Wirte, Täter und Helfer

In der vorletzten Ausgabe der Jungle World steht ein erstaunlicher Satz, der so anfängt: “Nachdem die Deutschen und ihre Hilfsvölker nicht nur bewiesen hatten, dass man einen wahnhaft-projektiven Antikapitalismus bis zum industriell betriebenen Massenmord steigern kann[...]“. Da wundert man sich doch, dass Völker in einer linken Wochenzeitung und in einem Artikel, der einen Absatz später die “allgemeine Emanzipation” hochhält, affirmativ als handelnde Akteure erwähnt werden. Die Frage ist nun, ob es denn mit “Hilfsvölkern” schon getan ist, oder ob man sich nicht noch weiter im Begriffs-Fundus der völkischen Bewegungen bedienen kann. Wenn schon die nichtdeutschen Helfer der Nazis als “Hilfsvölker” durchgehen, kann sich dann nicht zum Beispiel die Islamkritik den Begriff des “Wirtsvolks” nutzbar machen? Muss ja gar nicht böse gemeint sein. Und was ist mit dem guten alten “Tätervolk”? Für Martin Hohmann waren die Juden keins und die Deutschen erst recht nicht, aber wie sieht es denn mit den Hutu aus?
Ich bin jedenfalls gespannt, ob die Sicht auf die Menschheit als eine Ansammlung von Völkern mit bestimmten Eigenschaften und Funktionen, Ameisen nicht unähnlich, in der Jungle World sich durchsetzen wird.

  1. Der ganze Satz ging “Nachdem die Deutschen und ihre Hilfsvölker nicht nur bewiesen hatten, dass man einen wahnhaft-projektiven Antikapitalismus bis zum industriell betriebenen Massenmord steigern kann, sondern auch, dass man dafür selbst nach der ­totalen militärischen Niederlage keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten hat, kann gar nicht ernst genug genommen werden, welche Attraktivität eine derartige, sowohl mörderische als auch selbstmörderische Krisenlösungsstrategie für antisemitische Massenbewegungen in anderen Weltregionen haben musste.”
    Ist halte es durchaus für möglich, dass der Begriff Hilfsvölker in dem Text nicht “affirmativ” als generelle Kategorie rehabilitiert werden sollte, sondern viel mehr spezifisch und in polemischer Absicht den Tatbestand denunziert, dass sich Nationen (Grigat denkt wahrscheinlich vor allem an Österreich) als eben diese mörderischen und selbstmörderischen Hilfsvölker des NS formierten.
    Was ich viel weniger verstehe, ist warum Linke (oder auch nur frustrierte Antideutsche) immer wieder Ideologiekritik, wenn sie sich denn gegen den Islam richtet, eine der Subjektivität feindliche Tendenz unterstellen (“Ameisen”) obwohl genau diese Tendenz beim Objekt dieser Kritik in geradezu obzöner Weise offenkundig ist.

  2. Ich halte das für Wunschdenken, denn Grigat benutzt den Begriff wie selbstverständlich, um einen historischen Vorgang zu beschreiben. “Der meint das nicht so” ist eine verständliche Reaktion, nur leider völlig unbegründet.
    Warum einer von “Hilfsvölkern” daherreden kann und diejenigen, die das kritisieren, dann schon im dritten Satz ganz persönlich als “frustriert” attackiert werden, das scheint mir die viel interessantere Frage zu sein. Dass die Rede von “Hilfsvölkern” irgendwie weniger subjektfeindlich sei, weil Grigat schließlich den Islam kritisiert, ist ein reichlich unsinniger Einwand, oder?

  3. Ich habe mich wohl nicht klar genug ausgedrückt oder wurde aus anderen Gründen missverstanden. “Ist halte es durchaus für möglich, dass…” war ironisch gemeint (übersetzt: “Ich halte es für ein interessiertes Missverständnis, zu verdunkeln, dass…”) und gerade nicht als Einladung, gemeinsam über die wirkliche Intention des Autors zu rätseln. Um mal im Modus der Attacke (die nicht persönlich gemeint ist, weil wir hier beide anonym schreiben) zu bleiben: Ich finde das Geraune über die vermeintliche reaktionäre hidden agenda der Antideutschen, die du hier mit dem Hinweis auf ein Nazi-/Kolonialistenwort, das dem dem Grigat angeblich heraus gerutscht sei, ziemlich nuller-Jahre-mäßig. Und auch die Frage, die sich für mich daran anschließt, warum man damit im linksdeutschen Milieu durchkommt oder sogar Applaus bekommt, für ziemlich geklärt.

  4. Hm ja, die Verwendung von Ironie musst Du dann nochmal üben, denn ich kann Dir versichern, dass das Missverständnis in diesem Fall nicht auf mein Konto geht. Wenn Du recht hättest, müsste auch Grigat noch einmal an seiner Polemik arbeiten, aber das glaube ich wie gesagt nicht. Der Artikel ist keine Polemik und enthält auch keine Elemente einer solchen, der fragliche Satz erst recht nicht. Im Gegenteil, der Text ist angenehm klar geschrieben.

    Was ich mit der “reaktionären hidden agenda der Antideutschen” mache, würde mich schon interessieren, aber da fehlt leider das Verb, und von alleine komme ich nicht drauf.

    Dass mit den Antideutschen einiges schief läuft, wenn Wertmüller Menschen als Schwuchteln beschimpft, Krug seine Artikel bei amerikanischen Konservativen abschreibt und die Hallenser Avantgarde bei offenem Rassismus angekommen ist, finde ich ziemlich offensichtlich; “reaktionär” wäre da teilweise doch recht schmeichelhaft, und versteckt wird auch nichts.
    Hier ging es aber eigentlich um die Verwendung des Begriffs der “Hilfsvölker”, die ich für inakzeptabel halte. Dass dann direkt jemand um die Ecke kommt, der persönliche Motive unterstellt und Kritik an den Kadern als regressiv oder nuller-Jahre-mäßig verwirft, damit muss man wohl leben.

  5. die sprachregelung benutzt grigat schon ziemlich lange: http://bigmouth.blogsport.de/2006/07/28/58/

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