brauchte Osama Bin Laden nicht zum Frühstück.“

Was für ein genügsamer Mann, und wie grausam muss man sein, um ihm etwas anzutun? Er hat die Zivilisation verlassen, um bescheiden auf dem Land zu leben; die Amerikaner haben die Zivilisation verlassen, weil sie schlimme Mörder sind. Im WDR wurde der Massenmörder, der sich offenbar mit mehreren Komplizen verschanzt hielt, allen Ernstes zum „54-jährigen Familienvater“.

Ich kann in meinem eigenen Sicherheitsinteresse nur inständig hoffen, dass dieses romantische Bild von islamistischen Terroristen nicht irgendwann von der Realität erschüttert wird. Derweil teile ich die Freude der Amerikaner.

In meiner Garage steht eine schwarze Betonwand, die mit unzähligen Eisenstreben noch verstärkt ist. Und nach einem Spiel wie beispielsweise dem 0:3 in Köln nehme ich dann den Hammer und versuche, die Wand kaputtzuklopfen. Mach€˜ ich natürlich nicht, und diese Wand habe ich auch nicht.

Und – um im Bild zu bleiben – dann macht man sich die Gedanken: Warum geht diese Wand nicht kaputt, sondern nur der Hammer? Und warum steht diese Wand überhaupt da?

Nur dass dann keine Betonwand in der Garage steht, sondern “ auch im übertragenen Sinn “ ein bunt bemaltes Plakat, über das man sich freuen kann, das aber noch längst nicht fertig ist, auf dem Fragen stehen, die man als nächstes angehen möchte.

Wie sieht es in unserer Gesellschaft aus?

Stellen Sie sich vor, sie müssten fünf Tafeln nebeneinander gleichzeitig bemalen, und die Farbe tropft. Sie rennen nur hin und her und werden nicht fertig. Sind aber zwei Felder trocken, haben sie automatisch mehr Zeit, sich auf die anderen zu konzentrieren und die intensiver zu bearbeiten. So ist das auch im Fußball.

Wenn man sich Gedanken darüber macht, warum der SV Werder so mies da steht, sollte man diese Zeilen im Hinterkopf haben. Gesagt hat diese, nun ja, bedenklichen Dinge unser heiß geliebter Trainer, Thomas Schaaf. Das war im März, und seitdem hat Werder es wieder zu einer durchschnittlichen Bundesliga-Mannschaft gebracht. Alle Spieler geben alles, und das reicht dann für ein paar Unentschieden. Gegen Wolfsburg konnte man sehen, wie groß der Abstand von Werders Personal zu Klasse-Leuten ist, von denen Wolfsburg ein paar mehr im Kader hat. Gerade im Mittelfeld ließ sich die Entwicklung der letzten Jahre nachvollziehen, Diego und Marin im direkten Vergleich, da wurde das ganze Elend greifbar.

Fast hätte ich geschrieben „das ganze Elend dieser Saison“, aber es lässt sich langsam abschätzen, dass die nächste nicht viel besser werden wird. Zunächst einmal ist die Abstiegsgefahr zwei Spieltage vor Schluss konkreter denn je geworden. Gegen Dortmund und in Kaiserslautern kann man verlieren, das ist nicht einmal sonderlich unwahrscheinlich. Frankfurt spielt zunächst zu Hause gegen Köln, so könnte selbst Christoph Daum, der gerade dabei ist, seine Karriere in Deutschland unfreiwillig zu beenden, mal einen Sieg holen. Gladbach spielt zu Hause gegen Freiburg, auch das ist machbar, und dann werden wir einen spannenden letzten Spieltag erleben. Warten wir das ab, wahrscheinlich wird es am Ende doch irgendwie reichen, selbst eine Relegation gegen Bochum oder Fürth wäre ja ziemlich machbar. Lustig wäre, wenn uns der HSV mit einem Sieg gegen Gladbach rettet, aber danach sieht es nicht aus. Überhaupt, meine Zukunftsprognose für den HSV macht mir deutlich mehr Freude als die für Werder.

Was kommt nächstes Jahr? Der Kader ist mieser, als wir die letzten Wochen hoffen durften. Das kann besser werden, aber viel Anlass zur Hoffnung gibt es nicht. Der letzte richtig gute Einkauf war – ich weiß es nicht. Pizarro gar? Allofs wird viel Glück und Geschick brauchen, wenn Werder nächstes Jahr um die ersten fünf Plätze mitspielen soll. Mit Marin, Wagner, Prödl und Konsorten als zentralen Leistungsträgern werden wir jedenfalls nie wieder Champions League, soviel steht fest. Aber zurück zum Anfang: Thomas Schaaf ist offenkundig total urlaubsreif geschossen. Ich hatte schon im Januar, also vor dem oben verlinkten irren Interview, Urlaub für den Mann gefordert. Jetzt endlich hat er es auch begriffen und sagt Sätze wie diesen:

Das schließt aber doch nicht aus, vielleicht mal etwas anderes zu machen, vielleicht sogar mal eine Pause einzulegen, abzuschalten und dann wieder neu einzugreifen.

In den Interviews anlässlich seines 50. Geburtstags deutet Schaaf mehrfach eine gewisse Amtsmüdigkeit an:

Und dieser Arbeit, diesem Beruf kann man bei einem anderen Verein genauso nachgehen.

Außerdem bin ich in dem glücklichen Zustand sagen zu können, dass es uns privat trotzdem gut gehen würde, wenn ich zwei, drei Jahre mal nicht als Trainer arbeiten würde.

Ich hätte sicherlich mehr verdienen können. Vielleicht bin ich so geeicht. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

Wenn man das so liest, gerade im Kontext mit den leicht irren Aussagen aus dem März, scheint Schaafs Abschied innerhalb der nächsten zwei Jahre relativ wahrscheinlich. Das Ende der erfolgreichen Jahre dürfte diese Tendenz verstärken, man ist in Bremen nicht mehr mit weniger zufrieden. Nur wie soll das dann alles weitergehen? Das Schöne am Fußball ist, dass man das nie vorher weiß, siehe Dortmund, und dass man den ganzen Tag darüber spekulieren kann, das ist der Luxus der Zuschauerrolle. Ich prophezeie also ein knappes Saisonende und eine mindestens durchwachsene nächste Saison. Aber mittelfristig, und darum ging es mir, geht das mit Schaaf unweigerlich vorbei. Und es wäre schön, wenn man das im Verein im Blick hätte, damit man nicht im nächsten Februar versucht, bei Jörg Berger anzurufen, das sähe gar nicht gut aus.