Juni 2011

You are currently browsing the monthly archive for Juni 2011.

Wie die Israelsolidarität, wie man sagt, auf den Hund kommt und die Kreise, die früher mal antiamerikanische Ressentiments in der deutschen Linken kritisiert haben, als Oberkritiker des amerikanischen Präsidenten auftreten, das kann man exemplarisch bei der Gruppe Monaco aus München nachlesen.

Eine wahrscheinlich als sehr elaboriert empfundene Prosa im Einleitungsabsatz lässt sich so zusammenfassen: „Die (deutschen) Menschen mögen keine Überraschungen, trotzdem sind sie für die Anerkennung eines Palästinenserstaates durch die UN!“

Das ist hanebüchener Quatsch in drei Teilen: Erstens hat das eine so überhaupt gar nichts mit dem anderen zu tun, dass es mir ins Lachen gefallen ist. Zweitens ist das mit den Überraschungen Geschwätz über Banalitäten, unter jeder Kritik. Drittens stimmt das mit der Staatsgründung nicht: In Deutschland haben wahrscheinlich weniger Menschen eine Meinung über den neuesten palästinensischen Diplomatie-Move als über die SG Wattenscheid 09. Wer etwas anderes behauptet, müsste es belegen oder zumindest Indizien anbieten, die darauf hindeuten. Ein allgemeines Unbehagen am Judenstaat kann man gewiss konstatieren, eine selbstverständliche Zustimmung zu hier kaum diskutierten diplomatischen Manövern bedeutet das noch lange nicht.

Weiter behauptet die Gruppe Monaco:

„Dass Barack Obama sich neuerdings, abgesehen von einigen Gebietsaustauschen, positiv auf die Grenzen von 1967 bezieht, kann ebenfalls nur als Aufforderung zur Kapitulation vor der neuen palästinensischen Einheitsfront aus Hamas und Fatah verstanden werden. Denn auch wenn Netanjahu immer nur damit zitiert wird, dass Israel ohne die Golanhöhen nicht zu verteidigen sei, hält es keine Zeitung für notwendig, auch nur einmal die Frage zu stellen, ob er nicht Recht haben könnte. Alles, was die israelische Regierung sagt, wird, ohne das geringste Zögern, als „Kriegspropaganda“ denunziert.“

Um hinten anzufangen: Natürlich findet man außerhalb durchgeknallter linker und rechter Kreise niemanden, der alles (!), was die israelische Regierung sagt, Kriegspropaganda nennt. Über dramatisierende Formulierungen wie „ohne das geringste Zögern“ muss man fast lachen, wenn sie nur da stehen, um das inhaltliche Desaster zu überdecken. Das hat indes schon zwei Sätze vorher angefangen: Der Golan wird in München verteidigt, und zwar gegen Barack Obama. Dass der, als er von den Grenzen von 67 mit ausgehandelten Gebietsaustauschen sprach, natürlich von den Grenzen zwischen Israel und Palästina sprach, nicht etwa von denen mit Syrien, muss man wissen, bevor man kluge Belehrungen an den amerikanischen Präsidenten ins Internet stellt. Dann wüsste man auch, dass es mitnichten um die Golanhöhen geht, wenn derzeit von Grenzen die Rede ist.

Kaum noch ins Gewicht fällt bei diesem Quatsch die Tatsache, dass die Grenzen von 67 schon lange die Grundlage aller Verhandlungen sind und die Gebietsaustausche, die dafür sorgen würden, dass der Großteil der jüdischen Siedlungen an Israel fiele, ein entscheidendes Element sind und keine Nebensache. Darüber hinaus ist das, was Obama vorgeschlagen hat, keineswegs eine Kapitulation – schon gar nicht vor einer „palästinensischen Einheitsfront“, weil eine solche gar nicht existiert, im Gegenteil. Die Zwei-Staaten-Lösung ist die beste Lösung für Israel, genau genommen ist es die einzige, weil nur sie einen demokratischen Judenstaat sichern kann. Die Zwei-Staaten-Lösung als Ziel zu formulieren ist insofern eine Selbstverständlichkeit für Freunde Israels. Dass sie in absehbarer Zeit nicht funktionieren kann bzw. keinen Frieden bringen wird, weil die Palästinenser sie nicht wollen, ist klar, und auch das spricht gegen die Gruppe Monaco: Sie stellt die Forderung nach etwas, was Fatah und Hamas mehr oder weniger explizit NICHT wollen, als Kapitulation vor denselben dar.

Neben diesem offenkundigen Unsinn sind es die prätentiösen Formulierungen, die den Text so ärgerlich machen. Da ist dann die Rede von „der nur als zweites Seeräuberkommando zu bezeichnenden Free-Gaza-Flotilla“. Ach ja, ist da tatsächlich keine andere Bezeichnung möglich? Warum nicht? Hier werden Begriffe beliebig benutzt, ungeachtet ihrer Bedeutung. Die Behauptung, dass etwas „nur so zu bezeichnen“ ist, heißt jetzt nicht mehr, dass man etwas nur so und nicht anders bezeichnen kann, sondern nur, dass der Autor diese seine Formulierung wirklich schmissig findet. Das ist Sprachzerstörung, und die ist ärgerlich.

Im letzten Absatz wird es dann nochmal interessant:

Wenn die Palästinenser im September von der UN einen Staat zugesichert bekommen, könnte dieser widerliche Antisemit und Holocaustleugner tatsächlich insofern Recht haben, als dass die Vernichtung der Juden auf israelischem Boden gelingen kann. Wenn das passiert, dürfte das den durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer noch unter Umständen betroffen machen, ihn aber ebenso wenig wie Barack Obama und die UN überraschen. Was Samanda und Rebecca vom Astrokanal dazu sagen würden, ist uns allerdings nicht bekannt.

Die Vernichtung der Juden kann also gelingen, wenn die UN auf dem Papier einen palästinensischen Staat anerkennen? Das ist grotesker Alarmismus, über dessen Gründe man nur spekulieren kann. Eine iranische Atombombe wäre eine existentielle Bedrohung für Israel, die arabischen Terrorgruppen sind es nicht.
„Die Vernichtung der Juden“, die hier beschrieen wird, soll dann also Barack Obama nicht einmal überraschen. Man muss das noch einmal ausbuchstabieren: Laut der Gruppe Monaco rechnet der amerikanische Präsident insgeheim mit einem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Israels. Das geht leider nicht als Polemik durch, das ist fortgeschrittener Wahnsinn. Aber schön zu sehen, dass man sich an der Rede vom „durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer“ – das muss ungefähr so etwas wie Hitlers Reinkarnation sein – so berauscht, dass man sie gleich noch einmal bringt. Was es über die Autoren aussagt, wenn sie nach der Abhandlung über einen nahenden Massenmord einen schalen Witz über Wahrsagerinnen vom Astrokanal machen, darf sich jeder selbst denken.

Herzlich willkommen bei verbrochenes.net, dem Magazin für versteckte Nacktheit und soziale Kälte. Wir beschäftigen uns heute mit verschiedenen Phänomenen und over-usen den entscheidenen Vorteil von Blogs: Da kann man reinschreiben, was man will.

Bei Spiegel Online kann man heute was fürs Ego tun und folgende Frage endlich mal klären: „Wissen Sie mehr als amerikanische Schulkinder? Machen Sie den Test.“ Das erinnert an den Einstellungs-Test beim Spiegel, auch dort kann man nur arbeiten, wenn man mehr weiß als ein Schulkind. Tough! Aufhänger des Artikels ist natürlich die absolute Ahnungslosigkeit von amerikanischen Schulkindern inklusive dem wichtigen Hinweis, dass die deutsche Jugend die Nase vorn hat: „In zwei von drei Kompetenzfeldern schlugen deutsche 15-Jährige die amerikanischen Altersgenossen deutlich.“ Im Kompetenzfelde unbesiegt, es gibt Hoffnung.

Irritiert habe ich zur Kenntnis genommen, dass der Test, in dem ich doch die Yankee-Gören übertreffen wollte, mit einer ganz anderen, gar konträren Zeile überschrieben ist: „Wie amerikanisch sind Sie?“ Überhaupt nicht, das ist es ja! Der Test ist dann so lausig aus dem Amerikanischen übersetzt, dass schon in der ersten Frage von „kolonialen Frauen“ die Rede ist, mit denen wahrscheinlich Amerikanerinnen vor dem Unabhängigkeitskrieg gemeint sind, aber das muss man sich dann schon herleiten. Ein innovativer Vorschlag: die Bildungsmisere in den USA mit der kolonialen Vergangenheit begründen und den Briten die Schuld geben. Ich würds tun. Noch bin ich aber kein Amerikaner, jedenfalls nicht auf dem Papier, aber das wird sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (~2%) ab dem 15. Juli ändern, wenn erneut Green Cards verlost werden. Bis zur Staatsbürgerschaft ist es dann nicht mehr weit, erstmal muss ein Job als Tellerwäscher her. Wobei ich befürchte, dass an diese karriereträchtigen Jobs als Tellerwäscher in den USA kaum noch ein Rankommen ist, logisch.

In other news: Die skurrilen Verschwörungsspinner von der Band „Die Bandbreite“ sind mächtig angepisst. Das liegt daran, dass sie ihre Kunst bei den nationalen Sozialisten von der DKP nicht zeigen dürfen. Komplizierte Geschichte, die man hier genauer nachlesen kann. Interessant ist das deshalb, weil man über die Dokumentation im Reflexion-Blog einen Einblick in die Untiefen linker Befindlichkeiten bekommt, in denen Ressentiments gegen die USA und Israel sich noch offener zeigen als im Rest der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es menschlich interessant, wie beleidigt die beiden erfolglosen Musiker jetzt sind und wie verbittert sie sich über die Kritik an ihnen beschweren. Glückwunsch an Reflexion, ich habe sehr gelacht.

Einen eigenen Blog-Eintrag wäre sicherlich die Veranstaltung mit Jonathan Spyer wert, die gestern abend stattgefunden hat und die die bisher beste in einer von SPME und dem Mideast Freedom Forum Berlin Reihe war. In der Reihe war vorher Bassam Tibi da gewesen, der leider vor allem über sich selbst geredet hat. Und dann gab es eine groteske Veranstaltung mit Ralf Fücks und Yaacov Lozowick, in der Fücks immer aggressiver wurde, das Publikum äußerst unangenehm anging und schließlich bekannte, er sei Anhänger der Ein-Staaten-Lösung für den Nahost-Konflikt, auch wenn die „utopisch“ sei. Man kann sich das alles hier im Video angucken, muss man aber nicht, jedenfalls nicht, wenn man mit Yaacov Lozowicks Argumentation bereits vertraut ist. Nun jedenfalls war Jonathan Spyer da, der sehr professionell und gut informiert über Syrien sprach. Spyer stellt fest, dass mit Tunesien und Ägypten bisher zwei Machthaber, aber noch kein Regime im „Arabischen Frühling“ gestürzt wurden, und dass, wenn Assad sich im Amt hält, das strategische Ergebnis bisher eine Stärkung der antiwestlichen Achse um den Iran ist, eine Schwächung des Westens, der Mubarak verloren hat, und eine allgemeine Destabilisierung des Nahen Ostens. Dass Assad sich wird halten können, ist wahrscheinlich. Einen Teil von Spyers Analyse konnte man schon im April im Guardian lesen.

Interessant ist hier der Fokus auf strategische Fragen, Sicherheits- und Interessenpolitik. Während sich die irgendwie israelsolidarische Szene, ob antideutsch apostrophiert oder nicht, hierzulande vor allem auf eine mehr oder weniger taugliche Ideologiekritik verlegt, gerät in den Hintergrund, dass man mit Ideologie allein in den internationalen Beziehungen wenig erklären kann.
(Hier sollte sich eigentlich ein weiterer Text anschließen, den habe ich jetzt aber in den nächsten Blogpost verlegt.)

Nachdem Millionen Menschen in Deutschland nicht an EHEC gestorben sind, atmet das Land tief durch und erwartet die nächste Katastrophe. verbrochenes.net hat verschiedene Vorschläge.

BANGzin

Durch fehlerhaftes Benzin explodieren immer wieder Autos auf der Straße, es gibt bereits in den ersten beiden Tagen mehr als 70 Tote. Durch Zufall erwischt es erst nur ausländische Autos, weshalb das Ereignis zunächst vorsichtig positiv bewertet wird. Als bald darauf reihenweise Stuttgarter Edel-Autos in Flammen aufgehen, dreht sich die Stimmung. Guido Westerwelle will sich offiziell bei der OPEC beschweren, aber da geht keiner ans Telefon. Es gibt einen Run auf Bio-Benzin, während es überall im Land zu weiteren Explosionen kommt; die Quelle und die Abnehmertankstellen des fehlerhaften Sprits sind nicht ausfindig zu machen. Als sich herausstellt, dass das Problem nur bei Geschwindigkeiten unter 120km/h auftritt, glauben viele, das Gröbste überstanden zu haben. Als nach zehn Tagen aber die 1000er-Marke bei Todesfällen überschritten wird, entschließt sich das Verbraucherschutzministerium zu drastischen Maßnahmen: Es empfiehlt allen Deutschen, vorerst nicht mehr Auto zu fahren. Die Bevölkerung reagiert erleichtert ob dieser Hilfestellung, verbrochenes.net und die FDP sprechen hingegen von „Panikmache“. In Friedrichshain brennt ein Geländewagen. Als die befreite Nation schließlich auf glänzenden Fahrrädern unterwegs Richtung Kommunismus ist, wird sie von einer neuen Bedrohung jäh gestoppt.

Polen macht mobil

An einem schönen Sommermorgen erblicken zwei unschuldige deutsche Touristen auf der polnischen Seite der Oder mehrere junge Männer auf Pferden. Nur sieben Kilometer entfernt werfen möglicherweise unter Alkoholeinfluss stehende Polen Böller in den Fluss. Gleichzeitig ist der Radioempfang in Berlin zeitweise gestört. Obwohl ein Zusammenhang zu den Grenzzwischenfällen weder bewiesen noch vorstellbar ist, wird man in Deutschland unruhig. In Görlitz bauen Beschäftigungslose am größten Zaun der Welt. Überall im Land kommt es zu Hamsterkäufen, sogar Gurken gehen gut. Eine große Zeitung fragt besorgt: „Schon wieder?“ KT zu Guttenberg wird von der Landsmannschaft Schlesien wieder zum Verteidigungsminister ernannt und erstürmt mit seinen Getreuen den Bendlerblock. Es gibt keine Gegenwehr. Als ersten Amtsakt verkündet zu Guttenberg die Allgemeine Helmpflicht. Bis tatsächlich alle Deutschen mit den besonders sicheren Kopfbedeckungen ausgestattet werden können, vergehen fünf Wochen. Die polnische Offensive bleibt weiter aus, die CSU reklamiert diesen Erfolg für sich und ihren Minister. Bauernverbände machen Druck auf die Regierung und fordern eine „Versöhnungsoffensive“, da die neue Spargelerntezeit naht. Schließlich geht ein Anruf aus Warschau bei Angela Merkel ein, in dem Polen Deutschland offiziell den Krieg erklärt. Der Anruf stellt sich aber schnell als Scherz heraus. Der BDI ruft die Bürger dazu auf, ihr Leben einfach weiterzuleben und sich keineswegs einzuschränken. Zu Weihnachten soll die Helmpflicht überprüft werden, sie soll aber aus pragmatischen Gründen mindestens bis Silvester beibehalten werden.

Nanopartikel

Als im Sommer zwei Rentnerinnen in Rostock und Garmisch sterben, reagieren die Medien verunsichert. Was war geschehen? Nach drei Wochen Recherche hat „Der Spiegel“ das Geheimnis gelüftet. Neben einem Bild vom Führer finden sich auf dem Titel des Blatts drei kleine Punkte, und die Überschrift fragt: „Erst Hitler. Jetzt Nanopartikel. Warum trifft es immer die Deutschen?“ Fortan sieht sich die ganze 80plus-Generation durch Nanopartikel bedroht. Seitenlang wird in allen Medien erklärt, was Nanopartikel eigentlich sind, nur in der Redaktion von verbrochenes.net kratzt man sich unentwegt ratlos am Kopf, während die letzten Kriegskinder im gesamten Bundesgebiet fallen wie die Fliegen. „Nanograd“ wird zum schmissigen Titel für das Ereignis, das die Rentenkassen alle sieben Sekunden um einen lieben Menschen entlastet. Keinen Tag zu früh wird Sprühsahne als Ursache ausgemacht – ein Produkt, dass es nach dem Tod seiner gesamten Käuferschicht nun nicht mehr geben wird. Die verbliebenen Nanopartikel werden einzeln eingesammelt und zu Raumschiffen verbaut.

Juergen Elsaesser wird einmal sagen koennen, er habe sie alle gehabt. Gemeint ist nicht sein libidinöses, sondern sein journalistisches Engagement: Neues Deutschland, konkret, junge Welt, Freitag, Bahamas und Jungle World “ bei einem Streifzug durch die linke Publizistik der letzten fuenfzehn Jahre wird man immer wieder bei dem unvermeidlichen Pforzheimer landen. Die ideologischen und auch inhaltlichen Stunts, die er dabei vollfuehrt hat, moegen abenteuerlich anmuten, doch in Wahrheit hat sich Elsaesser nie veraendert: In der Zeit seiner Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund hatte er sich das analytische Ruestzeug erworben, dessen dogmatische Methodik sein Weltbild fortan praegen sollte: Hinter der Reaktion “ das war einmal der (vermeintlich wiederkehrende) Faschismus, heute sind es die USA “ steckt das Kapital. Und die letzte Trutzburg im Kampf gegen “ ja, was eigentlich? – stellt nach dem Untergang des realsoziliaistischen Blocks nunmal der souveraene Nationalstaat dar. Dass eine derartige Position, konsequent weitergedacht, letztlich auch eine Anerkennung der machtpolitischen Interessen Deutschlands impliziert, so weit war Elsaesser nach dem Mauerfall nicht, noch nicht.

Er, nicht etwa Marlene Dietrich, erfand lieber den Slogan „Nie wieder Deutschland“ und schrieb so lange im antideutschen Publikationsflaggschiff Bahamas, wie man dort das Wort antikapitalistisch noch nicht abwertend gebrauchte. Weil „eine Linke ohne Antimilitarismus undenkbar“ sei “ die Sowjetunion also keine Kriege gegen Afghanistan oder Finnland gefuehrt, die KPD keine Putschversuche gestartet, die RAF keine Menschen erschossen habe “ verabschiedete sich Elsässer 2002 aus den Redaktionen der bellizistischen konkret und jungle world, fand beim Neuen Deutschland und auch bei der Islamischen Zeitung zwischenzeitlich dankbare Abnehmer fuer seine journalistischen Arbeiten und widmete sich “ bis heute “ dem Betrieb eines eigenen Blogs. Als haette die Welt darauf gewartet, traegt es einen ebenso verheißungsvollen wie phantasielosen Namen: Juergen Elsaesser spricht. Und dieser Sprecher moechte nicht nur eine Menge Daten-, sondern auch einiges an Papiermuell in die Verwertungsmaschinerie einspeisen, deshalb startet der Mitbegründer der Volksinitiative seine publizistische Gegenaufklaerung neuerdings zusätzlich mit einem Printmedium namens Compact.

Als einer, der in einem Interview mit Gerhard Wisnewski offenherzig zugibt, „bei allen Zeitungsprojekten der Linken angeeckt“ “ vulgo: rausgeflogen “ zu sein, laesst man sich eben „den Mund nicht verbieten“. Das ist im Sinne der geltenden Presse- und Publikationsfreiheit auch wuenschenswert, zumal dann, wenn sich der Verfasser durch das Geaeusserte selbst blamiert. Und auf Derartiges braucht man nicht lange zu warten: Weil die Reichweite seiner Kritik der politischen Oekonomie mittlerweile nicht mehr ueber eine zwanghafte Obsession bezueglich geheimdienstlicher Machenschaften hinausgeht und beim militaerisch-industriellen Komplex, also Halliburton und Lockheed Martin, stehenbleibt, kann Compact auch „demokratische Linke und demokratische Rechte im offenen Dialog“ zusammenbringen. Das Resultat von derlei Experimenten sind Titelstories wie „Das besetzte Land“ und „Die Oeko-Diktatur kommt“, stilecht wahlweise mit Renate Künast im Soldatenoutfit oder Angela Merkel mit demütigem Blick auf Barack Obama.

Mindestens genauso beachtenswert ist das mittlerweile zum Grossteil mit Werbung fuer Compact ueberladene Blog. Hier lassen sich interessante Einblicke in die Psyche eines Mannes gewinnen, der seine Orientierung irgendwo zwischen 9/11 und dem Beginn der Operation Iraqi Freedom verloren hat. Ein politischer Kompass, der nur links und rechts kennt, kann solche Figuren nicht mehr sinnvoll verorten: Mahmoud Ahmadinejads Wahlsieg 2009 begiesst Elsaesser „ganz unislamisch“ mit einem „Slivovitz“, hinter der Strauss-Kahn-Affaere stecken neben „finanzkapitalistischen Interessen“, das sind die „Yankee-Banker“, auch „hartgesottene Feministinnen“, die „Hass auf Maenner“ verbreiten. Der Anschlag auf den iranischen Praesidenten fand zwar nur vermeintlich statt, aber wenn er sich ereignet hat, kommen nur „Dschundallah, Volksmudschahedin und der iranische Ableger der kurdischen PKK“ in Frage “ und, wer hätte es gedacht, sie alle werden „von US-Geheimdiensten finanziert“. Weil, wer „keine antiamerikanischen Reflexe hat, hirntot“ ist, geht es, wenn einer wie Elsaesser digital spricht, immer auch um die USA, „Weltsheriff“ der Staatengemeinschaft und Triebfeder der Globalisierung, des ultimativen Feindes eines jeden Nationalstaats.

Und wenn einer gegen die Amis ist, dann ist die halbe Miete schonmal eingefahren: Darum heisst „Libyen verteidigen JETZT Gaddafi unterstuetzen“ (sic!), da ist „Freiheit fuer Ratko Mladic“ das Motto der Stunde und auch als am 4. Mai 2011 selbst islamistische Organisationen den Tod bin Ladins bestaetigt hatten, konnte man auf dem Blog noch von „zwei anderen Hypothesen“ lesen: Entweder, der Chef von Al-Qaeda sei „schon vor Jahren liquidiert“ worden, belegt mit dem laengst widerrufenen Statement eines franzoesischen “ na, was wohl? – Geheimdienstlers. Oder aber: Ussama „lebt immer noch, und zwar mit neuen Papieren in einem CIA-Beach Ressort am Indischen Ozean“, der wahrgewordene „wohlverdiente[r] Ruhestand“ eines „bewaehrten Agenten“. So verrueckt, wie das alles klingt, ist es aber gar nicht. Ob er da beispielsweise schon ahnte, dass sein einstiger Kollege und konkret-Herausgeber Hermann Gremliza im aktuellen Editorial des Blattes bin Ladins Tod zwar als Tatsache anerkennen, gleichwohl aber ebenso behaupten wuerde, bin Ladin sei ‚einst einem Laboratorium der CIA entwichen‘?

Elsaesser ist weder ein pathologischer Fall, noch ist es der erste seiner Art, denn auch andere Journalisten sind seit 9/11 in die Ecke der Verschwoerungstheoretiker gekippt. Aus der Not, dass man bei halbwegs serioesen Zeitschriften und Zeitungen keine Artikel mehr platziert kriegt, sobald man eine gewisse inhaltliche Absurditaetsgrenze ueberschritten hat, haben schon einige vor ihm eine Tugend gemacht, Matthias Broeckers beispielsweise. Der ehemalige Leiter des taz-Kulturressorts schreibt naemlich nicht nur ueber die vielfaeltigen Nutzungsmoeglichkeiten von Marihuana, sondern hat auch mehrere Buecher ueber 9/11-Komplottstories vorgelegt, die sich gut verkauft haben. Broeckers, Wisnewski, Andreas von Buelow, jetzt eben auch Juergen Elsaesser “ Deutschland hat seine eigenen Versionen von Alex Jones hervorgebracht, dem Macher von Loose Change und schaetzungsweise zweihundertdreiundneunzig weiteren Filmen ueber den inside job.

In einer politischen Wirklichkeit, in der das Individuum gerne bereit ist, die Komplexitaet globaler Zusammenhaenge auf das Wirken einiger weniger Entscheidungstraeger zu reduzieren, ist das ein guter Absatzmarkt “ eine schnelle Mark, Elsaessers Lieblingswaehrung, ist da gewiss. Und wenn sich 2011 die Anschlaege zum zehnten Mal jaehren, was ist da naheliegender, als die crackpot-Theorien nochmal aufzuwaermen? So eine Moeglichkeit laesst ein findiger Geschaeftsmann nicht aus und so hat die Compact-Redaktion sich entschlossen, in Leipzig am 10.9. diesen Jahres eine Konferenz abzuhalten, die „einige der bestinformierten Kritiker der offiziellen Version“ zusammenbringen wird. Fuer 45 Euro, Compact-Abonnenten bekommen natuerlich Prozente, ist man dabei, geladen wird in das „Globana Trade Center“, und man kann sich die verlegenen Scherze, die auf der Konferenz darueber gemacht werden duerften, bereits lebhaft vorstellen. Das Podium ist bereits mit einer deutschen creme de la creme selbst ernannter kritischer Journalisten besetzt: der Chef des notorischen antiamerikanischen Portals infokrieg.tv ist genauso dabei wie zwei Compact-Mitarbeiter “ einer davon ist Elsaesser selbst – und ein Hoerbuch-Autor, der wohlgemerkt mit fiktionaler vertonter Literatur sein Geld verdient. Man kann also eine lebhafte und kontroverse Debatte erwarten.

 

 

 

(Alle in Anfuehrungszeichen markierten Textteile, mit Ausnahme des konkret-Zitats, stammen von Juergen Elsaesser selbst, aus Interviews, Blogeintraegen und Artikeln.)