Juli 2012

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Vorgestern trafen sich die deutschen Innenminister, um über das vermeintlich vorhandene Gewaltproblem im Fußball zu reden. Anschließend luden „Pro Fans“ und „Unsere Kurve“ zur Pressekonferenz in einem Hotel nebenan, in der Hoffnung, auch ihre Standpunkte in den Medien unterbringen zu können.

Die Konferenz selbst hatte die für Innenminister üblichen Ergebnisse: härtere Strafen, mehr Überwachung und die Androhung von noch härteren Strafen und noch mehr Überwachung. Interessant war dann die spärlich besuchte Folgeveranstaltung der Fanorganisationen, und spannend ist auch der Blick auf den gesamten Vorgang, der einiges über politische Prozesse zu Tage fördert.

So ließ der Präsident des FC Köln, der irreführend Spinner heißt, obwohl er keiner ist, keinen Zweifel daran, dass ihn vor allem die 200.000 Euro Strafe stören, die der FC für eine Menge schwarzen Rauch in der Kölner Fankurve zahlen musste. Angenehmerweise macht sich außer den Kaspern von TV und Zeitung keiner mehr die Mühe, auf die Gefahr durch Pyrotechnik zu verweisen, auf Frauen und Kinder und das ganze Elend. Da allein die Zahl der bei Polizeieinsätzen verletzten Menschen die der Pyro-Opfer um ein Vielfaches übersteigen dürfte, wäre das ohnehin ein peinliches Unterfangen. Nun beklagt der Spinner aber nicht die Pyrotechnik, sondern die Strafe dafür. Das führt allerdings nicht dazu, dass er sich in dem Verband, dessen Mitglied er und sein Verein sind, für die Abschaffung der Strafe einsetzen würde. Stattdessen fordert er von den Fans, damit aufzuhören.

Denn die Frage, wie mit Pyrotechnik umzugehen ist, ist längst entschieden worden: Sie soll aus den Stadien verbannt werden. Bemerkenswert ist, dass diese Entscheidung allein von autoritären Politikern und Funktionären getroffen wurde. Und ganz besonders bemerkenswert ist die Begründung und Rechtfertigung – ganz ohne geht es nicht. Die Begründung für das Verbot ist das Verbot selbst: Das ist halt so!

Dabei ist das natürlich nicht so, weil es halt so ist, sondern weil Leute entschieden haben, dass es so sein soll. Pyrotechnik ist in Deutschland bekanntlich nicht verboten, sondern zu diversen Anlässen üblich. Wie man sie sicher in Stadien einsetzen kann, war schon Gegenstand vieler Diskussionen, an denen auch der DFB beteiligt war. Dass es geht, ist relativ unstrittig. Eine vernünftige Regelung zu finden, hat der Verband allerdings letztes Jahr nach den genannten Gesprächen mit Fans plötzlich abgelehnt und gleichzeitig beschlossen, die Gesprächspartner von eben zu den Feinden von gleich zu erklären. Seitdem hat sich die Geschichte so fortgesetzt, dass inzwischen 17 Minister sich darüber unterhalten, wie man Menschen daran hindern kann, Feuerwerke anzuzünden, und die Massenmedien in Düsseldorfer Kleinfamilien den schlimmsten Feind der öffentlichen Ordnung entdeckt haben.

Natürlich war kein Innenminister zur Fan-PK gekommen, dafür wurde die Bräsigkeit ihrer Denke vom Vertreter von Darmstadt 98 vorgeführt. Der heißt Tom Eilers, war früher Torwart und ist Sport-Manager bei den Darmstädtern. Dass er die Fan-Vertreter ungefragt duzte, war schon kein Versehen, sondern Haltung. Eilers meint, dass in einer vernünftigen Regelung erlaubte Pyrotechnik tendenziell sowieso nicht mehr benutzt werden würde, weil dann der Reiz des Verbotenen fehlen würde, und dass z.B. auch Blockfahnen deutlich weniger zum Einsatz kommen würden, bräuchte man sie nicht mehr zum verdeckten Zünden von Pyrotechnik. Aber natürlich käme es ihm nie in den Sinn, sich dementsprechend für eine Legalisierung und die seiner Theorie nach daraus folgende friedliche Abschaffung einzusetzen. Stattdessen macht er sich, wie ausnahmslos alle zur Konferenz angereisten Vereinsvertreter, zum Komplizen von autoritärer Law-&-Order-Politik, die den Raum für Diskussionen genau da einrichtet, wo alle Entscheidungen schon gefallen sind: Pyro müsst ihr euch abschminken, das ist nun so, und ihr werdet ja sehen, was die Innenminister machen – machen müssen! – wenn noch mal irgendwo eine Fackel hochgehalten wird.

Demgegenüber sitzen nun die Fanvertreter, die vor Jahren Politik und Demokratie als ihre Spielwiese entdeckt haben (auch yours truly ist als Besucher zahlreicher Fankongresse vermerkt), und die mit dem unter der Annahme eines demokratischen Gemeinwesens selbstverständlichen Wunsch an die Sache herangegangen sind, sich zusammenzusetzen und eine vernünftige Regelung zu finden, und die nun recht barsch die Grenzen der Mitbestimmung aufgezeigt bekommen.
Die intransparente Entscheidungsfindung führte hier schon recht unmittelbar zu Verschwörungstheorien, nach denen die Abschaffung der Stehplätze eigentlich schon beschlossen sein soll. Wolfgang Niersbach, der Verschwörungstheorien selbst nicht ganz abgeneigt ist – »80 Prozent der amerikanischen Presse sind in jüdischer Hand« -, nährt solche Überlegungen mit seiner etwas linkisch präsentierten Attitüde, nach der auch der DFB völlig machtlos sei und sich nur bemühe, „die Politik“ nicht zu auch für ihn persönlich schlimmen Maßnahmen hinzureißen.

Nichts Neues, kennt man alles schon, na klar, Demokratie ist kein Ponyhof. (FC-Spinner sagte tatsächlich, irgendwas sei „kein Ponyhof“. Recht hat er.) Was die Kameraden aber allesamt vollkommen vergessen haben, ist, dass sie in diesem Falle diejenigen sind, die was wollen, nämlich den Status quo verändern, in dem wie seit Jahrzehnten Pyro zum Fußball gehört. Da sie den Dialog abgebrochen haben und immer wieder erklären, dass sie für einen Kompromiss nicht zu haben sind, müssen sie sich nun etwas Neues einfallen lassen. Dass ihre Lösung am Ende – im Gegensatz zu Pyrotechnik – ganz entschieden illegal sein könnte, sagen sie heute noch nicht. Denn wer will schon auf einer Pressekonferenz verkünden, dass er in Bälde Prügeltrupps mit Pfefferspray und Schlagstöcken in voll besetzte Fanblöcke mit Frauen und Kindern zu schicken gedenkt? Diese Drohung schwingt nur mit, wenn die Fans gefragt werden, was sie denn glauben, wie es denn weiterginge, wenn es denn so weiterginge.

Wäre es früher besser gewesen, ließen sich diese Prozesse wohl passend unter den Begriff der „Postdemokratie“ fassen. Und ginge es um mehr als um das Recht, eine Fackel in einem Fußball-Stadion hochzuhalten, könnte man sich auch ausführlicher darüber ärgern.

Fauser

Heute ist Jörg Fausers Geburts- und morgen sein Todestag. In dieser Aufnahme von 1984 erfährt man zwar wenig über ihn, dafür aber einiges über den Literaturbetrieb und Arroganz.

Teil 2 (mit Reich-Ranicki-Auftritt).