Die Deutschen, die sind da

Laut einer leider etwas knappen dpa-Meldung wird der DFB für das Verhalten der deutschen Fans in der Ukraine bestraft werden:

Grund sind das “ungebührliche Verhalten von Fans” und das Zünden von Feuerwerkskörpern in der letzten Vorrundenpartie der DFB-Elf gegen Dänemark in Lviv, hieß es in einer Erklärung. Deutsche Fans hätten “unangemessene Fahnen und Symbole” gezeigt und “unangemessene Lieder” angestimmt.

Bei den “unangemessenen Fahnen und Symbolen” dürfte es sich um diese Fahne handeln, die den Wahlspruch der deutschen Kaiser, “Gott mit uns”, zeigt. Gott im Gepäck hatten nach eigener Ansicht auch die deutschen Wehrmachtsoldaten, die den Spruch auf ihren Gürtelschnallen trugen.

Im Zweiten Weltkrieg war der Spielort Lviv, deutsch Lemberg, 1941 an die Deutschen gefallen, die dort anschließend, Gott mit ihnen, eine halbe Million Menschen umbrachten:

Insgesamt wurden in Lemberg und der Lemberger Umgebung während der Zeit des Nationalsozialismus ca. 540.000 Menschen in Konzentrations- und Gefangenenlagern umgebracht, davon 400.000 Juden, darunter fast alle jüdischen Stadtbewohner (ca. 130.000). Die restlichen 140.000 waren russische Gefangene.

Welche Lieder der deutschen Fans als “unangemessen” erkannt wurden, lässt sich bisher leider nicht herausfinden. Vielleicht alle?

  1. Beim Spiel gegen Portugal haben laut welt.de deutsche Fans “Stahlhelm, Stahlhelm” gesungen.

    http://www.welt.de/sport/fussball/em-2012/article106589080/Diese-EM-wird-zu-einer-Messe-der-Hooligans.html

  2. Ich bin für die kleine Fahne über dem großen Tor mit den Buchstaben “BFC” samt eingeklinktem “D” für “BFC Dynamo”. Der 10fache DDR-Meister aus Ostberlin uns der Klub des Stasi-Chefs Erich Mielke; der liebe Gott der DDR, der ja alle Menschen liebte.

    Hübsch, wie dicht die beiden Fähnchen so beieinander sind … BFC Dynamo, der Ex-Verein von Lutz Eigendorf (später Kaiserslautern und tot), von Dirk Schlegel (späterBayer Leverkusen, VfB Stuttgart), von Falke Götz (später Bayer Leverkusen, 1. FC Köln), von Frank Rohde (später HSV), von Thomas Doll (Lazio Rom und HSV), von Andreas Thom (ab Januar 1990 Bayer Leverkusen; die ersten Millionen für den Ostverein und der erste Osttransfer nach dem Mauerfall).

  3. Hier liegt das Buch Bloodlands von Timothy Snyder herum. Davon ausgehend wäre jede Anwesesenheit eines deutschen Fans “unangemessen”, es sei denn, er hätte vorher eine persönliche Einladung eines Ukrainers erhalten. Und der Morgenthau-Plan wäre 1945 die angemessene Reaktion auf den 2. Weltkrieg im Osten gewesen. Aber so kam es nicht, und jetzt ist zwei Generationen später.

    Es wäre sehr zu wünschen, wenn sich deutsche Fans zurückhaltend gezeigt hätten. Aber das war nicht zu erwarten. Und was soll dann auch der Besuch bei einem Auswärtsspiel? Was will man hören von den Fans? “Möge der bessere gewinnen!” “Hurra für den Sieger!” “Was für ein toller Schuß, schade, daß er daneben ging!” Bestimmt.

    Sofern deutsche Fans “Stahlhelm” oder schlimmeres gesungen haben ist das peinlich und unangenehm. Auch eine Reichskriegsflagge gehört in die gleiche Kategorie. Aber es ist von der UEFA sanktioniert worden und nicht einfach verschwiegen worden. Ansonsten muß man sich entscheiden, ob man eine gewisse Normalität und Entspannung haben will oder permanentes Voraugenhalten der Vergangenheit. Zur “Normalität” gehört dann leider auch eine gewisse Ignoranz, weil die Vergangenheit so schrecklich ist, daß Normalität eigentlich gar nicht möglich ist. Ein paar Lieder werden deutsche Fans also singen dürfen, oder sie müssen zu Hause bleiben. Und die Mannschaft auch. Aber ich habe den Eindruck, daß das seit mindestens 20 Jahren gar nicht mehr gewünscht ist.

    Dieter

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