Abandon all hope

“Wachsam nach hinten, vorne die Chancen nutzen” – Fussball ist eine einfache Geschichte, wenn man haushoher Favorit ist, das weiss auch der Kapitaen der deutschen Fussball-Nationalmannschaft. Fussballinteressierte erkennen die tatsaechliche Botschaft von derartigen Aussagen sowieso, es ist das uebliche Gerede des Favoriten: Man fragt sich fast, ob Lahm, dem man neben ausserordentlichen fussballerischen Faehigkeiten auch ein gewisses Talent in Public Relations zugestehen muss, bei der Aussprache dieser einstudierten Saetze ein bisschen schmunzeln musste. Genau genommen ist es naemlich nicht einmal realistisch, dass die Deutschen in der Defensive allzu viele Anlaesse bekommen werden, ihre Wachsamkeit unter Beweis zu stellen: Alles andere als ein deutlicher Sieg von Jogis Spiessbuergertruppe ist kaum zu erwarten.

 

Womit wir beim Problem waeren: Die deutsche Nationalmannschaft ist gut, sie ist sogar – fuer eine Fussball-Nationalmannschaft – sehr gut. Besser als so ziemlich jede Mannschaft, die bei der diesjaehrigen Europameisterschaft sonst noch antritt. Fuer jemanden, der ueber Siege der Nati eher nicht so erfreut ist, ein sehr unschoener Umstand. Neun Punkte aus drei Spielen in einer Gruppe, die im Vorfeld einhellig als die schwerste ausgemacht wurde, unverdient davon war keiner. Und was sich sonst noch so im Turnier befindet, laesst das Schlimmste vermuten: Spanien wirkt nicht so dominant wie 2010, Frankreich konnte nicht ueberzeugen und England, machen wir es kurz, wird auch dieses Jahr garantiert keine Rolle spielen, es sei an die vergangene Weltmeisterschaft erinnert.

 

Es kommt aber noch schlimmer, denn die von besagtem Philipp aufs Feld gefuehrte Mannschaft gibt nicht nur geringen Anlass zur Hoffnung, sie wuerde sich allzu bald aus dem Turnier verabschieden, sondern bietet obendrauf auch wenig Angriffsflaeche fuer die Paradedisziplin der bundesdeutschen Postlinken, die moralisierende Polemik. Man muss schon einen ins Pathologische tendierenden Hass auf alles Deutsche hegen oder ueber eine sehr gestoerte Wahrnehmung verfuegen, um die Spieler der Nationalmannschaft ernsthaft unsympathischer zu finden als diejenigen, die in den Dressen anderer Nationen auflaufen. Waehrend Lahm schon darauf hinwies, dass Homophobie im Fussball ein vernachlaessigtes Thema ist, bevor sich manch politisch aktive Fan- oder Ultrasgruppe der Thematik annahm, aeusserte sich Antonio Cassano zu demselben Thema in eine anderslautende Richtung. Zum Vergleich: Die groesste Entgleisung der Deutschen nimmt sich dagegen ziemlich mau aus: Fuer einen Skandal taugte Flicks duemmliche Stahlhelm-Aussage wirklich nicht, hier einen Querverweis auf das optische Erscheinungsbild der Reichswehr oder ihrer Nachfolgeorganisation erkennen zu wollen, wirkt gelinde gesagt arg konstruiert. Dass Fussballtrainer und Manager eben hauptberuflich Fussballmannschaften koordinieren und weder gelernte Politiker und auch nicht immer Akademiker sind, darf nicht vergessen werden, und Jogi Löw macht allemal eine bessere Figur als Oleg Blochyn.

 

Nicht einmal die deutschen Problemfans sorgen bei dieser EM fuer nennenswertes Aufsehen: Mit Strassenschlachten und rassistisch konnotierten Rufen machten Fans anderer Nationen auf sich aufmerksam. Eine critical mass von den allerfiesesten deutschen Holzkoepfen scheint die Oder-Neiße-Grenze auf jeden Fall nicht passiert zu haben, oder, etwas pessimistischer formuliert, sie macht nicht auf sich aufmerksam. Auch das war schon einmal anders.

 

Und trotzdem: Diese Mannschaft darf nicht Europameister werden. Denn, auch wenn diese Einschaetzung mittlerweile zu einer Trivialitaet verkommen ist, beim Fussball geht es um mehr als das mit dem Auge zu erfassende Geschehen. Es ist, wie alle Zeitvertreibe, die emotionale Involvierung mit dem voelligen Fehlen von Moeglichkeiten zur direkten Einflussnahme verbinden, eine genauso echte wie eigentlich dumme Herzensangelegenheit. Weil das sportliche Ereignis – ein Wettkampf zwischen 22 Menschen – ohne seine irgendwie geartete Interpretation durch andere nichts ist, ein blosses Spiel. Klar, es geht um viel Geld, aber es geht auch um die Geschichten, die man mit dem Fussball erzaehlen kann. Die diejenigen, die irgendwie doch ganz zufrieden mit dem modus vivendi hierzulande sind, mit dem Fussball erzaehlen. Und dafuer wuerde ein EM-Titel einen mehr als passablen Handlungsrahmen abgeben.

 

Da waere die Erzaehlung von der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in diesem Land. Waehrend im Feuilleton im Gefolge der Sarrazin-Debatte ueber die marktwirtschaftliche Verwertbarkeit von tuerkischen Gemueseverkaeufern gestritten wird, beweihraeuchert man sich ein paar Seiten vor- oder nachher ob der Tatsache, dass auf den Trikots der A-Mannschaft 20 Jahre nach der Wende auch Namen wie Özil, Khedira und Boateng stehen. Und in diese Erzaehlung vom weltoffenen Nabel Europas im 21. Jahrhundert wuerde ein EM-Titel aehnlich gut passen, wie das Wunder von Bern im gleichnamigen Kinofilm als Wegmarke fuer das Ende einer sehr kurzen Nachkriegszeit ausgemacht wird.

 

Um dieses Bild der deutschen Gesellschaft zu verifizieren, benoetigt man notwendigerweise auch immer der Blick auf die anderen, im deutschen Fall ist es – wie koennte es anders sein – einer von oben. Das gilt in der Politik wie im Sport: Die blasierte Arroganz, mit der Mehmet Scholl und Olli Kahn als Experten im Gefolge der Kommentatoren die Spiele von Löws Mannschaft fuer das oeffentlich-rechtliche Fernsehen kommentieren, passt sich nahtlos den nahezu einhelligen Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen in den TV-Nachrichten an: Waehrend die eiserne Kanzlerin hart in der Euro-Frage bleibt, erspielt sich Jogis Elf den Titel. Die humoristischen Anspielungen auf diese Gleichzeitigkeit von kulturellem und politischem Grossevent besorgt dann spaetestens Waldis EM-Club, wen schert es da schon, dass diePleitegriechen, die da morgen auf dem Feld stehen, dem hiesigen Fiskus im Zuge ihrer beruflichen Anstellung bei deutschen Vereinen vermutlich mehr Steuergelder abgedrueckt haben als manche kleine Gemeinde.

 

Es gibt auch, wenn man so will, die Erzaehlung von einer veraenderten politisch-aesthetischen Erfahrung. Sie beginnt wohl schon 2006, als der offensichtlich vorhandene Markt bzw seine Teilnehmer mit jeder Art von industriell gefertigtem Schrott – schwarz-rot-goldene Gummibaerchen und Autofaehnchen – bedient wurde. Seitdem muss, wer durch eine ganz normale deutsche Wohnsiedlung zur Turnierzeit geht, meist ziemlich lieblos in die staedtische Architektur integrierte Devotionalien ertragen, und derlei Ornamentik, muss man umformulieren, ist Verbrechen. Und der phonetischen Belastung durch Hupkonzerte im Anschluss an die aeusserst zahlreichen Siege der Nationalelf entkommt man ohnehin nicht, denn in Deutschland, dem Land, dessen Gott des Sports Michael Schumacher heisst, hat jeder ein Auto.

 

Man muss gar kein uebellauniger Linksautonomer sein, um das nervig zu finden, und im Uebrigen kann man diesen Halunken neuerdings eh den Neukoellner Passdeutschen und Kioskbesitzer entgegenhalten, der seine gepachtete Parzelle grosszuegig in den Farben des Vormaerz schmueckt. Der vom Boulevard zum Steinewerfer aufgewerteten Fahnendiebe These, dass ein Autofaehnchen Nationalismus produziere, wuerde Marx, auf den man sich in diesen Kreisen ueblicherweise irgendwie, irgendwann immer beziehen zu koennen hofft, wohl sowieso nicht mitgehen wollen. Weil aber das Abreissen von Fahnen genauso wenig eine schwere Straftat wie ein politischer Akt ist, ist das Problem auch mit zwei sauberen Kiezen pro Grossstadt nicht wirklich geklaert. Und so versackt von der eigentlich notwendigen linken Kritik vieles in einem blossen Habitus des Dagegenseins, einem rein symbolhaften Protest, der sich eher an Sid Vicious als an Karl Marx orientiert: Die Inszenierung der eigenen Haltung ist wichtiger als die mit dieser Haltung verbundene Ueberzeugung. Im Jahr 2012 kann man also die Nazi-Anspielungen ruhig wieder der englischen Yellow Press ueberlassen, die das eh besser kann als Egotronic.

 

Und wir warten. Auf Mario Balotelli.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das Spiel Deutschland-Griechenland wurde wegen der übergroßen politischen Erwartungen heimlich vorverlegt und ist bereits gelaufen: http://mosereien.wordpress.com/2012/06/22/fussball-deutschland-griechenland/

  2. Mein lieber Herr Moser, ich fände es sehr schön, wenn Sie zuweilen nicht nur kommentieren würden, um einen Link zu Ihrer Seite zu bewerben.

  3. Mats und Holger haben Angst.

  4. Das Warten hat sich gelohnt.

  5. Der Text wirkt so schön entspannt, weil der Autor offensichtlich wusste, auf wen er sich verlassen kann. ‘N bisschen Angst hatt’ ich schon.

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